Der Historikerstreit (auch Historikerdebatte, Historikerkontroverse oder Habermas-Kontroverse genannt) von 1986/87 war eine zeitgeschichtliche Debatte in der Bundesrepublik Deutschland um die Singularität des Holocaust und die Frage, welche Rolle dieser für ein identitätsstiftendes Geschichtsbild Deutschlands spielen soll.
Auslöser war ein Artikel Ernst Noltes vom Juni 1986, der den Holocaust in Form rhetorischer Fragen als Reaktion der Nationalsozialisten auf die vorausgegangenen Massenverbrechen der Stalinschen Säuberungen und das Gulag-System in der Sowjetunion darstellte. Diese und andere Aussagen von drei weiteren bundesdeutschen Historikern kritisierte der Philosoph Jürgen Habermas als „Revisionismus“, der ein deutsches Nationalbewusstsein durch das Abschütteln einer „entmoralisierten Vergangenheit“ erneuern solle. Darauf reagierten viele deutsche Historiker, Journalisten und andere interessierte Autoren mit Leserbriefen oder Zeitungsartikeln, die später als Buch gesammelt erschienen. Diese Debatte dauerte etwa ein Jahr.
Vorgeschichte Die Studentenbewegung der 1960er Jahre hatte eine gründliche Vergangenheitsbewältigung gegenüber der NS-Zeit energisch gefordert und ihr Impulse gegeben. Die bundesdeutsche Geschichtswissenschaft hatte die NS-Forschung seit etwa 1965 intensiviert, jedoch bis 1986 keine eigene Gesamtdarstellung des Holocaust hervorgebracht.Ulrich Herbert: Der Historikerstreit. Politische, wissenschaftliche, biographische Aspekte. In: Martin Sabrow, Ralph Jessen, Klaus Große Kracht (Hrsg.): Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Große Kontroversen seit 1945. C.H. Beck, München 2003, S. 101.
Seit etwa 1973 kam es unter bundesdeutschen Historikern zu einem Grundsatzstreit über die geschichtswissenschaftliche Methodik, der etwa in Gestalt der Fischer-Kontroverse auch andere Epochen der deutschen Geschichte betraf. Ältere, bis dahin führende Fachhistoriker zur NS-Zeit wie Andreas Hillgruber und Klaus Hildebrand konzentrierten sich traditionell auf Führungspolitiker, ihre Ideen und Handlungsspielräume und verteidigten diese Methode.Andreas Hillgruber: Politische Geschichte in moderner Sicht. In: Historische Zeitschrift 216 (1973), S. 529–552 ().Klaus Hildebrand: Geschichte oder „Gesellschaftsgeschichte“? Die Notwendigkeit einer politischen Geschichtsschreibung von den internationalen Beziehungen. In: Historische Zeitschrift 223 (1976), S. 328–357 (). Jüngere Historiker wie Hans Mommsen, Wolfgang J. Mommsen und Hans-Ulrich Wehler, die Habermas später im Historikerstreit unterstützten, vertraten dagegen eine sozialwissenschaftliche, an Gesellschaftsstrukturen und Interessengegensätzen orientierte Herangehensweise.Hans Ulrich Wehler: Moderne Politikgeschichte oder „Große Politik der Kabinette“? In: Geschichte und Gesellschaft 1 (1975), S. 344–369 (Abstract). Hans Ulrich Wehler: Kritik und kritische Antikritik. In: Historische Zeitschrift 225 (1977), S. 347–384 ().Zusammenfassung: Eckart Conze: Moderne Politikgeschichte. Aporien einer Kontroverse. In: Guido Müller (Hrsg.): Deutschland und der Westen. Internationale Beziehungen im 20. Jahrhundert. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-515-07251-9, S. 19–30. Von beiden Seiten anerkannt wurde jedoch die Aufgabe einer „Historisierung“ der NS-Zeit, die Martin Broszat der deutschen Historikerzunft in einem Aufsatz 1985 stellte. Er verstand darunter eine umfassende Erforschung der historischen und sozialen Bedingungen für den Nationalsozialismus und seine Einordnung in die deutsche Gesamtgeschichte, wobei er sich bereits von geschichtspolitisch motivierten Versuchen einer Relativierung der NS-Verbrechen abgrenzte.Martin Broszat: Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus. In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken 39 (1985), S. 373–385.
Seit etwa 1979 sahen einige dem linksliberalen Spektrum zugeordnete Wissenschaftler einen konservativen Richtungswechsel im wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs über die NS-Zeit. Jürgen Habermas beschrieb damals eine „Neue Rechte“, die eine „Rückeroberung von Definitionsgewalten“ geradezu strategisch plane. Hans und Wolfgang Mommsen sowie Hans-Ulrich Wehler sahen solche Tendenzen auch in der NS-Forschung.Jürgen Habermas (Hrsg.): Stichworte zur geistigen Situation der Zeit. (1979) 2 Bände, Suhrkamp, 3. Auflage, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-518-11000-4, Vorwort S. 21.Hans Mommsen: Die Last der Vergangenheit, Band 1, S. 164–184.Wolfgang J. Mommsen: „Wir sind wieder wer.“ Wandlungen im politischen Selbstverständnis der Deutschen, Band 1, S. 185–209.Hans-Ulrich Wehler: Geschichtswissenschaft heute, Band 2, S. 709–753. Viele betrachteten die „geistig-moralische Wende“, die Bundeskanzler Helmut Kohl 1982 in seiner Regierungserklärung ankündigte, besonders sein Diktum von der „Gnade der späten Geburt“ 1984 in Israel und seinen Besuch eines Soldatenfriedhofs in Bitburg 1985 mit US-Präsident Ronald Reagan, auf dem auch Waffen-SS-Mitglieder begraben sind, als Zeichen und Verstärkung eines Trends, die historisch-politische Auseinandersetzung mit der NS-Zeit im Sinne einer verbreiteten Schlussstrich-Mentalität stillzulegen. Sie lehnten daher Kohls Initiative für ein Deutsches Historisches Museum in West-Berlin und die Besetzung der Gründungskommission (darunter Michael Stürmer) vielfach als Versuch ab, ein konservatives, nationalverträgliches Geschichtsbild politisch zu verordnen.Christoph Stölzl (Hrsg.): Deutsches Historisches Museum. Ideen – Kontroversen – Perspektiven. Propyläen Verlag, Frankfurt am Main / Berlin 1998, ISBN 3-549-06682-1.
Demgegenüber wurde der Holocaust in den Massenmedien seit der Fernsehserie Holocaust (1978; deutsch Januar 1979) und erneut mit dem Dokumentarfilm Shoah (1985) verstärkt thematisiert. Am 50. Jahrestag der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ (30. Januar 1983) und am 40. Jahrestag der deutschen Gesamtkapitulation (8. Mai 1985) wurde der NS-Verbrechen öffentlich breit gedacht. Bundespräsident Richard von Weizsäcker beschrieb den 8. Mai 1945 als „ein Tag der Befreiung“ vom Nationalsozialismus, nicht mehr nur als Niederlage der Wehrmacht, und bekannte sich zum Vorrang des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.
Die bereits existierende fachhistorische Polarisierung, die politische Konstellation sowie das Austragen dieser Debatte in Massenmedien waren laut Klaus Große Kracht wesentliche Ursachen für Lagerbildung, polemische Überspitzungen und Mangel an weiterführenden Ergebnissen des späteren Historikerstreits.Klaus Große Kracht: Der Historikerstreit: Grabenkampf in der Geschichtskultur. In: Klaus Große Kracht: Die zankende Zunft. Historische Kontroversen in Deutschland nach 1945. Göttingen 2005, S. 91–114; ähnlich Richard J. Evans: Im Schatten Hitlers? Frankfurt am Main 1991, S. 27–40.
Debattierte Texte Ernst Nolte 1980 hielt der Historiker Ernst Nolte den Vortrag Zwischen Geschichtslegende und Revisionismus vor der Carl Friedrich von Siemens Stiftung, den die FAZ am 24. Juli 1980 gekürzt abdruckte. Einige Aussagen daraus wurden 1986 in den Streit einbezogen, nachdem H. W. Koch Noltes Vortrag in englischer Übersetzung 1985 in einer Aufsatzsammlung neu herausgegeben hatte.H. W. Koch (Hrsg.): Aspects of the Third Reich, Palgrave Macmillan, London 1985, ISBN 0-312-00381-1, S. 17–38.
Nolte konstatierte darin ein durchweg und anhaltend negatives Bild des „Dritten Reichs“, das er auf dessen Schuld am Zweiten Weltkrieg, seine reaktionäre Ideologie (Blut und Boden, Rassismus) und seine singulären Gewalttaten an Juden, Slawen, Geisteskranken und von Nolte so genannten „Zigeunern“, besonders auf die Gaskammern der Vernichtungslager, zurückführte. Dies habe dazu geführt, „dass im Nachhinein bloß die Stimme der Opfer vernehmbar war“. Dies berge die Gefahr für die Wissenschaft in sich, die Geschichte nur aus dem Blickwinkel der Sieger wahrzunehmen und festzuschreiben. Diese Sicht hätte aufgrund neuer Zeitumstände einer Revision bedurft, die aber nicht Anklage durch Entschuldung ersetzen sollte.
Nolte referierte dann drei Bücher als damals aktuelle „revisionistische Ansätze“, zuletzt das Buch Hitler und seine Feldherren (1975) von David Irving, der später mehrfach wegen offener Holocaustleugnung verurteilt wurde. Er wies zunächst Irvings Thesen zurück, Adolf Hitler habe von der „Endlösung“ nichts gewusst und hätte den Krieg bei besserer Umsetzung seiner strategischen Pläne gewinnen können. Dann griff er einige Behauptungen Irvings auf: Hitler habe „gute Gründe“ gehabt, „von dem Vernichtungswillen seiner Gegner sehr viel früher überzeugt zu sein als zu dem Zeitpunkt, wo die ersten Nachrichten über die Vorgänge in Auschwitz zur Kenntnis der Welt gelangt waren.“ Denn der Präsident der Jewish Agency Chaim Weizmann habe Anfang September 1939 geäußert, dass „die Juden in aller Welt in diesem Krieg auf der Seite Englands kämpfen würden.“ Damit lasse sich die These begründen, „dass Hitler die deutschen Juden als Kriegsgefangene behandeln und d. h. internieren durfte.“
Im April 1986 ergänzte Nolte hinter „Kriegsgefangene“ in einer Fußnote: „– oder genauer gesagt, als Zivilinternierte nach dem Muster der Deutschen in England ab September 1939 oder der amerikanischen Staatsbürger japanischer Herkunft in den USA 1941–1945“. Auch der Luftangriff auf Hamburg 1943 zeige einen „Vernichtungswillen der Alliierten gegenüber der deutschen Zivilbevölkerung“, der nicht durch ihre Kenntnis vom Holocaust verursacht worden sein könne.Rudolf Augstein u. a.: Historikerstreit. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. Piper, München/Zürich 1987, S. 13–35, Zitate S. 24.
Am 6. Juni 1986 veröffentlichte Nolte in der FAZ den Vortrag Vergangenheit, die nicht vergehen will, den er für die Frankfurter Römerberggespräche vorgesehen, dort aber nicht gehalten hatte. Als Gründe, warum die gemeinte NS-Zeit nicht vergehen wolle, nannte er vor allem die Erinnerung an die „Ungeheuerlichkeit der fabrikmäßigen Vernichtung von mehreren Millionen Menschen“. Dann fragte er, ob die verbreitete Schlussstrich-Mentalität nicht einen wahren Kern enthalte: Die Rede von einer „Schuld der Deutschen“ ähnele der NS-Propaganda von der „Schuld der Juden“ und sei bei Deutschen unaufrichtig, da bloß gegen „alte Gegner“ gerichtet. Die Aufmerksamkeit für den Holocaust lenke von anderen NS-„Tatbeständen“, etwa der Euthanasie und Behandlung der russischen Kriegsgefangenen, und von gegenwärtigen Fragen ab, etwa nach dem ungeborenen Leben (Abtreibung) und danach, ob die sowjetische Besetzung Afghanistans Völkermord sei. Auf diese angebliche Nichtbeachtung führte er auch damalige Skandale zurück, bei denen Politikern Antisemitismus vorgeworfen wurde. Dabei mache der Film Shoah wahrscheinlich, dass SS-Lageraufseher „auf ihre Art Opfer sein mochten“ und es unter polnischen NS-Opfern „virulenten Antisemitismus gab“. Eine Revision früherer „Schwarz-Weiß-Bilder“ erscheine gefährlich, weil die Deutschen sich mit der NS-Zeit bis 1939 identifizieren könnten. Dies sei aber schon wegen Hitlers „Vernichtungsbefehlen gegen das deutsche Volk“ im März 1945 undenkbar.