Militärfahrzeuge sind Fahrzeuge, die vom Militär gebraucht werden oder, wie es das DDR-Militärlexikon ausdrückte, „zum Bestand der Streitkräfte gehören“.Militärlexikon, Stichwort „Militärfahrzeug“ Strenggenommen gehören hierzu damit auch Wasser- und Luftfahrzeuge.
Wasser- und Luftfahrzeuge Wasserfahrzeuge mini|Niederländischer Kanal mit Brücke Das deutsche Wort „fahren“ ist verwandt mit lateinisch „portare“ (=tragen) und griechisch πορέυειν (poreuein = auf den Weg bringen)Pfeifer, Stichwort „fahren“ und bezeichnet ursprünglich jede Art der Fortbewegung und des Transportes. Das niederländische Wort „vaartuig“ bezeichnet heute noch in erster Linie ein Schiff,Kluge, Wörterbuch, Stichwort „Fahrzeug“ „vaart“ einen KanalWörterbuch Niederländisch-Deutsch, Stichwort „vaartuig“ und „vaart“ und erinnert daran, dass bis zur Erfindung der Eisenbahn es nahezu eine Unmöglichkeit darstellte, eine Last von über zwei Tonnen in einer Ladung auf dem Landweg zu transportieren. Die Städte und Siedlungen der Niederlande waren daher seit dem Mittelalter geographiebedingt durch ein engmaschiges Kanalnetz miteinander verbunden, das die Hauptverkehrslast trug. Auch heute noch fährt ein Schiff von A nach B in einer Fahrrinne mit voller (oder auch langsamer) Fahrt.
Heute werden allerdings militärisch genutzte Wasserfahrzeuge im Allgemeinen nicht mehr als Militärfahrzeuge bezeichnet, hier hat sich stattdessen das Wort „Kriegsschiff“ eingebürgert.
Luftfahrzeuge mini|Passagierluftschiff „Hansa“ im Luftschiffhafen Potsdam, 1912 Als man sich im 19. Jahrhundert Gedanken über den Eigenantrieb und die Lenkbarkeit von Ballonen machte, übernahm man bewusst Ausdrücke aus der Marine zur Bezeichnung der neuen Erfindung: Man sprach vom Luftschiff, das selbstverständlich „fuhr“Schmalenbach, Marine-Luftschiffe S.17 und zum „Landen“ einen „Luftschiffhafen“ ansteuerte, wo es in einer „Luftschiffwerft“, bestehend aus einer großen Halle, „eingedockt“ und gewartet bzw. repariert wurde.
Zusammen mit den Luftschiffen verschwand dieser Sprachgebrauch, allein das Wort „Flughafen“ erinnert noch daran, dass hier seinerzeit sprachliche Anleihen bei der Marine gemacht wurden.Das Wort „Flugplatz“ bezeichnet dagegen üblicherweise nur eine kleine Anlage für Flugbetrieb, häufig auch ohne feste Start- und Landebahn. Der damalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß nach der Landung auf dem Flughafen Leipzig-Schkeuditz auf die Frage des damaligen Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, wie denn der Flug gewesen sei: „I glaub', i bin auf am Feldflugplatz g'landet!“ Statt vom „Luft-Fahrzeug“ sprach man vermehrt vom „Flug-Zeug“, einer Wortbildung, die analog zu „Fahr-Zeug“ entstandPfeifer, Stichwort „Flug“ und gleichzeitig das noch am Anfang des 20. Jahrhunderts häufig verwendete Fremdwort „Aeroplan“ ersetzte.
So hat heute das Militärflugzeug den Begriff „Militär-Luftfahrzeug“ völlig verdrängt.
Militär-Kraftfahrzeuge im engeren Sinn Der Begriff Militärfahrzeug wird in diesem Artikel daher – allgemeinerem neueren Sprachgebrauch folgend – ausschließlich auf Landfahrzeuge beschränkt.vgl. auch Militärlexikon, Stichwort „Militärfahrzeug“ Der Begriff des Militärfahrzeugs entspricht heute dem angloamerikanischen „military vehicle“. In Österreich werden Militärfahrzeuge Heeresfahrzeuge genannt.
Definitionen Bart H. Vanderveen definierte und differenzierte den Begriff des military vehicle / Militärfahrzeug in drei Gruppen wie folgt:vgl. Vanderveen, Sources Book of Military Wheeled vehicles S. 8–11, die ursprüngliche englische Version ist hier sehr frei ins Deutsche übersetzt und gekürzt. mini|VW Käfer in Bundeswehr-Ausführung, Beispiel für Gruppe 1
1.) Handelsübliche Serien-Kfz., die in ihrer Standardausführung auch für viele Militäraufgaben genutzt werden. Insbesondere zu Friedenszeiten gehören hierzu alle möglichen Kfz. (Motorräder, Pkw, Lieferwagen, Lkw, Busse), meist aus wirtschaftlichen Gründen: Ihnen fehlt zwar Geländegängigkeit etc., indessen genügen sie für Friedensaufgaben völlig und sind billiger in Herstellung, Wartung und Reparatur.
mini|Land Rover Lightweight (mil), britische Armee. Beispiel für Gruppe 2 2.) Handelsübliche aufgrund ziviler Ausschreibung hergestellte Kfz., die jedoch sich als für das Militär besonders brauchbar erweisen und häufig auf dem handelsüblichen Fahrgestell einen speziell vom Militär geforderten Aufbau erhalten. Hierher gehören z. B. die zahlreichen Pkw und Lkw mit Allradantrieb und/oder besonders großer Bodenfreiheit.
mini|Panzer Leopard 1A2, Beispiel für Gruppe 3 3.) Speziell für das Militär aufgrund militärischer Ausschreibung entwickelte Kfz.
Auffallend ähnlich ist eine bereits 40 Jahre ältere Definition aus der Zeit der deutschen Reichswehr: Im am 14. November 1932 herausgegebenen Vorblatt zu H.D.V.428 „Ausrüstungsverzeichnis über die Kraftfahrgeräteausstattung der Einheiten des Reichsheeres (A.K.R.)“ werden Militär-Kfz. wie folgt differenziert: mini|Horch 830 mit Aufbau als Kfz 11, Beispiel für Gruppe 2 1.) Kraftfahrzeuge völlig handelsüblicher Art 2.) Kraftfahrzeuge mit handelsüblichem Fahrgestell, aber speziellem nur für das Militär konstruiertem Aufbau 3.) Kraftfahrzeuge, bei denen sowohl das Fahrgestell wie auch der Aufbau eine nur für das Militär geschaffene spezielle Sonderkonstruktion ist.
Anwendungsbeispiele Erste Gruppe Zur ersten Gruppe zählen alle normalen Typen, die entweder vom Militär direkt beim Hersteller als solche bestellt oder im Rahmen einer Mobilmachung bei zivilen Eigentümern requiriert werden. Manchmal werden derartige Typen „militarisiert“ durch Tarnanstrich, Tarnleuchten, Gewehrhalterungen oder sonstige Zusatzeinrichtungen. Häufig geschieht aber heute nicht einmal mehr dieses, um die Fahrzeuge später auf dem Gebrauchtwagenmarkt besser verkaufen zu können. Nur am Rande sei darauf hingewiesen, dass auch jeder zivile Besteller die Ausstattung seines Fahrzeuges mit speziellen Zusatzeinrichtungen mit dem Hersteller vereinbaren kann (Anhängekupplung, Blaulicht für Polizei und Feuerwehr, doppelte Pedale f. Fahrschulwagen, besondere Farbgebung, …).
Zu dieser ersten Gruppe gehören: diverse höheren Kommandeuren zur Erledigung ziviler Repräsentationspflichten zur Verfügung gestellte Pkw als DienstwagenBeispiele bei Oswald, Kfz. der Reichswehr, Wehrmacht und Bundeswehr. Für die Wehrmacht S. 127, für die Bundeswehr S. 484. wie auch der allenthalben verwendete VW-Bus, aber auch die zahlreichen für gewöhnliche Nachschubaufgaben in allen Kriegen seit 1911Der Italienisch-Türkische Krieg dürfte der erste Krieg gewesen sein, bei dem mit Ottomotor angetriebene Kraftfahrzeuge eingesetzt wurden eingesetzten Lkw, die außer vielleicht der oben beschriebenen „Militarisierung“ völlig Serienbauten entsprachen, die z. B. in Depots zum Ziehen von Materialanhängern, aber auch auf Flugplätzen zum Ziehen von Flugzeugen eingesetzten Straßenschlepper und landwirtschaftlichen Traktoren die für Räum- und Bauaufgaben bei den Pionieren, aber auch für Schlepp- und Bergungsarbeiten bei den Versorgungstruppen eingesetzten handelsüblichen Kettenschlepper (ggf. mit Räumschild).
Grundsätzlich kann gesagt werden, dass es auf der Welt keinen über längere Dauer tätigen Kraftfahrzeughersteller gegeben hat und gibt, der nicht irgendwann einen Kraftfahrzeugtyp gebaut hat, der nicht beim Militär irgendeines Staates eingesetzt gewesen wäre. Ob daher die Fahrzeuge dieser ersten Gruppe wirklich im lexikalischen Sinne zu den Militärfahrzeugen gerechnet werden sollten, wird daher mancherorts angezweifelt, da praktisch jeder über längere Zeit gebaute Fahrzeugtyp irgendwann zumindest in Zeiten kriegerischer Auseinandersetzung irgendwo für militärische Zwecke requiriert wurde.
Zweite Gruppe Zur zweiten Gruppe gehören beispielsweise: die zahlreichen ab den späten 1920er Jahren entwickelten Pkw mit speziellem vom Militär gefordertem Aufbau, wegen ihrer Sitzform in Deutschland als Kübelwagen bezeichnet,Beispiele bei Oswald, Kfz. der Reichswehr, Wehrmacht und Bundeswehr für die Wehrmacht S. 92 ff. die von den Engländern im Zweiten Weltkrieg mit einem Pick-up-Aufbau versehenen Kleinwagen von Austin, Morris, Hillman, Standard, auch als „utility-cars“ (kurz: „Tilly“) bezeichnet,Vanderveen, Observer's Fighting Vehicles Directory WW II S. 139, 140. in Kanada die gemäß Canadian Military Pattern (CMP) gebauten Lkw,Vanderveen, Observer's Fighting Vehicles Directory WW II S. 221, 223, 227, 229 ff, 240 ff. die französischen Citroën-Kégresse Halbkettenfahrzeuge,
die Dreiachser (6×4) Renault Type MH und Renault Type OX und die auf diesem Konzept aufbauenden anderen Lkw ab Ende der 1920er Jahre, die in der Zeit nach 1945 entstandenen Gelände-Pkw wie Land Rover, Toyota Land Cruiser, Nissan Patrol, Lada Niva u. a. m., sofern sie einen militärischen Aufbau (z. B. Stabs-, Funk-, Sanitätsfahrzeug) erhielten, die meisten Fahrzeuge der ersten Fahrzeug-Generation der Bundeswehr wie auch der Nationalen Volksarmee.
Zu dieser Gruppe gehören auch einige zu Anfang des Ersten Weltkrieges gebaute Panzerspähwagen, die dadurch entstanden, dass man eine Panzerkarosserie auf das Fahrgestell einer schweren Limousine oder eines leichten LKW setzte.
Dritte Gruppe Zur dritten Gruppe gehören beispielsweise: alle gepanzerten Fahrzeuge (egal, ob Rad- oder Kettenfahrgestell), sofern sie für militärische Zwecke entwickelt wurden (also nicht z. B. gepanzerte Geldtransporter, gepanzerte Sonder-Kfz. der Polizei wie z. B. Wasserwerfer, gepanzerte Limousinen für Politiker),
speziell für das Militär entwickelte Zugmaschinen wie z. B.: - die Halbketten-Zugmaschinen und der Raupenschlepper Ost der Wehrmacht, - die als High Speed Tractor bezeichneten Vollketten-Zugmaschinen der USA M2, M4, M5, M6, - die französischen von Laffly entwickelten Fahrzeuge mit 6×6-Antrieb: S 15T, S 20TL, S 25T, S 35T, S 45T, - die italienischen 4×4-Zugmschinen aus dem Zweiten Weltkrieg wie z. B. Breda TP 32, Pavesi P4-100PC, SPA TL 37, SPA TM 40, - die japanischen Vollkettenzugmaschinen aus dem Zweiten Weltkrieg,
Sehr viele von den USA im Zweiten Weltkrieg gebaute Radfahrzeuge haben speziell für den militärischen Gebrauch geschaffene Fahrgestelle und Aufbauten:
die meisten der heute für das Militär gebauten Radfahrzeuge haben speziell entwickelte Fahrgestelle: Dies gilt sowohl für die ab Ende der 1970er Jahre eingeführte „zweite Fahrzeuggeneration“ der Bundeswehr wie auch z. B. den US-amerikanischen Humvee.
Fließende Grenzen Die Grenzen zwischen den einzelnen Gruppen sind fließend:
mini|Unimog S
So wird z. B. der bei der Bundeswehr eingeführte Unimog S üblicherweise der zweiten Gruppe zugeordnet, obwohl sein Fahrgestell eine Sonderkonstruktion ist, die auf eine Ausschreibung der französischen Armee zurückgehtCarl-Heinz Vogler: UNIMOG 406 – Typengeschichte und Technik. Geramond, München 2016, ISBN 978-3-86245-576-8, S. 42ff..
mini|Isuzu Type 94 mit 20-mm-Flak
Einen Serien-Lkw mit aufgesetzter Fliegerabwehrwaffe kann man als Fahrzeug der Gruppe 2 ansehen (handelsübliches Fahrgestell, militärischer Aufbau), ebenso aber auch als solches der Gruppe 1, da die Waffe häufig nur mit wenigen Bolzen oder Schrauben befestigt und daher jederzeit lösbar ist. Danach handelte es sich also je nach Definition gar nicht um einen „Aufbau“, sondern allenfalls um ein jederzeit leicht entfernbares Zusatzgerät.
Sonstige Militärfahrzeuge Neben den oben beschriebenen Kraftfahrzeugen gibt und gab es weitere Militärfahrzeuge, die unter den bisher behandelten nicht oder schlecht subsumiert werden können und daher gesondert zu erwähnen sind: Bespannfahrzeuge Fahrräder schienengebundene Fahrzeuge Schlitten Sofern sie vom Militär genutzt wurden oder werden, können sie aber alle nach den eingangs erwähnten drei Kriterien klassifiziert werden.
Bespannfahrzeuge mini|Römerstraße bei Klais, man beachte die Spurrillen
Altertum Mit Erfindung des Rades kam auch die Idee auf, dieses im Rahmen kriegerischer Auseinandersetzungen zu nutzen.