Der Literatur der Aufklärung oder Aufklärungsliteratur werden allgemein Werke zugeordnet, die zwischen 1720 und 1800 entstanden sind und bewusst oder unbewusst die Ideen des Zeitalters der Aufklärung vertreten. In vielen Sprachen wird für diese Epoche die Metapher des Lichts verwendet (, , ). Das literarische Großprojekt war die in Frankreich ab 1750 entstandene Encyclopédie. Zahlreiche Vordenker der Aufklärung waren gleichzeitig Literaten.

In der Zeit der frühen Aufklärung begann das Bürgertum seinen Aufstieg innerhalb des absolutistischen Staates. Die Literatur wandte sich an das bürgerliche Publikum, anstatt weiterhin die Fürsten zu preisen, sodass sich aufgrund dessen neue Literaturformen entwickelten. Auch das zweihundertjährige Ringen um die richtige Interpretation der Religion hatte sich erschöpft; der Gedanke der Vanitas oder die mystischen Erfahrungen erschienen als emotionaler Ballast; sie wichen der Forderung nach Klarheit des Geistes und lebensnützlichem Orientierungswissen sowie der Idee einer für alle Völker verständlichen Naturreligion.Hermann Glaser, Jakob Lehmann, Arno Lobus: Wege der deutschen Literatur. Propyläen, Berlin o. J., S. 116.

Die Literatur der Aufklärung hatte vor allem eine erzieherische Funktion und forderte die „sittliche Besserung“ des Menschen. Mit ihren Gedanken knüpft sie an die – durch die Renaissance wiederbelebten – antiken Ideale und Sichtweisen an. Besonders das gebildete und wohlhabende Bürgertum war bestrebt, sich von den dogmatischen Lehren der Kirche und der „geistigen Bevormundung“ durch die Obrigkeiten zu befreien, um eine „Emanzipation des Denkens“ einzuleiten. Um ihre emanzipatorischen Ideen durchzusetzen, beriefen sich zahlreiche Aufklärer auf die Antike als Legitimationsinstanz. Auch in den literarischen Werken dieser Zeit ist die Antike aus diesem Grund omnipräsent.Siehe hierzu Marlene Meuer: Polarisierungen der Antike. Antike und Abendland im Widerstreit – Modellierungen eines Kulturkonflikts im Zeitalter der Aufklärung. Heidelberg 2017. Der elliptische Leitspruch Voltaires Écrasez l’infâmeGemeint war unter anderem Écrasez l’infâme superstition, dt.: „Zerstört den niederträchtigen Aberglauben“ war bereits zu seinen Lebzeiten europaweitVoltaire unterzeichnete seit 1761 zahlreiche Briefe mit der Floskel Écrasez l’infâme bzw. Écrlinf bekannt, wobei er sich sowohl auf die Institution der Kirche als auch auf Aberglauben bezog.

Einordnung Die Aufklärung kann als eine Epoche des Übergangs zwischen der Frühen Neuzeit und der Moderne angesehen werden. Zutreffend ist dies in hohem Maße in der Literatur. Die normative Poetik büßte ihre vorherrschende Stellung ein. Infolge einer intensiveren Shakespeare-Rezeption verlor die klassische Einteilung des Theaters in hohe (Tragödie) und niedrige Gattung (Komödie) an Bedeutung. In Frankreich entstand hauptsächlich durch Pixérécourt das Melodram als populäres Unterhaltungstheater. Das Theater selbst entwickelte sich immer mehr zu einer bürgerlichen Institution.

Die Literaten emanzipierten sich von ihren (meist adligen) Auftraggebern und wurden allmählich zu selbständigen Unternehmern. Sie bedienten seitdem nicht mehr nur die Bedürfnisse der europäischen Höfe, sondern auch einen Markt für Leser, die nicht dem Adelsstand, sondern dem sich etablierenden Bürgertum angehörten.

Volkssprachliche Bildung und Veränderungen des literarischen Publikums Jürgen Habermas vertritt die These,Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit, Frankfurt 1962. dass erst die Entstehung einer frühbürgerlichen literarischen Öffentlichkeit der Entstehung der bürgerlichen politischen Öffentlichkeit den Weg bereitete, was allerdings von verschiedenen Autoren mit Blick auf die Quellenlage bestritten und als Idealisierung angesehen wurde.Vgl. z. B. Andreas Gestrich: Absolutismus und Öffentlichkeit. Politische Kommunikation zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Göttingen 1994.

Eher waren es die auf Verbesserung der Volksbildung zielenden Bestrebungen der absolutistischen Monarchien, die zu einer Verbreiterung des Lesepublikums führten. So wurde in großen Teilen Deutschlands die Schul- oder Unterrichtspflicht bis zum frühen 18. Jahrhundert (in Preußen 1717) durchgesetzt. Die Ausweitung der Volksbildung führte paradoxerweise zu einer Verdrängung der Sprache der Gebildeten, nämlich des Lateins. Durch die Verbesserung des volkssprachlichen Unterrichts wuchs ein breiteres Lesepublikum heran. Wochenzeitungen gab es seit dem frühen 17. Jahrhundert, die ersten Tageszeitungen seit etwa 1650. Sie enthielten neben Kuriositäten durchaus politische Informationen und wurden anders als Buchmanuskripte nicht durchweg zensiert.

Auch als Wissenschaftssprache wurde das Lateinische in vielen Disziplinen überflüssig. Dieser Vorgang verlief zunächst recht zögerlich, da (Neu-)Lateinisch noch der europaweiten Verständigung zwischen den Wissenschaftlern diente, bis es durch das Französische als Lingua franca weitgehend abgelöst wurde. Französischsprachige Bücher wurden schon seit dem 17. Jahrhundert in den Niederlanden (z. B. bei Elsevier) gedruckt, um die französische Vorzensur zu umgehen. In London entstand ein englischsprachiger Buchmarkt mit modernen Vertriebsmethoden; auch deutsche Buchhändler ließen hier drucken.Graham Jefcoate: Deutsche Drucker und Buchhändler in London 1680–1811: Strukturen und Bedeutung des deutschen Anteils am englischen Buchhandel. Berlin, New York 2015.

Die ersten deutschsprachigen Philosophievorlesungen hielt Christian Thomasius 1680. Giambattista Vico veröffentlichte seine Scienza Nuova 1725 in italienischer Sprache. Dadurch brach die Philosophie mit der scholastischen Tradition; die Texte wurden tendenziell gebildeten Laien zugänglich und schlossen immer stärker die Behandlung lebenspraktischer Probleme ein. Noch um 1730 waren etwa 30 Prozent der in Frankfurt und Leipzig gehandelten Bücher in lateinischer Sprache verfasst. Doch schon bis um 1740/50 wurde Latein in den meisten Staaten Westeuropas als Wissenschaftssprache durch die nationalen Sprachen abgelöst, auch wenn dieser Prozess in den katholischen Ländern langsamer verlief und viele Naturwissenschaftler, z. B. Alessandro Volta und Luigi Galvani länger am Lateinischen festhielten.Martin Korenjak: Geschichte der neulateinischen Literatur: Vom Humanismus bis zur Gegenwart. München 2016. Kants Denken war jedoch weitgehend von der lateinischen Sprache beeinflusst.

Der Buch- und Zeitschriftenmarkt blieb jedoch stark gespalten. Neben den billigen Volksbüchern und religiösen Schriften in den Volkssprachen entwickelte sich im 17. Jahrhundert das Segment der Belles lettres, der besser ausgestatteten, teils mit teuren Kupferstichen versehenen Bücher, die den breiten Massen verschlossen blieben.

Einen gravierenden Wandel erlebte die literarische Öffentlichkeit seit dem Erscheinen von Literaturzeitschriften.Deutschland: Die vernünftigen Tadlerinnen 1725–1726 und Der Biedermann 1727–1729, Beyträge zur Critischen Historie der deutschen Sprache, Poesie und Beredsamkeit 1732–1744, Neuer Büchersaal der schönen Wissenschaften und freyen Künste 1745–1750 alle vier herausgegeben von Johann Christoph Gottsched, Beiträge zur Historie und Aufnahme des Theaters ab 1750, herausgegeben von Christlob Mylius und Lessing, Briefe, die Neueste Litteratur betreffend 1758–1765, herausgegeben von Friedrich Nicolai, Moses Mendelssohn und Lessing, Allgemeine Deutsche Bibliothek (ADB) 1765–1796 (1–118), herausgegeben von Friedrich Nicolai, Der Teutsche Merkur 1773–1789, herausgegeben von Christoph Martin Wieland, Thalia 1787, Die Horen 1795–1797, beide herausgegeben von Friedrich Schiller, Deutsche Monatsschrift 1790–1799, herausgegeben von Friedrich von Gentz (bis 1795) und Gottlob Nathanael Fischer, Neue Deutsche Monatsschrift 1795, herausgegeben von Friedrich von Gentz, Neue Allgemeine Deutsche Bibliothek (NADB) 1793–1806 (1–107), herausgegeben von Friedrich Nicolai; Frankreich: Correspondance littéraire, philosophique et critique 1747–1793, herausgegeben von Friedrich Melchior Grimm, Guillaume-Thomas Raynal, Denis Diderot Diese in Entstehung begriffene, bis um 1780 durchaus unpolitische Öffentlichkeit wurde noch stark von königlicher bzw. fürstlicher Zensur kontrolliert und eingeschränkt. Erst die Lockerung der Vorzensur ab 1740 in Preußen durch Friedrich den Großen machte die Arbeit für Literaten und Journalisten etwas einfacher (siehe Berliner Aufklärung). Durch Lesezirkel, Lesegesellschaften, in Leihbibliotheken und Kaffeehäusern wurde zudem Literatur für weite Kreise öffentlich zugänglich. Frankreich setzte die schon im 17. Jahrhundert begründete Tradition der Literarische Salonsvgl. die Salons der sog. Preziösen unter Ludwig XIV. fort, die nun auch für die philosophischen und politischen Debatten der Aufklärer bedeutsam waren.

Die Relativierung der Vernunft Seit etwa 1740 (in England bereits wesentlich länger) war die Literatur der Aufklärung in Frankreich und Deutschland geprägt durch die Strömung der Empfindsamkeit mit ihrer Relativierung der Rolle der Vernunft sowie der Betonung des Privatlebens und der positiven, nicht zerstörerischen Rolle der Gefühle. Hierdurch wurde vor allem ein weibliches Lesepublikum angesprochen. Eine klare epochenmäßige Abgrenzung ist jedoch nicht möglich; es handelt sich eher um eine Strömung innerhalb der Aufklärung, die mit der Ästhetik des Rokoko korrespondiert und die emotionale Explosion des Sturm und Drang bzw. der Romantik vorbereitet, welche sich entschieden gegen die Vernunftherrschaft und die gesellschaftlichen Konventionen wenden.

Aufklärung in Deutschland Der bedeutendste Autor der Frühaufklärung in Deutschland war Christian Fürchtegott Gellert mit seinen Fabeln, eine literarische Form, die zu dieser Zeit aufblühte, weil sie sich besonders für die Umsetzung der didaktischen Intention der Schriftsteller eignete. Die bedeutendste Figur im literarischen Leben war Johann Christoph Gottsched. Sein wichtigstes Werk stellte eine Sammlung von Theaterstücken dar, die er unter dem Titel Deutsche Schaubühne veröffentlichte. Sein Versuch einer critischen Dichtkunst vor die Deutschen (1730) orientierte sich an der Französischen Klassik, besonders an Boileaus L’Art poétique (1674). Mit seiner Dramentheorie beeinflusste er maßgeblich die Entstehung des klassischen deutschen Dramas, wurde aber zugleich von vielen Seiten scharf kritisiert. Der sterbende Cato aus dem Jahr 1732, sein Versuch, ein Regeldrama zu verfassen, gilt als gescheitert. Gottsched organisierte die deutsche Übersetzung von Peter Baylens historisches und kritisches Wörterbuch (Leipzig 1741–1744). Er setzte sich zudem für eine einheitliche deutsche Hochsprache ein.Grundlegung einer deutschen Sprachkunst, Leipzig 1748.

Einer der bedeutendsten Dichter der deutschen Aufklärung war Gotthold Ephraim Lessing. Mit seinen Dramen und seinen theoretischen Schriften, die vor allem dem Toleranzgedanken verpflichtet sind (z. B. Nathan der Weise) hat er der weiteren Entwicklung des Theaters einen wesentlichen Weg gewiesen und die öffentliche Wirkung von Literatur nachhaltig beeinflusst. Lessing wandte sich gegen die herrschende Literaturtheorie und die normative Poetik Gottscheds. Lessing wollte weniger die moralische Belehrung im gottschedschen Sinn erreichen, sondern vielmehr eine sittliche Läuterung.

Buchmanufakturen wie die von Johann Friedrich Cotta, Friedrich Nicolai oder die Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung wurden seit Mitte des 18. Jahrhunderts zu Zentren der deutschen Aufklärung.Elisabeth Willnat: Johann Christian Dieterich. ein Verlagsbuchhändler und Drucker in der Zeit der Aufklärung. Dissertation. Buchhändler-Vereinigung, Frankfurt am Main 1993.