Islamische Geschichtsschreibung bezeichnet die traditionelle oder klassische Geschichtsschreibung früher muslimischer Autoren, mit der sich die moderne Forschung, speziell die Islamwissenschaft, auseinandersetzt. Für Geschichte bzw. Geschichtsschreibung steht im Arabischen der Begriff . Er ist als Verbalsubstantiv aus dem Verb arracha abgeleitet. Die Etymologie des Wortes in dieser Bedeutung ist nicht geklärt. Franz Rosenthal geht von einem möglichen südarabischen Ursprung des Begriffes aus: w-r-ḫ (Mond, Monat) und tawrīḫ in der Bedeutung von Bestimmung der Zeit – Datierung – aufgrund der Beobachtung des Mondes. Die arabische Lexikographie verzeichnet neben der obigen Form taʾrīḫ auch die archaische Variante von tawrīḫ.Franz Rosenthal (1968), S. 11–17; The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. 10, S. 257f; „Historical Writing“; Adam Gacek: The Arabic Manuscript Tradition. A Glossary of Technical Terms & Bibliography.Handbook of Oriental Studies (Handbuch der Orientalistik). Section One. Vol. 58. Brill, Leiden 2001, S. 5 Das Wort ist erst seit 8. Jahrhundert im Sinne „Geschichte“ nachweisbar und wird im arabischen Schrifttum in der Bedeutung der historischen Chronologie (taʾrīḫ ʿalā s-sinīn, wörtlich: Geschichte nach Jahren angeordnet, Annalistik) verwendet.A. J. Wensinck, J. H. Kramers: Handwörterbuch des Islam. Brill, Leiden 1941. S. 734: „Das Wort taʾrīkh bedeutet eigentlich 'Datierung' und hat auch die Bedeutung 'Chronik, Geschichtswerk, Geschichte' angenommen…“ Als Wissenschaftsdisziplin verwendet man im arabischen Schrifttum auch den Begriff ’ilm at-ta’rich .Siehe die Arbeit von A. A. Dūrī: Baḥṯ fī našʾat ʿilm at-taʾrīḫ ʿinda al-ʿarab (Untersuchung über die Entstehung der Geschichtswissenschaft bei den Arabern; die englische Übersetzung des Buches hat den Titel: The rise of historical writing among the Arabs. Princeton 1983); abgekürzt zitiert bei Fuat Sezgin (1967), S. 311 und passim; Ella Landau-Tessaron (1990), S. 4 In diesem Sinne wird der Begriff auch im Persischen und Türkischen benutzt.
Die Anfänge der islamischen Geschichtsschreibung Studien beschäftigen sich seit über hundert Jahren mit den Anfängen der islamischen Geschichtsschreibung, dennoch liegen ihre Anfänge bei den Arabern immer noch im Dunkeln. In der Forschung geht man von einer ursprünglich oralen Überlieferung historischer Ereignisse aus. Entsprechend bezeichnet man die Geschichtsschreiber im arabischen Schrifttum als . Auch die Nachrichten über das Leben Mohammeds pflegte man als „achbar“ zu bezeichnen und verband den Begriff mit hadith.Ignaz Goldziher: Muhammedanische Studien. Halle a. S. 1890. Bd. 2, S. 4. Anm. 1. Allerdings ist die Wissenschaftsdisziplin der Geschichtsschreiber von der der Ashāb al-hadīth zu unterscheiden. Die Anfänge der schriftlichen Fixierung historischer Berichte erfolgte – wie im Falle des Hadith – wahrscheinlich im ausgehenden 7. und frühen 8. Jahrhundert; inwieweit die ersten schriftlichen Aufzeichnungen als authentisch betrachtet werden können, ist eine der Grundfragen der islamischen Geschichtsforschung.
„… auch Augen- und Ohrenzeugenberichte weisen die Tendenz auf, bestimmte traditionelle Motive und Erwartungsmomente dem Erlebten überzustülpen, d. h. die realen Vorgänge im Sinne oraler Traditionen zu überformen und damit auch zu verfälschen… Unser Gedächtnis enthält mehr, als wir jeweils erinnern können, aber es seligiert und verändert die Erinnerungsinhalte. Wir behalten in der Regel nur, was uns erstens bekannt und zweitens sinnvoll vorkommt; das Befremdliche verwandeln wir, bis es uns vertraut ist. Unabsichtlich, unbemerkt werden die Geschichten im Einklang mit den Interessen, Kenntnissen, Vorlieben, Abneigungen und Gemütsverfassungen der Nacherzähler umfrisiert. So werden die Geschichten den Erzählern immer ähnlicher.“Gregor Schoeler: Charakter und Authentie der muslimischen Überlieferung über das Leben Mohammeds. Walter de Gruyter. Berlin, New York 1996, S. 4. Aus dem Vorwort: „Wahrheit und historische Überlieferung: Drei Zitate zur Einführung in die Thematik“: Zitat von L. Röhrich: Orale Traditionen als historische Quelle. Einige Gedanken zur deutschsprachigen mündlichen Volkserzählung. In: J. von Ungern-Sternberg und H. Reinau (Hrsg.): Vergangenheit in mündlicher Überlieferung. (Colloquium Rauricum. Bd. 1), Stuttgart 1988. S. 90.
Der genaue Zeitpunkt des Übergangs von oraler Tradition zur konsequent durchgeführten schriftlichen Fixierung historischer Ereignisse ist unbekannt.Fuat Sezgin (1967), S. 237ff.
Franz Rosenthal, einer der besten Kenner der klassischen islamischen Historiographie, vertritt die Ansicht, dass Geschichtsschreibung in den islamischen Wissenschaften der ersten Jahrhunderte keine „akademisch“ anerkannte Position hatte. In der Tat sind die ersten Schriften über Geschichtstheorie erst in den bahnbrechenden Darstellungen von Ibn Chaldun zu beobachten.F. Rosenthal (1968), S. 31: „never achieved the position of an academic subject“; Ella Landau-Tessaron: Sayf ibn ’Umar in Medieval and Modern Scholarship. In: Der Islam 67 (1990), S. 11.
Die Themen islamischer Geschichtsschreibung Die Sira- und Maghazi-Literatur Die Sira- und Maghazi-Literatur stellt die älteste Gattung der Historiographie dar und beschränkt sich auf das Leben Mohammeds, auf seine Feldzüge bis zur Eroberung Mekkas und auf seinen Tod. In der zeitgenössischen Forschung wird angenommen, dass die Sendschreiben Mohammeds an die arabischen StämmeW.Montgomery Watt: Muhammad at Medina. Oxford 1972, S. 345–347 (Excursus)., ferner die sog. Gemeindeordnung von MedinaR. B. Serjeant: The Sunnah Jami’ah, Pacts with the Yathrib Jews, and the Taḥrīm of Yathrib. Analysis and Translation of the Documents Comprised in the So-Called "Constitution of Medina". In: Bulletin of the School of Oriental and African Studies (BSOAS), 41 (1978, S. 1–42). aus der Frühzeit stammen, obwohl sie nicht in Originalen, aber in mehr oder weniger gleichlautenden Überlieferungen erhalten sind. Die älteste Quelle für diese Berichte über das Leben Mohammeds bildet die Prophetenbiographie von Ibn Ishāq, der auf ein reichhaltiges, sowohl schriftliches als auch mündlich überliefertes Material zurückgreifen konnte.Josef Horovitz: The Earliest Biographies of the Prophet and their Authors. In: Islamic Culture, 1 (1927), S. 535–559; 2 (1928), S. 22–50; 164–182; 495–526; Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. Brill, Leiden. Bd. 1, S. 250–251. Eine der wichtigsten Quellen dieses Werkes ist 'Urwa ibn az-Zubair. Seine Berichte über das Leben des Propheten sind zum Teil in der literarischen Form von Briefen überliefert, die er an den Kalifen Abd al-Malik ibn Marwan richtete und die in großen Auszügen in at-Tabaris annalistischem Geschichtswerk (siehe unten) erhalten sind. Der österreichische Orientalist Aloys Sprenger hat diese Briefe bereits 1861 ins Deutsche übertragen.Aloys Sprenger: Das Leben und die Lehre des Mohammad nach bisher grösstentheils unbenutzten Quellen. Nicolai’sche Verlagsbuchhandlung. Berlin 1861. Der britische Orientalist William Montgomery Watt hat sie kurz analysiert und ihre Bedeutung als Quelle für die historische Forschung hervorgehoben.W. Montgomery Watt: Muhammad at Mecca. Oxford 199. S. 180–182 (Excurus). Mohammeds Feldzüge hat der in Bagdad wirkende al-Waqidi (gest. 823)Fuat Sezgin (1967), S. 294–297. in chronologischer Reihenfolge zusammengefasst.Herausgegeben von Marsden Jones: The Kitāb al-Maghāzī of al-Wāqidī. London.Oxford University Press 1965. 3. Bände. Nachdruck: ʿĀlam al-kitāb. 3. Auflage. Beirut 1984. Teiledition von Julius Wellhausen (Hrsg.): Mohammed in Medina. Das ist Vakidi’s Kitab al-Maghazi in verkürzter deutscher Wiedergabe. Reimer, Berlin 1882.
An die Prophetenbiographie schließen sich thematisch die Nachrichten über die Wahl des ersten Nachfolgers Mohammeds Abū Bakr an, die sowohl bei Ibn Ishaq als auch in späteren Kompilationen, oder in eigenständigen Monographien als „Die Nachrichten über den Säulengang der Bani Sa’ida“, wo die erste Kalifenwahl in Medina stattgefunden hat, abgehandelt werden.
Die Nachrichten über die Ridda-Kriege Diese Berichte behandeln die von den medinensischen Muslimen geführten Kriege gegen die arabischen Stämme auf der Arabischen Halbinsel, die entweder nach ihrer Bekehrung vom Islam abgefallen und anderen, sog. „falschen“ Propheten – wie Musailima – gefolgt sind, oder von Mohammed und der medinensischen Gemeinschaft weitgehend oder völlig unabhängig gewesen waren.Albrecht Noth: Quellenkritische Studien zu Themen, Formen und Tendenzen frühislamischer Geschichtsüberlieferung. Teil I: Themen und Formen. Bonn 1973. S. 30–31. Die ersten Monographien unter dem Titel „Kitab ar-ridda“ (Das Buch über die Ridda-Kriege) sind in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts entstanden. Sie sind nur in Kompilationen der Folgegenerationen erhalten.Wilhelm Hoenerbach: Waṯīma’s K. ar-Ridda aus Ibn Ḥaǧars Iṣāba. Ein Beitrag zur Geschichte des Abfalls der Araberstämme nach Muḥammads Tod. Mainz 1951. Das von at-Tabari benutzte Kitab ar-ridda von al-Waqidi ist ebenfalls nicht erhalten; denn eine Handschrift, die in der Forschung als sein Ridda-Buch galt,Fuat Sezgin (1967), S. 295–296. Nr. 3. ist ein Teil aus dem Werk des irakischen Historikers Ibn A’tham al-Kufi (siehe unten).Miklós Murányi: Ein neuer Bericht über die Wahl des ersten Kalifen Abu Bakr. In: Arabica 25 (1978), S. 233–260; bes. 236–238. Der Genealoge und Historiker Ibn al-Kalbī (gest. 819), der Verfasser des „Götzenbuches“ hat den Kampf gegen Musailima in einer monographischen Abhandlung „Das Buch über den Lügner Musailama“ zusammengefasst.A. Noth (1973), S. 31.
Die Nachrichten über die islamischen Eroberungskriege