mini|Erklärvideo: Was ist Endometriose?

Endometriose (von „Endometrium“, ‚Gebärmutterschleimhaut‘, mit dem Suffix für Erkrankungen, ersteres von altgriechisch und ) ist eine häufige, gutartige, oft schmerzhafte chronische Erkrankung von Frauen, bei der Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut (dem Endometrium) ähnlich ist, außerhalb der Gebärmutterhöhle (ektop) vorkommt.

Wie die normale Gebärmutterschleimhaut verändert sich auch das Endometriosegewebe während des Menstruationszyklus und kann Gewebeblutungen, Narbenbildung und Schmerzen bewirken. Die Endometriose tritt meist im unteren Bauch- bzw. Beckenraum auf, zum Beispiel auf der Gebärmutter oder den Eileitern. Häufig sind dabei die Eierstöcke betroffen. Ein Befall der Gebärmuttermuskulatur heißt Adenomyose oder Adenomyosis uteri. Eine Ausbreitung auf die Scheidenwand und den Darm (Dickdarm) ist möglich. Eine Endometriose kann auch in der Lunge oder in anderen inneren Organen wie im Gehirn vorkommen, auch wenn dies selten der Fall ist (extragenitale Endometriose). Eine Endometriose kann eine Ursache von Unfruchtbarkeit bei Frauen sein. Die Ursache für die Entstehung einer Endometriose ist bisher medizinisch noch nicht bekannt. Zudem besteht keine Möglichkeit einer Prophylaxe.

Sie ist eine chronische, komplexe Erkrankung, deren Beschwerden nicht auf Menstruationsschmerzen beschränkt sind und auch nach einer Operation, hormonellen Behandlung oder Gebärmutterentfernung fortbestehen oder erneut auftreten können; eine allgemein wirksame, dauerhafte Heilung existiert derzeit nicht.

Epidemiologie Häufigkeit Die Endometriose ist nach Myomen die zweithäufigste gynäkologische Erkrankung. Etwa 4 bis 12 Prozent aller Frauen erkranken zwischen der Pubertät und den Wechseljahren daran, in Deutschland jedes Jahr etwa 40.000. Genaue Angaben zur Häufigkeit (Prävalenz und Inzidenz) existieren nicht. Die Prävalenz unterscheidet sich nach der klinischen Situation. So liegt sie bei Frauen mit Regelschmerzen bei 40 bis 60 Prozent, bei Frauen mit chronischen Unterleibsschmerzen bei über 30 Prozent und bei Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch bei etwa 20 bis 30 Prozent.Fritz Nagele: Endometriose – Ein unterschätztes Leid? In: J Gynäkol Endokrinol. 3, 2009, S. 45–46, kup.at (PDF; 343 kB) Bei Verwandten ersten Grades (Mütter, Schwestern) von Endometriosepatientinnen fand sich die Erkrankung mit einer Prävalenz von 6,9 Prozent ebenfalls, dagegen nur in 1 Prozent der Mütter und Schwestern der Ehemänner. Bei gynäkologischen Operationen über einen Bauchschnitt findet sich in 1 bis 15 Prozent, bei allen gynäkologischen Bauchspiegelungen (Laparoskopien) in 5 bis 53 Prozent und bei Laparoskopien von Kinderwunschpatientinnen in 30 bis 50 Prozent eine Endometriose. Dabei weisen die betroffenen Frauen nur zur Hälfte Symptome auf.

Versorgungsmedizinische Verordnung (VersMedV) +14.5 EndometrioseGdSleichten Grades (geringe Ausdehnung, keine oder nur geringe Beschwerden)0–10mittleren Grades20–40schweren Grades (z. B. Übergreifen auf die Nachbarorgane, starke Beschwerden, erhebliche Beeinträchtigung des Allgemeinzustandes, Sterilität)50–60

Diagnosestellung Die Endometriose ist eine hormonabhängige Erkrankung, die extrem selten bei präpubertären Mädchen und selten bei postmenopausalen Frauen vorkommt. Sie wird am häufigsten bei Frauen zwischen dem 25. und 35. Lebensjahr diagnostiziert. Die Patientinnen sind bei Diagnosestellung im Mittel 28 Jahre alt. Die Diagnose kann jedoch manchmal bereits wenige Monate nach der ersten Regelblutung,K. Yamamoto, Y. Mitsuhashi, T. Takaike, K. Takase, H. Hoshiai, K. Noda: Tubal endometriosis diagnosed within one month aftermenarche: a case report. In: Tohoku J Exp Med. 181, 1997, S. 385–387. PMID 9163854 in Einzelfällen auch vor der ersten RegelblutungA. D. Ebert, N. Fuhr, M. David, L. Schneppel, T. Papadopoulos: Histological Confirmation of Endometriosis in a 9-Year-Old Girl Suffering from Unexplained Cyclic Pelvic Pain since Her Eighth Year of Life. In: Gynecol Obstet Invest. 67, 2008, S. 158–161. PMID 19077389R. E. Batt, M. F. Mitwally: Endometriosis from thelarche to midteens: pathogenesis and prognosis, prevention and pedagogy. In: J Pediatr Adolesc Gynecol. 16, 2003, S. 337–347. PMID 14642954, doi:10.1016/j.jpag.2003.09.008 gestellt werden. + Medianes Zeitintervall bis zur Diagnosestellung Dauer bis zur Diagnose Frauen ≤ 19 Jahre 12,1 Jahre Frauen ≥ 30 Jahre 3,0 Jahre Patientinnen mit Kinderwunsch 4,0 Jahre Patientinnen mit Unterbauchbeschwerden 7,0 Jahre

Die Endometriose wird häufig erst spät diagnostiziert.S. Dogan, S. Djalali, A. Agic, K. Diedrich, D. Hornung: Diagnostik der Endometriose: Neue Tests aus peripherem Blut. In: J Gynäkol Endokrinol. 2, 2008, S. 14–17, kup.at (PDF; 263 kB) Durchschnittlich vergehen 3 bis 11 Jahre zwischen ersten Symptomen und dem Stellen der Diagnose.K. W. Schweppe: Endometriose – Eine Erkrankung ohne Lobby. In: Zentralbl Gynäkol. 125, 2003, S. 233.G. K. Husby, R. S. Haugen, M. H. Moen: Diagnostic delay in women with pain and endometriosis. In: Acta Obstet Gynecol Scand. 82, 2003, S. 649–653. PMID 12790847S. Luisi, L. Lazzeri, V. Ciani, F. Petraglia: Endometriosis in Italy: from cost estimates to new medical treatment. In: Gynecol Endocrinol. 11, 2009, S. 734–740. PMID 19908951G. Hudelist, N. Fritzer, A. Thomas, C. Niehues, P. Oppelt, D. Haas, A. Tammaa, H. Salzer: Diagnostic delay for endometriosis in Austria and Germany: causes and possible consequences. In: Hum Reprod. (2012). PMID 22990516, doi:10.1093/humrep/des316 In diesem Zeitintervall haben etwa 50 Prozent der betreffenden Frauen fünf oder mehr Ärzte aufgesucht. Je jünger die Patientinnen bei den ersten Anzeichen sind, desto mehr Zeit vergeht, bis die Endometriose diagnostiziert wird.M. S. Arruda, C. A. Petta, M. S. Abrão, C. L. Benetti-Pinto: Time elapsed from onset of symptoms to diagnosis of endometriosis in a cohort study of Brazilian women. In: Hum Reprod. 18, 2003, S. 756–759. PMID 12660267, oxfordjournals.orgAdolf E. Schindler: Epidemiologie, Pathogenese und Diagnostik der Endometriose. In: J Fertil Reprod. 17, 2007, S. 22–27, kup.at (PDF; 387 kB)

Gründe für die verzögerte Diagnosestellung sind die unspezifischen Symptome, die wie Menstruationsbeschwerden (Dysmenorrhoe) teilweise von Mädchen, Frauen und Ärzten als normal angesehen werden. Daher werden Beschwerden verzögert berichtet und von Ärzten teilweise falsch gedeutet, wobei eine Vielzahl von Differentialdiagnosen als mögliche Ursache von Beschwerden infrage kommt.

Unspezifische Behandlungen wie die Gabe hormoneller Verhütungsmittel können die Beschwerden lindern und damit die korrekte Diagnostik ebenfalls verzögern. Ultraschalluntersuchungen werden als alleinige Untersuchung bei Unterbauchbeschwerden eingesetzt, obwohl damit lediglich Endometriosezysten der Eierstöcke sicher zu entdecken sind.Ruth Hadfield, Helen Mardon, David Barlow, Stephen Kennedy: Delay in the diagnosis of endometriosis: a survey of women from the USA and the UK. In: Hum Reprod. 11, 1996, S. 878–880. PMID 8671344, oxfordjournals.org (PDF; 249 kB)Karen Ballard, Karen Lowton, Jeremy Wright: What’s the delay? A qualitative study of women’s experiences of reaching a diagnosis of endometriosis. In: Fertil Steril. 86, 2006, S. 1296–1301. PMID 17070183, doi:10.1016/j.fertnstert.2006.04.054M. L. Ballweg: Impact of endometriosis on women’s health: comparative historical data show that the earlier the onset, the more severe the disease. In: Best Pract Res Clin Obstet Gynaecol. 18, 2004, S. 201–218. PMID 15157638K. W. Schweppe, A. D. Ebert, L. Kiesel: Endometriosezentren und Qualitätsmanagement. In: Gynäkologe. 43, 2010, S. 233–240, doi:10.1007/s00129-009-2484-x

Lokalisation mini|Endometrioseherde im Douglas-Raum und auf dem rechten Ligamentum sacrouterinum Die Endometriose befindet sich meist am Bauchfell im unteren Bauchraum bzw. kleinen Becken. Häufig sind dabei der Douglas-Raum, die Bänder zwischen Gebärmutter und Kreuzbein und die Eierstöcke betroffen. Eine Ausbreitung auf die Scheidenwand und den Darm sowie das Bindegewebe zwischen Scheide und Darm ist nicht selten. Weiterhin findet sich die Erkrankung in der Gebärmuttermuskulatur, dem Wurmfortsatz sowie am Zwerchfell. Auch die Vulva, der Damm und der Bauchnabel können betroffen sein. Sehr selten befällt die Endometriose die Lunge,H. Suginami: A reappraisal of the coelomic metaplasia theory by reviewing endometriosis occurring in unusual sites and instances. In: Am J Obstet Gynecol. 165, 1991, S. 214–218. PMID 1853899 SkelettmuskulaturS. Saberi, A. R. Farhoud, A. Radmehr: Calf endometriosis: a case report and review of musculoskeletal involvement. In: Am J Orthop (Belle Mead NJ). Band 38, 2009, S. E175–E178. PMID 20049359 und das Gehirn.

Im Bauchraum wird zwischen einer oberflächlichen peritonealen Endometriose, die nur das Bauchfell betrifft, und der sogenannten tiefen infiltrierenden Endometriose unterschieden, die in Strukturen wie Harnblasen- und Darmwand oder Harnleiter hineinwächst.

Nach Operationen können sich Endometrioseherde auch in Narben finden, beispielsweise nach Kaiserschnitten.Wolfgang Kühn, Heinz Pickartz: Klinische Pathologie des weiblichen Genitale. Wissenschaftliche Verlagsanstalt, 2001, ISBN 3-8047-1778-0, S. 223.

+ Häufigkeit verschiedener Endometrioselokalisationen befallene Struktur Häufigkeit des Befalls in Prozent Ligamentum sacrouterinum 60 Eierstöcke 52 Douglas-Raum 28 Harnblase 15 Ligamentum latum 16 Mastdarm 12 Mesosalpinx 10 Ligamentum rotundum 5 Eileiter 2 bis 8 Appendix vermiformis 2

Entstehung mini|Endometrioseherde am Bauchfell

Ursachen Die Ursachen für die Entstehung der Endometriose sind nicht vollständig geklärt. Es gibt zahlreiche Erklärungsmodelle, die jedoch bislang nicht zu beweisen sind.

Die Transplantationstheorie nach Sampson geht davon aus, dass lose Gebärmutterschleimhautzellen bei der retrograden Menstruation durch die Eileiter, aber auch über das Blut und über die Lymphgefäße sowie bei Operationen verschleppt werden und sich an anderer Stelle ansiedeln. Bei der Metaplasietheorie nach Meyer entstehen Endometrioseherde an Ort und Stelle aus embryonalen Bauchhöhlenzellen, dem sogenannten Zölomepithel. Die Induktionstheorie stellt eine Kombination aus der Transplantations- und Metaplasietheorie dar. Genetische Faktoren scheinen ebenfalls eine Rolle bei der Erkrankung zu spielen.F. Wieser, R. Wenzl, R. N. Taylor, K. Diedrich, D. Hornung: Genetik der Endometriose. In: Der Gynäkologe. Band 37, 2004, S. 676–680. doi:10.1007/s00129-004-1558-z Umweltgifte wie PCB, DDT oder Dioxine können unter anderem ähnlich wie Östrogene wirken und damit möglicherweise das endokrine System bereits während der vorgeburtlichen Phase stören. Immunologische Ursachen werden ebenfalls diskutiert. Die Archimetratheorie von Leyendecker sieht die Endometriose als Folge einer Adenomyosis oder deren Frühmanifestationen und somit als eine Erkrankung der Archimetra an. Dieses Konzept stützt sich auf spezifische Veränderungen des normalen Endometriums bei Frauen mit Endometriose, auf archimetrale Funktionsstörungen wie Hyper- und Dysperistaltik sowie auf eine archimetrale Infiltration in die Gebärmuttermuskulatur (Myometrium).G. Leyendecker, G. Kunz, M. Noe, M. Herbertz, D. Beil, P. Huppert, G. Mall: Die Archimetra als neues morphologisch-funktionelles Konzept des Uterus sowie als Ort der Primärerkrankung bei Endometriose. In: Reproduktionsmedizin. 15, 1999, S. 356–371, doi:10.1007/s004440050126, oxfordjournals.org (PDF; 236 kB)G. Leyendecker, G. Kunz, M. Noe, M. Herbertz, G. Mall: Endometriosis: a dysfunction and disease of the archimetra. In: Hum Reprod Update. 4, 1998, S. 752–762. PMID 10027630 Das Archimetrakonzept wurde von Leyendecker zur Tissue Injury And Repair-Theorie (TIAR) weiterentwickelt.