mini|Darstellung Ramses’ II. auf einem Streitwagen, Relief im großen Tempel von Abu Simbel (ca. 1265 v. Chr.) Ein Streitwagen war in der Bronzezeit und Antike ein mit Pferden bespanntes, meist einachsiges Militärfahrzeug. Es diente auch zu Repräsentations- und Wettkampfzwecken.

Aufkommen und Vorgeschichte mini|Verbreitung von Streitwagen zwischen 2000 und 500 v. Chr.

Die Kombination von Zugtier und Wagen wurde offenbar an mehreren Orten erfunden. So wurden von den Sumerern im 3. Jahrtausend v. Chr. schwere, von Ochsen oder Pferden gezogene zwei- oder vierrädrige Wagen mit Scheibenrädern zu Transportzwecken eingesetzt. Die ersten sumerischen Streitwagen waren vierachsig und wurden von Kungas, einer heute ausgestorbenen Hybridzüchtung von Haus- und Wildesel, gezogen.Marley Brown: Kunga Power. In: Archaeology, Mai–Juni 2022

Lange Zeit blieb umstritten, ob die Streitwagen in den eurasischen Steppen durch die Pferde züchtenden Sprecher der noch ungeteilten indoeuropäischen Grundsprache entstand oder in den Palastwirtschaften des ostmediterranen Raums, die vermutlich importierte Technologien nutzten, aber sie zu einem Wagen-Pferd-Komplex neu kombinierten. Um 1920/30 zielten die Vermutungen der Wissenschaftler zur Herkunft des Streitwagens auf die Berglandschaften Anatoliens und Armeniens ab. Franz Hančar zeigte in den 1950er Jahren, dass der von Pferden gezogene Streitwagen im Alten Orient bereits vor Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. verwendet wurde, also nicht erst von Indoiranern bei der Eroberung neuer Siedlungsgebiete dorthin gebracht wurde.Franz Hančar: Das Pferd in prähistorischer und früher historischer Zeit (= Wiener Beiträge zur Kulturgeschichte und Linguistik. 11, ). Herold, Wien u. a. 1956.

Aufgrund neuer Funde und mit Hilfe der Radiokarbonmethode verschob sich seit den 1970er Jahren das Interesse auf ein Gebiet des südlichen Russlands und Kasachstans, welches sich dann ins östliche Europa ausgebreitet haben muss.Fritz Schachermeyr: Griechische Frühgeschichte. Ein Versuch, frühe Geschichte wenigstens in Umrissen verständlich zu machen. Wien 1984, S. 107 f. Im Südural war der zur präzisen Lenkung von Pferden notwendige Trensenknebel mindestens seit 2000 v. Chr. bekannt. mini|Sumerische, vierrädrige Pferdegespanne auf der Standarte von Ur (2850 bis 2350 v. Chr.)

Als Erfinder des Streitwagens gelten heute die Träger der Sintaschta-Kultur (auch Sintaschta-Petrowka-Kultur oder Sintaschta-Arkaim-Kultur) in den Steppen, wo zuvor auch der vierrädrige Wagen einen seiner Ursprünge hatte. Er blieb in der Steppe aber nur kurz in Nutzung, denn bald wurden berittene Krieger eingesetzt. Wegen der geringen Spurbreite dieser Funde (ab 1,12 Meter) bestehen allerdings Zweifel an seiner Manövrierfähigkeit und Kampftauglichkeit. Ab dem 2. Jahrtausend v. Chr. wurden zweirädrige Streitwagen mit Speichenrädern genutzt. Sie waren bis etwa zum 5. Jahrhundert v. Chr. allgemein verbreitet. Britannier, Perser und Inder nutzten ihn mindestens bis in die Zeit um Christi Geburt, die Perser verwendeten auch Sichelstreitwagen, welche mit Klingen an den Achsen ausgestattet waren. Im Mittelalter wurden schwere Karren, die zur Deckung von Schützen dienten, gelegentlich auch als Streitwagen bezeichnet.

Der Streitwagen diente im Altertum vielleicht eher als Statussymbol von Herrschern als zu Kampfzwecken. Burmeister und Raulwing sprechen wegen der praktischen Mängel der archäologisch bezeugten frühen Exemplare von einer „Prestigetechnologie“ als Medium der Präsentation und Distinktion einer Kriegerkaste.Stefan Burmeister, Peter Raulwing: Festgefahren. Die Kontroverse um den Ursprung des Streitwagens. In: Peter Anreiter, Eszter Bánffy, László Bartosiewicz, Wolfgang Meid, Carola Metzner-Nebelsick (Hrsg.): Archeological, Cultural and Linguistic Heritage. Festschrift for Erzsébet Jerem in Honour of her 70th Birthday (= Archaeolingua. 25). Archaeolingua Alapítvány, Budapest 2012, ISBN 978-963-9911-28-4, S. 93–113, hier S. 105. Die antiken Wagenrennen wurden mit vierspännigen Fahrzeugen ausgetragen, während militärisch genutzte Fahrzeuge meist Zweigespanne waren. Auf zahlreichen Vasenmalereien, Tontafeln oder Schmuckstücken taucht wiederkehrend das Motiv des Streitwagens auf. Abbildungen können sowohl real als auch übernatürlich dargestellt werden.

Der Streitwagen des 2. Jahrtausends v. Chr. war wesentlich leichter als die späteren antiken Fahrzeuge. Ihre Bauart war zunächst sehr einfach und bestand aus zwei Rädern und einem einfachen Steg zur Befestigung am Pferd.Corinna Endlich: Der technische Fortschritt – das Speichenrad im Vorderen Orient. In: Corinna Endlich, Karen Ermete: Rad und Wagen. Der Ursprung einer Innovation. Wagen im Vorderen Orient und Europa (= Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland. Beiheft. 41). Isensee, Oldenburg 2004, ISBN 3-89995-085-2, S. 43–51, hier S. 46. Das Speichenrad löste das schwerere Scheibenrad ab und wurde ebenfalls im zweiten Jahrtausend auf einem Streitwagen, Relief im großen Tempel von Abu Simbel (ca. 1265 v. Chr.) verwendet. Da anfänglich noch keine Mundstücke für Zugtiere verwendet wurden, wurde eine Art Halfterung eingeführt, da die zuvor benutzten Nasenringe und die eigens für Ochsen und andere Zugtiere verwendeten Trageriemen zu schwer für das Pferd waren.Fritz Schachermeyr: Griechische Frühgeschichte. Ein Versuch, frühe Geschichte wenigstens in Umrissen verständlich zu machen. Wien 1984, S. 77. Später kam ein „Jochsattel“ hinzu, welcher extra an die Statur des Pferdes angepasst war und auf dem Nacken des Tieres auflag. Zudem wurde auch ein Bauchgurt eingeführt, welcher ebenfalls wie die neue Halfterung zur Entlastung des zu tragendem Gewichts dienen sollte.

Die Zahl der Streitwagen in der frühen Bronzezeit war insgesamt gering, allerdings wurden allein in Knossos „120 mit Rädern, 41 ohne Räder, 237 ohne nähere Bezeichnung“ verzeichnet – also rund 400 Streitwagen. Daher muss sich der Streitwagen zu einem sehr präsenten Objekt in der späteren Bronzezeit entwickelt haben.Michael Ventris, John Chadwick: Documents in Mycenaean Greek. 2. Auflage. Cambridge 1973, S. 365.

Verortung des Streitwagens mini|Eine der ersten schriftlichen Erwähnungen des Streitwagens in Ägypten beim Kampf gegen die Hyksos(Grab des Ahmose in el-Kab) Die vierrädrigen sumerischen Wagen werden noch nicht als Streitwagen angesehen. Die älteste Abbildung eines Streitwagens findet sich auf der Geierstele um 2.500 v. Chr. (siehe Lagaš-Umma-Krieg). Spätere Nutzer des Streitwagens waren in Mesopotamien die Mitanni, von denen ihn Hethiter und Assyrer übernahmen. Durch die Hyksos kam der Streitwagen nach Ägypten (1648–1550 v. Chr.) Zwischen Hethitern und Ägyptern kam es 1274 v. Chr. in der Schlacht bei Kadesch zum bekanntesten Einsatz von Streitwagen. Das Alte Testament erwähnt mehrfach den Einsatz von Streitwagen, zum Teil; , und ausdrücklich als »eiserne Wagen«. Ebenso finden sie Erwähnung im Rigveda, was ihre Existenz zu dessen Entstehungszeit in der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. in Indien belegt. Archäologische Nachweise finden sich dort erst für das sechste Jahrhundert v. Chr., was durch die klimatisch bestimmten schlechten Erhaltungsbedingungen zu erklären ist. Auch in China tauchen Streitwagen zu ähnlicher Zeit auf. Das älteste Streitwagengrab (nicht Wagengrab) datiert von 1200 v. Chr., zur Zeit der Shang-Dynastie. Es gibt jedoch Hinweise, dass bereits in der Zeit der Xia, die um 1600 v. Chr. endete, Streitwagen genutzt wurden.

In Westasien bzw. Europa übernahmen um die Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr. Perser und Kelten den Streitwagen und nutzten ihn längere Zeit. Die antiken Perser waren gefürchtet für ihre mit scharfen Klingen an den Rädern versehenen Sensenstreitwagen oder Sichelwagen. Die disziplinierte Infanterie der Armee Alexanders des Großen hatte jedoch wirksame Strategien gegen die Sensenstreitwagen, so dass diese 331 v. Chr. in der Schlacht von Gaugamela wirkungslos waren. Danach kamen im Heer des pontischen Königs Mithridates VI. noch vermutlich sensenbestückte Streitwagen zum Einsatz. In Europa nutzten die Kelten intensiv und mit als letzte den als essedum bezeichneten Streitwagen im Kampf. Der letzte bekannte kriegerische Einsatz von Streitwagen fand 83/84 n. Chr. in der Schlacht am Mons Graupius auf keltischer Seite statt.Tacitus, Agricola. – Biographie von Gnaeus Iulius Agricola, römischem Statthalter in Britannien.

Anspannung Im römischen Reich wurde ein mit zwei Pferden bespannter Streitwagen Biga, einer mit drei Pferden Triga genannt. Ein Viergespann wird Quadriga genannt. Der Fahrer einer Biga heißt Bigarius. Trainiert wurde im Trigarium.CIL 6.10078 und 6.37836. Die allgemeine Bezeichnung für einen Streitwagenfahrer ist Auriga. Das besondere an der Streitwagen-Anspannung ist, dass die Pferde nebeneinander gehen und nicht hintereinander.

Die Wagenarten der mykenischen Kultur In der Entwicklung des Streitwagens kam es zu unterschiedlichen Wagenarten, welche nur in einem gewissen Zeitraum auftraten. Somit bildet der „dual chariot“ (Doppelwagen) mit einer Dauer von 250 Jahren den am längsten verwendeten Streitwagentyp.Acta Praehistorica Et Archaeologica, Bände 16 – 17, 1984, S. 308

Box chariot (1550–1450 v. Chr.) Die Abbildung eines „box chariots“ wurde auf einem Ring in Mykene aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts v. Chr. gefunden. Der Wagen bestand aus einem festen Körper und besaß einen rechteckigen Umriss. Die Räder besaßen vier Speichen und der Wagen war für ein bis zwei Personen ausgelegt. Die Seitenstücke dieses Wagens waren ca. hüfthoch und die Reling lag horizontal und meist an den Seiten abgeschrägt auf. Die Seitenstücke waren meist mit verschiedenen Flechtmustern versehen: speziell in diesem Fall waren es Kreuzmuster. Der Fußboden hatte die Form des Großbuchstaben „D“, welche sich auch in späteren Wagenarten durchsetzte.Joost H. Crouwel: Chariots and other means of land transport in Bronze Age Greece. Amsterdam 1981, S. 59–61.

Quadrant chariot (1450–1375 v. Chr.) Der „quadrant chariot“ wurde auf Abbildungen eines Siegelstempels aus Knossos aus der Zeit um 1400 v. Chr. gefunden. Er zeigt eher einen runden Körper auf, wie ein „quadrant of a circle“ – ein Viertel eines Kreises. Auch dieser Wagen besitzt hüfthohe Seitenstücke und vierspeichige Räder. Zudem ist dieser Wagentyp sehr leicht und besteht aus durch Wärme gekrümmtem Holz und Rohleder. Die Maße der Plattform werden auf einen halben Meter Länge und einen Meter Breite geschätzt, so dass zwei Männer in diesem Wagen stehen konnten. Die typische „D-Form“ des Bodens wurde hier vom „box chariot“ übernommen. Die Seitenteile des Wagens konnten entweder komplett frei, geschlossen oder Ausschneidungen besitzen. Hierbei wurden keine aufwendigen Flechtmuster verwendet.Joost H. Crouwel: Chariots and other means of land transport in Bronze Age Greece. Amsterdam 1981, S. 62–63. Dual chariot (Doppelwagen, 1450–1200 v. Chr.) Der dritte Wagentyp des „dual chariots“ fand man auf Wandmalereien in Knossos, die um 1375 v. Chr. datiert werden. Der „dual chariot“ besaß wieder eine rechteckige Form, jedoch mit abgerundeten Seitenteilen, welche am Frontstück, der Reling, befestigt sind. Zuvor hatten nur zwei Mitfahrer im Streitwagen Platz gefunden. In diesem Wagentyp jedoch kommt es vereinzelt auch zu Abbildungen, auf denen eine dritte Person zu sehen ist. Folglich sollte diese Wagenart eine größere Stehfläche haben, wobei auch hier die typische „D-Form“ übernommen wurde. Die Besonderheit dieses Wagens war ein neuer Achsenantrieb, der nun dreiachsig mit Wagen und Fußteil verbunden war. Auch bei den Materialien dieser Wagenart wurde am Holz gespart und mehr Leder verwendet, um diesen Wagen noch leichter werden zu lassen.Joost H. Crouwel: Chariots and other means of land transport in Bronze Age Greece. Amsterdam 1981, S. 63–66.

Rail chariot (Bügelwagen, 1250–1150 v. Chr.)