Die Familie Engjëll (Pl. Engjëlli; ) war ein aus Drisht stammendes albanisches Adelsgeschlecht. Sie flüchtete 1478 nach Venedig, wo sie den italienischen Nachnamen Angelo annahm und 1756 ausstarb.

Die Engjëli standen in Kontakt mit anderen Exilanten wie dem Presbyter Demetrio Franco, einem entfernten Verwandten, der Pfarrer der Kirche San Giovanni Battista von Briana in der Bistum Treviso wurde; mit dem Schriftsteller, Humanisten und katholischen Priester Marinus Barletius, der 1479 nach Venedig floh; mit den Dukagjini, die nach Ancona flohen; mit Gjin III. Muzaka, der 1479/80 nach Neapel floh.

Wie viele albanische Herren, die nach der Eroberung ihrer Heimat im 16. Jahrhundert nach Italien flohen, zu einer Zeit, als gefälschte Genealogien, insbesondere solche, die sich auf die Antike bezogen, in Mode waren, taten dies auch die Engjëlli, die nicht davor zurückschreckten, für ihre Zwecke gefälschte Dokumente zu erstellen, um eine „phantasmagorische“ Genealogie zu entwerfen.Francisc Pall: Di Nuovo sulle Biografie Scanderbegiane del XVI secolo, 1971, Documento I, S. 99.

Alle Mitglieder der Familie Engjëll unternahmen ein langwieriges Projekt, um ihre aristokratische Abstammung bestätigen zu lassen, ein Projekt, das von Generation zu Generation erfolgreich fortgesetzt wurde. Die Nachkommen erwiesen sich als geschickte Fälscher und rühmten sich einer beispiellosen Verwandtschaft mit der gleichnamigen byzantinischen Kaiserfamilie (Angelos), die allerdings im 14. Jahrhundert ausgestorben ist.Paolo Petta: Despoti d'Epiro e principi di Macedonia. Esuli albanesi nell'Italia del Rinascimento, 2000, S. 208 ff.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts fügten sie die Titel der Grafen und Herzöge von Drisht und Durrës hinzu, obwohl Drisht bereits seit September 1478 in osmanischer Hand war und Durrës 1392 nach dem Tod von Georg Thopia, dem Herrn von Durrës, der keine Erben hinterließ, friedlich an Venedig fiel und 1501 osmanisch wurde.

Mitte des 16. Jahrhunderts behaupteten Angehörige der Familie, dass ihr Hausorden, der Konstantinorden, von Konstantin dem Großen gegründet worden sei und dass der erste Großmeister ein Michael Angelo, einer ihrer Vorfahren, gewesen sei.„[…] come legittimi discendenti da Costantino il Grande risedeva la Dignità del Gran Mae-strato di quell'Ordine.“ (Filippo Musenga: Dissertazioni Critichi su i Passi più controversi, che s'incontrano nella medesima vita di Costantino il Grande, Band II, 1770, S. 98 ff.) Sie behaupteten, von einer Seitenlinie Konstantins des Großen abzustammen und fügten ihrem Familiennamen Angelo „Flavio Comneno“ (Flavius Comnenus) hinzu, um auf die byzantinischen Familien Angelos und Komnenos und die römische Dynastie der Flavier zu verweisen.Francisc Pall: Di Nuovo sulle Biografie Scanderbegiane del XVI secolo, 1971, Note, S. 102.

Herkunft Die Herkunft der Ëngjëlli ist unklar. Die Familie gehörte wohl zum venezianischen Patriziat von Drisht„Drivasto war keine reiche Siedlung. In den venezianischen und ragusanischen Quellen wird es nicht als Markt- und Handelsplatz erwähnt. Der Weg von der Küste hinauf in das Bergnest galt als mühsam; nicht umsonst mussten die Drivastiner sich verpflichten, die venezianischen Podestà mit Gefolge von deren Ankunft an der Bojanamündung bis in ihren Heimatort auf schweren Wagen zu befördern.“Drisht gehörte zu Dioklitien (622–1217), zu Serbien (1217–1346), dann den Balšić (1356–1392), den Osmanen (1392–1395), den Balšić (1395–1396), den Venezianern (1396–1419), den Balšić (1419–1421), den Serben (1421–1440), den Osmanen (1440–1442), den Venezianern (1442–1478) und ab 1478 den Osmanen. Heute gehört die Stadt zu Albanien. (Oliver Jens Schmitt: Paul Angelus, Erzbischof von Durazzo und seine Bedeutung, 2000, S. 132 f.), wie aus einem venezianischen Dokument von 1455 hervorgeht, in dem ein Herr Andrea Angelo (miservon „messère“ (mio signore = Mein Herr) () Andrea Anzolo) erwähnt wird.Oliver Jens Schmitt: Paul Angelus. Erzbischof von Durazzo und seine Bedeutung, 2000, Note 34, S. 139. In den venezianischen Archiven gibt es jedoch keine Dokumente über Drisht, die bestätigen, dass sie wie andere albanische Familien einen eigenen Staat besaßen, was jedoch von den Nachkommen im 16. Jahrhundert behauptet wurde.Paolo Petta: Despoti d'Epiro e principi di Macedonia. Esuli albanesi nell'Italia del Rinascimento, 2000, S. 208.

Über die weibliche Linie von Lucia Span oder Spano – von den Feudalherren von Drisht – waren die Ëngjëlli mit der serbischen Dynastie Branković, der französischen Familie De Balzo, der italienischen Familie Sanseverino und der byzantinischen Familie Cantacuzeni verwandt.„Petro uxor fuit Lucia, Alexii Spani, nobilis Albani, filia ex Isabella seu Milizia Georgii Brankovitzii Serviæ Despotæ filia.“ (Carlos du Fresne: Historia byzantina duplici commentario illustrata..., 1860, S. 212.) Laut Charles du Fresne war Lucia die Tochter von Alessio Span, dessen Frau Isabella-Militza (auch Elisabeth, Elisabetta, Lizabeta oder Milica; serbisiert Jelisaveta-Militza) Branković war; Isabellas Eltern waren Djorde II Stefanović Branković (* ca. 1462; † 18. Januar 1516) und Isabella del Balzo († 1498), die wiederum die Tochter von Angilberto († 1491) und Antonia Sanseverino war. (Enciclopedia genealogica del Mediterraneo: Del Balzo (De Baux), abgerufen am 12. August 2023). Somit war Lucia die Enkelin von Djorde (II) Stefanović Branković, Urenkelin von Stefan Branković (1417–1476) und Angelina (–1495), sowie Urenkelin von Đurađ I. Branković (1375–1456) und Eìrene Kantakuzene.(Foundation for Medieval Genealogy: BRANKOVIĆI 1427-1457, abgerufen am 12. August 2023)

Im Laufe des 16. Jahrhunderts erhoben die Nachkommen der Ëngjëlli Anspruch auf eine Verwandtschaft mit den KastriotiDer Urgroßvater der oben erwähnten Lucia Span war Stefan IV. Branković, "der Blinde", Despot von Raszien (Serbien) von 1417 bis 1476, der mit Angelina Arianiti, die Schwester von Andronica, die Frau von Skanderbeg war., DukagjiniDie Dukagjini verheirateten sich mit den Arianiti. (Enciclopedia genealogica del Mediterraneo: Arianiti Comneno, abgerufen am 12. August 2023), ThopiaEin gewisser Paul Thopia soll am 7. Mai 1513 Andrea II. Angelo die symbolischen Titel und Rechte eines Fürsten und Herzogs von Durrës verliehen haben. Paul behauptete, sein Cousin – Sohn eines gewissen Athanasius Thopia und einer gewissen Maria Angelo (angebliche Schwester seines Vaters Pjetër I.) – und der Urenkel von Georg Thopia zu sein, eine falsche Behauptung, denn Georg Thopia starb ohne Erben. Als Ehefrau des venezianischen Patriziers Marco Barbarigo fiel das Erbe an seine Schwester Elena, Frau von Kruja. () und mit Katarina Kosača-KotromanićKatarina war die Tochter von Stjepan Vukčić Kosača und Jelena Balšić. (Foundation for Medieval Genealogy: DUKES of SAINT-SAVA (KOSAČA), abgerufen am 12. August 2023), Königin von Bosnien.

Geschichte

mini|Lekë III. Dukagjini Das erste urkundlich erwähnte Mitglied dieser Familie war der bereits erwähnte Andrea Anzolo († 1451), d. h. Andrea I. Ëngjëll, der sich als einer der Hauptmänner, ein brillanter Mann der Tat und verdienter Kämpfer„[…] Andreas Angelus unus ex optimatibus/Clarus uir factis/& emerite in bello […]“ (Marinus Barletius: Historia de vita et gestis Scanderbegi, Epirotarum principis, 1510, S. XXXIX rechts.) auszeichnete. Er schlug 1448 einen Angriff von Hamza KastriotiHamza oder Hamsa (lateinisch Ameses; auch Camusa) Sohn von Reposh († 1431 in Hilandar), Bruder von Skanderbeg. „Hamza hatte jedoch eigenmächtig Drivasto angegriffen. Der Herzog [gemeint ist Andrea I. Ëngjëll] machte einen unerwarteten Ausfall, brachte die Albanesen in Verwirrung und zersprengte sie vollständig. Hamsa rächte sich dafür, indem er die Vorstädte verbrannte und das Land verwüstete.“ (Globus: Illustrierte Zeitschrift für Länder- und Völkerkunde. In: 37, 1880, S. 362.) „Der bedeutendste Scharführer Skanderbegs war übrigens sein Neffe Hamza, der gegen die omanischen Heere zahlreiche Siege erfocht. Im Jahre der Thronbesteigung Sultan Mehmet II (1451—1451) überfiel er ein osmanisches Heer in der Gegend von Dibra, wobei mehr denn 4000 Türken den Tod fanden.“ (Ekrem Bey Vlora: Beiträge zur Geschichte - der Türkenherrschaft in Albanien - Eine historische Skizze, 1956, S. 164) auf Drisht zurück, der die Festung Barlese befehligte, die wahrscheinlich am Drin zwischen Spatharë und Kosmaç im heutigen Albanien lag.Globus: Illustrierte Zeitschrift für Länder- und Völkerkunde. In: 37, 1880, S. 362.

Im Jahr 1451 wurde Andrea I. Angelo zusammen mit anderen albanischen Fürsten (Božidar Dushman und Lekë III. Dukagjini) vom venezianischen Podestà von Drisht beschuldigt, den Aufstand organisiert zu haben. Die Verdächtigen wurden festgenommen und gefoltert. Dieses Schicksal ereilte auch Andrea I. Angelo, der trotz schwerer Folter nichts gestand und 1451 unter der Folter starb; sein Vermögen wurde beschlagnahmt. Nach einer Untersuchung wurde er im Januar 1455 post mortem rehabilitiert, aber trotzdem wurden die Engel weiterhin verdächtigt, Venedig feindlich gesinnt zu sein, und waren dem Klatsch und Tratsch ausgesetzt.Oliver Jens Schmitt, Paul Angelus. Erzbischof von Durazzo und seine Bedeutung, 2000, S. 138 f.

Andreas I. Angelo hatte mit Dona Thia zwei Söhne: Pal I; (dt. Paul, * um 1427; † 1469)Lucia Nadin: Migrazioni e integrazione: il caso degli Albanesi a Venezia (1479-1552), 2008, Note 39, S. 93., Erzbischof von Durrës und den Soldaten Pjetër; (dt. Peter, * 1435; † um 1512).

Pal I. Engjëll

mini|hochkant|Buntglasdarstellung von Papst Callixtus III, Skanderbeg und Pal Engjëlli (im schwarzen Gewand) in der Mutter-Teresa-Kathedrale in Prishtina

Pal I. Engjëll (* Drivasto um 1427 † 1469), ein gebildeter Mann, der neben Griechisch auch Latein gelernt und die klassischen Altertümer gelesen hatte, diente als päpstlicher Legat in Albanien, wurde am 19. März 1460 Erzbischof von Durrës und damit Oberhaupt der katholischen Kirche in Albanien.Conradum Eubel: Hierarchia Catholica Medii Aevi. Band II, 1913, S. 148.

Laut Universitätsprofessor Oliver Jens Schmitt betrachtete sich Pal, wie die anderen Bürger von Drisht, als Nachkomme römischer Kolonisten. Wahrscheinlich war er es, der seinen viel jüngeren Bruder Pjetër in die Geschichte der Antike einführte, die dieser dann an seine Söhne weitergab.Oliver Jens Schmitt: Skanderbeg - Der neue Alexander auf dem Balkan, 2009, S. 97.

Pal I. hatte auch eine klare Vorstellung vom Kampf gegen die Osmanen und während der Organisation der Kreuzzüge wurde er am 17. April 1456 von Papst Calixt III. mit der Sammlung der Grundbedürfnisse für die Kreuzfahrer in Albanien, Dalmatien und Serbien beauftragt.Giuseppe Valentini, Matteo Sciambra, Ignazio Parrino: Papa Kalisti III, Skënderbeu, Shqipëria dhe Kryqezata: 1455-1458, 2009, S. 238 ff. In Zusammenarbeit mit Papst Pius II. entwarf Pal I. Angelo einen Plan für einen Kreuzzug, der jedoch durch den Tod des Papstes am 14. August 1464 scheiterte.Franz Babinger, Mehmed der Eroberer und seine Zeit, 1959, S. 179.

Um die katholische Kirche in Albanien zu reformieren, berief Paul I. 1462 eine Synode in der Dreifaltigkeitskirche von Stellushi bei Burrel im Bezirk Mat ein, deren Ergebnis die am 8. November 1462 verfassten „Constitutiones“ waren, die die Taufformel in der Volkssprache enthielten, den ersten dokumentierten Satz in albanischer Sprache: unte paghesont premenit atit et birit et spertit semt (Ich taufe dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes).In der heutigen Rechtschreibung: Unë të pagëzoj në emër të Atit, e të Birit, e të Shpirtit të Shenjtë.Nicolae Iorga: Notes et extraits pour servir a l'histoire des croisades au XV siècle. Quatrième série. 1915, S. 195. Das Manuskript wurde im 16. Jahrhundert hinterlegt und im Jahr 1915 von dem rumänischen Historiker Nicolae Iorga in der Biblioteca Medicea Laurenziana in Florenz entdeckt.