Kaʻula oder Kaula ist eine kleine, unbewohnte Insel im nördlichen Pazifischen Ozean, die geografisch zum Hawaii-Archipel und politisch zum US-Bundesstaat Hawaii (Hawaiʻi) gehört. Sie ist die westlichste in der Untergruppe der Inseln über dem Winde (Windward Islands) und liegt rund 35 km südwestlich der bewohnten Insel Niʻihau.
Geografie Kaʻula ist sichelförmig, bis zu 350 m breit und misst von Nord nach Süd 1,2 km mit einer Gesamtfläche von 0,64 km². Die Küste ist geprägt von steilen, nahezu unzugänglichen Kliffs, die bis zu 120 m unmittelbar aus dem Meer emporragen. Die höchste Erhebung (Manohua) mit 167 m liegt ungefähr im Zentrum der Insel. Einen vorgelagerten Korallensaum und Strände gibt es nicht. Eine Brandungsplattform von 3 bis 20 m Breite ist nur stellenweise an der – relativ geschützten – konkaven Ostseite entstanden.Harold S. Palmer: Geology of Lehua and Kaula Islands. Bernice P. Bishop Museum Occasional Paper, Honolulu 1936, Bd. 12, Nr. 13 Aus der Entfernung wirkt die Insel kahl und ohne Vegetation, auffallend sind lediglich die weißen Verfärbungen, die von den Exkrementen der zahlreichen Meeresvögel herrühren. Die 60 m tiefe Kahālauola-Höhle im Nordwesten hat eine 18 m breite, für kleine Boote befahrbare Öffnung zum Ozean.Storrs L. Olson: History and Ornithological Journals of the Tanager Expedition of 1923 to the Northwestern Hawaiian Islands […]. Atoll Research Bulletin 433, Smithsonian Institution, Washington D. C. 1996, S. 90–91 In der westlichen Steilküste befinden sich weitere flache Höhlen bzw. Felsüberhänge.
Geologie Die erste Veröffentlichung zur Geologie Kaʻula stammt von den deutsch-schweizerischen Vulkanologen Immanuel Friedlaender. Er hatte die Insel nicht selbst gesehen, sondern eine Kartenskizze, eine Beschreibung und Fotos von Superintendent A. E. Arledge vom United States Lighthouse Service (USLHS) erhalten, der Kaʻula mit dem Leuchtturmtender Kukui im Jahr 1921 aufsuchte. Trotz ruhiger See fand der Kapitän keine geeignete Landestelle, sodass die Kukui die Insel nur umrundete.Immanuel Friedlaender: Die Insel Kaula in der Hawaiigruppe. In: Zeitschrift für Vulkanologie, Bd. 7, S. 107–108
Nachdem er bereits 1923 die Insel an Bord der USS Tanager umfahren und ohne sie zu betreten fotografiert hatte, war der Geologe Harold S. Palmer (1890–1959) vom 17. bis 19. August 1932 Gast des USLHS auf Kaʻula und konnte dabei seine Beobachtungen fortsetzen und vertiefen.
Die Insel sitzt einem unregelmäßig geformten Schildvulkan von etwa 13 km Länge und 7 km Breite auf, der Teil des untermeerischen Kaʻula-Niʻihau-Kauaʻi-Rückens (Kaʻula-Niʻihau-Kauaʻi Ridge) ist.Gordon A. Macdonald et al.: Volcanoes in the Sea: The Geology of Hawaii (Second Edition). University of Hawaii Press, Honolulu 1983, ISBN 0-8248-0832-0 Sie ist vulkanischen Ursprungs und besteht überwiegend aus einem grau-braunen bis rötlichen palagonitischen Tuff, in den olivinhaltige Vulkanische Bomben unterschiedlicher Größe eingelagert sind. Die feinere eingebettete Körnung (< 5 mm) besteht aus Vulkanglas, feinkörnigem Basalt sowie Pyroxeniten und Peridotiten.
Tuff entsteht, wenn flüssiges Magma unter hohem Druck aus einem Vulkan in die Atmosphäre geschleudert wird. Die Insel Kaʻula bildete sich während eines explosiven Vulkanausbruchs mit hohem Anteil magmatischer Gase, einer sogenannten Plinianischen Eruption, bei der eine Eruptionssäule aus Lava bzw. Lavafragmenten, magmatischen Gasen, mitgerissenem Nebengestein und eingeströmter Luft entsteht. Wie sich aus der Datierung von Phonolith von Kaʻula schließen lässt, fand die Eruption vor 4,0 bis 4,2 Millionen Jahren statt.Michael O. Garcia et al.: Petrology of volcanic rocks from Kaula Island, Hawaii: Implications for the origin of Hawaiian phonolites. In: Contributions to Mineralogy and Petrology, Jg. 94, 1986, S. 461–471
Wetter und Klima Kaʻula liegt im Tropengürtel der Erde. Die recht hohen Temperaturen – durchschnittlich zwischen 21 und 29 °C für das benachbarte OahuWetterkontor abgerufen am 28. Februar 2025 – werden von den Passatwinden gemildert. Wegen ihrer geringen Höhe kann die Insel jedoch vom Passatregen kaum profitieren. Die jährliche Regenmenge ist gering.
Flora und Fauna Kaʻula ist seit 1952 militärisches Sperrgebiet, sodass über Flora und Fauna nur ältere Veröffentlichungen vorliegen.
Flora Der Botaniker Edward Leonard Caum (1893–1952), ein Spezialist für die Flora Hawaiis, hatte die Gelegenheit, die Insel mit weiteren Wissenschaftlern im Frühling 1930 und im Sommer 1931 zu Forschungszwecken zu betreten, während der Leuchtturm aufgebaut wurde. Er erkannte, dass weite Bereiche der Steilküste völlig unfruchtbar sind, doch eine genauere Suche zwischen den Felsen brachte trockene Gräser und Seggen zutage, was darauf schließen ließ, dass die Vegetation nach den seltenen Regenfällen deutlich üppiger sein dürfte. Die Biodiversität Kaʻulas ist gering, der lückenhafte Bewuchs der Hochfläche bestand ausschließlich aus kleinwüchsigen Pflanzen, wie sie auch auf anderen Inseln des Hawaii-Archipels vorkommen. Darunter waren:
Chenopodium oahuense (syn. Chenopodium sandwicheum), hawaiischer Name: Aweoweo, ein auf den Hawaii-Inseln endemischer Strauch, in einer niedrig wachsenden Variante die häufigste Pflanze auf Kaʻula, Euphorbia celastroides aus der Familie der Wolfsmilchgewächse, hawaiischer Name: Akoko, auf Kaʻula in einer niedrigen, breit wuchernden Abart vorkommend, Portulaca lutea sowie Portulaca villosa (syn. Portulaca caumii), eine seltene, ebenfalls auf den Hawaii-Inseln endemische Pflanze, Amaranthus viridis, eine verbreitete Verwandte des Garten-Fuchsschwanzes, Tribulus cistoides, ein in den Tropen und Subtropen häufiger, kriechend wachsender Halbstrauch.Edward L. Caum: Notes on the Flora and Fauna of Lehua and Kaula Islands. Bishop Museum Occasional Papers, Bd. 11, Nr. 21, Honolulu 1936, S. 1–17
Fauna mini|Insel Kaʻula; ein Maskentölpel im Vordergrund Bisherige Untersuchungen zur Fauna beschränkten sich auf Vögel und Insekten. Die unzugängliche und von eingeschleppten Prädatoren (Ratten und Katzen) freie Insel ist ein ideales Brutgebiet für Meeresvögel, obwohl die spärliche Pflanzendecke die Attraktivität für manche Vogelarten einschränkt. Geschätzte 100 000 Vögel von 18 verschiedenen Spezies nisten auf Kaʻula. Der häufigste Vogel ist der Braunnoddi (Anous stolidus), verbreitet sind auch die Rußseeschwalbe (Onychoprion fuscatus, syn. Sterna fuscata), der Rotschwanz-Tropikvogel (Phaethon rubricauda), der Rotfußtölpel (Sula sula) und der Maskentölpel (Sula dactylatra).
Der Botaniker Edward L. Caum sammelte 15 Arten von Insekten, überwiegend Immigranten von anderen Hawaii-Inseln, die später identifiziert und katalogisiert wurden:
vier Arten von Hautflüglern (Hymenoptera) 4 Arten von Zweiflüglern (Diptera) 2 Käferarten (Coleoptera) und je eine Art Gleichflügler (Homoptera), Fransenflügler (Thysanoptera), Tarsenspinner (Embioptera, syn.: Embiodea, Embiidina) und Pseudoskorpione (Pseudoscorpiones, syn.: Pseudoscorpionida, Chelonetidae) sowie eine nicht näher bestimmte Motte. Edwin H. Bryan: Insects from Kaula Island. In: Proceedings of the Hawaiian Entomological Society, Bd. 8, Nr. 2, 1932, S. 245–246
Geschichte Vorgeschichte Die häufige Erwähnung der Insel in den mündlichen Überlieferungen (hawaiisch mele = Lied, Hymne oder Gesang, auch Gedicht, PoesieMary Kawena Pukui, Samuel H. Elbert (Hrsg.): Hawaiian Dictionary. University of Hawaii Press, Honolulu 1986, ISBN 978-0-8248-0703-0) beweist, dass Kaʻula den Hawaiiern seit langer Zeit bekannt war, doch dürfte die dauerhafte Besiedlung wegen mangelnder Ressourcen und fehlendem Trinkwasser auszuschließen sein. 1925 wurden beim Bau des Leuchtturmes zwei Steinstrukturen im Nordteil gefunden, die möglicherweise Überreste einer Tempelanlage (Heiau) sind.Edwin H. Bryan: American Polynesia and the Hawaiian Chain. Tongg Publishing, Honolulu 1942, S. 163 Der Heiau soll den Namen Pōhaku-pio (gekaperter oder erbeuteter Stein) getragen haben.Mary Kawena Pukui et al.: Place Names of Hawaii. University of Hawaii Press, Honolulu 1974, ISBN 0-8248-0524-0, S. 93 Eine wissenschaftliche Untersuchung der Relikte fand bis heute nicht statt. Nach der hawaiischen Mythologie gehörte Kaʻula zum Territorium des legendären Helden Kawelo von Kauaʻi, der über die Vögel herrschte. Der Haifischgott Kūhaimoana, einer der Brüder der Vulkangöttin Pele, hauste der Legende nach in der großen Höhle im Nordwesten.
Europäische Entdeckung Kaʻula (nach James Cook: Tahora) war eine der fünf Hawaii-Inseln, die Captain James Cook während seiner dritten Reise sah. Nach einem dreiwöchigen Aufenthalt auf Kauaʻi kreuzten die Resolution und das Begleitschiff Discovery im Februar 1776 zwischen den nordwestlichen Hawaii-Inseln.
Ohne dass jemand die Insel betrat, passierten die beiden Schiffe Kaʻula erneut am 15. März 1779, um dann weiter nach Kamtschatka zu segeln.Gary L. Fitzpatrick, Riley Moore Moffat: The Early Mapping of Hawai'i. Kegan Paul International, London 1987, ISBN 978-0-7103-0240-3, S. 16
Im Juli 1885 reiste die Prinzessin (später Königin von Hawaii) Liliʻuokalani mit einer illustren Gruppe von 200 Ausflüglern, darunter auch der Missionar und Naturwissenschaftler Sereno Edwards Bishop (1827–1909), der Ornithologe und spätere Präsident der Republik Hawaii Sanford Dole sowie weitere Wissenschaftler, mit dem Dampfer Irawani zur Insel Nihoa. Die Gesellschaft verursachte bei einem Picknick auf Nihoa einen Flächenbrand und musste die Insel fluchtartig verlassen. Die Irawani fuhr anschließend weiter nach Kaʻula. Dort sollte eine Vogeljagd veranstaltet werden. Nachdem das Schiff die Insel zwei Stunden lang umrundet hatte, um vergeblich nach einer Landestelle zu suchen, gab man auf.
Die erste multidisziplinäre Forschungsreise zu den nordwestlichen Hawaii-Inseln war die sogenannte Tanager-Expedition der Smithsonian Institution mit dem Minensuchboot USS Tanager (AM-385), das die US Navy zur Verfügung gestellt hatte. Die Wissenschaftler unter der Leitung des Ornithologen Alexander Wetmore erreichten Kaʻula am 16. April 1923. Die Forscher brachten ein Beiboot aus und fuhren damit in die große Höhle an der Nordwestseite. Eine Landung auf der Insel war wegen der heftigen Brandung nicht möglich.
Die erste erfolgreiche Landung auf Kaʻula in der Neuzeit gelang George Gay, einem Angehörigen der Eignerfamilie von Niʻihau, im Jahr 1920. Er sprang von einem Boot ins Meer und schwamm durch die Brandung zu dem schmalen Uferstreifen. Der Rückweg war ihm wegen zu hoher Wellen versperrt, sodass er eine Nacht auf der unwirtlichen Insel verbringen musste. Am folgenden Tag retten ihn einige Hawaiier mit einem Auslegerkanu.Linda R. Evans: Kaula – Hawaii’s Forgotten Bird Island. In: Elepaio – Joumal of the Hawaii Audubon Society, Bd. 37, Nr. 6 vom Dezember 1976
Am 3. Februar 1909 stellte Präsident Theodore Roosevelt die nordwestlichen, unbewohnten Hawaii-Inseln und Riffe als „Hawaiian Islands Bird Reservation“ unter Schutz. Das Schutzgebiet umfasste jedoch nicht die Inseln Kaʻula und Midway.Executive Order 1019 by President of the United States, Establishing Hawaiian Islands Reservation as Preserve and Breeding Ground for Native Birds vom 3. Februar 1909
Leuchtturm Bei Dunkelheit und schlechter Sicht stellte Kaʻula – vor Einführung des Radars – eine erhebliche Gefahr für die Schifffahrt dar. Deshalb wurde bereits in den 1920er Jahren über ein Leuchtfeuer auf der abgelegenen und unzugänglichen Insel diskutiert, denn sie lag an der auch strategisch bedeutsamen Route Midway, Manila, Guam, Hongkong. 1924 wies der Staat Hawaii der US Coast Guard 108 Acres (≈ 44 Hektar) Land auf der Insel Kaʻula für einen Leuchtturm zu.State of Hawaii, Governor’s Executive Order Number 173 Planung und Bau sind ein bemerkenswertes Kapitel der Technikgeschichte.