mini|NS-Marschkolonne mit Hakenkreuzfahnen auf dem Rückweg vom Reichsparteitag (vermutlich 1938) an der Stadtgrenze Fürth/Nürnberg, antijüdische Propaganda am Ortsschild und Kinder mit dem (zu jener Zeit vor NS-Fahnen vorgeschriebenen) Hitlergruß.Leo Foitzik: Rauden, das Dorf meiner Kindheit. S. 51. Im Hintergrund ein Fabrikgebäude der „arisierten“, zuvor jüdischen Firma J. W. Spear & Söhne. Im Vordergrund ein Schild mit der Aufschrift „Stadtkreis Fürth / Juden sind unser Unglück“ mini|Zentrum von Stalingrad, 2. Februar 1943 Die Zeit des Nationalsozialismus (auch NS-Zeit und NS-Diktatur genannt) umfasst die Zeitspanne von 1933 bis 1945, in der Adolf Hitler im Deutschen Reich eine von der NSDAP gestützte Führerdiktatur, den NS-Staat, etablierte. Die NS-Zeit begann am 30. Januar 1933 mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und endete am 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht vor den Alliierten und ihren Verbündeten. Mit seiner expansiven und rassistischen Ideologie und Politik entfesselte Hitler den Zweiten Weltkrieg, in welchem die Nationalsozialisten und ihre Helfershelfer Massenverbrechen und Völkermorde verübten.

Leitbild nationalsozialistischer Gesellschaftspolitik war eine in sich geschlossene, rassisch und ideologisch gleichförmige Volksgemeinschaft der „arischen“ „Herrenrasse“. Politisch Andersdenkende und Regimegegner wurden von Anbeginn der NS-Diktatur mit Mitteln des Staatsterrors verfolgt und unter anderem in Konzentrationslager gesperrt. Juden wurden diskriminiert und etwa durch die Nürnberger Gesetze systematisch entrechtet. Die radikalantisemitische Politik der Nationalsozialisten mündete in den Holocaust, der von den Nationalsozialisten als „Endlösung der Judenfrage“ bezeichnet wurde.

Die NS-Außenpolitik war darauf gerichtet, Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg vergessen zu machen und die vorherige Großmachtstellung zu erneuern und zu erweitern. Bereits 1933 trat Deutschland aus dem Völkerbund aus; mit der Aufrüstung der Wehrmacht, der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht 1935 sowie der Besetzung des entmilitarisierten Rheinlands 1936 wurde gegen wichtige Teile des Versailler Vertrags verstoßen. 1938 folgte der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich. Im selben Jahr ermöglichte das Münchner Abkommen Deutschland die Eingliederung des Sudetenlandes.

In der Expansionsphase ab 1938 verübten Nationalsozialisten und ihre Anhänger in ganz Europa zahlreiche Verbrechen gegen die Menschlichkeit an ethnischen, religiösen und anderen gesellschaftlichen Minderheiten. Etwa sechs Millionen europäische Juden wurden im historisch beispiellosen Holocaust, bis zu 500.000 Menschen im Völkermord an den Sinti und Roma und etwa 100.000 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen im Rahmen der „NS-Krankenmorde“ umgebracht.

Nach der Strategie des Hungerplans ließen die deutschen Besatzer in der Sowjetunion zwischen 1941 und 1944 geschätzt 4,2 Millionen Menschen bewusst verhungern, darunter etwa eine Million Menschen während der Leningrader Blockade. Rund 3,1 Millionen sowjetische Soldaten starben in deutscher Kriegsgefangenschaft.

Die Ära der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland und über weite Teile Europas wird in einem ethisch-moralischen Sinn als Zivilisationsbruch und als Tiefpunkt der deutschen, aber auch der europäischen Geschichte insgesamt angesehen.

Entstehung und Aufstieg des Nationalsozialismus Die ideologischen Vorstellungen und gesellschaftlichen Entwicklungen, die sich im Nationalsozialismus bündelten, sind als tief verwurzelt im 19. Jahrhundert anzusehen. Extrem nationalistische, rassistische, antisemitische und chauvinistische Ansichten ließen sich im 19. und 20. Jahrhundert in den meisten europäischen Staaten finden, ohne dass sie aber als repräsentativ für eine ganze Gesellschaft anzusehen seien, heißt es bei Kurt Bauer. Es habe viele Gründe, dass der Nationalsozialismus „in einem unheilvollen Moment der Geschichte“ zur Macht gelangen konnte: „Monokausale Erklärungsansätze versagen kläglich, wenn es um komplexe Ursachen und Zusammenhänge geht, die den Nationalsozialismus geschichtsmächtig werden ließen.“Kurt Bauer: Nationalsozialismus. Ursprünge, Anfänge, Aufstieg und Fall. Wien / Köln / Weimar 2008, S. 15 f.

Faschismus und Nationalsozialismus gingen in der Sicht Hans-Ulrich Thamers aus der Krise der europäischen bürgerlich-liberalen Ordnung und aus dem Zeitalter der Revolutionen hervor. Beide Bewegungen setzten die Ausbildung und Verfestigung der großen politischen Denkströmungen des 19. Jahrhunderts voraus: Liberalismus, Demokratie, Sozialismus und Konservatismus – und deren Verformung durch Massenmobilisierung und Massenideologie. Ihr Verhältnis zur überkommenen Staats- und Gesellschaftsordnung sei ein doppeltes: sowohl reaktionär als auch revolutionär. Thamer schreibt:

Folgenreicher Erster Weltkrieg Als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ hat George F. Kennan den Ersten Weltkrieg bezeichnet und als Auslöser sowohl der Hyperinflation als auch der Weltwirtschaftskrise, des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs gesehen.Kurt Bauer: Nationalsozialismus. Ursprünge, Anfänge, Aufstieg und Fall. Wien 2008, S. 53. Die politischen, sozialen und ökonomischen Bedingungen für den Aufstieg des Nationalsozialismus wurden im und durch den Ersten Weltkrieg geschaffen. Für Ian Kershaw ist „ohne den Ersten Weltkrieg und dessen Hinterlassenschaft […] das Dritte Reich nicht denkbar.“ Die Nationalsozialisten hätten das kollektive Trauma instrumentalisiert, indem sie Deutschlands Niederlage 1918 als Katastrophe deuteten, die immer weiter fortgewirkt habe.Ian Kershaw: Vorwort. In: Gerd Krumeich (Hrsg.): Nationalsozialismus und Erster Weltkrieg. Essen 2010, S. 7. Dabei bedienten sie sich verschwörungstheoretischer Deutungsmuster wie dem von den „Novemberverbrechern“ und der Dolchstoßlegende: Juden und Sozialdemokraten seien dem angeblich siegreichen deutschen Heer mit der Novemberrevolution hochverräterisch in den Rücken gefallen. Diese These wurde von weiten Teilen der deutschen Bevölkerung geteilt und war geeignet, die Weimarer Republik nachhaltig zu delegitimieren.Vgl. z. B. Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz in Verbindung mit Markus Pöhlmann (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2014, S. 728, 988 ff., 997 ff.; Gerd Krumeich: Nationalsozialismus und Erster Weltkrieg: Eine Einführung. In: ders. (Hrsg.): Nationalsozialismus und Erster Weltkrieg. Klartext, Essen 2010, S. 11 ff.; Helmut Reinalter: Dolchstoßlegende. In: derselbe (Hrsg.): Handbuch der Verschwörungstheorien. Salier, Leipzig 2018, ISBN 978-3-96285-004-3, S. 92 ff.

Zum verbreiteten Objekt nationalsozialistischer Empörung und Propaganda wurde zudem der von Siegermächten Deutschland aufgezwungene Versailler Vertrag, der von den meisten Deutschen als ungerecht empfunden und von rechtsstehenden Kreisen als „Versailler Diktat“ geschmäht wurde.Michael Salewski: Das Weimarer Revisionssyndrom. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Band 2, 1980, S. 14–25; Peter Hayes: Warum? Eine Geschichte des Holocaust. Campus, Frankfurt am Main 2017, S. 71 f. Er lud Deutschland und seinen Verbündeten in Artikel 231 die Kriegsschuld auf, was als Grundlage für Reparationsforderungen diente und für klare Fronten in der Kriegsschulddebatte sorgte. Der Versailler Vertrag brachte den Verlust sämtlicher Kolonien und erheblicher Gebiete im Osten, Norden und Westen Deutschlands mit sich; das Rheinland wurde von Truppen der Siegermächte besetzt, und Deutschland unterlag strengen Rüstungsbeschränkungen. Die Höhe der zu leistenden Reparationszahlungen blieb vorerst unbestimmt; diesbezügliche Leistungen wurden 1920 bis 1923 mittels Ultimaten durchgesetzt. Die dagegen grundsätzlich aufbegehrenden Nationalsozialisten bezeichneten denn auch alle Versuche der Weimarer Regierungen, durch eine Verständigungspolitik mit Frankreich und Großbritannien den Vertrag abzumildern, als „nationalen Verrat“. Für sie war der „Kampf gegen Versailles“ das zentrale Anliegen.Henning Köhler: Deutschland auf dem Weg zu sich selbst. Eine Jahrhundertgeschichte. Hohenheim-Verlag, Stuttgart 2002, S. 227.

Auch innenpolitisch hatte der Weltkrieg verheerende Folgen, die von den Nationalsozialisten ausgenutzt werden konnten: Er war nämlich über Staatsanleihen finanziert worden, deren Käufern man eine erhebliche Rendite versprochen hatte. Stattdessen entledigte sich das Deutsche Reich durch eine Hyperinflation bis 1923 all seiner Staatsverschuldung, wodurch aber nicht nur die Anleihebesitzer, sondern auch alle Inhaber von Sparguthaben de facto enteignet wurden. Dieser Vertrauensbruch begünstigte den Aufstieg des Nationalsozialismus.Volker Berghahn: Der Erste Weltkrieg. C.H. Beck, München 2003, S. 17.

Kurt Bauer hält ohne den Ersten Weltkrieg auch die bolschewistische Oktoberrevolution für kaum möglich, die in Europa eine Verschärfung und Radikalisierung der politischen Auseinandersetzung bewirkt habe: „Der gewaltige und extrem gewaltsame Umsturz der gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse in Russland führte zu Kriegsende und in der Nachkriegszeit zu nicht einfach als irrational abzutuenden Ängsten vor einer ähnlichen Revolution – und damit letztlich zur Neigung, in rechtsextremen, faschistischen Gruppierungen Garanten vor dem Bolschewismus zu sehen.“Kurt Bauer: Nationalsozialismus. Ursprünge, Anfänge, Aufstieg und Fall. Wien 2008, S. 57. Zudem wird mitunter darauf hingewiesen, dass die im Krieg erfahrenen klaren Befehlsstrukturen die Frontgeneration für die angeblichen Vorzüge eines autoritären Systems und für das Führerprinzip empfänglich gemacht hätten.Kurt Bauer: Nationalsozialismus. Ursprünge, Anfänge, Aufstieg und Fall. Wien 2008, S. 58.

Ein weiterer Faktor, der die Weimarer Republik stark belastete und der NS-Bewegung Vorschub leistete, war das Überdauern undemokratischer Traditionen in Staat und Gesellschaft: Die Novemberrevolution hatte die meisten der kaiserlichen Beamten, Richter, Universitätsprofessoren usw. in ihren Ämtern belassen. In der zu Anfang der 1930er Jahre von schweren Krisen erfassten Weimarer Demokratie aber standen diese monarchistisch und nationalistisch sozialisierten Eliten nicht entschieden auf Seiten der Demokratie, sondern zeigten sich zu einem Bündnis mit der NSDAP bereit. Der Historiker Martin Broszat urteilt, dass die NSDAP seit ihrem Aufstieg zur Massenpartei 1929/30 lediglich zusammenfasste, „was – zersplittert, aber in großer Breite – als ideologisch-politisches und als interessenpolitisches Potential längst vorgeformt war“.Martin Broszat: Zur Struktur der NS-Massenbewegung. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 31, Heft 1 (1983), S. 63 (online, Zugriff am 5. Mai 2019). Zwar erweist sich Ernst Troeltschs viel zitiertes Schlagwort von der „Republik ohne Republikaner“ angesichts der Wahlergebnisse bis 1930 als falsch,Ursula Büttner: Ausgeforscht? Die Weimarer Republik als Gegenstand historischer Forschung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. 68. Jahrgang, Heft 18–20 (2018), S. 32 (online, Zugriff am 5. Mai 2019.) doch bestand ein Manko in der Demokratiefestigkeit der Bevölkerung. Indiz dafür war bereits 1925 die Wahl des erklärten Republikgegners Paul von Hindenburg zum Reichspräsidenten. Nach seiner Wiederwahl 1932 ernannte er den dabei unterlegenen Konkurrenten Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler.