miniatur|Einfarbige schwarze Fahne Die rein schwarze Fahne ist das primäre Symbol anarchistischer Bewegungen, findet jedoch auch Anwendung als allgemeine Flagge für Widerstand. Mit zusätzlichen Symbolen versehen kann sie zahlreiche andere Bedeutungsinhalte annehmen.
Symbolfarbe miniatur|Jolly Roger miniatur|Flagge Afghanistans 1919–1928 miniatur|Die Flagge der anarchistischen Bewegung Machnowschtschina miniatur|Fahne des Islamischen Staates Die Farbe Schwarz ist neben der Farbe Rot wohl die symbolträchtigste, die man auf Fahnen finden kann. Kennzeichnend für beide Farben ist ihre innewohnende Doppeldeutigkeit. Während Rot sowohl für Herrschaft als auch für Revolution steht, kann man Schwarz als Symbol des Todes, aber auch der Freiheit ansehen.Wolfgang Strauss: Nation oder Klasse. München 1978, S. 107. Traditionell gilt Schwarz nicht nur in der christlichen Welt als Farbe der Trauer, auch etwa in Indien findet diese Farbe in Zusammenhang mit dem Kult um die Totengöttin Kali als Trauerfarbe Verwendung. Als älteste bekannte, rein schwarze Fahnen gelten diejenigen der arabischen Abbasiden, die sie als Ausdruck für Rache gezeigt haben sollen. Ältere Hinweise auf schwarze Fahnen finden sich auch im Frankreich des 14. Jahrhunderts, wo sie als Warnung vor der Pest eingesetzt wurden.Barbara Tuchman: Der ferne Spiegel. München 1986, S. 101 ff. Bekannt sind auch schwarze Flaggen, die von Piraten und Freibeutern im 17. und 18. Jahrhundert verwendet wurden und häufig noch zusätzliche Symbole wie die Abbildung von Totenschädeln und menschlichen Knochen zeigten.
Hat die Farbe Schwarz eine lange Tradition als „Farbe des Todes“, so erlangte sie erst im 19. Jahrhundert auch ihre Bedeutung als „Farbe der Freiheit“, die dem Feind die unbedingte Todesbereitschaft signalisiert, um die eigenen Ziele durchzusetzen. So genannte schwarze „Rächerkleider“ (Theodor Körner) traten erstmals während der Befreiungskriege um 1813/15 auf, wo Freikorpsmitglieder ihre zivile Kleidung aufgrund von mangelndem Uniformmaterial schwarz färbten.Karlheinz Weißmann: Schwarze Fahnen, Runenzeichen, Düsseldorf 1991, S. 111.
Als Nationalflaggen wurden schwarze Fahnen – wie auch andere einfarbige Banner – nur selten verwendet. Dies beruht offenbar auf der dadurch fehlenden Möglichkeit, durch verschiedene Farben auch verschiedene Grundrichtungen symbolisch zu konstituieren. Lediglich in Afghanistan gab es noch bis zum Jahr 1929 Versionen, die auf schwarzen Tüchern gefertigt wurden.
Das Schwarze Banner ist eine Flagge, die von vielen islamistischen Terrororganisationen wie al-Qaida, Taliban sowie der Organisation Islamischer Staat benutzt wird und auf Abū Muslim und das Kalifat der Abbasiden zurückgehen soll.
Politische Symbolik miniatur|Logo der niederländischen Anti-Fascistische Aktie mit schwarzer und roter Fahne miniatur|Fahne des Öko-Anarchismus
Die ersten schwarzen Fahnen mit politischer Symbolkraft tauchten vermutlich erstmals in Frankreich Anfang des 19. Jahrhunderts auf, Jules Michelet datiert sie bereits in die französische Revolution, wo sie auf den Türmen von Notre-Dame geflattert sei.Jules Michelet, L’Histoire de la Révolution francaise, 7 Bände (1847–1853) Deutsches Zitat: "Dennoch, als man am 9. morgens von allen Enden der Stadt aus auf den Türmen von Notre-Dame die düstere schwarze Fahne sah, als man sah ..." (Seite 435 in Jules Michelet, Geschichte der Französischen Revolution: Band 3, 1931, Hoffmann und Campe) Während der Julirevolution von 1830 und anschließend bei den Arbeiteraufständen in Lyon im Jahre 1831 wurden schwarze Fahnen verwendet, die sich als Ausdruck der Verzweiflung und der Bereitschaft zum Widerstand schon bald in ganz Frankreich durchsetzten.Roland Gaucher: Le drapeau noir. Miroir d l’histoire, Nr. 224/1968, S. 29. Die französische Zeitung „Le Drapeau Noir“ („Die Schwarze Fahne“), welche bis 1882 erschien, ist einer der ersten schriftlichen Belege für die Verwendung der schwarzen Fahne durch die Anarchisten. Im Zusammenhang mit Louise Michel, einem bekannten Mitglied der Pariser Kommune, wird über die Verwendung der schwarzen Fahne berichtet, die sie etwa am 9. März 1883 über einer Arbeitslosendemonstration hat wehen lassen.George Woodcock Anarchism: A History of Libertarian Ideas and Movements. Penguin Books, 1963 Kurz darauf verbreitete sich die schwarze Flagge auch in den USA. Paul Avrich berichtet, dass die schwarze Flagge auf einer anarchistischen Demonstration in Chicago am 27. November 1884 auftauchte. Nach Avrich schrieb August Spies, dass „dies der erste Anlass war, an dem die schwarze Flagge auf amerikanischem Boden ausgerollt wurde“.Paul Avrich: The Haymarket Tragedy. S. 144–145.
Seitdem setzte sich die schwarze Fahne mehr und mehr als Symbol in anarchistischen Kreisen durch.Robert Michels: Die Psychologie der antikapitalistischen Massenbewegungen. In: Grundriss der Sozialökonomik, IX. Abteilung, 1. Teil, Tübingen 1926, S. 344 ff. So wehte sie über dem Gebiet des Ukrainers Machno während des russischen Bürgerkriegs genau wie über den anarchistischen Milizen des spanischen Bürgerkriegs. Bis in die heutige Zeit gilt sie als bedeutendes anarchistisches Symbol und ist etwa der Name der Punkband Black Flag geworden. Oft wird die anarchistische Fahne diagonal in Dreiecke geteilt, um den Fokus auf eine bestimmte Strömung zu legen. Die Fahne des Öko-Anarchismus ist beispielsweise grün-schwarz geteilt, die des Anarchokommunismus und Anarchosyndikalismus rot-schwarz usw.
Nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde die schwarze Fahne auch für unterschiedliche nationalistische Protestbekundungen eingesetzt. Ein Beispiel ist der Beschluss der Ungarischen Nationalversammlung vom November 1920. Aufgrund der militärischen Niederlage und der daraus folgenden zwingenden Gebietsabtretungen hielt man es als Zeichen der Trauer für notwendig, auf allen öffentlichen Gebäuden neben der Nationalflagge auch eine schwarze Flagge zu hissen. Ebenso verfuhr man an sämtlichen Posten entlang der ungarischen Grenze.Ernst Nolte: Die faschistischen Bewegungen. München 1975, S. 204.
Schwarze Fahnen in Deutschland Weimarer Republik Abgesehen von eher „harmlosen“ Verwendungen während des „Hambacher Festes“ 1832Hambach-Journal, Ludwigshafen 1982, S. 1. scheinen die ersten Schwarzen Fahnen in Deutschland zur Zeit der Aufstände in Oberschlesien und der folgenden Abstimmung in den Jahren 1920/1921 aufgetaucht zu sein. Aus Protest gegen eine Anordnung des französischen Stadtkommandanten von Beuthen, der das Hissen der schwarz-weiß-roten Flagge anlässlich einer Beisetzung von Opfern polnischer Aufständischer verboten hatte, entschied sich die deutsche Bevölkerung als Zeichen der Trauer, schwarze Tücher zu hissen.Arnolt Bronnen: O. S. Berlin 1929 div. Schwarze Fahnen begleiteten auch den Protest gegen die Verhandlungen der Reichsregierung mit einer Delegation der Internationalen Abstimmungskommission.
Freikorps, Wehr- und Jugendbünde miniatur|Fahne der Sturmabteilung Roßbach (Vorderseite) Gut belegt ist die Entstehung der Fahne der so genannten Sturmabteilung Roßbach, eines von Gerhard Roßbach geführten Freikorps in Ostpreußen. Im September 1919 verlangte die Reichsregierung die Vereidigung des Freikorps. Roßbach vertrat die Auffassung, niemand habe ausdrücklich die Vereidigung auf die Reichsfarben befohlen, und so ließ er den Eid auf eine schwarze Fahne ablegen, die auf der Vorderseite mit einem weißen „R“ und zwei weißen Streifen und auf der Rückseite mit einem Hirschgeweih und einem zwischen den Stangen befindlichen Kreuz versehen war.Arnolt Bronnen: Roßbach. Berlin 1930, S. 77.
Weitere Freikorps, die schwarze Fahnen führten, waren das 1. und 2. Kurländische Infanterieregiment der so genannten „Eisernen Division“, die zusätzlich noch ein Eisernes Kreuz umgeben vom Schlachtruf „Lieber tot als Sklav!“ beziehungsweise einen Totenschädel und eine schwarz-weiß-rote Gösch zeigten. miniatur|Fahne der „Freischar Schill“, 1927 In der Zeit der Weimarer Republik übernahmen verschiedene Wehr- und Jugendbünde schwarze Fahnen von den Freikorps: Der „Wehrwolf“ zeigte zusätzlich auf seinem Banner ein Eisernes Kreuz, einen Totenschädel sowie auf der Rückseite eine „Wolfsangel“. Auf der schwarzen Fahne des „Bund Wiking“ prangte ein mit einem „E“ belegtes Wikingerschiff. Schwarze Fahnen mit verschiedenen Symbolen benutzten auch die „Schilljugend“, die „Freischar Schill“ sowie der „Jugendbund der Adler und Falken“, wobei als Motiv für die Verwendung von schwarzen Farben zum Teil die „Demütigung durch den Versailler Vertrag“ angegeben wurdeOtto-Ernst Schüddekopf: Nationalbolschewismus in Deutschland 1918–1933. Frankfurt/Main 1973, S. 482..
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch ein Gesetzesvorschlag des nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten Gregor Strasser. Ähnlich wie in Ungarn im Jahre 1920 schlug er am 29. Juni 1926 vor, die Flagge des Deutschen Reiches zu ändern:
„Für die Dauer des Vertrages von Versailles ist die Flagge des deutschen Reiches schwarz. Die endgültige Flagge des deutschen Reiches ist die Fahne, unter der der Befreiungskampf durchgeführt wird“.Die Standarte, Heft 16/1926, S. 381.
Den Sitzungsprotokollen ist zu entnehmen, dass dieser Vorschlag nicht weiter diskutiert wurde.
Einen erheblichen Auftrieb gewannen schwarze Fahnen wieder Ende der 1920er Jahre, als die Bündische Jugend und die Landvolkbewegung diese für ihre politischen Zwecke einsetzten.
Bündische Jugend Aufgrund ihrer Zersplitterung gelang es der Jugendbewegung nie, eine einheitliche Symbolik zu entwickeln. Verschiedene Gruppen versuchten immerhin im Jahre 1928 ein einheitliches Auftreten aller Verbände im Ausland zu verwirklichen, indem vereinbart wurde, außerhalb der deutschen Grenzen bei ihren Fahrten neben dem Balkenkreuz auch die Handelsflagge der Republik (Schwarz-Weiß-Rot mit schwarz-rot-goldenem Gösch) zu führen.Das junge Volk, Heft 11,12/1928, S. 180 ff. Aus dem ausgesprochen rechtsgerichteten „Jungnationalen Bund“ erhob sich dagegen jedoch bald Widerspruch. In einem im Jahre 1928 publizierten Manifest hieß es:
„Im zähneknirschenden Gedanken an zehnjährige deutsche Unfreiheit hißt der Jungnationale Bund vom 11. November 1928 ab auf seinen Tagungen und Lagern und bei Begegnungen mit ausländischer Jugend die schwarze Fahne. Er fordert gleichzeitig die gesamte volksbewußte und bündische Jugend Deutschlands auf, seinem Beispiel zu folgen. Die schwarze Fahne bedeutet uns nicht Trauer oder Klage, sondern Bekenntnis und Aufruf. Die Fahne der Not und der Knechtschaft wird uns zur Fahne des Widerstandes und des Freiheitskampfes“.Walter Kayser: Zur zehnjährigen Wiederkehr des Waffenstillstandes. In: Die Kommenden. Nr. 45/1928, S. 550.