miniatur|Marie Luise Kaschnitz bekommt den Ehrenbürgerbrief der Gemeinde Bollschweil, 1967
Marie Luise Kaschnitz, eigentlich Marie Luise Freifrau Kaschnitz von Weinberg; geborene Freiin von Holzing-Berstett (* 31. Januar 1901 in Karlsruhe; † 10. Oktober 1974 in Rom) war eine deutsche Schriftstellerin und Dichterin.
Leben und Werk mini|hochkant|Grab von Marie Luise Kaschnitz und ihrem Ehemann Guido Kaschnitz von Weinberg in Bollschweil miniatur|Gedenktafel für Marie Luise Kaschnitz auf dem Friedhof von Bollschweil miniatur|Tafel mit einem Zitat aus „Beschreibung eines Dorfes“ von Marie Luise Kaschnitz am ehemaligen Haus Zum Schwanen in Bollschweil
Als Tochter des preußischen Generalmajors Max von Holzing-Berstett und dessen Ehefrau Elsa, geborene Freiin von Seldeneck (14. Dezember 1875 in Karlsruhe – 11. Dezember 1941 in Bollschweil), wuchs Marie Luise in Potsdam und Berlin auf, wo ihre Eltern, beide alten badischen Adelshäusern entstammend, am preußischen Hof verkehrten. Nach dem Abitur wurde sie in Weimar zur Buchhändlerin ausgebildet (1922–1924) und arbeitete anschließend in einem Münchner Verlag und einem Antiquariat in Rom.
1925 heiratete sie den Klassischen Archäologen Guido Kaschnitz von Weinberg, mit dem sie seinem Karriereweg folgend nacheinander in Rom (1952–1956), Königsberg (Preußen), Marburg und Frankfurt am Main lebte. Mit der Dichterin Ingeborg Bachmann, die Kaschnitz in Rom 1953–1954 kennengelernt hatte, verband sie eine lebenslange Freundschaft.Monika Albrecht, Dirk Göttsche (Hrsg.): Bachmann-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Metzler, Stuttgart/Weimar 2002, ISBN 3-476-01810-5, S. 8. Zahlreiche meist aufgrund der wissenschaftlichen Interessen des Ehemannes unternommene Reisen führten das Paar nach Frankreich, Italien und Griechenland. Von 1941 bis zu ihrem Tod lebte Kaschnitz überwiegend in Frankfurt, wo ihr Mann den Lehrstuhl für Klassische Archäologie an der Universität übernommen hatte. Nach dem Tod ihres Mannes 1958 zog sie sich zeitweise auf das Familiengut in Bollschweil bei Freiburg zurück.
Ihrem ersten Roman Liebe beginnt (1933), den Marie Luise Kaschnitz anlässlich eines Preisausschreibens des Verlags Cassirer schrieb, folgten Erzählungen, Essays und Gedichte, darunter Totentanz und Gedichte zur Zeit (1947), die ganz unter dem Eindruck der Kriegserfahrung standen. 1947 und 1948 war sie Mitherausgeberin der Monatsschrift Die Wandlung. In den folgenden Werken Zukunftsmusik (1950) und dem Zyklus Ewige Stadt (1952) zeigte sich eine zunehmende Tendenz zum Dialog des lyrischen Ichs mit der Gegenwart. Seit den 1950er-Jahren wandte sich Marie Luise Kaschnitz verstärkt dem Hörspiel zu. Nach Überwindung einer zwei Jahre andauernden Lebens- und Schaffenskrise, ausgelöst durch die Tumorerkrankung und den Tod ihres Ehemannes 1958, gelang ihr mit Unterstützung von Freunden und Weggefährten der schwierige Weg ins Leben zurück, den sie in Wohin denn ich (1963) nachzeichnet. In dem Gedichtband Dein Schweigen – meine Stimme (1962) setzte sie sich mit Themen wie Tod, Entfremdung und Abschied sowie Gefühlen von Angst und Einsamkeit auseinander und verarbeitete den Schock des Verlustes, indem sie ihrer Trauer in einer Weise Ausdruck verlieh, wie dies „intellektuell erarbeitet und seelisch vertieft, in der deutschsprachigen Dichtung nicht mehr wiederholt worden“ ist.Dagmar von Gersdorff: Marie Luise Kaschnitz. Eine Biographie (s. unten Literatur) S. 246; zum Rückblick auf die Beziehung in Orte (1973) vgl. ebd. S. 248f. In ihrem Spätwerk nahmen essayistische Aufzeichnungen und autobiographische Schriften eine zentrale Stellung ein. Nach den römischen Aufzeichnungen Engelsbrücke (1955) erschienen unter anderem Das Haus der Kindheit (1956) und Steht noch dahin. Neue Prosa (1970), in dem das Ich die Wirklichkeit und die eigene Identität zunehmend in Frage stellt. Besondere Förderung hatte sie zeit ihres Lebens durch den ursprünglich für Cassirer tätigen, vor Kriegsausbruch aber nach Norwegen emigrierten Verlagslektor Max Tau erfahren, der sie noch 1965 in einem Interview an erster Stelle der von ihm entdeckten literarischen Talente nannte.Tondokumente des deutschen Buchhandels. Originalaufnahmen mit Verlegern, Buchhändlern und Autoren. Frankfurt am Main: Eichborn Verlag, 1988.
Marie Luise Kaschnitz starb in Rom an einer Lungenentzündung, die sie sich beim Schwimmen im Meer zugezogen hatte, und wurde in Bollschweil beigesetzt, dem Ort des elterlichen Familiensitzes, dem sie mit Beschreibung eines Dorfes (1966) ein literarisches Denkmal gesetzt hatte. Sie ruht dort zusammen mit ihrem bereits am 1. September 1958 verstorbenen Ehemann Guido Kaschnitz von Weinberg im Familiengrab unter einem Relief mit den Reitern vom Fries des Parthenon, dem einstigen Hochzeitsgeschenk des Direktors der Bibliotheca Hertziana Ernst Steinmann für das Brautpaar.Vgl. Dagmar von Gersdorff: Marie Luise Kaschnitz. Eine Biographie (s. unten Literatur) S. 53 (dort, wohl aufgrund von Verwechslung mit dem Altphilologen Kurt Steinmann irrtümlich Kurt Steinmann, richtig im Personenregister S. 362); S. 246; S. 328–331. An ihrem langjährigen Wohnhaus Wiesenau 8 im Frankfurter Westend erinnert eine Gedenktafel an sie. Ihr Nachlass befindet sich im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar.
Die gemeinsame Tochter Iris Schnebel-Kaschnitz (1928–2014), die als Übersetzerin aus dem Italienischen tätig war und zusammen mit Christian Büttrich die Tagebücher ihrer Mutter sowie mit anderen Anthologien aus deren Werk herausgab,Marie-Luise Kaschnitz: Tagebücher 1936–1966 (s. unten Werke); Mit Marie Luise Kaschnitz durch Rom, herausgegeben von Iris Schnebel-Kaschnitz, Michael Marschall von Bieberstein, Mario Clementi. Insel, Frankfurt am Main / Leipzig 2000; Marie-Luise Kaschnitz: Weihnachten. Gedichte und Geschichten von der Heiligen Nacht und vom Winter. Insel, Frankfurt am Main / Leipzig 2007. war seit 1970 mit dem Komponisten Dieter Schnebel verheiratet.
Auszeichnungen 1955 wurde sie mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Weitere Preise und Ehrungen folgten: 1955: Georg-Büchner-Preis 1957: Immermann-Preis 1961: Villa-Massimo-Stipendium 1964: Georg-Mackensen-Literaturpreis 1966: Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main 1967: Pour le mérite für Wissenschaft und Künste 1968: Ehrendoktorwürde der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main 1970: Johann-Peter-Hebel-Preis des Landes Baden-Württemberg 1971: Goethe-Plakette des Landes Hessen 1973: Roswitha-Gedenkmedaille
1960 war Kaschnitz Gastdozentin für Poetik an der Universität Frankfurt. Sie war unter anderem Mitglied des P.E.N.-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.
Der Marie Luise Kaschnitz-Preis wird seit 1984 verliehen.
Das Marie-Luise-Kaschnitz-Gymnasium Völklingen, die Marie-Luise-Kaschnitz-Schule für Schülerinnen und Schüler in längerer Krankenhausbehandlung in Karlsruhe und die Marie-Luise-Kaschnitz-Grundschule in Bollschweil tragen den Namen der Dichterin. Die ehemalige Marie-Luise-Kaschnitz-Berufsfachschule in Wiesloch fusionierte 1991 mit den Standorten Hockenheim und Wiesloch zur Louise-Otto-Peters-Schule.
Im Freiburger Stadtteil Herdern wurde 1980 der Kaschnitzweg nach ihr benannt und die Stadt Hannover hat 1998 den Luise-Kaschnitz-Weg in Misburg-Anderten angelegt.
Eine unter dem Titel Gott und die Welt. Aufzeichnungen aus der Wiesenau erscheinende Neuausgabe ihrer Frankfurt-Texte aus Tage, Tage, Jahre, angereichert mit Funden aus anderen Werken und herausgegeben von Rainer Weiss, wird 2026 im Zentrum des Lesefests Frankfurt liest ein Buch stehen.
Buchausgaben und Werke (Auswahl) Liebe beginnt (Roman, Berlin 1933) Elissa (Roman, Berlin 1936) Griechische Mythen (Essay, Hamburg 1943. Inhalt: Die Syville, Chiron, Die Nacht der Argo, Demeter, Hephaistos, Perseus, Bellerophontos, Die böotischen Dioskuren, Niobe, Die Reise nach Kreta, Marpessa, Philemon und Baukis, Die Begegnung, Dido, Eos.) Menschen und Dinge 1945. Zwölf Essays. (Heidelberg 1946. Inhalt: Vom ich, Von der Natur, Von den Dingen, Vom Wiedererwecken, Von der Gotteserfahrung, Von der Krankheit, Vom Wandern in der Tiefe, Von der Stille, Von unsern Kindern, Vom Hunger, Von der Schuld, Von der Verwandlung.) Gedichte (Hamburg 1947) Totentanz und Gedichte zur Zeit (Hamburg 1948. Darin: Rückkehr nach Frankfurt) Adam und Eva (1949) Gustave Courbet. Roman eines Malerlebens (1949. Neuauflage als Die Wahrheit, nicht der der Traum. Das Leben des Malers Courbet, 1967; sowie Neuauflage im Insel Verlag, Frankfurt am Main, 1978) Zukunftsmusik (Gedichte, Hamburg 1950) Das dicke Kind und andere Erzählungen (Krefeld 1951, Neuauflage 1962. Inhalt: Das dicke Kind, Adam und Eva, Genug, vorbei, Ich liebe Herrn X, Du, mein Held, Pax, Märzwind, Die Schlafwandlerin, Nesemann, Der Bergrutsch.) Ewige Stadt. Rom-Gedichte (Krefeld 1952) Engelsbrücke. Römische Betrachtungen (Hamburg 1955, Neuauflage 1976) Das Haus der Kindheit (Autobiographie, Hamburg 1956, Neuauflage 1962) Neue Gedichte (1957) Hiroshima (1957) Die Umgebung von Rom (Kunstband 1960) Lange Schatten (Erzählungen, Hamburg 1960. Darin u. a.: Popp und Mingel und Das rote Netz. Neuauflage 1981) Hörspiele (Hamburg, 1962) Dein Schweigen – meine Stimme. Gedichte 1958–1961 (Hamburg 1962, Neuauflage 1981) Einer von zweien (1962) Liebeslyrik heute (Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, Klasse der Literatur, Jahrgang 1962, Nr. 3) Franz Steiner (in Kommission), Wiesbaden 1962, S. 48–64. Wohin denn ich. Aufzeichnungen (Hamburg 1963, Neuauflage 1967). Der Deserteur (Erzählungen und Gedichte, 1964) Ein Wort weiter (Gedichte, 1965) Überallnie. Ausgewählte Gedichte 1928–1965 (Hamburg 1965) Biographie des Verfassers [Guido Kaschnitz von Weinberg]. In: Guido Kaschnitz von Weinberg: Ausgewählte Schriften. Bd. 1 Kleine Schriften zur Struktur. Herausgegeben von Helga von Heintze, Gerhard Kleiner. Gebr. Mann, Berlin 1965, S. 228–239. Beschreibung eines Dorfes (Frankfurt am Main 1966; Neuauflage 1982) Ferngespräche (Erzählungen, Frankfurt am Main 1966, Neuauflage 1981. 24 Kurzgeschichten, vgl. Hauptartikel) Ein Gedicht (1967) Tage, Tage, Jahre. Aufzeichnungen (Frankfurt am Main 1968) Vogel Rock. Unheimliche Geschichten (Inhalt: Gespenster, Der schwarze See, Vogel Rock, Schiffsgeschichte, Der Spinner, Jennifers Träume) Steht noch dahin. Neue Prosa (Erzählungen, Frankfurt am Main 1970; Neuauflage 1984) Nicht von hier und von heute (1971) Zwischen immer und nie. Gestalten und Themen der Dichtung (Aufsatz 1971; Neuauflage 1977) Eisbären (Erzählungen 1972) Kein Zauberspruch. Gedichte (Frankfurt am Main 1972) Das alte Thema (Gedichte, 1973) Orte. Aufzeichnungen (Frankfurt am Main 1973) Ich lebte (Gedichte, 1974) Gesang vom Menschenleben (Gedichte, 1974) Der alte Garten. Ein Märchen (Düsseldorf 1975, postum erschienen, Neuauflage 1981) Ein ruhiges Haus (postum erschienen) Florens. Eichendorffs Jugend (Düsseldorf 1984; postum – 1996: Insel-Bücherei 1157) Gott und die Welt. Aufzeichnungen aus der Wiesenau (Neu-Isenburg 2026, ausgewählte Texte aus Tage, Tage, Jahre und Orte)
Als Herausgeberin Franz Grillparzer: Medea (1966) Joseph von Eichendorff: Gedichte (1969)
Hörspiele (Auswahl) 1946: Totentanz – Regie: Julius Flach (Hörspielbearbeitung – SWF) 1947: Die Verlorenen – Regie: Ludwig Cremer (Hörspielbearbeitung – NWDR) 1950: Totentanz – Regie: Hannes Küpper (Hörspielbearbeitung – SDR) 1952: Jasons letzte Nacht – Regie: Hanns Korngiebel (Original-Hörspiel – RIAS Berlin) 1952: Die fremde Stimme – Regie: Alice Decarli (Originalhörspiel – RIAS Berlin) 1953: Das Spiel vom Kreuz – Regie: Hanns Korngiebel (Originalhörspiel – RIAS Berlin) 1953: Die fremde Stimme – Regie: Paul Land (Originalhörspiel – SDR) 1953: Was sind denn sieben Jahre? – Regie: Hanns Korngiebel (Hörspiel – HR/RIAS Berlin) 1954: Caterina Cornaro – Regie: Fränze Roloff (Originalhörspiel – HR)