Ōfunato (jap. , -shi) ist eine Stadt in der Präfektur Iwate auf Honshū, der Hauptinsel von Japan.

Geographie

Die Gemeinde liegt an der Sanriku-Küste und somit an der Pazifikküste der Tōhokuregion. Die Sanriku-Küste besitzt als Ria-Küste viele steil ansteigende, enge Buchten, die durch ihre komplexen geographischen Effekte die Auswirkungen von Tsunamis verstärken und insbesondere auch in Ōfunato zu besonders hohen bis hin zu RekordauflaufhöhenAls Auflaufhöhe (englisch: run-up height) wird hier die Höhe des Landes, bis zu dem der Tsunami vorgedrungen ist, bezeichnet. (Quelle: Miyako City Great East Japan Earthquake and Tsunami Records Editorial Committee: Miyako City Iwate Prefecture, 15. März 2015 [Japanische Originalfassung: 1. September 2014]). führen können.

Die Stadt Ōfunato ist in der engen Bucht von Ōfunato () angesiedelt, die sich – auf beiden Flanken von steil ansteigenden Hügeln begrenzt – nach Süden erstreckt und in den Ozean öffnet. Die Bucht zieht sich vom Hafen bis zum Ozean über eine Länge von 5,7 km hin und misst direkt am Hafen eine Breite von 1,1 km. Vor dem Tōhoku-Tsunami existierten am Eingang der Bucht zwei Wellenbrecher, die zusammen eine Länge von 540 m aufwiesen, am 11. März 2011 jedoch vollständig zerstört wurden. (Online veröffentlicht am 27. März 2012).

Ōfunato liegt südöstlich von Morioka und nordöstlich von Sendai.

Geschichte In der Edo-Zeit umfasste Ōfunato neben der Handels- und Verwaltungsstadt auch Fischer- und Bergdörfer. Da das Meer reichlich Nahrung bot, lebten viele Fischer an der Küste. Andere Einwohner arbeiteten im Hinterland als Holzfäller.

In den 1930er Jahren begann eine private Firma mit der Produktion von Zement, für den sie Kalkstein aus dem Hinterland der Stadt verwendete. Dies diente als Katalysator für den Wandel Ōfunatos zu einer modernen Schwerindustriestadt.

Im Jahr 1952 wurden zwei Städte und fünf Dörfer der Region zur Stadt Ōfunato zusammengelegt, um ein nationales Entwicklungsprojekt zur Schaffung einer Küstenschwerindustriestadt zu erfüllen („rinkai kogyo moderu toshi“). Die Gemeinde Ōfunato wurde am 1. April 1952 zur Großstadt (shi) ernannt.

Die Stadtverwaltung Ōfunato bewarb sich darüber hinaus dafür, dass die Stadt zu einer Modellstadt „industrieller Entwicklung in unterentwickelten Gebieten“ („teikaihatsu chiiki kogyo Kaihatsu“) entwickelt wird, womit sie einer nationalen Standortpolitik entsprach, die im Zeitalter des hohen Wirtschaftswachstums in den 1960er Jahren eingeführt wurde. Die Lokalunternehmer Ōfunatos, insbesondere solche aus dem rückläufigen Fischereisektor, und Lokalpolitiker aus dem Industriesektor drängten auf eine Bewerbung der Stadt für die Ausweisung als Modellstadt.

Diese großen, von der nationalen Regierung unterstützten Entwicklungsprojekte förderten nicht nur die regionale Industrialisierung, sondern auch den Aufbau der städtischen Infrastruktur wie zum Beispiel Seehäfen und Fischereiindustriekomplexe. Zudem waren die Projekte auf die Verbesserung der wirtschaftliche Situation der Menschen in der nordjapanischen Küstenregion ausgelegt, bei der es sich um eine der ärmsten Regionen Japans handelte. Die nationale Land- und Industriestandortpolitik Japans zielte im Zeitalter des Wirtschaftswachstums zwischen den 1950er und 1980er auf eine „ausgeglichene Entwicklung nationalen Landes“ ab (1962 eingeführter, erster umfassender nationaler Entwicklungsplan) und empfahl die Korrektur ungleicher regionaler Entwicklungen. Im Rahmen dieser Politik erlebten Ōfunato und andere mittelgroße und kleine Städte sowie Dörfer des Landes bis in die 1980er Jahre regionales Wirtschaftswachstum und Bevölkerungszunahme.

Mit der Stagnation der japanischen Fischerei in den 1980er Jahren auf niedrigem Niveau kam es zu einem Rückgang der meeresprodukteverarbeitenden Industrie Ōfunatos.

Die Abhängigkeit der Industrie von öffentlichen und privaten Bauprojekten trug zum Niedergang der Zementindustrie Ōfunatos bei, nachdem Japan in den frühen 1990er Jahren in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten war. Ein weiteres Problem, mit dem Ōfunato konfrontiert war, bestand in der zunehmenden Alterung der Bevölkerung.

Unter dem Eindruck der Wirtschaftskrise setzte die japanische Regierung in den 1990er Jahren eine Dezentralisierungspolitik um und ermutigte im Rahmen der als „heisei municipal mergers“ bekannten Politik Lokalregierungen zunehmend zur Zusammenlegung, indem vollzogene Zusammenlegungen finanziell unterstützt und ausgebliebene Zusammenlegungen finanziell geahndet wurden. Die neoliberale Regierung von Premierminister Jun’ichirō Koizumi (2001–2006) verfolgte diese Politik, die ein Jahr vor dem Tōhoku-Erdbeben 2011, im März 2010, endete und insgesamt zu einem Rückgang der Gemeinden von 3.229 (April 1999) auf 1.730 (März 2010) führte.

Im November 2001 vereinigte sich die Stadtverwaltung von Ōfunato im Rahmen der Politik der Zusammenlegung mit der nördlich gelegenen Stadt Sanriku, die aufgrund der fortschreitenden Bevölkerungsalterung und der rückläufigen Fischereiindustrie einer Haushaltskrise ausgesetzt gewesen war und eine fiskalische Unterstützung durch die nationale Zusammenlegungspolitik anstrebte. Ōfunatos Lokalunternehmer und -Politiker erhofften sich von der finanziellen Unterstützung durch die Zusammenlegung, dass sie der Stadtverwaltung die Entwicklung und Sanierung der städtischen Infrastruktur ermögliche und somit die Wettbewerbsfähigkeit der Stadt stärke.

Erdbeben- und Tsunamikatastrophen Seit der Meiji-Zeit hatte die Küstenregion der Präfektur Iwate, einschließlich von Ōfunato, vor dem Jahr 2011 drei durch besonders starke Erdbeben erzeugte Tsunamis erlebt: 1896, 1933 und 1960. Betroffene Städte und Dörfer in der Region wurden dabei jedes Mal neu belebt und aufgebaut. +Vergleich der Bilanzen von völlig zerstörten Häusern und Opfern in Ōfunato für die Katastrophen von 1896, 1933, 1960 und 2011 (Online veröffentlicht am 15. August 2017). Mit Verweis auf: Tadashi Nakasu, Yuichi Ono, Wiraporn Pothisiri: Forensic investigation of the 2011 Great East Japan Earthquake and Tsunami disaster: a case study of Rikuzentakata, Disaster Prevention and Management, 26 (3) (2017), S. 298–313, doi:10.1108/DPM-10-2016-0213. Katastrophenereignis Völlig zerstörte Häuser Zahl der Todesopfer Quelle Meiji 1896 (Erdbeben und Tsunami) 806 3174 Shōwa 1933 (Erdbeben und Tsunami) 694 423 Chile 1960 (Erdbeben und Tsunami) 384 53 Tōhoku 2011 (Erdbeben und Tsunami) 362 419 Anmerkung: Die Zahl der Todesopfer für die Tōhoku-Katastrophe 2011 errechnet sich aus den Gesamtzahlen der Toten und Vermissten des 153. FDMA-Schadensberichts vom 8. März 2016 abzüglich der Zahlenangaben katastrophenbedingter Todesfälle,Mit dem Ausdruck „disaster-related deaths“ hat die Wiederaufbaubehörde (Reconstruction Agency) offiziell eine Kategorie für solche Fälle definiert, in denen der Tod Folge indirekter Schäden war, die durch Erdbeben, Tsunami und Nuklearkatastrophe verursacht waren. (Quelle: (Online veröffentlicht am 22. Dezember 2017); Lizenz: Creative Commons Attribution Non Commercial (CC BY-NC 4.0).) die von der Wiederaufbaubehörde (Reconstruction Agency, RA) ermittelt wurden.

Historische Tsunami-Erfahrungen und Gegenmaßnahmen In Ōfunato wurden wiederholt Rekordauflaufhöhen von Tsunamis gemessen. Die Gegend wurde nach dem Meiji-Sanriku-Erdbeben 1896 durch einen vom Erdbeben ausgelösten Tsunami verwüstet, der seine maximale Auflaufhöhe in Ryōri-Shirahama (heute zu Ōfunato gehörend) mit rund 38 m erreichte (Online veröffentlicht am 19. März 2014). Lizenz: Creative Commons Attribution 4.0 International (CC BY 4.0). (zeitgenössische Angaben sprachen von 39–55 m und 22 m) und 204 der 240 Einwohner tötete. Auch das Shōwa-Sanriku-Erdbeben 1933 mit insgesamt 3000 Toten in Japan löste einen Tsunami aus, der seine maximale Auflaufhöhe von 29 m in Ryōri-Shirahama erreichte. Der Chile-Tsunami von 1960 erreichte hier Höhen von 3–5 m.

Nachdem dieser vom Chile-Erdbeben 1960 ausgelöste Tsunami die Stadt Ōfunato mit langperiodischen Wellen getroffen hatte, wurden zwei Tsunami-Wellenbrecher am Eingang der Bucht bei einer Wassertiefe von 38 m errichtet, die Längen von 290 m und 250 m hatten und eine 200 m breite Öffnung freiließen. Die Wellenbrecher wurden 1967 fertiggestellt und schützten die Stadt erfolgreich gegen den Tokachi-oki-Tsunami 1968. (Online veröffentlicht am 7. Juli 2012).

Tōhoku-Katastrophe 2011 Am 11. März 2011 wurde die Stadt Ōfunato um 14:46 Uhr vom Tōhoku-Erdbeben erschüttert, das mit Stufe „schwache 6“ auf der japanischen seismischen Intensitäts-Skala registriert wurde.

Ausmaß der Überflutung und Schäden +Opferbilanz, Einwohnerzahl, Tsunamiwelle und Entfernung von Evakuierungsstätten nach Gebieten Ōfunatos, hier Tabelle 2. Gebiet in Ōfunato Todesopfer Einwohner Tsunami Entfernung zur nächsten Evakuierungsstätte [m] Rate [%] Anzahl Max. Überflutungshöhe [m] Ankunftszeit [min.] Ōfunato 1,35 136 10.047 9,75 25 382 Sanriku 1,25 92 7.386 8,54 27 333 Matsusaki 0,87 41 4.718 13,84 27 297 Quelle: Gesamtbevölkerung laut Statistics Bureau () und Director-General for Policy Planning (), Volkszählung 2010; Todesopfer laut Brand- und Katastrophenschutzbehörde ( = Fire and Disaster Management Agency, FDMA); Maximale Überflutungshöhe und Ankunftszeit des Tsunamis laut The 2011 Tohoku Earthquake and Tsunami Joint Survey Group; Entfernung zur nächsten Evakuierungsstätte vom Wohnort laut den Evakuierungsstättendaten der Cabinet Secretariat Civil Protection Portal Site (https://www.kokuminhogo.go.jp/en/pc-index_e.html) des Kabinettssekretariat () und den Luftaufnahmen und Karten der Geospatial Information Authority of Japan (GSI) vom Tsunami Damage Mapping Team, Association of Japanese Geographers. Das Erdbeben löste einen Tsunami aus, der höher ausfiel als von den Planern der Wellenbrecher in Ōfunato (wie auch in Kamaishi) erwartet, und der Tsunami verursachte bedeutende Schäden an den Wellenbrechern und überflutete die Stadt (ebenso in Kamaishi), wenngleich die Wellenbrecher dazu beitrugen, die Auswirkungen des Tsunamis in Bezug auf seine Höhe und Ankunftszeit abzuschwächen (in Kamaishi mehr noch als in Ōfunato). Der Tsunami traf in Ōfunato sowohl die an der Küste als auch die zentral gelegenen Gebiete. (Special Issue: The Logic of Cascading: Infrastructural Perspectives on a Post-disaster Situation).

Der Tsunami traf Ōfunato in drei Wellen, von denen eine laut Port and Airport Research Institute (PARI) 23,6 m hoch war. Die Trichterwirkung in der Bucht trug dazu bei, dass die gemessene Tsunamihöhe am Hafen bis zu 11,8 m anstieg. Den aufgezeichneten Pegelständen im Hafen zufolge kam der Tsunami erstmals 25 Minuten nach dem Erdbeben dort an und benötigte lediglich 6 Minuten, um eine Höhe von 8 m zu erreichen (an diesem Punkt endete die Aufzeichnung der Messgeräte). Vor der Ankunft des Tsunamis kam es hier zu einer Rückzugsphase des Meeres, und die erste Tsunami-Welle blieb die höchste.

In Sanrikucho-Ryori war die Tsunamihöhe 2011 mit Auflaufhöhen von 17 und 21 m geringer als bei den Sanriku-Tsunamis von 1896 und 1933 und höher als beim Chile-Tsunami von 1960. Doch auch der Tōhoku-Tsunami 2011, der zusammen mit dem Erdbeben japanweit das Leben von über 20.000 Menschen forderte, erreichte mit 40,1 Meter in der Ryōri-Bucht von Ōfunato die höchste Auflaufhöhe in Ōfunato, die zugleich die höchste bekannte Auflaufhöhe in der japanischen Geschichte darstellt. (Online veröffentlicht am 15. August 2017). In dieser Ria-Küstenregion kam es zwischen dem 38. und 40. Breitengrad zu katastrophalen Zerstörungen von Städten. (Online veröffentlicht am 21. September 2015). Die Zahl der völlig zerstörten Wohngebäude in Ōfunato wird auf 2.791, die der teilweise zerstörten auf 1.147 beziffert. (), (Fire and Disaster Management Agency), 157. Bericht, 7. März 2018. Sieben der 24 Kliniken der Stadt wurden vom Tsunami beschädigt.