mini|hochkant|Der heilige Christophorus. Rechter Teil des Flügelaltars Die Perle von Brabant Meister der Perle von Brabant, (1467–1468) Christophorus (latinisiert) oder griechisch Christophoros ( „Christusträger“, von und „tragen“) wird in der römisch-katholischen und der altkatholischen Kirche, den orthodoxen Kirchen und Teilen der anglikanischen Gemeinschaft als Märtyrer und Heiliger verehrt. Auch im Evangelischen Namenkalender wird Christophorus genannt. Eine historische Person hinter der Gestalt des Heiligen ist nicht greifbar.

Christophorus wird in der westkirchlichen Ikonographie häufig als Riese mit Stab dargestellt, der das Jesuskind auf den Schultern über einen Fluss trägt. Er zählt zu den Vierzehn Nothelfern und ist heute besonders bekannt als Schutzheiliger der Reisenden. Die ostkirchliche Tradition stellt Christophoros in wörtlicher Auslegung der dort gängigen Legendentradition als Kynokephalen („Hundsköpfigen“) dar.

Historizität Die Gestalt des Christophorus war bereits in der spätmittelalterlichen Kirche umstritten: Mehrere Lokalsynoden hatten den Kult des Christophorus verboten und Papst Pius II. hatte sich zweifelnd geäußert.Peter Dinzelbacher: Falsche Heilige. In: Hannes Etzlstorfer, Willibald Katzinger, Wolfgang Winkler: Echt-Falsch: Will die Welt betrogen sein? Kremayr und Scheriau, Wien 2003, S. 273 f. Die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung kam 1969 bei der Überarbeitung des Calendarium Romanum Generale, des weltweit gültigen Rahmens für den liturgischen Kalender nach römischem Ritus, zu dem Ergebnis, es gebe zum heiligen Christophorus „kaum historische Tatsachen“, wie es der Mediävist Horst Fuhrmann zusammenfasste.Siehe Norme generali sull’anno liturgico e sul calendario. Commento a cura del „Consilium“. Opera della Regalità di N.S.G.C., Mailand 1969, S. 65. Horst Fuhrmann: Bilder für einen guten Tod (= Bayerische Akademie der Wissenschaften – Philosophisch-historische Klasse, Sitzungsberichte, 1997. Heft 3). Beck, München 1997, S. 14, referiert die Arbeit der Kongregation wie folgt: „Der entscheidende Punkt ist die Frage der Historizität. Die Norme generali sull’anno liturgico e sul calendario. Commento a cura del ‚Consilium‘. Mailand 1969, 65 haben ein ‚giudizio storico‘, das auf der ‚scienza agiografica‘ gründet, zur Bedingung für das Weiterleben einer Reihe von Heiligen im Kalender gemacht: ‚Infatti i cristiani del nostro tempo vogliono, ed è giusto, che la loro devozione verso i Santi sia saldamente appoggiata alla verità storica‘. Christophorus ist zusammen mit Heiligen wie Susanna, Trifo, Bacchus und Apuleius, Katharina und Barbara unter diejenigen aufgenommen, ‚che presentano gravi difficoltà storiche‘ und die deshalb aus dem Kalender gestrichen wurden.“ Daher wurde er aus dem Calendarium Romanum Generale gestrichen,Calendarium Romanum ex decreto sacrosancti oecumenici concilii Vaticani II instauratum auctoritate Pauli pp. VI promulgatum. Typis polyglottis Vaticanis, Rom 1969, S. 131 (Digitalisat). im Martyrologium Romanum und einigen Eigenkalendern blieb das Fest hingegen enthalten. Entsprechend findet sich zu Leben und Sterben des heiligen Christophorus im Stundenbuch der römisch-katholischen Kirche die Einschätzung, er sei „geschichtlich nicht mehr fassbar“, vielleicht habe er um 250 in Lykien, einer Küstenregion der heutigen Südwesttürkei, das Martyrium erlitten.Deutsche Bischofskonferenz, Berliner Bischofskonferenz, Österreichische Bischofskonferenz, Schweizer Bischofskonferenz, die Bischöfe von Luxemburg, Bozen-Brixen, Lüttich, Metz und Straßburg (Hrsg.): Stundenbuch. Die Feier des Stundengebetes. Band 3: Im Jahreskreis. Herder, Freiburg i. Br. 1978, S. 835.

Laut einer im Jahr 1877 publizierten Inschrift, die in den Ruinen einer Kirche nahe Kadıköy in Haidar Pascha aufgefunden worden war, wurde am 22. September 452 in der antiken Stadt Chalkedon, dem Ort des Konzils von 451, eine als Martyrion bezeichnete Kirche „des heiligen Christophorus“ () geweiht:Zur Inschrift: Louis Duchesne: Inscription chrétienne de Bithynie. In: Bulletin de correspondance hellénique. Band 2, 1878, S. 289–299 (Digitalisat); Carl Maria Kaufmann: Handbuch der altchristlichen Epigraphik. Herder, Freiburg i. Br. 1917, S. 391 f. (Digitalisat).

Sie belegt die Verehrung eines Märtyrers namens Christophorus für die Mitte des 5. Jahrhunderts. Daher sah etwa der Mittellateiner Joseph Szövérffy Christophorus „durch Mißverständnis der Sachlage aus dem Heiligenkalender gestrichen“.Josef Szövérffy: Christophorus. In: Robert-Henri Bautier u. a. (Hrsg.): Lexikon des Mittelalters. Band 2. Artemis-&-Winkler, München 1983, Sp. 1938–1940, hier Sp. 1939. Der Althistoriker David Woods vertritt gar die Auffassung, dass hinter der östlichen Legendenfassung eine konkrete historische Person steht, die als Mitglied der im spätrömischen Staatshandbuch Notitia dignitatum erwähnten römischen Militäreinheit Cohors tertia Valeria Marmaritarum gedient habe, von Petros I. von Alexandria zum Christentum bekehrt worden sei und deswegen wohl im Jahr 308 unter Maximinus Daia in Antiochia am Orontes das Martyrium erlitten habe.David Woods: St. Christopher, Bishop Peter of Attalia, and the Cohors Marmaritarum: A Fresh Examination. In: Vigiliae Christianae. Band 48, 1994, S. 170–186 (dort zur Datierung S. 176–178; S. 177: „… the sequence of events described by the Acta of Christopher could only have taken place in the fourth year of the reign of Maximinus…“); derselbe: The Origin of the Cult of St. George. In: D. Vincent Twomey, Mark Humphries (Hrsg.): The Great Persecution. The Proceedings of the Fifth Patristic Conference, Maynooth, 2003. Four Courts Press, Dublin 2009, S. 141–158, bes. 146–147 (online). Für die Kirchenhistorikerin Maria-Barbara von Stritzky ist mit der Inschrift die Historizität des Martyriums belegt. Demgegenüber geht der Mediävist Peter Dinzelbacher davon aus, dass Christophorus seine Existenz „wohl einer Personifizierung eines Ehrentitels für Märtyrer, eben ‚Christusträger‘“, verdanke. Im Evangelischen Kirchenlexikon wird er als „legendär“ bezeichnet.Evangelisches Kirchenlexikon. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1986, Bd. 4, Sp. 114.

Legendarische Überlieferung mini|Christophoros als Hundsköpfiger (Christophorus cynocephalus). Russische Ikone aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, Museum des Rostower Kreml

Um Christophorus bildeten sich verschiedene, in das 5. Jahrhundert zurückreichende Legenden, die sich in einen östlichen und einen westlichen Zweig aufspalteten. Die östliche Legendentraditition liegt in einer Handschrift aus dem 8. Jahrhundert vor und enthält folgende Elemente: Der hundsköpfige (kynokephale) Menschenfresser Reprobus („der Unechte, der Schlechte“) erhielt in der Taufe die menschliche Sprache und den Namen Christophoros. Er missionierte in Lykien, vollbrachte unter anderem das Wunder des grünenden Stabes und wurde nach Folterung von einem König Dagnus, in der westlichen Überlieferungstradition mit dem von 249 bis 251 herrschenden römischen Kaiser Decius gleichgesetzt, enthauptet.Friedericke Werner: Christophorus. In: Wolfgang Braunfels (Hrsg.): Lexikon der christlichen Ikonographie. Band 5. Herder, Freiburg im Breisgau 1973, Sp. 496–508, hier: Sp. 497. Seinen Reliquien wird Wunderkraft zugesprochen und seinen Verehrern Schutz vor Unwetter und Dämonen. Die Herkunft dieser Legendenmotive ist unklar; vorgeschlagen werden ein Stoff aus den gnostischen Bartholomäusakten, eine Anlehnung an HerodotHerodot 4,191. oder eine christliche Adaption der ägyptischen Gottheit Anubis.

Einzelnen Autoren zufolge deutet die ostkirchliche Darstellung des Christophorus mit dem Kopf eines Hundeartigen auf einen Einfluss des altägyptischen Anubiskultes hin.Pierre Saintyves: Saint Christophe: Successeur d’Anubis, d’Hermès et d’Héracle. Les Édition Émile Nourry, Paris 1936. Online auf gallica.bnf.fr, abgerufen am 6. August 2013 (frz.).Marion Michaela Steinicke: Apokalyptische Heerscharen und Gottesknechte. Dissertation, Berlin 2010. Darin: III. Die Unterwerfung der Wundervölker I. Die Christophorus-Legende: eine beispielhafte Bekehrung, S. 53, 55. Online auf diss.fu-berlin.de, abgerufen am 6. August 2013. Andere Autoren verweisen darauf, dass die Beschreibung der Kynokephalen als Hundeköpfige, Kannibalen und Schlimmeres viel mehr dem entsprochen habe, wie der Angehörige des römischen Reiches, der die Legende verfasste, die nordafrikanische Region Marmarica empfand, in der der Stamm der Marmaritae lebte, dem Christophorus angehört haben soll.David Woods: The Origin of the Cult of St. Christopher, Cork University, 1999 (engl.).

Über Italien und Spanien gelangte im 6. Jahrhundert die Christophorus-Tradition in den Westen, wobei aus dem hundsköpfigen Untier ein Riese wurde. Walther von Speyer interpretierte im 10. Jahrhundert genus canineorum („aus dem Hundegeschlecht“) zu Cananeus, das heißt „kanaanäischer Herkunft“, um. Die Legenda aurea gab der Christophorusfigur die Züge eines idealen Ritters: Christophorus, anfangs noch Reprobus oder Offerus genannt, will dem mächtigsten Herrn dienen. Daran knüpft sich der bekannte Stoff des Riesen, der das Christuskind über einen Fluss trägt: Offerus fand keinen Herrscher, dessen Macht nicht irgendwie begrenzt war. Nach langer vergeblicher Suche riet ihm ein frommer Einsiedler, er solle nur Gott dienen, denn nur Gottes Macht sei unbegrenzt. Um Gott dienen zu können, solle Offerus seine überragende Gestalt als Gottes Willen erkennen und als Fährmann Reisende über einen Fluss tragen. An einer tiefen Furt verrichtete Offerus fortan diesen Dienst. Eines Tages nahm er ein Kind auf die Schulter, um es über den Fluss zu tragen. Zunächst war das Kind sehr leicht, aber je tiefer Offerus in die Furt stieg, desto schwerer schien es zu werden. In der Mitte des Stromes fürchtete Offerus, er müsse ertrinken. Am anderen Ufer sprach er zu dem Kind: „Du … bist auf meinen Schultern so schwer gewesen: Hätte ich alle diese Welt auf mir gehabt, es wäre nicht schwerer gewesen.“ Das Kind antwortete: „Des sollst du dich nicht verwundern, Christophore; du hast nicht allein alle Welt auf deinen Schultern getragen, sondern auch den, der die Welt erschaffen hat. Denn wisse, ich bin Christus, dein König, dem du mit dieser Arbeit dienst.“Zitate nach Richard Benz: Die Legenda aurea des Jakobus de Voragine. Aus dem Lateinischen übersetzt von Richard Benz. 4. Auflage. Verlag Lambert Schneider, Heidelberg 1925, S. 540. Diese Legende hat ihren Ursprung im Südalpengebiet.

Ikonographie mini|Überlebensgroße Darstellung des Christophorus (1498) von Simon von Taisten an der Außenwand von St. Georg, Taisten

Nach Fuhrmann hat sich der ikonographische Typus des Christophorus im Westen im 12. Jahrhundert herausgebildet. Der Heilige hat dabei die Gestalt eines Riesen, der sich auf einen Stab oder Baumstamm stützt. Er trägt Christus über einen Fluss. Im 12. Jahrhundert wird Christus noch als Erwachsener dargestellt, ab dem 13. Jahrhundert findet man fast ausschließlich das Christuskind.Horst Fuhrmann: Bilder für einen guten Tod (= Bayerische Akademie der Wissenschaften – Philosophisch-historische Klasse, Sitzungsberichte, 1997. Heft 3). Beck, München 1997, S. 15.

Da die Anrufung des Heiligen vor einem plötzlichen Tod bewahren sollte, wurden an zahlreichen Kirchen, Türmen und Toren Christophorusbilder angebracht. Eine Besonderheit sind die romanischen Christophori an der Außenwand, von Weitem sichtbar an Wegkirchen. Als ältestes bisher bekanntgewordenes überlebensgroßes Christophorusbild gilt eine Abbildung an der Außenwand neben dem Eingang zur Kapelle der Tiroler Burg Hocheppan im Etschtal, entstanden zwischen 1150 und 1180.Horst Fuhrmann: Bilder für einen guten Tod (= Bayerische Akademie der Wissenschaften – Philosophisch-historische Klasse, Sitzungsberichte, 1997. Heft 3). Beck, München 1997, S. 17.

Verehrung mini|links|Der heilige Christophorus trägt das Jesuskind, Altartafel von Hieronymus Bosch, um 1496–1505