mini|hochkant=1.8|Das Gemälde IJsvermaak („Eisvergnügen“) von Hendrick Avercamp zeigt Menschen auf einem zugefrorenen Kanal in den Niederlanden im kalten Winter 1608. Heute dagegen sind die Kanäle im Winter meist eisfrei. Künstlerische Darstellungen solcher Szenen sind nur aus der Zeit zwischen 1565 und 1640 bekannt.

Die Kleine Eiszeit war eine Periode relativ kühlen Klimas, die im ausgehenden 19. Jahrhundert endete. Sie war regional und zeitlich unterschiedlich stark ausgeprägt. Für den Beginn liegen in der Literatur Daten zwischen 1200 und 1550 vor, so dass es fragwürdig ist, einen generellen Zeitpunkt anzugeben. Nur während eines Kernzeitraums, vom Ende des 16. Jahrhunderts bis in das letzte Drittel des 17. Jahrhunderts, lässt sich global eine kühlere Phase ausmachen.

Die Kleine Eiszeit ist Teil der jüngeren Klimageschichte und Forschungsgegenstand der Historischen Klimatologie. Sie gilt in der heutigen Klimadiskussion als das klassische Beispiel einer durch kurzfristige Schwankungen geprägten natürlichen Klimavariation.

Forschungsgeschichte Die Idee eines nach einer wärmeren Episode im Mittelalter kühler werdenden Klimas reicht bis in das späte 18. Jahrhundert zurück. Britische und US-amerikanische Naturphilosophen und Naturwissenschaftler diskutierten sie anhand von Differenzen zwischen mittelalterlichen und zeitgenössischen Berichten über Wetter und Landwirtschaft.

Der wahrscheinlich erste, der die Bezeichnung „Kleine Eiszeit“ für eine Klimaperiode verwendete (→ Periodisierung), war im Jahr 1909 der Botaniker George Francis Scott Elliot.Siehe Er nannte so einen Kälterückfall nach der letzten Kaltzeit, der durch Änderungen der Pflanzenwelt gekennzeichnet war und heute als Jüngere Dryaszeit bekannt ist.

Meist jedoch wird der amerikanische Geologe François E. Matthes als derjenige genannt, der im geowissenschaftlichen Kontext erstmals von einer „Kleinen Eiszeit“ sprach: Matthes war Vorsitzender des Gletscherkomitees der American Geophysical Union. In dessen Bericht des Jahres 1939 wurde als „Kleine Eiszeit“ eine Epoche einer erneuten, aber moderaten Vergletscherung in der kalifornischen Sierra Nevada bezeichnet. Den Beginn dieser Epoche setzte Matthes vor etwa 4000 Jahren an, nach dem Ende des Klimaoptimums des Holozäns, und er ging davon aus, dass die Epoche bis in die 1930er Jahre angehalten hatte. Schon in diesem Bericht und auch in Veröffentlichungen der folgenden Jahre hob Matthes die besonders ausgeprägte Gletscherausbreitung nach Ende des Mittelalters hervor – unter Rückgriff auf Ergebnisse des französischen Geographen Charles Rabot, der eine Phase besonders starker Ausbreitung der Gletscher in den französischen Alpen vom 16. bis Mitte des 19. Jahrhunderts ausgemacht hatte.

Der Begriff in seiner weiten Bedeutung einer klimatischen Veränderung, die vor 4000 Jahren begonnen haben sollte, wurde zu Beginn der 1940er Jahre von weiteren Forschern aufgegriffen, darunter Ronald Ives und Richard Foster Flint. Die Einschränkung auf Zeiträume im letzten Millennium setzte sich später durch: Unter den ersten, die als Kleine Eiszeit speziell das europäische Klima der etwa 300 Jahre von der Mitte des 16. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts bezeichneten, waren Mitte der 1940er Jahre Guy Stewart Callendar und Gordon Manley. Zum Ende der 1940er Jahre wurde „Kleine Eiszeit“ vor allem in der engeren Bedeutung einer kühlen post-mittelalterlichen, durch besonders markante Gletschervorstöße gekennzeichneten Epoche verwendet.

mini|600px|Rekonstruktion der saisonalen Temperaturen in Mitteleuropa von 1000 bis 1999 Besonders einflussreich war eine grundlegende Veröffentlichung der britischen Geographin Jean M. Grove Ende der 1980er Jahre. Grove ließ die Kleine Eiszeit im 13. und 14. Jahrhundert beginnen und sah sie als die letzte einer Reihe ähnlicher Perioden globaler Gletschervorstöße im Holozän. Spätestens mit ihrem Werk war der Begriff einer nachmittelalterlichen Kleinen Eiszeit in der Fachwelt etabliert – trotz der immer wieder kritisierten Assoziation mit den eigentlichen Eiszeiten (siehe Kaltzeit und Eiszeitalter).

Der Historiker Christian Pfister und der Klimatologe Heinz Wanner haben 2021 eine Rekonstruktion der saisonalen Temperaturen in Mitteleuropa anhand von Temperaturindizes (Historische Klimatologie) auf der Basis von Dokumentendaten publiziert.Christian Pfister; Heinz Wanner: Climate and Society in Europe. The last thousand years. Digital Appendix. Version 2, December 2023 [Datensatz] (online) Nach 1500 beruht sie auf dem Artikel des tschechischen Geografen Petr Dobrovolny. Eine Rekonstruktion der saisonalen Temperaturen in Mitteleuropa von 1000 bis 1999 zeigt bis Ende des 19. Jahrhunderts mehrheitlich kalte Winter. Die nahezu jahresscharfe Rekonstruktion der Wintertemperaturen ab 1170 wirft ein differenziertes Licht auf die Geschichte der Kleinen Eiszeit. Im 13. Jahrhundert waren die Winter nur im ersten Drittel und zwischen 1270 und 1280 mehrheitlich kalt. Im 14. Jahrhundert dominierten kalte Winter, abgesehen von den 38 Jahren zwischen 1340 und 1377. Das 15. Jahrhundert war – abgesehen von den 1470er Jahren – fast durchweg winterkalt. Im 16. Jahrhundert blieben die Winter bis 1520 mehrheitlich kalt. Bis 1540 hielten sich kalte und warme Jahreszeiten die Waage. Von da weg dominierte winterliche Kälte, mit häufigen Strengwintern zwischen 1565 und 1573 sowie von 1587 bis 1595. Insgesamt lagen die Wintertemperaturen um 0,9 °C (±0,69 °C), unter dem Mittel 1961–1990. Im 17. Jahrhundert waren die Wintertemperaturen 1,2 °C (±0,69 °C), im 18. Jahrhundert 0,9 °C (±0,69 °C), im 19. Jahrhundert anhand thermometrischer Messungen 1,2 °C und im 20. Jahrhundert 0,2 °C unter dem Mittel 1961–1990, wobei positive Werte von 1950 an dominieren Fazit: Dauer und Intensität der winterlichen Kaltperioden haben vom 14. Jahrhundert an zugenommen, mit Maxima im 15., im 17. und im 19. Jahrhundert. In Form dieses graduellen Rückgangs der Wintertemperaturen bis ins frühe 20. Jahrhundert im Vergleich zur Messperiode 1961–1990 äußerte sich unter anderem das Ende der Kleinen Eiszeit in Mitteleuropa.

Warme Sommer waren im Durchschnitt des 14. Jahrhunderts geringfügig häufiger als kalte. Überwiegend warm waren sie von 1324 bis 1340 und von 1380 bis 1399, mehrheitlich kalt blieben die Perioden von 1314 bis 1322 sowie von 1355 bis 1370. Diese letztgenannte Kaltperiode löste einen Vorstoß der Alpengletscher aus, der in den 1380er-Jahren kulminierte. Im 15. Jahrhundert überwogen kalte Sommer. Nach einer mehrheitlich warmen Periode bis 1424 folgte eine Trendwende. Sieben kalte Sommer entfielen allein auf die 1450er-Jahre, vermutlich im Zusammenhang mit dem Ausbruch tropischer Vulkane (siehe Klimageschichte). Auffallend ist daneben eine Abfolge von drei Hitzesommern zwischen 1471 und 1473 (Dürre in Europa 1473). Im 16. Jahrhundert lagen die geschätzten Temperaturen 0,2 °C (±0,49 °C) unter dem Durchschnitt von 1961 bis 1990. Bedingt durch zehn heiße und trockene Sommer lagen die Temperaturen von 1534 bis 1567 um 0,3 °C (±0,49 °C) über dem Durchschnitt, wodurch die Gletscher zurückschmolzen. Anschließend sanken die Temperaturen bei hohen sommerlichen Niederschlägen bis zu einem Tiefpunkt in den 1590er-Jahren, was weiträumige Vorstöße der Alpengletscher auslöste. Im 17. Jahrhundert lagen die geschätzten Temperaturen 0,2 °C (±0,49 °C) unter dem Durchschnitt 1961 bis 1990. Bis um 1630 und von 1670 bis 1685 dominierten kalte und warme Extreme, in der Jahrhundertmitte warme Sommer. Nach 1675 gingen die Temperaturen bis zur Jahrhundertwende um 0,6 °C (±0,49 °C) zurück. Der kälteempfindliche Kabeljau verschwand aus den Gewässern um die Färöer-Inseln. Der englische Klimatologe und Historiker Hubert Lamb schloss daraus, dass sich arktisches Kaltwasser nach Süden ausgebreitet hatte. Im 18. Jahrhundert überwogen die warmen Sommer, namentlich zwischen 1718 und 1731. Relativ tief blieben die Temperaturen zwischen 1760 und 1779, was einen Vorstoß der Alpengletscher auslöste. Im 19. Jahrhundert herrschten kalte Sommer vor. Die Durchschnittstemperaturen in Mitteleuropa lagen 0,6 °C unter dem Durchschnitt von 1961 bis 1990. Überwiegend kalt war die erste Jahrhunderthälfte, was Gletschervorstöße nach sich zog. Im 20. Jahrhundert blieben die Sommer in Mitteleuropa bis 1927 mehrheitlich kalt. Die Temperaturen stiegen bis zur warmen Dekade 1943 bis 1952 an und schwankten dann um den Durchschnitt 1901–1960. Der langfristige Rückschmelzprozess der Gletscher setzte mit der langsamen menschengemachten Erwärmung vom späten 19. Jahrhundert an ein und beschleunigte sich mit der rascheren Erwärmung nach 1990

Fazit: Vorstöße und Rückschmelzphasen der alpinen Gletscher in der Kleinen Eiszeit folgten vor allem den Sommertemperaturen im Verlauf von Jahrzehnten.

Beobachtungen mini|Gornergletscher: Gletscherausdehnung im 14. Jahrhundert und 2003 In Mitteleuropa sind zwischen den 1340er und 1370er Jahren anhand von Dokumentendaten kalte Sommer belegt, die einen Vorstoß der Alpengletscher auslösten. Dieser kann als Vorläufer der Kleinen Eiszeit betrachtet werden. Der Gornergletscher, der zweitgrößte der europäischen Alpen, erreichte 1385 eine Dimension, die den späteren maximalen Vorstößen gleichkommt. Eine global kühlere Phase lässt sich erst vom Ende des 16. Jahrhunderts bis in das letzte Viertel des 17. Jahrhunderts nachweisen. Auch in diesem Kernzeitraum der Kleinen Eiszeit gab es noch erhebliche Schwankungen: In der Nordhemisphäre waren die Zeiträume von etwa 1570 bis 1630 und 1675 bis 1715 besonders kalt. In der Südhemisphäre lag der Schwerpunkt von kurz nach Beginn bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts. Regional und zeitlich unterschiedlich gewichtet lagen die Temperaturen während der Kleinen Eiszeit im Zeitraum 1400–1800 weltweit um etwa 0,1 Kelvin (K) niedriger als während der vorangegangenen Jahrhunderte 1000–1400. Über kürzere Zeiträume von wenigen Jahrzehnten könnten die Temperaturen bis zu 0,8 K, in einigen europäischen Regionen auch 1 bis 2 K niedriger gelegen haben.

Während der Kleinen Eiszeit traten häufig sehr kalte, lang andauernde Winter und niederschlagsreiche, kühle Sommer auf. Ende des 16., Mitte des 17. Jahrhunderts und auch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts drangen in den Alpen dreimal die Gletscher vor und zerstörten Gehöfte und Dörfer. Das Gletscherwachstum während der Kleinen Eiszeit war das stärkste seit der langandauernden Vereisung der letzten Eiszeit.

Verschiedene historische Berichte und Ereignisse werden mit der Kleinen Eiszeit in Verbindung gebracht und zu ihrer Illustration verwendet:Sie sind kein Ersatz für rigoros ermittelte, lange klimatische Zeitreihen, vgl. Siehe auch Liste von Wetterereignissen in Europa, sortierbar z. B. für Kälteanomalien.

Bei seinen Vogelbeobachtungen registrierte der Heidelberger Kirchenrat Marcus zum Lamm (1544–1606) um 1580 den sich verstärkenden Umschwung des Klimas und riet seinem Landesherrn, dem Administrator der Kurpfalz Johann Kasimir, Nahrungsvorräte für die Bevölkerung anzulegen.Die Vogelbücher aus dem Thesaurus Picturarum, Marcus zum Lamm (1544–1606), hrsg. mit Interpretation und Kommentar von Ragnar K. Kinzelbach u. a. Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart 2000, 404 S., ill.; ISBN 3-8001-3529-9; Bände 29–31 sind den Vögeln gewidmet.

Die Kanäle und Grachten in den Niederlanden, in Belgien und in Nordfrankreich waren häufig lange zugefroren. So froren Kanäle der Stadt Haarlem laut 1633 beginnenden Aufzeichnungen im Mittel an 28 Tagen zu. Bis zur flächendeckenden Verbreitung von Eisenbahn und später LKW waren Kanäle und Fließgewässer die wichtigsten Verkehrswege.

In Frankreich führte der Temperaturrückgang zu Hungerwintern – langanhaltenden Tieftemperaturen, die die Aussaat fast unmöglich machten und die Ernten weitgehend ruinierten: 1659/60, 1694/95 und 1708/09. Höhepunkt war die Kälteperiode von 1692 bis 1698, die oft ebenfalls als „Kleine Eiszeit“ bezeichnet wurde. mini|Temperatur-Anomalie Winter 1708/1709