miniatur|Der Nanga Parbat von der „Märchenwiese“ aus
Die Deutsche Nanga-Parbat-Expedition 1934, oder auch Deutsche Himalaya-Expedition 1934 (DHE) genannt, war nach der im Jahr 1932 erfolglos beendeten Deutsch-Amerikanischen Himalaya-Expedition (DAHE) der zweite Versuch eines deutschen Expeditionsteams, den Nanga Parbat (8125 m) zu besteigen. Der bergsteigerische Misserfolg dieser Expedition verfestigte für den Nanga Parbat den pathetischen Begriff des „Schicksalsberges der Deutschen“. Die parallel durchgeführte wissenschaftliche Erkundung des Nanga-Parbat-Gebiets brachte hingegen wichtige Erkenntnisse.
Expeditionsmannschaft
Zu den Teilnehmern zählte wie 1932 neben dem deutschen Expeditionsleiter Willy Merkl wieder der Österreicher Peter Aschenbrenner. Ihnen zur Seite standen die Deutschen Alfred Drexel, Uli Wieland, Willo Welzenbach, Fritz Bechtold und Peter Müllritter, sowie die zwei Österreicher, der Kartograf Erwin Schneider und der Expeditionsarzt Willi Bernard. Als einheimische Bergsteiger und Höhenträger begleiteten sie insgesamt 35 Sherpas, darunter die erfahrenen Höhenbergsteiger Ang Tensing, Dakshi, Gay-Lay, Lobsang, Kitar, Nima Dorje, Nima Nurbhu, Nima Thashi und Pinzo Nurbhu.
Hans Hieronimus übernahm die Verwaltung des Hauptlagers und ersetzte den hohen Reichsbahnbeamten Heinz Baumeister, der kurz vor der Abreise erkrankt war. Des Weiteren nahmen an der Expedition der Kartograf Richard Finsterwalder, der Geograf Walter Raechl und der Geologe Peter Misch teil. Während Dr. Bernard und Müllritter im Basislager blieben, umrundeten Finsterwalder, Raechl und Misch acht Wochen lang das gesamte Massiv, um es topografisch, geologisch und geografisch zu erkunden.Walter Raechl: Die Tragödie 1934. In: Reinhold Messner: Diamir. König der Berge. Schicksalsberg Nanga Parbat. München 2008, S. 52. Aschenbrenner und Schneider galten als hervorragende Leistungsträger der Expedition, Welzenbach setzte als Vertreter der „Münchner Schule“ und Mitglied des Akademischen Alpenvereins München neue Maßstäbe im Bergsport.
Verlauf Im Zuge der Gleichschaltung des Deutschen Reiches durch die Nationalsozialisten mussten Expeditionen vom Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten genehmigt werden. Paul Bauer, der Leiter des Fachamtes für Bergsteigen und Wandern im Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen, plante, so wie bereits 1929 den Kangchendzönga zu besteigen. Ihm kam Merkl zuvor, der mit maßgeblicher Unterstützung seines Arbeitgebers, der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft, die Route von 1932 auf den Nanga Parbat vollenden wollte.
Transport und Anreise Der erste Transport brach am 27. März 1934 auf und erreichte das Hauptlager am Fuße des Nanga Parbat zwei Monate später, am 29. Mai 1934. Mehr als 7000 kg Ausrüstungsmaterial und Verpflegung wurden von Europa in den Himalaya transportiert, wobei ein Großteil der Distanz per Schiff bewältigt wurde. Für den Transport der Lasten wurden etwa 600 Kulis angeheuert. Des Weiteren unterstützten die Expedition 35 Sherpa, erfahrene Hochträger aus dem Khumbu, einer Subregion Nepals. Die genau durchdachte Logistik und die von den britischen Captains Sangster und Frier als Begleitoffiziere unterstützte Organisation machten die Expedition zu einem internationalen Unterfangen mit beinahe militärischer Planung.
Beginn der Besteigung miniatur|Der obere Teil der Rakhiot-Wand mit dem darüberliegenden Silberplateau (links) und dem Hauptgipfel
Die Besteigung des Nanga Parbat war über eine bei der Deutsch-Amerikanischen Himalaya-Expedition im Jahr 1932 entdeckte Route an der Nordseite des Massivs in der Rakhiot-Flanke geplant. Am 8. Juni verstarb Alfred Drexel im Lager II an einem Höhen-Lungenödem (diagnostiziert durch den Expeditionsarzt Willi Bernard, möglicherweise handelte es sich aber auch um eine Lungenentzündung). Die Gruppe wurde durch diesen vorzeitigen Schicksalsschlag hart getroffen. Sie kehrte daraufhin um und verbrachte 17 Tage bei schönem Wetter im Basislager.
Nachdem die Expedition wieder fortgesetzt worden war, erkrankten im Lager IV zwei Sherpas. Die Bergsteiger losten aus und Bechtold begleitete die beiden ins Basislager zurück. Trotz dieser Schicksalsschläge verlief die Expedition in der Folge recht vielversprechend. Merkls Ziel war es, den Gipfel mit möglichst vielen Mitgliedern der Mannschaft zu erklimmen. Fünf Bergsteiger und elf Sherpas rückten gegen den 7451 m hohen „Silbersattel“ an. Peter Aschenbrenner und Erwin Schneider waren weit voraus und stießen gemeinsam bis auf eine Höhe von 7895 mManchen Angaben zufolge kamen sie „nur“ bis auf eine Höhe von 7850 m.Vgl. Besteigungsgeschichte des Nanga Parbat auf der Website von Markus Kronthaler. vor, wo sie im Lager VII auf Anweisung Willy Merkls auf den gemeinsamen Gipfelsturm der Bergkameradschaft warten sollten. Der Triumph der Erstbesteigung des Nanga Parbat schien zum Greifen nahe.
Wetterumschwung und Abbruch der Expedition miniatur|Eine Lawine am Nanga Parbat
Das Wetter, das sich in dieser Region rasant ändern kann, schlug jedoch um. In der Nacht auf den 7. Juli baute sich ein Orkan auf, der die Männer zwang, in ihrem Höhenlager auf 7600 m auszuharren. Dieser dramatische Wetterumschwung, der neben tobendem Wind und Schneesturm auch Düsternis über die Expedition brachte, und Nahrungsmangel führten bei den Teilnehmern zu der Erkenntnis, dass der Gipfel nicht mehr erreicht werden konnte. Hinzu kam, dass die Höhenkrankheit bei den Männern Erschöpfung hervorrief.
Am Morgen des 8. Juli wurde beschlossen, die Expedition abzubrechen. Auf Wunsch des Expeditionsleiters Willy Merkl sollten die beiden stärksten Teilnehmer, Schneider und Aschenbrenner, in Begleitung der drei Sherpas Pasang, Nima Dorje und Pinzo Nurbu zum Lager IV vorausgehen, um eine Spur im Tiefschnee zu treten. Unterhalb des Silbersattels stürzte Nima Dorje von einem Felsen. Aschenbrenner und Pasang konnten ihn jedoch am Seil halten, wobei ein Packsack mit mehreren Schlafsäcken verloren ging. Mit einem einzigen verbliebenen Schlafsack mussten die fünf den Weg zu Lager IV fortsetzen, da die Vorräte von Lager V und VI zuvor in höher gelegene Lager gebracht worden waren. Aschenbrenner und Schneider stiegen über den Rakhiot-Peak zu Lager V, wo sie Proviant vorfanden und sich etwas ausruhen konnten. Durch diese Erholung gelang es ihnen, noch am selben Tag zu Bechtold, Müllritter und Bernard im Lager IV abzusteigen, das sie am späten Nachmittag erreichen konnten. Die Träger blieben in Lager VI zurück.
Kampf ums Überleben miniatur|Rakhiot Seite mit Routenangaben, die Sterbeorte von Merkl, Wieland und Welzenbach sind gekennzeichnet
Die übrigen Teilnehmer sollten der Spur Aschenbrenners und Schneiders folgen. Für jene wurde es jedoch ein Kampf um Leben und Tod, den Uli Wieland am 9. Juli kurz vor Lager VII, Willo Welzenbach am 14. Juli im Lager VII und Willy Merkl am 16. JuliLaut anderen Angaben starb Merkl am 17. Juli 1934. Vgl. Die Geschichte des Nanga Parbat. auf: Himalaya-Info.org verloren, wie den Notizen, die im Jahr 1938 gefunden wurden, zu entnehmen war.Vgl. Liste der tragischen Ereignisse. auf: Himalaya-Info.org Das gleiche Schicksal teilten die sechs Sherpas Nima Nurbu, Nima Thashi, Nima Dorje, Pinzo Nurbu, Dakshi und Gay-Lay. Sie starben auf dem Ostgrat und im Seilquergang der Rakhiot-Wand an Erschöpfung. Die Leichen von Willy Merkl und anderen Bergsteigern wurden 1938 in Schneehöhlen gefunden. Die vier Sherpas Pasang, Kitar, Dawa Thondup und Kikuli konnten mit schweren Erfrierungen das Lager IV erreichen.
Aschenbrenner, Schneider und Müllritter versuchten zusammen mit den Sherpas Nurbu, Ang Tensing und Lobsang, den anderen zur Hilfe zu kommen, und kämpften verzweifelt gegen den brusttiefen Neuschnee. Sie kamen bis über das Lager V hinaus, wo sie Pinzo Nurbu tot vorfanden und in größerer Höhe ebenso zwei leblose Sherpas entdeckten. Zwei weitere Male versuchten Aschenbrenner und Schneider, bis zum Lager VI vorzustoßen, sogar die Wissenschaftler Raechl und Misch wollten nicht aufgeben. Ihre Bemühungen waren jedoch vergebens. Bis zum 15. Juli konnten sie Rufe vom Grat herab hören, die allmählich leiser wurden, bis sie endgültig verstummten: Willy Merkl und sein Sherpa Gay-Lay, die sich gegen den Tod wehrten.Vgl. Horst Höfler, Reinhold Messner: Nanga Parbat. Expeditionen zum „Schicksalsberg der Deutschen“ 1934–1962. S. 14 ff. 1938 wurden die mumifizierten Leichen Merkls und Gay-Lays in der Nähe des „Mohrenkopfes“, eines schwarzen Felsen, gefunden. Der Sherpa war bis in den Tod nicht von der Seite seines Sāhibs gewichen.
Nur drei von elf Sherpas überlebten dieses Drama.Vgl. (PDF; 528 kB) Österreichische Alpenzeitung des Österreichischen Alpenklubs (Ausgabe Juli/August 2003), abgerufen am 25. November 2012 Unter ihnen war neben Kitar, der 1935 mit Herbert Tichy den Kailash umrundete, auch einer der – wie erfahrene Sherpas auch genannt werden – „Tiger des Himalaya“, der Sherpa Ang Tshering. Beide wurden daraufhin mit der Ehrenmedaille des Deutschen Roten Kreuzes ausgezeichnet.Vgl. Jochen Hemmleb: Everest. Göttinmutter der Erde. AS Verlag & Buchkonzept, Zürich 2002, ISBN 3-905111-82-9, S. 152. +SterbedatumName08.06.1934Alfred Drexel09.07.1934Uli Wieland14.07.1934Willo Welzenbach16.07.1934Willy Merkl
Nachspiel Aschenbrenner und Schneider wurden in der Folge beschuldigt, sich der Verletzung der Beistandspflicht schuldig gemacht zu haben. Der Sherpa Pasang berichtete nach der Expedition, dass die beiden auf Skiern abgefahren seien und die Sherpas ihrem Schicksal überlassen hätten. Es ist aber unwahrscheinlich, dass Skier bis ins Lager IV getragen wurden. Auch auf Fotografien aus diesen Höhen sind keine Skier zu erkennen. Ein alpinistisches Ehrengericht sollte diesen Vorwurf klären. Auslöser dieses Verdachts war aber wohl die Rivalität zwischen der Deutschen Himalaya-Stiftung einerseits und dem Akademischen Alpenverein München, einer dem Alpenverein nahestehenden Gruppe, andererseits. Das Ehrengericht stellte dabei während der Sitzung am 11. März 1935 fest: „Ein Verschulden eines Teilnehmers an dem Misslingen der Expedition und an der Katastrophe wurde nicht festgestellt. Die objektiv feststehende Tatsache, dass Schneider und Aschenbrenner sich von ihren Trägern trennten und sie allein zurückliessen […] ist nicht in Einklang zu bringen mit den Grundsätzen der Bergkameradschaft. Es ist aber nicht festzustellen, dass Schneider und Aschenbrenner sich dieses Verstosses bewusst geworden sind.“ Obwohl beiden keine Schuld nachgewiesen werden konnte, wurden sie in der Folge von weiteren Expeditionen ausgeschlossen. Dieser Zwist war allerdings auch ein Spiegelbild der gespannten politischen und ideologischen Situation zwischen Österreich und dem Deutschen Reich.
Des Weiteren wurde Paul Bauer der Vorwurf gemacht, von Anfang an die Expedition aufgrund der seit den Zwanziger-Jahren bestehenden Feindschaft zwischen Welzenbach und ihm sabotiert zu haben.Vgl. Peter Mierau: Nationalsozialistische Expeditionspolitik. S. 71 f. Günter Dyhrenfurth bezeichnete Willy Merkls Absicht, den Gipfelsieg quasi als „Wallfahrt auf den Gipfel“ zu zelebrieren, als den entscheidenden Fehler dieser Expedition.Vgl. Günter O. Dyhrenfurth: Das Buch vom Nanga Parbat. 1954 In Merkls Plan sei die völlig ungeeignete Taktik des „eingeschworenen Kollektivs“ zutage getreten, die zur Eroberung eines solchen Berges nur sehr selten zielführend ist. Man wusste damals noch nicht um die verheerenden Auswirkungen eines zu langen Aufenthalts in über 7000 m Höhe und hatte noch nicht erkannt, dass die Eroberung eines Gipfels von der Schwierigkeit eines Nanga Parbat mit einer möglichst leichten Angriffsspitze „in der Art einer Mondrakete“ (Dyhrenfurth) durchgeführt werden muss. Die Überlegenheit einer solchen Taktik war es auch, die 1953 zum Erfolg führte.
Der Nanga Parbat als „Schicksalsberg der Deutschen“ Politische Bedeutung