mini|Ludwig van Beethoven (Porträt von Willibrord Joseph Mähler, 1804/05)
Die Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67 von Ludwig van Beethoven entstand 1807/08, zeitgleich mit der 6. Sinfonie, und ist Franz Joseph Maximilian von Lobkowitz und Andreas von Rasumowski gewidmet. Die Sinfonie ist auch unter dem (umstrittenen) Beinamen „Schicksalssinfonie“ bekannt und wurde am 22. Dezember 1808 im Theater an der Wien uraufgeführt. Beethovens „Fünfte“ zählt heute zu den berühmtesten Werken der klassischen Musik. Die Spieldauer beträgt circa 32 Minuten.
In der romantischen Beethoven-Rezeption wurde die 5. Sinfonie im Sinne eines Schicksalsdramas als eine musikalisch objektivierte Erzählung von Niederlage und Triumph, vom ewigen menschlichen Schicksalskampf, von Leid und Erlösung interpretiert.Vergleiche beispielsweise Hans Mersmann: Beethoven. Die Synthese der Stile. Verlag von Julius Bard, Berlin 1922, S. 37. Ähnlich wie die 9. Sinfonie behandelt sie mit ihrem per aspera ad astra (lat. „durch das Raue zu den Sternen“, von c-Moll nach C-Dur) einen grundlegenden Gedanken der europäischen Kultur.Siehe etwa Hermann Kretzschmar: Führer durch den Concertsaal. I: Sinfonie und Suite. A. G. Liebeskind, Leipzig 1887, S. 88–92. Auch wenn diese Deutung in der heutigen Zeit bisweilen als pathetisch angesehen wird, hat Beethovens Fünfte zusammen mit der Eroica und seiner 9. Sinfonie das sinfonische Schaffen des 19. Jahrhunderts maßgeblich beeinflusst.Mathias Mayer: Die Kunst der Abdankung. Neun Kapitel über die Macht der Ohnmacht. Königshausen & Neumann, Würzburg 2001, ISBN 3-8260-1992-X, S. 100 ().
Entstehungsgeschichte Die ersten Skizzen Beethovens zur 5. Sinfonie sind in den Jahren 1803 und 1804, also zwischen den Arbeiten an der 3. und 4. Sinfonie, entstanden. Nachdem der oberschlesische Graf Franz von Oppersdorff Beethoven im Jahr 1806 kennengelernt hatte, gab er ihm zwei Sinfonien in Auftrag. beethoven-haus-bonn.de; abgerufen am 20. April 2012. Die Fertigstellung der 5. Sinfonie erfolgte im Frühjahr 1807 bis Anfang 1808 in Wien, zeitgleich mit der 6. Sinfonie.Rexroth: Beethovens Symphonien. 2005, S. 96. Nachdem die Sinfonie zunächst Oppersdorff gewidmet werden sollte, leistete dieser mehrere Zahlungen, was ihm für eine bestimmte Zeit die Rechte gesichert hätte. Beethoven verkaufte sein Werk jedoch letztlich dem Fürsten Franz Joseph Lobkowitz und widmete es ihm sowie dem Grafen Andrei Kirillowitsch Rasumowski. Gegenüber Oppersdorff erklärte er in einem Brief vom 1. November 1808: Ludwig van Beethoven; Sieghard Brandenburg (Hrsg.): Briefwechsel. Gesamtausgabe. Band 2. Henle, München 1996, S. 26. Zur Entschädigung dedizierte er ihm stattdessen die 4. Sinfonie. beethoven-haus-bonn.de; abgerufen am 20. April 2012. Im März 1808 fertigte Beethoven sein Autograph der vollständigen Partitur an und verkaufte das Werk im Juni zusammen mit seiner 6. Sinfonie in Erwartung besserer Bezahlung schließlich an den Verlag Breitkopf & Härtel, der beide Werke 1809 veröffentlichte.
Uraufführung Die 5. und die 6. Sinfonie wurden zusammen mit dem 4. Klavierkonzert, einer Arie, zwei Teilen aus der Messe in C-Dur und obendrein der Chorfantasie in einem Konzert am 22. Dezember 1808 unter der Leitung des Komponisten im Theater an der Wien uraufgeführt. Das Konzert dauerte von 18.30 bis 22.30 Uhr und bestand aus zwei separaten Programmteilen, wobei der erste Teil zunächst mit der 6. Sinfonie und der zweite mit der 5. Sinfonie eröffnet wurde.
„Dass man auch des Guten – und mehr noch – des Starken leicht zu viel haben kann“ war die Erfahrung des Konzertbesuchers Johann Friedrich Reichardt, der es bei diesem Mammutprogramm vier Stunden lang im bitterkalten Theater ausgehalten hatte. Beethoven hatte lange auf die Gelegenheit gewartet, der Öffentlichkeit einen Querschnitt seines Schaffens der vorangegangenen zweieinhalb Jahre zu präsentieren. Das Orchester hatte jedoch unzulänglich geprobt und wurde den musikalischen Anforderungen unter der Leitung des Komponisten nicht gerecht. Beethoven selber saß auch als Solist am Klavier, spielte aber durch seinen fortschreitenden Hörverlust schlecht – es war vermutlich sein letzter Auftritt als Pianist. Zudem berichteten Zeitzeugen von deutlichen Schnitzern, die möglicherweise auf das angespannte Verhältnis zwischen Orchester und Dirigent zurückzuführen waren. Die Erfahrung dieses „Akademie-Konzerts“ war für ihn so bitter, dass er sogar daran dachte, Wien zu verlassen und erst durch die Garantie einer kontinuierlichen Förderung durch seine fürstlichen Gönner zurückgehalten werden konnte. Dies blieb die einzige Uraufführung mit Beethovens Werken, in der zwei seiner Sinfonien erklangen.
Beiname „Schicksalssinfonie“ Wie die meisten überlieferten Aussagen Beethovens beruht auch sein bekanntes Zitat zur 5. Sinfonie auf den Aussagen seines Sekretärs Anton Schindler und ist daher nur von fragwürdiger Authentizität. So zitierte dieser die Worte Beethovens zu seinem Werk: „Den Schlüssel zu diesen Tiefen gab dessen Schöpfer selber, als er eines Tages mit dem Verfasser über die demselben zu Grunde liegende Idee sprach, mit den Worten: So pocht das Schicksal an die Pforte, indem er auf den Anfang des ersten Satzes hinwies.“Anton Schindler: Biographie von Ludwig van Beethoven. Band 1. Dritte Auflage. Aschendorff, Münster 1860, S. 158 (). Diese mit der Bezeichnung „Schicksalssymphonie“ verbundene Deutung ist in der aktuellen Forschung berechtigterweise in die Kritik geraten. Allerdings hält Mechthild Fuchs in ihrer Studie Schindlers Aussage für glaubwürdig; die häufige Deutung als ist für sie ein Hinweis darauf, dass diese Interpretation sachgemäß sei.Fuchs: „So pocht das Schicksal an die Pforte“. 1986, S. 117–153. Hingegen hob Harry Goldschmidt die politische Bedeutung des Werks und des allenfalls darin vorkommenden Schicksalsbegriffs hervor:
„Als Goethe zu Napoleon von ‚Schicksal‘ sprach, erhielt er zur Antwort: ‚La politique c’est le destin!‘ [] Es ist unwahrscheinlich, dass dieser napoleonische, besser bonapartistische Citoyen-Begriff von ‚Schicksal‘ nicht derselbe wie der des Komponisten der Sinfonie auf Bonaparte gewesen wäre. […] Insofern war die c-Moll-Sinfonie, zu Ende gebracht nach den Siegen von Jena und AuerstedtDie Nachricht von Napoleons Sieg bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 hatte Beethoven zu seinem berühmten Dictum „Schade, dass ich die Kriegskunst nicht so verstehe wie die Tonkunst, ich würde ihn doch besiegen!“ provoziert. Harry Goldschmidt: Beethoven. Werkeinführungen. Reclam, Leipzig 1975, S. 49., ein eminent antinapoleonisches Werk. Möglich sogar, dass die Enttäuschung über die Kaiserkrönung nach Fertigstellung der ‚Eroica‘ bald darauf den Anstoß zu der ‚Parallelsinfonie‘ gegeben hatte. Wie die in der gleichen Zeit, in demselben Stil und derselben Tonart komponierte Coriolanouvertüre ist sie ‚in tyrannos‘ [] geschrieben.“Harry Goldschmidt: Beethoven. Werkeinführungen. Reclam, Leipzig 1975, S. 40f. / Derselbe anti-napoleonische Impetus bestimmt neben der Coriolan-Ouvertüre (1807) auch das 5. Klavierkonzert (1809), die Musik zu Goethes Trauerspiel Egmont (1810), die 7. Sinfonie (1812) sowie (unübersehbar) die „Schlachtensinfonie“ Wellingtons Sieg oder Die Schlacht bei Vittoria (1813), vgl. ebenda: S. 41, 95ff, 52ff, 49ff, 329ff. Über die Gedanken und Motivation Beethovens zur 5. Sinfonie lässt sich wenig sagen, da keine Äußerungen des Komponisten zu seinem Werk überliefert sind. Insbesondere im 19. Jahrhundert wurde die ab 1798 beginnende Taubheit Beethovens sowie dessen erschütternde Erkenntnis im Heiligenstädter Testament (1802) mit der Deutung einer musikalischen Aussage des Werkes in Zusammenhang gebracht. So präsentierte Alexander Ulibischeff im Jahre 1859 eine Deutung des die 5. Sinfonie eröffnenden Klopfmotivs: „Er öffnet seine Thür bei den verhängnisvollen Schlägen, und ein schwarzes Gespenst taucht vor ihm auf, […] um ihm das Nichts einer vollständigen Taubheit vorher zu prophezeien.“Alexander Ulibischeff: Beethoven, seine Kritiker und seine Ausleger. Brockhaus, Leipzig 1859, S. 207 ff. (). In ihrer rezeptionsgeschichtlichen Studie zur fünften Sinfonie akzeptiert Fuchs die biographischen wie die geschichtlichen Aspekte als Hintergrund der Werkinterpretation: „Doch wäre eine direkte Erklärung der Inhalte der 5. Sinfonie aus Beethovens Biographie oder aus den revolutionären Bewegungen seiner Zeit heraus zu kurz gegriffen. In den Untersuchungen zum Beethoven-Bild, die sich auf dessen eigene Selbstdarstellung bzw. sein Bild in der musikinteressierten Öffentlichkeit stützen, bin ich zu dem Ergebnis gelangt, daß diese Faktoren zwar als Hintergrund für eine Interpretation wichtig zu nehmen sind, sich indessen seine künstlerischen Absichten nicht darin erschöpfen.“Fuchs: „So pocht das Schicksal an die Pforte“. 1986, S. 154. Goldschmidt fasste die philosophischen Implikationen der verschiedenen Interpretationen zusammen: „Dem ‚Schicksal‘ kommt […] ebenso säkulare wie konkrete, durchaus repressive Bedeutung zu. Auf keinen Fall verträgt es sich mit einer ungeschichtlichen, ins Persönliche verengten Interpretation. Dasselbe muss von der Auflehnung gesagt werden. Niemals wäre die Handschrift sonst so überpersönlich, musikalische Sprache der Massen im Idealgebrauch des Wortes geworden. Es war zugleich die eminent moderne Sprache, mit allen geschichtlichen Erfahrungen aus der Neuzeit. Als die ‚Emanzipation aus selbstverschuldeter Unmündigkeit‘ hatte Kant, Beethovens philosophische Autorität, die bürgerliche Aufklärung definiert. Schicksal wurde nicht mehr passiv hingenommen, es war weder unentrinnbar noch unbezwingbar geworden. Dafür spricht der innere Gang der Satzfolge. Unentrinnbar erscheint das Schicksal nur im ersten Satz.“Harry Goldschmidt: Beethoven. Werkeinführungen. Reclam, Leipzig 1975, S. 41.mini|hochkant=1.1|Autograph der ersten Seite der Partitur (1808)
Notentext Der Notentext der 5. Sinfonie beruht auf den folgenden fünf Hauptquellen:
Partitur von Beethovens eigener Hand (Autograph) vom März 1808, die von ihm zur Uraufführung benutzt wurde. Sie befindet sich im Besitz der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in Berlin. Handschriftliches Stimmenmaterial, das für die Uraufführung erstellt wurde und teilweise unter Beethovens Aufsicht entstand. Es befindet sich im Besitz der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Handschrift des Kopisten Wenzel Schlemmer mit Korrekturen Beethovens, die dem Verlag Breitkopf & Härtel als Stichvorlage diente. Sie befindet sich im Archiv des Verlages. Gedrucktes Stimmenmaterial, das 1809 unter der Verlagsnummer 1329 erschienen ist. Gedruckte Partitur, die der Verlag 1826 unter der Nummer 4302 veröffentlichte.mini|hochkant|Deckblatt der Ausgabe Nr. 1329 im Verlag Breitkopf & Härtel (1809)
Zwischen den genannten Quellen, insbesondere zwischen den handschriftlichen und den gedruckten, bestehen teils signifikante Unterschiede. Diese betreffen hauptsächlich die Dynamik, Phrasierung und Artikulation. Dabei gehen die Handschriften in Richtung einer sehr abgestuften Dynamik und einer detaillierten Phrasierung und Artikulation. Die gedruckten Quellen folgen hingegen mehr den traditionellen Konventionen der Orchesterpraxis. Ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Autograph und der Druckversion betrifft den 3. Satz: Es umfasste ursprünglich 611 Takte, was Beethoven wohl im Nachhinein als zu lang empfand und daher erheblich kürzte. Zwei Takte der Wiederholung, die in der gekürzten Version keinen Sinn ergeben, tauchen trotz brieflicher Hinweise Beethovens an den Verlag seltsamerweise bis 1846, als Felix Mendelssohn Bartholdy darauf aufmerksam machte, in den Notenausgaben auf. Die Mehrzahl der heute verwendeten Partituren geht von der 1862 erschienenen Gesamtausgabe der Werke Beethovens aus, die ihrerseits auf den gedruckten Versionen von 1809 und 1826 beruht. Von Elliot Forbes und Peter Gülke wurden abweichende Partituren herausgegeben, welche die genannten Diskrepanzen berücksichtigen.
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