Unter Mobbing in der Schule versteht man ein gegen Schüler gerichtetes Mobbing durch Mitschüler: Drangsalieren, Gemeinsein, Ärgern, Angreifen und Schikanieren (englisch to mob für "anpöbeln, angreifen"). Sind Lehrer Ziel solcher Angriffe, spricht man üblicherweise von Mobbing am Arbeitsplatz. Gehen dagegen die Angriffe von einem Lehrer aus, so macht sich dieser (bei Minderjährigen) der Misshandlung von Schutzbefohlenen schuldig.

Es lassen sich vier Erscheinungsformen unterscheiden: soziale Schädigung (relationales Mobbing: z. B. bewusstes Ignorieren, Hinausekeln oder Ausschließen aus sozialen Gruppen, Verleumden); mündliche oder schriftliche Schmähung (verbales Mobbing: z. B. verletzende Spitznamen, Beschimpfungen, Beleidigungen, Bodyshaming); körperliche Gewalt und körperliche Bedrohungen (physisches Mobbing: z. B. Schlagen, Treten, An-den-Haaren-Ziehen, Sexuelle Belästigung); Angriffe auf das Eigentum (z. B. Bestehlen, Beschädigen).

Definition Laut Dan Olweus bedeutet Mobbing, dass „ein oder mehrere Individuen, wiederholte Male und über einen längeren Zeitraum negativen Handlungen von einem oder mehreren Individuen ausgesetzt sind“. Aus dieser Definition lassen sich drei zentrale Charakteristika von Mobbing folgern:

Wiederholungsaspekt: Mobbing bezieht sich auf ein Verhaltensmuster bei Tätern und Opfer und nicht auf eine einzelne Handlung. Dieses Verhaltensmuster tritt bei Mobbing wiederholt und über einen längeren Zeitraum auf (Wochen, Monate oder sogar Jahre). Verletzungsabsicht (negative Handlung): Mobbing-Täter führen wiederholt verletzende Handlungen gegen ihre Opfer aus mit der klaren Absicht, ihrem Opfer Schaden zuzufügen. Es handelt sich um negative Handlungen, wenn ein Individuum einem anderen Schaden beziehungsweise Unannehmlichkeiten zufügt oder zuzufügen versucht. Solche Handlungen können verbal (drohen, verspotten, beschimpfen, …), physisch (schlagen, schubsen, treten, kneifen, festhalten, …) oder non-verbal (Grimassen schneiden, böse Gesten, Rücken zuwenden, …) vonstattengehen. Olweus betrachtet auch einzelne schikanöse Vorfälle als Mobbing, wenn diese sehr schwerwiegend sind.Dan Olweus: Mobbning – Vad vi vet och vad vi kan göra. Liber, Stockholm 1986, ISBN 91-40-71638-4. Machtungleichgewicht: Mobbing erfordert, dass zwischen dem Opfer und dem Täter (oder der Gruppe von Tätern) ein Ungleichgewicht von Kräften herrscht, das sich z. B. auf körperliche oder psychische Stärke beziehen kann. Es handelt sich Olweus zufolge nicht um Mobbing, wenn zwei gleich starke Schüler miteinander streiten.Britta Bannenberg, Dieter Rössner: Erfolgreich gegen Gewalt in Kindergärten und Schulen. Ein Ratgeber. Beck, München 2006, ISBN 3-406-54140-2.

Besonders im englischen Sprachraum wird für Mobbing unter Schülern oft allgemein der Begriff „Bullying“ benutzt, ohne zwischen Einzelpersonen ( für „Tyrann“) oder Gruppen ( für „Pöbel“) als Aggressoren zu differenzieren.Peter K. Smith, Helen Cowie, Ragnar F. Olafsson, Andy P. D. Liefooghe: Definitions of Bullying – A Comparison of Terms Used, and Age and Gender Differences, in a Fourteen-Country International Comparison. In: Child Development. 73, Nr. 4, 2002, , S. 1119–1133. Die meisten wissenschaftlichen Publikationen unterscheiden deshalb zwischen Bullying als Angriff in der Schule und Mobbing als Angriff am Arbeitsplatz, obwohl in beiden Kontexten weit reichende Parallelen feststellbar sind.

Verbreitung In einer 2007 vom Zentrum für empirische pädagogische Forschung der Universität Koblenz-Landau durchgeführten Online-Befragung, an der 1997 Schüler aller Klassenstufen teilnahmen, äußerten 54,3 Prozent, dass sie von direktem Mobbing betroffen seien. 19,9 Prozent fühlten sich von Cyber-Mobbing betroffen. Direktes Mobbing kommt häufiger in den unteren Klassenstufen vor, während in den höheren Klassenstufen der Anteil des Cyber-Mobbing ansteigt. Nach dieser Studie sind sowohl bei direktem Mobbing als auch bei Cyber-Mobbing männliche Schüler häufiger Opfer als weibliche. Dagegen ergab eine britische Regierungsstudie im Jahr 2008, dass Jungen und Mädchen gleich oft Opfer waren. 70 bis 81 Prozent aller behinderten Kinder (gegenüber 65 Prozent der nichtbehinderten Kinder) gaben hier an, in den letzten drei Jahren Opfer von Mobbing gewesen zu sein.Youth Cohort Study & Longitudinal Study of Young People in England: The Activities and Experiences of 16 year olds: England 2007 (PDF)

Der „Bullying- und Viktimisierungsfragebogen“ (BVF) (von Nandoli von Marées und Franz Petermann) gilt als ein Instrument, mit dem man das Ausmaß mutmaßlichen Mobbings an einer Schule messen kann. Von Marées veröffentlichte 2008 ihre Dissertation Konstruktion und Analyse von Instrumenten zur Erfassung vom Bullying im Vor- und Grundschulalter.Volltext der Dissertation (PDF; 291 Seiten) Die Schüler- und auch die Lehrerversion des BFV bestehen aus einer Täter- und einer Opferskala.N. von Marées, F. Petermann: Bullying- und Viktimisierungsfragebogen. Testzentrale. Hogrefe-Verlag, Göttingen 2010.

Täter Einzeltäter Ein sogenannter Schulhofbully, also ein einzelner Raufbold, der sich an einem schwächeren Mitschüler vergreift, zeichnet sich oft durch Impulsivität und ein stark ausgeprägtes Bedürfnis aus, andere zu dominieren. Typisch ist eine positivere Einstellung gegenüber physischer Gewalt als bei Durchschnittsschülern. Sein Gewaltpotenzial richtet sich oft nicht nur gegen Schüler, sondern auch gegen Lehrer und Eltern. Die geistige Verfassung eines Schulhofbullys lässt sich beschreiben durch Vorstellungen wie z. B. „es ist okay, jemanden zu schlagen, wenn du vor Wut ausflippst“, „wenn du vor einem Kampf zurückschreckst, denken alle, du bist feige“ oder „jemand, der zusammengeschlagen wird, leidet nicht wirklich so sehr“.Ronald Slaby, Nancy Guerra: Cognitive Mediators of Aggression in Adolescent Offenders. Developmental Psychology, Band 24, 1988. Wie die US-amerikanischen Psychologen John D. Coie und Janis B. Coopersmidt beschrieben haben, werden die meisten Schulhofbullys von ihren Altersgenossen schon zwei bis drei Stunden nach dem ersten Kontakt als unsympathisch beurteilt.John D. Coie, Janis B. Coopersmidt: A Behavioral Analysis of Emerging Social Status in Boys’ Groups. Child Development, Band 54, 1983. Don Offort hat in einer Langzeitstudie beobachtet, dass bis zu 50 % der Kinder, die als Sechsjährige Unruhestifter waren, mit anderen Kindern nicht zurechtkamen und Eltern und Lehrern ständigen Widerstand entgegengesetzt haben, als Teenager straffällig wurden.Dan Offort u. a.: Outcome, Prognosis, and Risk in a Longitudinal Follow-up Study. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, Band 31, 1992; zu ähnlichen Befunden kommt Richard Tremblay u. a.: Predicting Early Onset of Male Antisocial Behavior from Preschool Behavior, Archives of General Psychiatry, September 1994; Gerald R. Patterson: Orderly Change in a Stable World: The Antisocial Trait as Chimera, Journal of Clinical and Consulting Psychology, Band 62, 1993. Weil sie sich in das soziale System des Klassenzimmers nicht einfügen und von Lehrern schnell als lernunwillig abgeschrieben werden, versagen Schulhofbullys spätestens von der dritten Klassenstufe an meist auch akademisch.Jack Block: On the Relation Between IQ, Impulsivity, and Delinquency. Journal of Abnormal Psychology, Band 104, 1995.

Gruppentäter Karl Gebauer sieht eine tiefer liegende Bindungsproblematik als Auslöser und in den Demütigungen und der Gewaltanwendung die Anzeichen einer emotionalen Unsicherheit.Karl Gebauer: Mobbing in der Schule. Beltz, Weinheim 2007, ISBN 978-3-407-22902-1, S. 122. Mehrere Analysen mit unterschiedlichen Methoden (unter anderem Untersuchung von Stresshormonen und projektive Tests) haben jedoch widerlegt, dass es sich bei den Aggressionen und dem brutalen Verhalten um ein Zeichen der Angst und des mangelnden Vertrauens („harte Schale – weicher Kern“) handeln könnte. Die empirischen Ergebnisse von Olweus weisen eher auf das Gegenteil hin: Mobber sind demnach weniger furchtsam und unsicher. Sie haben ein durchschnittliches oder verhältnismäßig starkes Selbstvertrauen. Unsicherere und ängstlichere Individuen ergreifen üblicherweise nicht die Initiative. Sie tendieren dazu, Mitläufer oder Zuschauer zu sein. Mobber weisen zudem eine niedrigere Empathie auf, insbesondere die emotionale Empathie – das Empfinden der Emotionen anderer – scheint bei ihnen nur gering ausgeprägt zu sein. Besonders Mädchen mit geringer Empathie treten häufig als Täter auf. Laut einer Studie der Psychologen Gianluca Gini und Tiziana Pozzoli besteht sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen ein starker Zusammenhang zwischen als maskulin geltenden Charakterzügen (wie dem Zeigen von sozialer Dominanz und Aggressivität) und dem Praktizieren von Mobbing.Gianluca Gini, Tiziana Pozzoli: The Role of Masculinity in Children’s Bullying, in: Sex Roles. A Journal of Research 54 (2006), S. 585–588. Bei Mädchen sei diese Verbindung zwar schwächer, aber dennoch signifikant. Schäfer und Korn charakterisieren schikanierende Schüler als in gewissem Rahmen sozial kompetent. Sie üben großen Einfluss aus, sind aber unbeliebt und benutzen ihre sozialen Fähigkeiten zum Schaden ihrer Opfer.Elke Wild, Manfred Hofer, Reinhard Pekrun: Psychologie des Lerners. In: Andreas Krapp, Bernd Weidenmann (Hrsg.): Pädagogische Psychologie. Beltz, Weinheim 2006, ISBN 3-621-27564-9, S. 203–268.

Lehrpersonen reagieren gemäß einer Studie auf Mobbingfälle häufig primär durch autoritäre Interventionen (z. B. verbale Zurechtweisungen, Bestrafungen) gegen die Täter. Die zweithäufigste Intervention ist nicht-strafendes Arbeiten mit den Tätern (z. B. alternative Handlungsweisen aufzeigen, Ursachen besprechen). Zusätzlich werden Mobbingtäter oft an andere erwachsene Personen weiterverwiesen (z. B. Schulleitung) oder andere Personen aus dem Umfeld der Täter miteinbezogen (z. B. Eltern).

Opfer Der Psychologe und Mobbingforscher Olweus unterscheidet zwischen zwei Idealtypen von Mobbingopfern an Schulen: passives Opfer provozierendes Opfer

Die passiven Opfer sind im Allgemeinen ängstlicher und unsicherer. Sie sind empfindlich, vorsichtig und schweigsam, und lehnen sehr oft Gewalttätigkeit ab. Nach Olweus signalisiert das Verhalten der Opfer ihrer Umgebung, dass sie Angst haben und es nicht wagen, sich gegen den Störenfried zu wehren, wenn sie angegriffen werden. Gespräche mit den Eltern von drangsalierten Kindern weisen darauf hin, dass diese bereits im früheren Alter vorsichtig und feinfühlig waren.

Seltener ist das provozierende Mobbingopfer, das im Allgemeinen unkonzentriert und nervös ist. Sein Verhalten schafft Ärger und ein gespanntes Verhältnis. Dies kann in seinem Umfeld negative Reaktionen auslösen. Bei diesen Personen können auch Probleme der Emotionsregulation (z. B. Regulation von Wut und Rache) eine Rolle spielen.

Gefährdet sind vor allem Kinder, die kleiner oder schwächer sind als der Durchschnitt. die übergewichtig sind. die rothaarig sind.bbc.com die ängstlich oder schüchtern sind. die sozial nicht akzeptierte Merkmale haben (keine Markenkleidung, ärmliches Aussehen etc.) die sich selbst aggressiv verhalten. die einem Elternhaus mit überbehütendem Erziehungsstil entstammen.Hans Jürgen Groß: Bullying (Gewalt in der Schule) Begriff, Ausmass, Folgen: unter besonderer Berücksichtigung des Opfermerkmals "überbehütetes Kind" Saarbrücken: Trainerverlag. 2012, ISBN 978-3-8417-5044-0. die autistisch sind.

Die Situation für das Opfer stellt sich in der Regel wie folgt dar: Das Ansehen des Opfers wird gezielt beschädigt. Die Kommunikation mit den anderen Kindern/Schülern wird be- und verhindert. Die sozialen Beziehungen des Opfers werden zum Ziel des Angriffs. Körperliche Übergriffe auf das Opfer.Norbert Kühne: Pöbeln, demütigen und schikanieren – Mobbing im Kindergarten. In: klein&groß – Zeitschrift für Frühpädagogik. 2007, Nr. 12, 2007, S. 45–46.