mini|Obst- und Gemüsestand auf dem Bonner Biomarkt am Münster (2008) Als Bio-Lebensmittel werden Lebensmittel aus der ökologischen Landwirtschaft bezeichnet. Der Begriff ist in der EU gesetzlich definiert. Diese Produkte müssen aus ökologisch kontrolliertem Anbau stammen, dürfen nicht gentechnisch verändert sein und werden ohne Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln, Kunstdünger oder Klärschlamm angebaut. Tierische Produkte stammen von Tieren, die artgerecht gemäß EG-Öko-Verordnung. gehalten werden und in der Regel nicht mit Antibiotika und Wachstumshormonen behandelt wurden. Die Produkte sind nicht ionisierend bestrahlt und enthalten weniger Lebensmittelzusatzstoffe als nicht-ökologische (veraltet: konventionelle) Lebensmittel, dürfen aber im Ausnahmefall bis zu 5 % nicht ökologisch erzeugte Zutaten enthalten (z. B. Aromen). Mit der Einführung der aktuellen EU-Bio-Verordnung 848/2018 im Jahr 2022 ist der Einsatz nicht-ökologischer Zutaten in Bio-Lebensmitteln weiter eingeschränkt worden.
mini|Bio-Logo für Lebensmittel nach EU-Öko-Verordnung Die EG-Öko-Verordnung von 2007 definiert, wie landwirtschaftliche Erzeugnisse und Lebensmittel, die als Öko-Produkte gekennzeichnet sind, hergestellt und gekennzeichnet werden müssen. Um konventionell von ökologisch hergestellten Lebensmitteln zu unterscheiden, führte Deutschland 2001 das staatlich kontrollierte Bio-Siegel ein, mit dem nur nach der EG-Öko-Verordnung hergestellte Produkte gekennzeichnet werden dürfen. Während Biokost ein Synonym für Lebensmittel aus kontrolliert biologischem Anbau ist, kann Naturkost auch konventionell produziert sein.
Erhältlich sind Bio-Lebensmittel u. a. in Hofläden, Bioläden, Reformhäusern und zunehmend im Lebensmitteleinzelhandel sowie in Supermärkten. Bei den ökologischen Anbauverbänden sind die Richtlinien zum Teil deutlich strenger als von der EG-Öko-Verordnung vorgeschrieben. Bio-Lebensmittel sind grundsätzlich umweltfreundlicher als konventionell erzeugte.
alternativtext=Bio-Äpfel|mini|Bio-Äpfel
Geschichte Die Vorläufer der modernen Bio-Lebensmittel sind zumindest teilweise in der Naturkost-Bewegung (siehe Lebensreform), der Siedlung auf dem Monte Verità und anderen Gruppen zu sehen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts Ernährung und Bewusstsein miteinander verbanden. Diese Vorläufer hatten ihre Basis in Ernährungslehren zur Vollwertkost und im Vegetarismus. Anfangs bestand Naturkost hauptsächlich aus frischem Gemüse. Die damaligen Verbraucher, die Interesse an Naturkost hatten, suchten Lebensmittel, die frei von Zusatzstoffen, frisch oder nur minimal bearbeitet waren. Der Anbauverband Demeter propagiert seit den 1920er Jahren auf anthroposophischer Grundlage eine biologisch-dynamische Landwirtschaft.
Die moderne Naturkost-Bewegung erfuhr einen Aufschwung in der Hippie-Zeit der späten 1960er und frühen 1970er Jahre. Das sprichwörtliche Müsli gewann an Popularität (siehe auch Makrobiotik, Vollwerternährung). In den 1970er Jahren entstanden in Westdeutschland die ersten Bioläden in Berlin, Hamburg und Münster. Ende der 1970er Jahre gab es bundesweit rund 100 dieser Läden. (PDF; 143 kB). Die Verbreitung der Naturkost nahm seit Mitte der 1980er Jahre zu.
Zum Fokus auf gering verarbeitete Lebensmittel gesellte sich zunehmend die Bedeutung eines „biologischen“ Anbaus. 1971 wurde der eingetragene Verein „bio-gemüse“ gegründet, der Vorläufer der verbreiteten Bioland-Anbauvereinigung für Bio-Lebensmittel (gegründet 1976). 1979 kam der Anbauverband Biokreis hinzu, 1982 der Anbauverband Naturland. Mitte 1980er Jahre gab es bereits rund 2000 Produzenten von Bio-Lebensmitteln allein in Deutschland, die ökologische Landwirtschaft betreiben. Im Jahr 2000 wurde ein EU-Biosiegel für Biologische Landwirtschaft und Ökologischen Landbau herausgebracht, 2001 wurde das deutsche staatliche Bio-Siegel eingeführt. Seit 2010 gibt es in Deutschland auch tiefgekühlte Bio-Beikost als Babynahrung.Babyviduals - Alternative zum Selberkochen In: WiM – Wirtschaft in Mittelfranken. 04/2011, S. 72. Im Jahr 2015 wurden in Deutschland über eine Million Hektar Fläche (ca. 6,4 %) ökologisch bewirtschaftet.Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft , Seiten 5 und 19.
Bionahrungsmittel seien spätestens 2019 keine Nischenprodukte mehr, sondern im Mainstream angekommen, melden die Wirtschaftsjournalisten des Deutschlandfunks. Bereits 2017 hatten die deutschen Öko-Anbau-Betriebe erstmals die Marke von zehn Milliarden Euro Umsatz übertroffen, mit einem Plus von sechs Prozent. Der Branchenverband Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft sah für 2018 erneut einen Anstieg in ähnlicher Größenordnung. Auch die bedeutende Gesellschaft für Konsumforschung sagt, Bio sei inzwischen Mainstream geworden.Bio ist im Mainstream angekommen, Deutschlandfunk, erschienen und abgerufen am 13. Februar 2019.
Die Bundesregierung unter Olaf Scholz und der damalige Ernährungsminister Cem Özdemir verfolgte das Ziel, bis 2030 den Anteil an Bio-Lebensmitteln auf 30 % zu steigern und dafür den Anteil auch in der Außer-Haus-Verpflegung zu steigern. Hierfür wurde die Richtlinie zur Förderung der Beratung von Unternehmen der Außer-Haus-Verpflegung zum vermehrten Einsatz von Produkten des ökologischen Landbaus erlassen.
Arten von Biokost Milchprodukte, Backwaren, Gemüse und Obst sind häufig nachgefragte Bio-Lebensmittel. Bearbeitete Bio-Lebensmittel werden meist in Supermärkten, Naturkostfachgeschäften und Biosupermärkten verkauft. Bearbeitete Bio-Lebensmittel enthalten meistens nur (oder zumindest ausdrücklich angegebene) Bio-Zutaten und keine künstlichen Lebensmittelzusatzstoffe, wie Farb- und Konservierungsstoffe, Geschmacksverstärker, künstlichen Aromen oder Stabilisatoren. Außerdem dürfen die Endprodukte nicht durch künstliche Methoden, Materialien oder Prozesse wie beispielsweise künstliche Reifungen oder Lebensmittelbestrahlung bearbeitet worden sein. Ob Bio-Lebensmittel qualitativ besser sind als konventionell hergestellte Produkte, untersucht die Stiftung Warentest regelmäßig im Rahmen von Lebensmitteluntersuchungen.Biolebensmittel: Masse statt Klasse test.de vom 26. April 2007, abgerufen am 16. Februar 2015.
Gesundheitliche Wirkungen Unterschiede in gesundheitlichen Wirkungen zwischen konventionell hergestellten und Bio-Lebensmitteln waren Gegenstand zahlreicher Studien. Insgesamt kamen die Untersuchungen zu keinen eindeutigen Ergebnissen, für gesundheitliche Vorteile von Bio-Lebensmitteln wurden in zahlreichen Studien keine klaren Belege gefunden. Meist wiesen Bio-Lebensmittel weniger Rückstände von Pflanzenschutzmitteln auf. Eine neuere Studie der EFSA zeigt eine deutlich geringere Pestizid-Belastung bei Bio-Lebensmitteln.Monitoring data on pesticide residues in food: results on organic versus conventionally produced food. In: EFSA Supporting Publications. 15, 2018, doi:10.2903/sp.efsa.2018.EN-1397. In manchen Untersuchungen wurden höhere Nährstoffgehalte gefunden. Für positive Wirkungen von Bio-Lebensmitteln auf die Gesundheit gibt es derzeit keine klaren Belege. Eine Studie basierend auf Daten zu 600.000 Frauen deutet darauf hin, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Bio-Lebensmittel und einem verringerten Krebsrisiko gibt; es könnte aber ein vermindertes Risiko geben, an einem Non-Hodgkin-Lymphom zu erkranken.K. E. Bradbury, A. Balkwill, E. A. Spencer, A. W. Roddam, G. K. Reeves, J. Green, T. J. Key, V. Beral, K. Pirie: Organic food consumption and the incidence of cancer in a large prospective study of women in the United Kingdom. In: British Journal of Cancer. 110, 2014, S. 2321, doi:10.1038/bjc.2014.148. Eine weitere Studie zeigt den gleichen Effekt bei Non-Hodgkin-Lymphom und ein verringertes Risiko für postmenopausalem Brustkrebs.Julia Baudry, Karen E. Assmann, Mathilde Touvier, Benjamin Allès, Louise Seconda, Paule Latino-Martel, Khaled Ezzedine, Pilar Galan, Serge Hercberg, Denis Lairon, Emmanuelle Kesse-Guyot: Association of Frequency of Organic Food Consumption With Cancer Risk. In: JAMA Internal Medicine. 2018, doi:10.1001/jamainternmed.2018.4357.
Teilweise stark verarbeitetes Convenience Food kommt auch bei Bio-Produkten vor, welches zu negativen gesundheitlichen Folgen führen kann.
Pestizidrückstände Einer Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2006 zufolge wurden in konventionellen Lebensmitteln ca. drei- bis fünfmal so häufig Pestizidrückstände gefunden wie in biologischen Lebensmitteln. Vergleicht man die Proben, bei denen Pestizidrückstände gefunden wurden, so war die Belastung bei biologischen Lebensmitteln meist geringer. Allerdings waren Rückstände auch bei konventionell erzeugten Nahrungsmitteln zu gering, um eine Gesundheitsgefahr darzustellen.Winter, C. & Davis, S. (2006): Organic Foods. Journal of Food Science, Vol. 71, Nr. 9, 2006, doi:10.1111/j.1750-3841.2006.00196.x
Eine im Jahr 2014 erschienene Übersichtsarbeit kam zu einem ähnlichen Resultat. Sie ergab, dass in konventionellem Obst, Gemüse und konventionellen Feldfrüchten viermal so häufig Pestizidrückstände enthalten sind wie in biologisch angebauten. Die Zahl der Studien war noch zu gering, um wissenschaftlich robuste Aussagen zu treffen. Aussagen über gesundheitliche Wirkungen ließen sich nicht treffen.
Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2012 fand zwei Untersuchungen, die von geringeren Pestizidrückständen im Urin von Kindern berichteten. Das Risiko, Grenzwerte in der Aufnahme von Pestiziden zu überschreiten, war beim Konsum von Bio-Lebensmitteln geringer.Crystal Smith-Spangler, Margaret L. Brandeau, Grace E. Hunter, J. Clay Bavinger, Maren Pearson, Paul J. Eschbach, Vandana Sundaram, Hau Liu, Patricia Schirmer, Christopher Stave, Ingram Olkin, Dena M. Bravata: Are Organic Foods Safer or Healthier Than Conventional Alternatives?: A Systematic Review. Annals of Internal Medicine 157(5): 348–366.
Die Unterscheidung zwischen natürlichen und synthetischen Pestiziden zur Beurteilung ihrer Gesundheitswirkung wird in der medizinischen Forschung als problematisch angesehen. Es besteht chemisch kein Unterschied zwischen einem synthetisch hergestellten und demselben natürlich vorkommenden (d. h. von der Pflanze synthetisierten) Pestizid. Eine Analyse von 52 natürlichen Pestiziden ergab, dass 27 davon in hohen Dosen auf Nagetiere krebserregend wirkten. Diese Pestizide sind auch in gewöhnlichen Nahrungsmitteln enthalten, oft in einer vielfach höheren Konzentration als Rückstände synthetischer Pflanzenschutzmittel insgesamt.Ames, B., Profet, M., Gold, S. (1990): Dietary pesticides (99.99 % all natural). Proceedings of the National Academy of Sciences. 1. Oktober 1990, Vol. 87, No. 19, S. 7777–7781. Forscher vermuten, dass körpereigene Abwehrmechanismen gegen toxische natürliche Pestizide in ähnlicher Weise auch gegen synthetische Pestizide wirken könnten. Synthetische Pestizide könnten deshalb eine relativ unbedeutende Gesundheitsgefahr darstellen. Das Risiko, das von einem Pestizid ausgeht, hängt von seiner speziellen Wirksamkeit und der Kombination mit anderen Pestiziden ab, und lässt sich nicht anhand der Quelle, natürlich oder synthetisch, beantworten.
Nährstoffgehalt Die amerikanische Ernährungswissenschaftlerin Virginia Worthington kam in einem Review von 41 veröffentlichten wissenschaftlichen Studien, die den Nährwert ökologisch und konventionell angebauten Gemüses, Obstes und Getreides verglichen, zu dem Schluss, dass ökologische Lebensmittel signifikant mehr Nährstoffe verschiedener Gruppen enthalten. Durchschnittlich enthielt Biorohware 27 % mehr Vitamin C, 21,1 % mehr Eisen, 29,3 % mehr Magnesium und 13,6 % mehr Phosphor. Zusätzlich enthielten die Bioprodukte 15,1 % weniger Nitrate als die konventionelle Vergleichsgruppe.Virginia Worthington: Nutritional Quality of Organic Versus Conventional Fruits, Vegetables, and Grains, veröffentlicht in The Journal of Alternative and Complementary Medicine, Vol. 7, No. 2, 2001 (S. 161–173) Ein Einfluss auf die Gesundheit wurde dadurch nicht nachgewiesen.