Edirne, früher Adrianopel (, , , ), ist mit knapp 170.000 Einwohnern die westlichste Großstadt der Türkei. Sie liegt im bulgarisch-griechisch-türkischen Dreiländereck, in Ostthrakien, dem europäischen Teil der Türkei. Gleichzeitig ist sie auch Zentrum des zentralen Landkreises (Merkez). Edirne war zeitweise die Hauptstadt des Osmanischen Reiches und ist heute das Verwaltungszentrum der gleichnamigen Provinz. Sie trug in ihrer Geschichte die Namen Odrysai (thrakisch), Orestia (altgriechisch) und Hadrianopolis (lateinisch, Stadt des Hadrian).
In Edirne schlossen die Sultane des Osmanischen Reiches dreimal einen Frieden, 1568 mit dem Heiligen Römischen Reich sowie 1713 und 1829 mit dem Russischen Kaiserreich.
Geographie Lage Edirne befindet sich etwa 220 km westlich von Istanbul nahe dem Dreiländereck Bulgarien, Griechenland und Türkei am Nordufer des türkisch-bulgarisch-griechischen Grenzflusses Meriç (griechisch Evros, bulgarisch Mariza). Der Nebenfluss Tunca (griechisch Tonzos, bulgarisch Tundscha) erreicht Edirne von Norden, umfasst mit seinem weiten Hochwasserbett die westliche Hälfte der Innenstadt in einem großen Bogen und mündet südlich vom Zentrum in den Meriç Nehri. Die Stadt hat sich deshalb kaum nach Westen, sondern vor allem nach Südosten ausgedehnt. Die Stadt liegt in der fruchtbaren thrakischen Tiefebene.
Landkreis Der zentrale Landkreis (Merkez) Edirne grenzt im Nordosten an den Kreis Lalapaşa, im Osten an die Kreise Süloğlu und Havsa sowie im Süden an den Kreis Uzunköprü. Im Norden hat der Kreis eine Grenze mit Bulgarien und im Westen mit Griechenland.
Mit einer Fläche von 844 km² steht er an dritter Stelle in der Provinz, er ist mit 180.901 Einwohnern der bevölkerungsreichste Kreis und hat mit 214 Einwohnern je Quadratkilometer auch die höchste Bevölkerungsdichte (Provinzdurchschnitt: 66 Einwohner je km²). Der Kreis besteht neben der Kreisstadt noch aus 37 Dörfern (Köy) mit durchschnittlich 330 Bewohnern. Tayakadın ist mit 1537 Einwohnern sowohl das bevölkerungsreichste als auch das einzige Dorf mit mehr als 1000 Einwohnern.
Klima
In Edirne herrscht ein Übergangsklima von feucht-subtropisch zu mediterran mit kontinentalen Einflüssen. Die Winter sind niederschlagsreich und kalt, die Sommer mäßig trocken und heiß. Aufgrund seiner Lage im Landesinneren und des Einflusses kalter Nordwinde kommt es im Winter regelmäßig zu Nachtfrösten und gelegentlich auch zu Eistagen und Schneefällen. Im Hochsommer sind Hitzetage- und Tropennächte häufig. Im Sommer fallen die Niederschläge vor allem als Starkregen.
Bevölkerung Bevölkerungsentwicklung Infolge der stetigen Herrschaftswechsel setzt sich die Bevölkerung der Stadt aus Türken, Griechen, Armeniern, Juden, Bulgaren und kleineren Nationalitäten zusammen. – Nachfolgende Tabelle zeigt den vergleichenden Bevölkerungsstand am Jahresende für die Provinz, den zentralen Landkreis und die Stadt Edirne sowie den jeweiligen Anteil an der übergeordneten Verwaltungsebene. Die Zahlen beziehen sich auf das 2007 eingeführten adressbasierte Einwohnerregister (ADNKS).Central Dissemination System/Merkezi Dağıtım Sistemi (MEDAS) des TÜIK, abgerufen am 10. April 2021.
Jahr Provinz Landkreis Stadt real % real % real 2020407.76344,36180.90193,24168.680 2019413.90344,80185.40893,20172.802 2018411.52843,82180.32792,86167.443 2017406.85543,97178.91093,06166.494 2016401.70143,08173.03792,60160.233 2015402.53742,58171.38692,40158.369 2014400.28041,47165.97991,96152.628 2013398.58241,16164.04891,60150.260 2012399.70840,57162.16191,56148.474 2011399.31639,80158.92990,94144.531 2010390.42839,19152.99390,72138.793 2009395.46339,49156.15590,66141.570 2008394.64438,82153.19990,22138.222 2007396.46238,02150.71790,28136.070
Geschichte Erste Siedlungshinweise Edirne ist eine alte Stadt, erste Siedlungen soll es bereits im 5. Jahrtausend v. Chr. gegeben haben. Die Stadt hatte in ihrer Geschichte verschiedene Namen. In ihrer vorrömischen Zeit war sie unter dem Namen Odrysia bekannt, vermutlich in Anlehnung an den thrakischen Stamm der Odrysen, oder Uscudama und gehörte zu Thrakien. Odrysia war vom 5. bis 3. Jh. v. Ch. die Hauptstadt des Odrysenreiches.
Antike mini|Bronzemünze aus Hadrianopolis mit Zeus-(?)Tempel mini|Simeon der Große erobert 914 Adrianopel
Zwischen 171 v. Chr. und 168 v. Chr. wurde das Gebiet von den Römern besetzt. Augustus verzichtete während seiner Herrschaft auf die Eroberung Thrakiens und somit auch der Stadt. Thrakien wurde erst unter Kaiser Claudius erobert. Hadrian befahl um 125 n. Chr., die Stadt wieder aufzubauen und zu erweitern, und gab ihr den Namen Hadrianopolis (Stadt Hadrians). 378 wurden dort die Römer unter Kaiser Valens von den Goten geschlagen (Schlacht von Adrianopel).
Im Jahr 395 wurde die Stadt Zentrum der römischen Provinz Haemimontus. Die Stadt war der Sitz des Erzbistums Hadrianopolis in Haemimonto, das heute noch als Titularbistum der Römisch-Katholischen Kirche weiterlebt.
Mittelalter: 8. bis 16. Jahrhundert mini| Byzantinische Themenverwaltung auf dem Balkan um 1045
Um 790 bis 800 wurde Adrianopel Zentrum des neu geschaffenen, byzantinischen militärisch-administrativen Distrikts (Thema) Makedonien. In den nachfolgenden Jahrhunderten wechselte die Herrschaft über die Stadt und das Thema zwischen dem Bulgarischen und dem Byzantinischen Reich. Im Jahre 813 siegten die Bulgaren unter Khan Krum über den Kaiser Michael I. in der Schlacht von Adrianopel. Zar Simeon I. gliederte die Provinz 914 erneut in das Bulgarische Reich ein. 927 nach dem 50-jährigen Friedensabschluss zwischen Bulgaren und Byzantinern geriet ein Großteil des Themas erneut unter byzantinische Herrschaft.
Im Jahr 1204 eroberten die Kreuzfahrer die Stadt, sie fiel jedoch nach der Schlacht von Adrianopel von 1205 wieder in bulgarische Hände. Nach 1250 folgte noch eine letzte byzantinische Periode. Die osmanische Eroberung der Stadt wird sehr unterschiedlich datiert, doch vermutlich fiel die Stadt erst in den frühen 1370er Jahren in osmanischer Hand.Oliver Jens Schmitt: Der Balkan zwischen regionaler Herrschaftsbildung und osmanischer Eroberung. In: Oliver Jens Schmitt (Hrsg.): Handbuch zur Geschichte Südosteuropas. Band 2. Berlin/Boston 2021, S. 96 f. Anschließend war Edirne bis zur Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 die Hauptstadt des Osmanischen Reiches. In der Mitte des 16. Jahrhunderts war der berühmte osmanische Hofdichter Hayâlî (1500?–1557) Sandschakbey in Adrianopel.
Spätosmanische Zeit: 17. bis 19. Jahrhundert Im Jahre 1745 wurde Edirne von einem großen Brand heimgesucht. 1751 folgte ein verheerendes Erdbeben. Die Stadt verlor dadurch an wirtschaftlicher und politischer Bedeutung, blieb jedoch Zentrum eines Vilâyets (Großprovinz des Osmanischen Reiches).
In den russisch-türkischen Kriegen von 1828–1829 und 1877–1878 wurde Edirne mehrfach angegriffen und erobert. Der Friede von Adrianopel beendete 1829 den ersten Krieg. In den 1850er Jahren war Edirne eines der Zentren der sogenannten Unionsbewegung (bulg. Униатско движение) der bulgarischen Katholiken und wurde 1861 Sitz der bulgarisch-katholischen Kirche. Nach der Ethnographie des Vilayets d'Andrinople, de Monastir et de Salonique von 1878 hatte Edirne 1873 16.220 Haushalte mit etwa 58.000 männlichen Einwohnern. Den größten Anteil stellten die Türken, gefolgt von Griechen (ca. 16.000) und Bulgaren (ca. 10.000). In Edirne lebten noch große jüdische und armenische Gemeinden. Die bulgarische Bevölkerung konzentrierte sich in den Vierteln Barutluk mahallesi und Uzunkaldırım mahallesi östlich der Selimiye-Moschee in der Altstadt. Im Vorfeld des Ilinden-Preobraschenie-Aufstands (1903) wurde 1895 in der Stadt ein revolutionäres Komitee der BMARK gebildet, welches im Untergrund agierte. Goze Deltschew baute zwischen 1896 und 1900 die Strukturen der Organisation in der Region auf.
20. Jahrhundert Im September 1905 brach in Adrianopel wieder ein großes Feuer aus, dem zahlreiche Gebäude zum Opfer fielen.Adrianopel, Berliner Tageblatt, 5. September 1905. Im Nachgang wurde dazu folgendes veröffentlicht: 1350 Häuser, 300 Geschäftsläden, 13 Schulen, 6 Kirchen, 1 Synagoge und 1 Moschee wurden vernichtet. Menschen kamen nicht zu Schaden.Unter Telegramme: Kurzbericht zum Brand in Adrianopel, Berliner Tageblatt, 7. September 1905.
Im Ersten Balkankrieg nahmen die Bulgaren die Stadt nach viermonatiger Belagerung am 26. März 1913 ein, obwohl die Verteidigung von westlichen Beratern aufgebaut wurde und die Stadt als uneinnehmbar galt. Bei der Belagerung wurden Flugzeuge zur strategischen Bombardierung eingesetzt. Im Zweiten Balkankrieg konnten die Türken das mit bulgarischen Flüchtlingen aus Ostthrakien überfüllte Edirne zurückerobern und die bulgarische Bevölkerung vertreiben oder töten. Mit ihrer Vertreibung wurden auch die bulgarischen Bildungseinrichtungen hier, zwei Knabengymnasien (darunter das Gymnasium „Dr. Petar Beron“), ein Mädchengymnasium sowie die vier Grundschulen, geschlossen. Auch die bulgarischen Kirchen wurden geschlossen und mit Ausnahme der Hl. Konstantin und Elena-Kirche und Demetrios-Kirche zerstört. Ein geringer Teil der bulgarischen Bevölkerung kehrte nach dem Krieg zurück, erreichte jedoch nie ihre Vorkriegsstärke.
Nach dem Ersten Weltkrieg gelangte die Stadt 1920 durch den Vertrag von Sèvres an Griechenland, mit dem Vertrag von Lausanne kam sie wieder zur Türkei. Zu diesem Staat gehört sie seitdem.
Nach der Volkszählung von 1935 sprachen in Edirne 198 Personen Albanisch, 357 Personen Bosnisch, 1199 Personen Bulgarisch, 1743 Personen Romanes, 413 Personen Kurdisch, 7175 Personen Pomakisch, 355 Personen Tatarisch als Muttersprache. Insgesamt hatten 14.845 Personen eine andere Muttersprache als Türkisch.NISANYANMAP zu Edirne
Seit dem 21. Jahrhundert Seit dem Jahr 2003 leiteten Hamdi Sedefçi (bis März 2014) als Oberbürgermeister und Cemil Erdoğan (bis 2008) bzw. Namik Döleneken (2009–2011) als Bürgermeister die Stadt. Im Jahr 2006 wurde zwischen den Städten Edirne und Lörrach in Deutschland eine Kulturpartnerschaft begründet, die 2011 zur Städtefreundschaft erhoben wurde und auch von Oberbürgermeister Recep Gürkan (März 2014-März 2024) intensiv gepflegt wurde.Antrittsbesuch von Recep Gürkan in Lörrach mit Hilmi Ibar, Jörg Lutz, Manfred Raupp Ziel ist der Austausch von Studenten, Schülern, Praktikanten, Lehrern und Professoren zwecks Erwerb und Ausbau gegenseitiger sprachlicher und kultureller Kompetenz.
Bei der Kommunalwahl am 31. März 2024 wurde die Juristin Filiz Gencan Akin zur neuen Oberbürgermeisterin der Stadt Edirne und damit zur Nachfolgerin von Recep Gürkan gewählt, welcher 10 Jahre Oberbürgermeister war und zur Wahl nicht mehr angetreten ist. Oberbürgermeisterin Akin führt die Kulturpartnerschaft mit Lörrach und Oberbürgermeister Jörg Lutz weiter.
Wirtschaft und Infrastruktur Allgemein Edirne dient vor allem als Handelsplatz für landwirtschaftliche Erzeugnisse, hauptsächlich Weintrauben. Haupterzeugnisse der Stadt sind Textilien und Textilrohwaren, Lederwaren und Teppiche, außerdem Rosenwasser und -öl.
Verkehr Straße Edirne ist durch die mautpflichtige E 80 (auch Trans European Motorway) erschlossen, der vom bulgarisch-türkischen Grenzübergang Kapitan Andreewo–Kapıkule bei Swilengrad/Kapıkule über Istanbul und die dortige Brücke der Märtyrer des 15. Juli bis nach Ankara führt.
Schiene mini|Alter, bis 1971 genutzter Bahnhof