mini|hochkant|Verlagseinband der ersten Buchausgabe Frau Jenny Treibel oder „Wo sich Herz zum Herzen find’t“ ist ein Roman Theodor Fontanes. Von Januar bis April 1892 in der Deutschen Rundschau vorabgedruckt, Ende 1892 (mit der Jahreszahl 1893) als Buch ausgeliefert, gewann der Roman sehr schnell die Gunst von Publikum und Kritik, die er bis heute bewahrt hat. „Das Buch, das als der witzigste Roman Fontanes gilt, soll nach den Worten des Autors ´das Hohle, Phrasenhafte, Lügnerische des Bourgeoisstandpunktes […] zeigen´.“Kindlers neues Literatur-Lexikon. Studienausgabe. Band 5. Kindler, 1996, S. 666, siehe Literatur. Halb ironisch wird dem Leser eine Geschichte nach dem Muster einer Komödie erzählt. Es geht um Besitz und Ansehen, echte und falsche Gefühle und die Balance von gesellschaftlichem Aufstieg und persönlichem Glück.

Inhalt mini|208x208px|Eine Szene aus Frau Jenny Treibel mit Friedel Nowack als Jenny Treibel und Winfried Wagner als ihr Sohn Leopold; 1964 im Maxim-Gorki-Theater Im Zentrum des Romans stehen zwei Berliner Familien: Zum einen die großbürgerlichen Treibels – der Berliner-Blau-Fabrikant und Kommerzienrat Treibel, seine Frau Jenny (geborene Bürstenbinder) sowie die Söhne Otto und Leopold, zum anderen die Bildungsbürger Wilibald Schmidt, ein Gymnasialprofessor, und seine Tochter Corinna. Die Verbindung zwischen den Familien entstand in Wilibalds und Jennys Jugend. Damals wohnten beide in der Berliner Adlerstraße, Wilibald bei seinen Eltern, Jenny Bürstenbinder im Haus gegenüber, in dem ihr Vater einen Laden für „Material- und Colonialwaaren“ betrieb.Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel, 8. Kapitel. Als Student war Wilibald in Jenny verliebt und schrieb ihr Liebesgedichte, darunter auch das Lied mit der „berühmte[n] Stelle ‚Wo sich Herzen finden‘“,Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel, 4. Kapitel. „Titel: ‚Frau Kommerzienrätin‘ oder ’Wo sich Herz zum Herzen find’t’.(entlehnt von Schillers Gedicht “Das Lied von der Glocke„: original: “Drüm prüfe, was sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet„) Das ist die Schlusszeile eines sentimentalen Lieblingsliedes, das die 50jährige Kommerzienrätin im engeren Zirkel beständig singt (Schmidt schrieb dieses Lied in jüngeren Jahren für Jenny, als er sie noch umwarb) und durch das sie sich Anspruch auf das ‚Höhere‘ erwirbt, während ihr in Wahrheit nur das ‚Kommerzienrätliche‘, will sagen: viel Geld, das ‚Höhere‘ bedeutet. Zweck der Geschichte: das Hohle, Phrasenhafte, Lügnerische, Hochmütige, Hartherzige des Bourgeois-Standpunktes zu zeigen, der von Schiller spricht und Gerson meint.“ Zitat in: Theodor Fontane: Sämtliche Werke, hrsg. von Walter Keitel. Carl Hanser Verlag, München 1963, Band 4, S. 717. Ausschnitt. dessen Schlusszeile der Roman seinen Untertitel verdankt. Als Willibald am Ende seines Studiums hoffte, die heimliche Verlobung mit Jenny offiziell vollziehen zu können, hielt Jenny ihn hin, und als der reiche Treibel um sie warb, gab sie Wilibald den Laufpass. Sein Liebeslied aber lässt sie bei gesellschaftlichen Anlässen vortragen, tief bewegt von dem ‚Höheren‘ und ‚Idealen‘, das sie darin sieht; sie redet viel über dieses ‚Höhere‘ und gibt zu verstehen, dass sie „Besitz, Vermögen, Gold“ verachtet und ganz nach dem „Ideal“ lebt.Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel, 3. Kapitel. Den Widerspruch zwischen ihren Bekenntnissen zum „Höheren“ und ihrem Handeln, bemerkt sie selbst nicht: „Jenny Treibel hat ein Talent, alles zu vergessen, was sie vergessen will“, stellt Wilibald Schmidt in einem Gespräch mit seinem Neffen Marcell Wedderkopp fest: Entgegen ihrem eingebildeten Herzen für das ‚Höhere‘ habe sie „nur ein Herz für das Ponderable, für Alles, was ins Gewicht fällt und Zins trägt“.Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel, 7. Kapitel.

Wilibald sähe es am liebsten, wenn seine Tochter ihren Cousin Marcell heiraten würde, einen vielversprechenden angehenden Archäologen, der sie liebt und, sobald er das nötige Einkommen hat, heiraten möchte. Wilibald weigert sich aber, auf Corinna in Marcells Sinn Einfluss zu nehmen, da eine Eheentscheidung von innen reifen müsse und auf Jenny Treibel Verlass sei, die Corinna niemals als Schwiegertochter akzeptieren werde.Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel, 7. Kapitel. Corinna möchte ausbrechen aus der eher bescheidenen Welt eines Gymnasialprofessorenhaushaltes und Leopold Treibel heiraten, einen schwächlichen, unselbständigen und ganz von seiner Mutter beherrschten jungen Mann, der Corinna schon lange heimlich bewundert. Gesellschaftliches Ansehen und materieller Wohlstand erscheinen ihr als ausreichende Garantien für eine glückliche Zukunft. Nach einer Landpartie kommt es zur heimlichen Verlobung beider, die Jenny Treibel auflösen will, weil sie für ihren Sohn eine „standesgemäße“, d. h. reiche Partie wünscht. Sie lehnt Corinna nicht deshalb ab, weil sie aus Berechnung, nicht aus Liebe handelt, sondern weil sie außer einer „Bettlade“ (mit Aussteuerwäsche) nichts in die Ehe bringen würde.Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel, 12. Kapitel.

Leopold erweist sich erneut als zu schwach, um sich gegen seine Mutter zu behaupten: Er beschränkt sich darauf, Corinna täglich Briefchen zu schreiben, in denen er sogar eine Flucht nach Gretna Green anspricht, lässt seinen Worten aber keine Taten folgen. Die beiden Väter verhalten sich in dieser angespannten Situation abwartend – der Kommerzienrat, weil er damit beschäftigt ist, seinen Wahlkampf zu organisieren, und der Professor, weil er darauf vertraut, dass Corinnas Vernunft und Ehrgefühl sich durchsetzen werden. Mit der Hilfe von Schmidts Haushälterin Rosalie Schmolke wird Corinna sich schließlich der entwürdigenden Situation bewusst, löst die Verlobung und bittet ihren Cousin Marcell um Verzeihung. Marcell, der soeben eine Stelle als Gymnasial-Oberlehrer bekommen hat, macht ihr einen Antrag, und die Hochzeit beider sieht die Schmidts und die Treibels wieder versöhnt, denn außer Leopold folgen alle Treibels der Einladung zum Hochzeitsfest.

Figurenübersicht

mini|zentriert|hochkant=3|Figurenübersicht Frau Jenny Treibel

Charakterbilder der Hauptfiguren Das Besitzbürgertum kommt dabei letztlich nicht sonderlich gut weg; dennoch ist bei Fontanes Beschreibung – und Verurteilung – der betreffenden Charaktere meist viel Wohlwollen und liebevolle Nachsicht zu spüren. Das gilt in erster Linie für Treibel, der gutmütig, großzügig und durchaus selbstkritisch ist („Wer sind am Ende die Treibels?“). Auch wenn seine „Wahlagitation“ verspottet wird, analysiert Treibel klarsichtig seine eigenen Beweggründe ebenso wie die anderer. Fontane deutet auch an, dass Treibel – auch wenn am Ende unter dem Einfluss seiner Frau Jenny der Bourgeois in ihm siegt – eine Heirat Corinnas mit Leopold mit heiterer Resignation akzeptiert hätte.

Auch Otto und Leopold Treibel sind gutmütige und liebenswerte Menschen, was sie dafür prädestiniert, „unter den Pantoffel“ starker Frauen zu geraten: Otto unter den seiner extrem dünkelhaften Hamburger Frau Helene und Leopold vor allem unter den seiner Mutter Jenny, dann unter Corinnas und schließlich unter den von Helenes Schwester Hildegard.

Die Bourgeois-Frauen kommen dagegen nicht mit so viel Wohlwollen davon wie die Herren. Die unsympathischste Figur des Buches – mehr noch als Jenny selbst – ist wahrscheinlich Helene Treibel, geborene Munk, die kommerzielle, „dynastische“ („Die Thompsons sind eine Syndikatsfamilie!“) und – an ihrem Töchterchen Lizzi – erzieherische Ziele verfolgt. Dabei hält sie es – anders als Jenny – nicht für nötig, ihre Interessen mit künstlerischen und sentimentalen Vorwänden zu verbrämen. Für sie ist vielmehr die glatte und korrekte Fassade das Wichtigste.

Auch die Eitelkeiten und „Schrullen“ des Bildungsbürgertums werden vorgeführt: Unbestrittener Protagonist der Gymnasialprofessoren ist Wilibald Schmidt, dem nicht nur das Geistige, sondern vor allem das Humane über allem steht. Er ist eher linksliberal („Wenn ich nicht Professor wäre, so würde ich am Ende Sozialdemokrat!“)Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel, 13. Kapitel, durchschaut die Menschen und hat, trotz eines Hanges, die Schwächen seiner Bekannten mit Witz und Schärfe bloßzustellen, ein tiefes und wohlwollendes Verständnis für seine Mitmenschen. Das hat er mit Marcell und Distelkamp gemeinsam: Die drei Figuren (Schmidt, Marcell und Distelkamp) stehen für das Ideal des Bildungsbürgers, den Fontane nur dann achtet, wenn er nicht nur Wissen und Kultur, sondern auch das Humane verkörpert. Den Kontrast dazu bilden die Professoren Kuh, Rindfleisch und Immanuel Schulze, die zwar auch im Lager von Geist und Wissen stehen, dabei aber menschlich angreifbarer, eitler und kälter sind als ihre Kollegen von den „Sieben Waisen Griechenlands“.

Corinna, eine Martha Fontane abbildende Figur,Marianne Goch: Mete Fontane (1860-1917). „Danebenstehen und sich den Mund wischen …“. In: Luise F. Pusch (Hrsg.): Töchter berühmter Männer. Neun biographische Portraits. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-458-32679-0, S. 349–419, hier: S. 367–368. ist „Grenzgängerin“ zwischen den beiden Sphären. Eigentlich gehört sie ins Bildungsbürgertum, hat die Gaben ihres Vaters geerbt („und fast noch gescheiter als der Alte“), ist intelligent, gebildet, vielseitig interessiert, aber mit einem „Hang zum Äußerlichen“. Sie fühlt sich zur Bourgeoisie hingezogen und sieht am Ende sehr klar, dass sie „freilich auch wohl nicht sehr glücklich“ geworden wäre, hätte sie Leopold Treibel geheiratet. Sie ist kein Mensch der großen Leidenschaften, sie ist begabt, heiter und unternehmungslustig und hätte sich nie gelangweilt, selbst mit Leopold nicht, auf den sie als die Stärkere ohnehin Einfluss gehabt hätte. Corinna ist, dem „Hang zum Äußerlichen“ ungeachtet, eine große Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit eigen, eine Achtung vor dem Humanen, die sie von ihrem Vater hat und mit Marcell teilt – und die sie von Jenny Treibel trennt. Es ist daher nicht nur der Intellekt, der sie mit Marcell verbindet; es ist vielmehr eine von klein auf bestehende Grundsympathie zwischen den beiden, ein Gleichklang, ein wirkliches Zueinanderpassen, die Achtung vor denselben Idealen.

Neben diesen Hauptpersonen des Romans findet sich eine Reihe von Nebenpersonen. In erster Linie Frau Schmolke, Professor Schmidts Wirtschafterin und Corinnas Ersatzmutter, eine Berliner Kleinbürgerin und Schutzmannswitwe („Schmolke sachte och immer …“). Sie unterstreicht die Schmidtschen Ideale, soweit diese nicht mit Wissen und Kultur zusammenhängen: Sie verkörpert das Rein-Menschliche, Güte, Herzenswärme, Mütterlichkeit. Natürlich karikiert Fontane ihre Volkstümlichkeit.

Fontanes gesellschaftskritischer Realismus zeigt sich auch in dem Bild, das er von den beiden Gouvernanten, Fräulein Honig und Fräulein Wulsten, zeichnet. Es ist ein trost- und freudloses Bild, das uns zeigt, dass Corinnas Angst vor den „kleinen Verhältnissen“ nicht unbegründet ist. Die Gouvernanten sind gebildete Frauen aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, die es nicht geschafft haben, sich in den wirtschaftlichen Hafen einer Ehe zu „retten“, und gezwungen sind, ihren Lebensunterhalt als Erzieherinnen oder Gesellschaftsdamen in der Welt der Bourgeoisie zu verdienen. Dabei müssen sie ihr eigenes Leben gänzlich zurückstellen und völlige Unterordnung und auch Demütigungen hinnehmen, wodurch sie verbittert und neidisch werden.

Komposition