mini|Bad Segeberger Marienkirche im Schnee Die Marienkirche im Bad Segeberger Stadtzentrum wurde ab etwa 1160 als Kirche des Stifts Segeberg errichtet und ist damit die älteste dreischiffige Gewölbebasilika der Backsteinromanik Nordelbiens und architektonisches Vorbild der jüngeren Dome in Lübeck und Ratzeburg. Heute ist sie die Kirche der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Segeberg.

Vorgeschichte und Bau Im Zuge der Eingliederung slawisch-heidnischer Gebiete östlich des Limes Saxoniae in das christliche Heilige Römische Reich gründeten um 1134 Augustiner-ChorherrenKlosterdatenbank auf Geheiß des Missionars Vicelin im Ödland östlich der Trave ein Stift und errichteten im Schutz der frühen Siegesburg auf dem Kalkberg erste schlichte Klostergebäude. Bei slawischen Überfällen gingen diese Vorgängerbauten der Marienkirche 1138 in Flammen auf, während die Augustiner nach Wippenthorp flohen und sich anschließend in Högersdorf am sicheren Westufer der Trave niederließen.

Nach der Ernennung der Kalkbergsiedlung 1156 zum Bischofssitz und der Rückkehr der Chorherren aus Högersdorf fand um 1156/57 die Grundsteinlegung einer riesigen dreischiffigen Kreuzbasilika mit angrenzenden Klosterbauten statt. Naturgegebene Holz-, Gips-, Ton- und Wasservorkommen ermöglichten den Bau in innovativer Ziegelbauweise im spätromanischen Stil. Eine 1192 von Kaiser Heinrich VI. ausgestellte Urkunde belegt erstmals das noch laufende Bauprojekt. 1199 wurde die Kirche in einer Urkunde von Papst Innozenz III. „eccl. S. Maria“ genannt, was auf eine inzwischen erfolgte Weihe hinweist. Nach rund 60 Jahren Bauzeit waren bis ca. 1216 alle für den Gottesdienst der Chorherren notwendigen Einrichtungen entstanden: Ein Querhaus mit zwei östlichen Nebenapsiden, ein östlicher Chor mit der Hauptapsis und drei Joche über dem westlichen Hauptschiff. Ornamentale Verzierungen der Kapitelle scheinen erst in verbautem Zustand aus großen Gipsblöcken herausgearbeitet worden sein und blieben teilweise unvollständig.

Die spätere Ergänzung des Kirchenbaus mit einem Turm und einem breiten Portal im Westen des Baukörpers wird auf das zweite Viertel des 13. Jahrhunderts datiert. Die der hl. Maria geweihte Klosterkirche ist damit einer der ältesten Kirchenbauten Nordelbiens und zugleich die erste Kirche der Region mit einem Gewölbe. mini|Gipssteinkapitell

Die Klosterkirche des Spätmittelalters mini|ARX SEGEBERGA (Ausschnitt) aus: Braun und Hogenberg: Civitates orbis terrarum, Köln 1588 Die Stiftskirche St. Marien stand im Mittelpunkt weiterer zum Stift gehörender (Kloster-)Gebäude, von deren Bestand heute nur noch zwei Stiche des 16. Jahrhunderts zeugen: Nördlich setzte der umlaufende Kreuzgang mit Klosterkapitel, Refektorium, Friedhofskapelle, Necessarium und dem „Wohnturm“ der Chorherren an; an der Nordwestecke stand das Abthaus. Weitere Gebäude lagen im umliegenden Außengelände (Backhaus, Kornspeicher, Fahrscheune und Wohnhaus der Laienbrüder sowie das St.-Jürgenshospital und Vogteihäuser); der Friedhof dagegen lag südlich der Kirche. Im nördlichen Querhaus stand im St. Antoniuschor ein Altar für den Begründer des Mönchswesens, St. Antonius. Vermutlich erst in der Gotik wurde der kreuzförmige Grundriss der romanischen Basilika durch die Verkürzung des nördlichen Querhauses auf die Breite des Seitenschiffes und den Einbau einer weiteren Säule in der Flucht des Hauptschiffes verändert. Zur Ausstattung der Kirche im Spätmittelalter gehörten weiterhin die Bronzetaufe des Bremer Gießers Ghert Klinghe von 1447 und das spätgotische Kruzifix im östlichen Gurtbogen der Vierung.

Seit dem 13. Jahrhundert nutzten die Chorherren Kirche und Stift nach den Regeln des Augustinerordens, verfügten somit über das Recht der freien Propst- und Vogtwahl und verbanden mit dem liturgischen Dienst sowohl Seelsorge und Mission als auch Hospitalpflege und Armenfürsorge. In einer Schule der Kirche wurden zudem Priester für die Livlandmission ausgebildet; berühmtester Schüler war der erste Bischof von Livland, Meinhard von Segeberg (1130/1140–1196).

Seit den 1470er Jahren erfolgte in der Amtszeit des Segeberger Priors Albert Wiltink von Bocholt (1471–1472) im Zuge der Windesheimer Reformen die Trennung der Stifts- von der Pfarrkirche durch den Erweiterungsbau eines über 22 Meter langen Ostchores mit 3/8 Schluss.Enno Bünz: Zwischen Kanonikerreform und Reformation. Anfänge, Blütezeit und Untergang der Augustiner-Chorherrenstifte Neumünster-Bordesholm und Segeberg (12. bis 16. Jahrhundert) (= Schriftenreihe der Akademie der Augustiner-Chorherren von Windesheim. 7), Augustiner-Chorherren-Verlag, Paring 2002, S. 50. Vermutlich zur Erschließung des Dachwerkes über dem Ostchor erhielt die Kirche in der äußeren Südost-Ecke zudem einen Treppenturm, dessen Fundamentreste 1883 nachgewiesen werden konnten.Reste eines Treppenturms hat der Baumeister Prüss 1883 festgestellt, nach einem Schreiben an Provinzialkonservator Haupt vom 18.3.1883, vgl. Wolfgang Teuchert: Der gotische Stiftschor der Segeberger Kirche. In: Nordelbingen. Beiträge zur Kunst- und Kulturgeschichte. Band 36, Heide i. H. 1967, S. 12. Die Fertigstellung des riesigen Ostchores ermöglichte es den Chorherren von Windesheim auf die Einhaltung eines geregelteren Tagesablaufs nach den Windesheimer Vorschriften, wie z. B. auf die ungestörte Einhaltung des Stundengebets im nun abgetrennten „Mönchsstuhl“ hinzuwirken. Für den neuen Ostchor wurde vermutlich auch das Altarretabel in einer Lübecker Werkstatt geschaffen, das zwischen 1510 und 1520 fertig gestellt war.Günther Gathemann: Das Retabel der Marienkirche Bad Segeberg. Synopse zum Altar der Segeberger Marienkirche. Eigenverlag, Bad Segeberg 2017, S. 4 f.

Nach einem Blitzschlag in den Kirchturm im Jahre 1500 dürfte der Turmhelm mit dem Glockenstuhl und den Zwischendecken verändert wieder aufgebaut worden sein.J. C. Hein: Aus Segebergs Vorzeit. Segeberg 1904, S. 49. Heute misst die Turmhöhe über alles 68,4 Meter (= 109,54 Meter über NN).Bauzeichnung, Archiv der Kirchengemeinde Segeberg, Nr. 656.

Die Marienkirche seit der Reformation Die lutherische Reformation fand in Segeberg früh Anklang. Bereits seit den 1520er Jahren predigten in der Marienkirche die ersten evangelischen Pastoren vor einer lutherischen Gemeinde. Aus dieser Zeit stammt auch das bis heute erhaltene Epitaph für Gerhard Walstorp, das Heinrich Rantzau 1562 an der Westwand des zweiten Pfeilers südwestlich der Vierung seinem Großvater mütterlicherseits setzen ließ.

Bis zur endgültigen Aufhebung des Chorherrenstiftes 1564/66 und der Übernahme der Klostergebäude durch den königlichen Statthalter Heinrich Rantzau blieb das Innere der Kirche weiterhin in zwei voneinander getrennte Bereiche – für die verbliebenen Chorherren (im gotischen Ostchor) und die lutherische Pfarrgemeinde (im westlichen Langhaus) – getrennt. Das seit 1564 ungenutzte Ostchor wurde nicht weiter unterhalten und nach der Umsetzung des Altars in den Vorchor 1573 mit einem Gatter abgetrennt und dem weiteren Verfall preisgegeben. Im Jahre 1612 stifteten der Segeberger Amtmann Markwart von Pentz und dessen Ehefrau Anna Katharina, geb. von Thienen eine üppig verzierte Kanzel im Stil des Spätrenaissance, die ihren ursprünglichen Platz vermutlich am nördlichen, mittleren Pfeiler des Hauptschiffes und damit in der Mitte der Gemeinde hatte. (Bei der großen Renovierung der Kirche im 19. Jahrhundert zerbrach die Kanzel 1863/64 und wurde anschließend von dem Kieler Bildhauer Eduard Lürssen von Farbschichten befreit, restauriert und verändert wieder zusammengesetzt und erhielt ihren neuen Platz nun am nordöstlichen Pfeiler des Hauptschiffes, an dem sie bis heute sitzt.)

Während die Klosteranbauten bis auf das Abthaus und einem südlichen Abschnitt des Kreuzgangostarms – künftig als Gruft für adlige Beisetzungen genutzt – bereits zwischen 1620 und 1630 abgebrochen wurden, wurde der verfallene Mönchschor erst in den Jahren 1654 bis 1657 niedergelegt. Die entstandene Öffnung in der Ostwand wurde mit den vorhandenen und bis heute sichtbaren Feldsteinen und Granitquadern aus dem Fundament des einstigen Ostchores geschlossen.Wolfgang Teuchert: Der gotische Stiftschor der Segeberger Kirche. In: Nordelbingen. Beiträge zur Kunst- und Kulturgeschichte. Band 36, Heide i. H. 1967, S. 7–14.

Spätestens um die Mitte des 16. Jahrhunderts existierte eine erste Orgel in der Marienkirche, was Reparaturauslagen aus den Jahren 1547 und 1549 belegen. Bei einer Renovierung der baufälligen und verstellten Innenräume im Jahre 1684 wurde in die Marienkirche eine neue Orgel eingebaut.

Umbauten des 18. Jahrhunderts Das früheste Zeugnis für die Existenz einer Kirchenglocke geht auf das Jahr 1731, in dem die 1.300 Kilogramm schwere Bronzeglocke (Ton d’) eingebaut wurde.

Trotz ständiger Reparaturen galt die Marienkirche in der Mitte des 18. Jahrhunderts als erheblich ruiniert. Dennoch wurden im Inneren 1758 noch zwei hölzerne Emporen in beiden Querhäusern eingebaut. Während laufender Reparaturen tauchten beständig neue Schäden auf: Ein stark überhängender Südgiebel des Querhauses mit einer Neigung der Mittelschiffswände nach außen und des Turms nach Westen sowie Schäden in der Dachkonstruktion. Nach Empfehlung des Landesbaumeisters Johann Gottfried Rosenberg aus dem Jahre 1760 wurde das südliche Querhaus abgebrochen und durch eine Verlängerung der äußeren Seitenschiffswand ersetzt. mini|Marienkirche nach barockem Umbau (1761–1864) Besonders tiefgreifend war die barocke Umgestaltung der Kirche von 1761 bis 1764: dabei erhielt die Kirche an der Südwand einen mittig platzierten barocken Windfang als künftigen Haupteingang. Besonders nachhaltig veränderte sich das Erscheinungsbild durch den Umbau des bisherigen Kehlbalkendachs über dem Mittelschiff, das 1762 mit verlängerten Schleppdächern über die Seitenschiffe herunter gezogen wurde und dabei die frei sichtbaren Obergadenfenster aufgab. Zum Ende dieses Umbaus erhielt die Kirche erstmals ein mechanisches Uhrwerk mit Gewichtszügen im Turm und Ziffernblätter in drei Himmelsrichtungen – jedoch noch ohne Schlagwerk.

Als sich 1830 die nördliche Seitenschiffsmauer als marode erwies und neu aufgeführt werden musste, wurde zugleich auch das Gewölbe des nördlichen Seitenschiffs abgebrochen und durch eine flache Balkendecke ersetzt. An der Dachkonstruktion, ausweichenden Mauern und Setzungen in den Gewölbekappen, die im Ostbereich des südlichen Seitenschiffs bereits zusammengebrochen waren, tauchten immer neue Schäden auf. 1845 erfolgte zunächst der Abbruch des barocken Giebels über der „Schülertür“ im südlichen Seitenschiff.

Neuromanischer Umbau (1863–1867) Unter dem schleswig-holsteinischen Bauinspektor Hermann Georg Krüger entstanden ab 1862 Instandsetzungspläne mit einer neuromanischen Umgestaltung. Im Sommer 1863 begann die Arbeiten mit dem Anbau von regelmäßig verteilten Strebepfeilern an den Seitenschiffen, mit der Freilegung von Fensteröffnungen, dem Wiederaufbau eines südlichen Querhausarms, der Belegung des Fußbodens im neu errichteten südlichen Querhausarm mit Wesersandsteinplatten, mit der Entfernung des mittelalterlichen Dachwerkes und der jüngeren Schleppdächer über den Seitenschiffen, und – bei Freilegung der Obergadenfenster – mit der Rückkehr zur basilikalen Gestalt. Ebenso erfolgte der Wiedereinbau sechs neuer Kreuzgratgewölbe im nördlichen Seitenschiff sowie die Neuverblendung sämtlicher Außenmauern und eines Großteils der Innenwände sowie die Neugestaltung aller Fenster. Die bisherigen Holzschindel des Hauptdaches und der Seitenschiffsdächer wurden mit Schieferplatten ersetzt. Gurtbögen, Gewölbekappen und Stuckelemente erhielten Sicherungen. Im Frühjahr 1864 wurden am Turm alte Anbauten abgebrochen und neue Seitenhäuser mit Pfeilern und Gewölben aufgeführt. Auf den alten Fundamenten entstand ab 1865 auch wieder ein nördlicher Querhausarm, während die bisherige Abscherung vom Vierungsbereich mit dem Pfeiler und den beiden Bögen abgebrochen wurde.