Das Rütli ist eine historisch bedeutende Bergwiese im Kanton Uri in der Schweiz. Sie liegt ca. am westlichen Ufer des Urnersees, eines Arms des Vierwaldstättersees, auf dem Gebiet der Gemeinde Seelisberg. Auf dieser Wiese soll der Legende nach durch den Rütlischwur das Bündnis der drei Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden (heute Ob- und Nidwalden) geschlossen worden sein. Als «Wiege der Schweiz» hat die etwa sechs Hektar grosse Wiese den Charakter eines Nationaldenkmals.

Name mini|Die Namensformen Rütli und Grütli auf einer Hinweistafel. Im Lageplan wird ein kleiner Bereich des Geländes als «Rütliwiese» bezeichnet.

Rütli bedeutet wörtlich «kleine Rodung» (zu mhd. riuten «roden»). Die älteste überlieferte Schreibung (um 1470) ist im rüdlin. Als Genitivform gibt der Duden des Rütlis an,Deklination zu Rütli duden.de die Form des Rütli ist jedoch geläufiger.

Die Namensform Grütli taucht im 19. Jahrhundert nur gelegentlich auf. In zwei Landessprachen ist sie die Hauptvariante geworden: französisch le Grütli, italienisch il Grütli. Das kleine Museum, auf halber Höhe am Aufstiegsweg gelegen, hat den französischen Namen Musée Grütli, der auch im Deutschen, Italienischen und Englischen verwendet wird.Internetseite zum Musée Grütli in vier Sprachversionen: deutsch, französisch, italienisch, englisch.

Gelegentlich wird das Rütli verdeutlichend Rütliwiese genannt.Beispiel: Rütli auf uri.swiss. In diesem Text wird Rütliwiese als Synonym für Rütli verwendet und auf das ganze Gelände bezogen. Auf dem Gelände selbst wird auf Hinweistafeln und einem Schild (siehe Bild unten) ein bestimmter Bereich als «Rütliwiese» ausgewiesen – auf dieser etwas flacheren Wiesenfläche befindet sich ein Fahnenmast mit Schweizerfahne.

Geschichte Rütlischwur mini|Schwurplatz

Der Rütlischwur ist aus historischer Sicht eine Legende. Es ist nicht bekannt, wann und wie die Vertreter von Uri, Schwyz und Unterwalden den Beistandspakt besiegelt haben sollen. Am Rütli wird heute der «Schwurplatz» als der Ort präsentiert, an dem der Schwur geleistet worden sein soll.

Der Rütlischwur und die Tell-Erzählung tauchen erstmals im Weissen Buch von Sarnen auf, das um 1470 geschrieben wurde. Der Chronist Aegidius Tschudi (1505–1572) griff auf diese Quelle zurück. In seinem Chronicon Helveticum datierte er den Rütlischwur auf den Mittwoch vor Martini (8. November) 1307.

Entwicklung zum nationalen Symbol Die Urkantone veranstalteten auf dem Rütli gelegentlich Versammlungen (unter anderem 1674 und 1713). Durch die Aufklärung konnten sich auch Liberale für das Rütli erwärmen, das die Ideale der nationalen Identität und der Freiheit symbolisierte. Der französische Philosoph Raynal schlug 1780 vor, ein Freiheitsdenkmal auf dem Rütli zu errichten, das Projekt scheiterte aber an Vorbehalten im Kanton Uri. 1789 schlug Uri seinerseits ein Rütli-Denkmal vor, das ebenfalls nicht verwirklicht wurde. In der Helvetischen Republik (1798–1803) blieb das Rütli eine Pilgerstätte für Konservative und Patrioten.

Friedrich Schillers Drama Wilhelm Tell (1804) rückte das Rütli in Deutschland wie in der Schweiz und in anderen Ländern in das Bewusstsein des Publikums. Schiller war selbst nie in der Schweiz gewesen, konnte aber Tschudis Chronik und die darin enthaltenen geografischen Angaben als Quelle nutzen. Sein Tell-Drama entsprach dem Zeitgeist und wurde sehr populär. Damit sorgte der deutsche Dichter im fernen Weimar massgeblich für den Aufstieg des Rütli zum nationalen Symbol der Schweiz. Durch Schillers berühmtes Drama neugierig geworden, kamen Menschen von nah und fern zum Rütli.

1820 schuf der Luzerner Dichter Johann Georg Krauer das patriotische Rütlilied, Franz Josef Greith fügte die Melodie hinzu. Krauer und Greith waren damals Studenten in Freiburg im Breisgau. Das Rütlilied beginnt mit den Zeilen «Von ferne sei herzlich gegrüsset | du stilles Gelände am See» und besingt in der dritten Strophe den Rütlischwur: «Hier standen die Väter zusammen | für Freiheit und heimisches Gut | und schwuren beim heiligsten Namen | zu stürzen die Zwingherrenbrut.»Text des Rütliliedes volksliederarchiv.de

Als die Mitglieder der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) nach der Jahresversammlung 1859 mit dem Schiff am Rütli vorbeifuhren, fiel ihnen auf, dass Investoren ein Hotel auf dem Rütli errichten wollten, das sich in Privatbesitz befand.«Wir wollen gesellschaftliche Brücken bauen». In: Schweizer Familie 23/2023, S. 28. Sie starteten die «Rütlikollekte», eine Geldsammlung zur Erhaltung des Rütli in seiner historischen Form. Noch im gleichen Jahr kaufte die SGG das Gelände mit dem gesammelten Geld und übergab das Areal 1860 der Schweizerischen Eidgenossenschaft als unveräusserliches Nationaleigentum. Sie behielt sich die Verwaltung des Rütli vor und setzte dafür eine Rütlikommission ein. Damit konnte das Rütli, das alte Symbol für die Gründung der alten Eidgenossenschaft, zwölf Jahre nach dem Sonderbundskrieg zum Symbol des neu entstandenen liberalen Bundesstaates werden. In der Folge verteilte die SGG 100'000 Grafiken vom Rütli an Schulkinder der Schweiz. Der bereits früh entstandenen Legende, dass die Schulkinder für das Rütli gesammelt hätten, wurde nicht entgegengetreten; sie verstärkte die Identifikation mit dem Rütli und damit mit der (modernen) Schweiz.

Aufschwung des Tourismus mini|Das Rütlihaus 1887 als Bleistift-Zeichnung von Wilhelm Kretschmer mini|Rütlihaus (2021) mini|Die Schiffstation, Luftaufnahme

Nachdem das Rütli 1860 Nationaleigentum geworden war, wurde das Gelände in den folgenden zwei Jahren für die Besucher hergerichtet: Aufforstung, Anlage von neuen Wegen, Verlegung der Schiffstation. 1865 wurde am Schwurplatz der Dreiländerbrunnen angelegt: Aus einem Kalkfelsen aus Schwyz entspringen seitdem drei Wasserquellen, die symbolisch für die drei Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden stehen.

Unterdessen kamen prominente Besucher, darunter der bayerische König Ludwig II., der von Schiller begeistert war. 1865 reiste er in die «Landschaft des Tell», wie er die Gegend nannte, und träumte anschliessend davon, auf dem Rütli ein prächtiges Schloss errichten zu lassen. Die bereits vollzogene Umwandlung des Rütli in Nationaleigentum vereitelte seine Vision. 1868 kam Queen Victoria zu Besuch, als sie die Schweiz bereiste.Als König Ludwig II. das Rütli kaufen wollte bernerzeitung.ch, 5. Oktober 2019.

1868/69 wurde eine Gaststätte für die Besucher erbaut, das Rütlihaus, ein Holzbau im Stil eines Urner Bauernhauses.Rütli – die mythische Wiese über dem Urnersee schwyz-tourismus.ch Das Rütlihaus ist bis heute in Betrieb.Restaurant Rütlihaus ruetlihaus.ch

Seit 1884 fuhren Dampfschiffe nach Fahrplan zum Rütli. Der zunehmende Andrang der Touristen führte dazu, dass 1913 eine neue Schiffstation gebaut wurde. Das Rütlihaus und die Schiffstation zählen zu den geschützten Kulturgütern in Seelisberg.

Rütlirapport 1940

Als Reaktion auf die Bedrohung durch die Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg fand am 25. Juli 1940 der Rütlirapport durch General Henri Guisan auf dem Rütli statt. Der General wählte diesen Ort wegen seiner Bedeutung als Symbol der Einheit der Schweiz. Beim Rütlirapport informierte Guisan seine Offiziere über den Réduit-Plan zur Verteidigung der Schweiz.

Rütlischiessen Seit 1860 findet jeweils am Mittwoch vor Martini das traditionsreiche Rütlischiessen statt (Distanz 300 Meter), seit Ende der 1930er-Jahre auch ein Pistolenschiessen (Distanz 50 Meter).Rütlischiessen ruetlischiessen.ch

Rütlifeier Bis 2006 Auf dem Rütli wurden nationale Gedenkfeiern zunächst unregelmässig abgehalten.

Seit 1891 findet unter der Ägide der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) alljährlich am 1. August eine Bundesfeier auf dem Rütli statt, jeweils in ähnlicher Form und mit einer Ansprache als Höhepunkt.Bundesfeier vom 1. August auf dem Rütli Website der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft Seit den späten 1940er-Jahren hält eine prominente Schweizer Persönlichkeit die Festrede. Bis 2004 waren es vor allem Personen aus der Zentralschweiz. Seitdem werden mehr Redner aus anderen Landesteilen ausgewählt, um möglichst die ganze Schweiz zu repräsentieren.Frühere Bundesfeiern Website der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft, siehe Abschnitt Liste der FestrednerInnen seit 1949.

Im Jahr 1975 hielt erstmals eine Frau die Festansprache, die Urner Landrätin Hildegard Simmen-Schmid. Als erster Redner, welcher nicht aus den Innerschweizer Kantonen kam, sprach beim Jubiläum 1991 der damalige Nationalratspräsident Ulrich Bremi. Die Luzerner Ständerätin Josi Meier war 1995 die erste Frau mit einer nationalen Funktion. 2005 sprach mit Samuel Schmid erstmals ein Bundespräsident.

Die Rütlifeier wurde ab Ende des 20. Jahrhunderts häufiger durch Rechtsextreme gestört. Im Jahr 2004 wurde anstelle einer Bundesfeier Schillers Wilhelm Tell durch das Deutsche Nationaltheater Weimar aufgeführt, und es gab nur eine kurze Begrüssungsrede durch Judith Stamm von der SGG.«Wilhelm Tell» als Bundesfeier auf dem Rütli nzz.ch, 24. Juli 2004. Den Höhepunkt weiterer Störungen bildete die Feier vom 1. August 2005, an der Bundespräsident Samuel Schmid beschimpft und niedergeschrien wurde. Aufgrund dieser Vorkommnisse wurde der Zugang zur Feier 2006 von einem Grossaufgebot der Polizei kontrolliert. Seit diesem Jahr benötigen die Besucher Zutrittskarten.

2007 Im Jahr 2007 begrüssten mehr als 2000 Personen als erste Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey auf dem Rütli, die gemeinsam mit der Präsidentin des Nationalrates Christine Egerszegi auftrat.Micheline Calmy-Rey auf Rütli wie ein Star gefeiert swissinfo.ch, 1. August 2007. Im Vorfeld war umstritten gewesen, ob die Rütlifeier in diesem Jahr stattfinden solle.Der Streit ums Rütli ist auch ein Streit um die Rolle der Frau nzz.ch, 3. Juni 2007. Auch in ausländischen Medien erschienen laut NZZ Berichte über den «Zank», so in der New York Times, in El Mundo (Spanien), Le Monde (Frankreich) und der Wiener Zeitung. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb, dass «eine konservative Männerriege in Bern und den Kantonen […] versuche, die erste Rede von Frauen sowie einer sozialdemokratischen Bundespräsidentin an der Traditionsstätte der Eidgenossenschaft zu verhindern». Das österreichische Radio sprach von einem «Wahlkampfgeplänkel».Simon Gemperli: «Swiss shrine of freedom under fire». Wie ausländische Medien den Streit ums Rütli deuten. In: Neue Zürcher Zeitung. 24. Juli 2007 (nzz.ch).

Bei den Auseinandersetzungen im Jahr 2007 ging es anfänglich um den Schutz der Feier vor Rechtsextremen, die schon in den vergangenen Jahren bei der Rütlifeier erschienen waren, und um die Frage, wer für die entsprechenden Sicherheitsmassnahmen bezahlen solle. Die Rütlifeier wurde zunächst abgesagt, weil alle Anrainerkantone sich wegen der Sicherheits- und Kostenfrage geweigert hatten, einen Abfahrtsort für die Schiffe bereitzustellen. Daraufhin wurden Rufe laut, man dürfe die Rütlifeier nicht «kampflos der rechtsextremen Szene überlassen».Wird die Rütlifeier doch noch gerettet? swissinfo.ch, 10. Mai 2007. Luzern wollte als Abfahrtsort einspringen, aber nur unter der Bedingung, dass sich die SGG und der Bund an den Sicherheitskosten beteiligen würden. Der Bund lehnte am 16. Mai eine Kostenbeteiligung ab.Kein Abfahrtsort Luzern für die Rütlifeier 2007 Pressemitteilung der Staatskanzlei Luzern auf presseportal.ch, 24. Mai 2007. Bundespräsidentin Calmy-Rey beharrte jedoch darauf, eine Rede auf dem Rütli zu halten. Schliesslich kündigte eine Unternehmergruppe an, die Sicherheitskosten zu übernehmen.