Paschtunen ( bzw. Pachtāna), auch Pathanen (von ) oder teilweise Afghanen (von ) sind ein iranisches Volk in Süd- und Zentralasien.James B. Minahan: Ethnic Groups of South Asia and the Pacific: An Encyclopedia. ABC-CLIO, 2012 Weltweit gibt es ca. 50 Millionen Paschtunen, von denen ca. 15 Millionen im nach ihnen benannten Afghanistan leben (ca. 42 % der Landesbevölkerung). In Pakistan leben ca. 23 Millionen Paschtunen, in diesen Zahlen sind 3 Millionen afghanische Flüchtlinge und Hindko eingezählt sowie Menschen, die kein Paschtu (historisch auch Afghanisch) sprechen, aber väterlicherseits paschtunische Vorfahren haben.

Siedlungsgebiete Die meisten Paschtunen leben mit rund 23 Mio. Angehörigen in Pakistan in den Provinzen Khyber Pakhtunkhwa und Belutschistan (ca. 15 % der Landesbevölkerung). Das sprachlich und kulturell zusammenhängende Gebiet der Paschtunen, das Pakhtunkhwa, wurde 1893 infolge der britischen Kolonialpolitik durch die Durand-Linie geteilt.

Es existieren noch kleinere Gemeinden von Paschtunen in Australien, Afrika, Indien und Südamerika – Nachfahren derer, die dort einst von den Briten als Arbeitskräfte angesiedelt wurden.

Viele Bürger Afghanistans, darunter eine Vielzahl von Paschtunen, flohen während des Bürgerkrieges in den 1990er Jahren auch nach Europa, vor allem nach Großbritannien (ca. 88.000), Deutschland (55.000) und Frankreich (40.000).Auch die nicht-paschtunischen Staatsbürger Afghanistans werden seit 1965 als Afghanen bezeichnet

Namensgebung Das Wort Afghan wird heute nur noch sehr selten bzw. kaum noch als Eigenname der Paschtunen benutzt. Die Paschtunen selbst bevorzugen ihre Eigenbezeichnung Paschtune (auch Pakhtune) gegenüber den Fremdbezeichnungen Pathane oder Afghane.

Der Name Pakhtun hat möglicherweise dieselben Wurzeln wie die beiden afghanischen Provinzen Paktika und Paktiya, welche sich vom Wort Pactyan ableiten, dem Namen eines von Herodot erwähnten iranischen Stammes in der altpersischen Provinz Arachosien, das in etwa dem heutigen Gebiet um Kandahar entspricht. alternativtext=|mini|Die östlichen Satrapien der Achämeniden, welches dem Gebiet des heutigen Afghanistan entspricht und auch die „Pactyans“ in Arachosien darstellt. Die Begriffe Afghan () oder Paschtun () wurden und werden oftmals synonym gebraucht. Der Begriff Pathan () bzw. () bzw. PathanenSaid Jamaludin Al Afghani: Tatimmat al-bayan fi tarikh al-Afghan. Ägypten 1901, S. 13. ist ebenfalls ein Synonym für Paschtunen in Indien, seit der Teilung 1947 auch in Pakistan, vorwiegend außer Khyber Pakhtunkhwa, gebräuchlich.Juan Eduardo Campo: Encyclopedia of Islam. New York 1950; 2. Auflage ebenda 2009, S. 15.C. Heather Bleaney, María Ángeles Gallego: Afghanistan: A Bibliography. Leiden 2006. Beide, Afghan und Paschtun, waren bis 1936 offizielle Bezeichnungen für Paschtunen in Afghanistan. Dabei ist Paschtun die Eigenbezeichnung und Afghan die Fremdbezeichnung aus dem Persischen, die wohl historisch primär für Stämme aus dem Westen gebraucht wurde, was erklärt, warum bisweilen ein terminologischer Unterschied dergestalt vorgeschlagen wurde, dass Afghan sich auf die Durrani (den westlichsten Stamm) und deren Verbündete beziehe.Georg Valentin von Munthe af Morgenstierne: Afghān. In: Encyclopaedia of Islam. 2. Auflage. 1986, Band 2, S. 216–221, hier S. 216. Die Bezeichnung Afghan als Staatsangehörige Afghanistans wurde 1965 in der Verfassung verankert.

Eine erste Erwähnung findet sich in der Enzyklopädie Bṛhat Saṃhitā des indischen Astronomen und Mathematikers Varahamihira aus dem frühen 6. Jahrhundert. Dort ist von Avagāṇa die Rede. In der wenig später entstandenen Biographie des buddhistischen Pilgers und Übersetzers Xuanzang, verfasst durch seine Schüler Huili und Yencong, wird von gesprochen als einem Stamm im Norden des Suleiman-Gebirges.Georg Valentin von Munthe af Morgenstierne: Afghān. In: Encyclopaedia of Islam. 2. Auflage. 1986, Band 2, S. 216–221, hier S. 217.

Im persisch verfassten geographischen Handbuch unter dem arabischen Titel Hudūd al-ʿĀlam (982, ) ist von die Rede.V. Minorsky (Hrsg.): Hudud al-Alam. In: The regions of the world: a Persian geography, 372 A.H. – 982 A.D. übers. ud. komm. V. Minorsky, London 1937; ‚Stämme von Afghanen‘ wurde vom englischen Übersetzer übersetzt.

Al-Bīrūnī, ein Wissenschaftler des 11. Jahrhunderts, der Sultan Mahmud von Ghazni nach Indien begleitete, beschreibt in seinen Werken Kitab Tarich al-Hind (; , verfasst 1029)Digital Occult Manuscripts: . digitaloccultmanuscripts.blogspot.de; abgerufen am 20. September 2017. die zwischen Multan bis zu der Suleiman-Gebirgskette südlich vom Hindukusch.

Auch im Buch über Yamin (Kitāb al-Yamīnī) von Abū Naṣr al-ʿUtbī, einer 1020 fertiggestellten Biographie von Mahmud von Ghazni (dessen Beiname Yamīn ad-Daula, rechte Hand des Reiches, lautete),Vgl. zu Werk und Autor: Ali Anooshahr: ʿOTBI, Abu Naṣr Moḥammad b. ʿAbd-al-Jabbār. in: Encyclopædia Iranica. Das Werk liegt auch vor in englischer Übertragung der persischen Übersetzung des arabischen Ursprungstextes: The Kitab al-Yamini: Historical Memoirs of the Amir Sabaktagin, and the Sultan Mahmud of Ghazna. W.H. Allen, London 1858, wurde die Bezeichnung Afghan in Zusammenhang mit dem ursprünglichen Siedlungsgebiet der Paschtunen z. B. im heutigen Wazirestan und Khyber Pakhtunkhwa, heute Provinz von Pakistan, gebraucht.

Dschamal ad-Din al-Afghani liefert in seinem auf Arabisch verfassten Tatimmat al-bayān fī tārīḫ al-ʾAfġān (; dt. Einige Folgeaussagen über die Geschichte der Afghanen) eine Erklärung, warum die Paschtunen als Afghanen bezeichnet wurden.Said Jamaludin Al Afghani: Tatimmat al-bayan fi tarikh al-Afghan. Ägypten 1901, S. 13 ff.,

Hypothesen zur Herkunft Es gibt keine schriftlichen Quellen, die die Herkunft dieses Volkes eindeutig klären könnten.

Sie sind vielleicht Nachkommen der indoeuropäischen Saken, die sich im Laufe der Zeit mit vielen anderen Völkern der Region vermischt haben. Anderen Theorien zufolge gibt es auch Anzeichen für eine Verwandtschaft mit den historischen Hephthaliten, die einst den Osten Irans und Vorderindien kontrollierten. Untersuchungen des sowjetischen Historikers Juri Gankowski bringen den paschtunischen Stammesnamen Abdali mit dem Wort „Ephtalit“ (= Hephthaliten) in Verbindung. Tatsächlich verlieren sich die Spuren der historischen Hephthaliten nach ihrer vernichtenden Niederlage gegen den sassanidischen Herrscher Chosrau I. (563 bei Buchara) im Hindukusch-Gebirge, sodass hier eine nähere Verwandtschaft – zumindest teilweise – auf der Hand liegt.

Einige paschtunische Stämme behaupten, sie seien die Nachkommen der zehn verlorenen Stämme Israels. So wollen sie die Stammesnamen Barakzai, Ismailkhel, Yossufzai etc. in den ursprünglich hebräisch-jüdischen Namen (Barak, Ismail, Josef (Yossuf) etc.) wiedererkennen. Die Theorie der israelitischen Abstammung der Afghanen rührt aus der Zeit der Mogulherrschaft in Indien und wird in dem persischsprachigen Buch Maḫzan-e Afghāni / von Nehmatullah Herawi genauer erklärt.Bernhard Dorn, History of the Afghans / Makhzan-i Afghani Summary, Übersetzung des Originals aus dem Persischen, Oriental Translation Fund of Great-Britain and Ireland, London, Nach heutigen sprachwissenschaftlichen und genetischen Analysen ist diese Theorie weder glaubhaft noch beweisbar.

Ebenso unbewiesen ist die arabische Abstammung; als gemeinsamer Urahn aller Paschtunen gilt Qais (Kas), der später den Titel „Abdul Rashid“ angenommen haben soll. Qais’ ältester Sohn Sarbanar soll Stammvater der Durranis, sein zweiter Sohn Stammvater der Ghilzai, sein dritter Sohn Stammvater der Kakars (Kandahar) und Safis (Peschawar) gewesen sein.

Fest steht nur, dass die Paschtunen zu Zeiten der Kartiden in den Bergen an den Grenzen Khorasans lebten. Aus der Zeit Baburs kann man aus seinen Memoiren entnehmen, dass die Paschtunen, im damaligen Kontext Afghanen, in den Gebieten südlich von Kabul lebten.Baburnama Die älteste Erwähnung der Etymologie des Begriffes „Afghane“ ist allerdings auf die Spätantike zurückzuführen, Xuanzang erwähnte in seinen Reisen um das Gebiet des heutigen Afghanistans ein Volk namens „Avagana“, welche laut ihm das Gebiet zwischen Bannu und Ghazni besiedelten, welches sowohl dem historischen als auch heutigem Siedlungsgebiet der Paschtunen entspricht.

Geschichte mini|hochkant|Ahmad Schah Durrani In der Geschichte der Paschtunen gab es viele Fremdherrscher und Invasoren, so die einfallenden Turkstämme Zentralasiens, die Mongolen, die indischen Moguln und die persischen Safawiden.

Das erste vermutlich paschtunische Reich könnten die Ghuriden gewesen sein. Doch ist deren Herkunft umstritten. Man weiß allerdings, dass sie Angehörige eines iranischen Volkes aus Ghor im heutigen Afghanistan waren und eine Sprache sprachen, die nicht Persisch war. Dies macht Abū l-Fażl Baihaqī in seinem Werk deutlich, in dem er erwähnt, dass die Ghaznawiden aus Ghazni Dolmetscher für ihre Reisen nach Ghor gebraucht hätten.Finbarr Barry Flood, Objects of Translation: Material Culture and Medieval "Hindu-Muslim" Encounter, (Princeton University Press, 2009), 13. Des Weiteren wird die Khilji-Dynastie in Indien oft sowohl mit Türken als auch mit Paschtunen in Verbindung gebracht. Die Herrschaft der Lodhi in Indien mit Delhi als Hauptstadt (1451–1526) ist das erste Reich, welches eindeutig mit den Paschtunen in Verbindung gebracht werden kann. Doch mit dem Sieg des turko-mongolischen Herrschers Babur (Begründer der Mogul-Dynastie) über Ibrahim, den letzten Lodhi-Sultan, endete auch die paschtunische Herrschaft in Indien. Nur noch ein einziges Mal widersetzten sich die Paschtunen unter der Führung von Scher Schah Suri der Mogulherrschaft und gründeten das Suriden-Reich in Indien, bevor sie von den Moguln endgültig besiegt wurden.

Danach lebten die Paschtunen geteilt unter der Herrschaft der Moguln und Safawiden, bis sich im 18. Jahrhundert der Stamm der Ghilzai unter der Führung von Mir Wais Hotak gegen die Herrschaft der Safawiden erhob und die Hotaki-Dynastie gründete. Der Aufstand der Ghilzai beendete mit dem Sieg Mir Mahmud Hotakis die Herrschaft der Safawiden in Persien. Jedoch konnten sich die Ghilzai nicht lange an der Macht halten, weil die vielen paschtunischen Stämme untereinander zerstritten waren und die Ghilzai als Herrscher nicht akzeptiert wurden. Nur vier Jahre später wurden die Ghilzai von Nadir Schah besiegt und wieder nach Kandahar verdrängt.

Mit dem Tod Nadir Schahs zerfiel Persien wieder in kleinere Staaten, die sich untereinander bekämpften. In jener Zeit war es der einstige General Nadir Schahs, Ahmad Schah Abdali aus dem Stamm der Abdali, der die vielen paschtunischen Stämme vereinen konnte, um für die Unabhängigkeit zu kämpfen. So begründete Ahmad Schah Abdali im Jahre 1747 ein selbstständiges Königreich der Afghanen in der Region Khorasan im Osten Persiens und weitete sein Reich nach Süden, Osten und Nordwesten aus – das Durrani-Reich – und erkämpfte für die Paschtunen ihre endgültige Unabhängigkeit. Im 19. Jahrhundert wurden die 21 Enkelkinder von Ahmad Schah Abdali die Gouverneure von 21 Großprovinzen des Landes. Nach dem Tode seines Sohnes Timor Schah, der die Hauptstadt des Reiches nach einem Loja Dschirga von Kandahar nach Kabul verlegte, bekämpften sich seine 21 Söhne gegenseitig. Schließlich blieb vom zeitweise nach den Osmanen größte muslimischen Königreich jener Zeit nur noch das Gebiet übrig, das offiziell seit 1919 den Namen „Afghanistan“ trägt (übersetzt „Land der Afghanen/Paschtunen“). Abgesehen von kurzen Perioden, z. B. während des Bürgerkriegs Ende des 20. Jahrhunderts, haben Afghanen (Paschtunen) seit 1747 durchgehend das Land regiert.

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