mini|Blatt aus den Heures de Notre-Dame de Pitié, 15. Jahrhundert. Unter der Darstellung der Verkündung der Vers Herr, öffne meine Lippen, mit dem das Stundengebet eines jeden Tages eröffnet wird. Das Stundengebet (), auch Offizium oder , Tagzeiten und Tagzeitengebet (evangelisch) genannt, ist Teil der Liturgie der Kirche. Es wird in den orthodoxen, orientalisch-orthodoxen, katholischen, anglikanischen und in einigen evangelischen Kirchen gepflegt. Das gemeinschaftlich vollzogene Stundengebet in einer Ordensgemeinschaft wird Chorgebet genannt.

Die liturgischen Bücher, die die Texte des Stundengebets enthalten, heißen Horologion (orthodox), Stundenbuch (katholisch), Book of Common Prayer (anglikanisch) und Tagzeitenbuch (protestantisch). Die früher für die Weltpriester gedachte kürzere Form des Stundengebetes wurde auch Brevier (lateinisch ) genannt.

Theologische Sinngebung Das Stundengebet wird in der kirchlichen Tradition interpretiert als Antwort auf das Apostelwort „Betet ohne Unterlass!“ und das Psalmwort „Siebenmal am Tag singe ich dein Lob und nachts stehe ich auf, um dich zu preisen“ (vgl. ).

Sinn des Stundengebets ist es, einzelne Tageszeiten zu heiligen, mit ihrer Besonderheit vor Gott zu bringen und zugleich das Gebet der Kirche rund um die Erde nicht abreißen zu lassen.Die Apostel überliefern uns in ihren Briefen immer wieder Gebete, vor allem Lobpreis und Danksagung. Sie ermahnen uns zu Gebeten, die im heiligen Geist durch Christus Gott dargebracht werden, in aller Inständigkeit und Beharrlichkeit. Sie versichern uns seiner Wirksamkeit und heiligenden Kraft, sie fordern uns auf zu Lobpreis, Danksagung, Bitte und Fürbitte für alle Menschen. AES, II Nr. 5.„Im Stundengebet übt die Kirche das Priesteramt ihres Hauptes aus und bringt Gott ‚ohne Unterlass‘ das Lobopfer dar, die Frucht der Lippen, die seinen Namen preisen. Dieses Gebet ist ‚die Stimme der Braut, die zum Bräutigam spricht, ja es ist das Gebet, das Christus vereint mit seinem Leibe an seinen Vater richtet‘. Alle, die das vollbringen, erfüllen daher eine der Kirche obliegende Verpflichtung und haben zugleich Anteil an der höchsten Ehre der Braut Christi; denn indem sie Gott das Lob darbringen, stehen sie im Namen der Mutter Kirche vor dem Throne Gottes.“ AES, III Nr. 15 Auch das Zweite Vatikanische Konzil bezeichnete die Heiligung des Tages als das Ziel des Stundengebetes.Konstitution Sacrosanctum Concilium Nr. 88

Das Stundengebet ist am Zyklus des Tageslaufs, dem Wechsel von Wachen und Schlafen, Licht und Dunkelheit, Arbeit und Ruhe orientiert und deutet die Zeiterfahrung als göttliche Offenbarung: „Gott sah, dass es gut war. Es wurde Abend und es wurde Morgen: dritter Tag.“ So wird die zyklische Zeiterfahrung des Menschen – genauso wie die lineare Erfahrung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – in die Glaubenspraxis einbezogen. Herausgehoben sind Sonnenaufgang und Sonnenuntergang: „Der Übergang vom Dunkel ins Licht wird ebenso wie der Übergang vom Licht ins Dunkel zum Anlass und Inhalt für die Liturgie.“Liborius Olaf Lumma: Liturgie im Rhythmus des Tages. Eine kurze Einführung in Geschichte und Praxis des Stundengebets. Regensburg 2011, S. 19f.

Geschichte Aus der Tradition des Judentums, sich dreimal am Tag zum Gebet zu versammeln (Schacharit, Mincha und Maariw), entwickelte die frühe Kirche die Vorstufe des heutigen Stundengebets, das im Urchristentum noch gemeindegottesdienstlichen Charakter hatte. Die jüdische Tradition, die Psalmen des Tanach zu beten, führten die Christen fort; daneben wurden christliche Hymnen gesungen und das Vaterunser gebetet. Diese Gebete sind wesentlicher Bestandteil des Stundengebets und erscheinen schon in den frühesten überlieferten Kirchenordnungen der Zwölf-Apostel-Lehre und der Apostolischen Überlieferung. Die Zwölf-Apostel-Lehre aus dem frühen 2. Jahrhundert empfiehlt, das Vaterunser dreimal täglich zu beten (8,3). Die Apostolische Überlieferung aus dem 3. Jahrhundert empfiehlt das Gebet des Einzelnen beim Aufstehen, zur dritten, sechsten und neunten Stunde des Tages, vor dem Schlafengehen, um Mitternacht und beim Hahnenschrei (35–36). Ähnlich stellen es die Apostolischen Konstitutionen im 4. Jahrhundert dar und bringen die Tagzeiten mit der Passion Jesu in Verbindung: die Kreuzigung Jesu zur dritten Stunde , die Finsternis zur sechsten und den Tod Jesu zur neunten Stunde . Nach diesem christlichen Handbuch ist das Gebet in Gemeinschaft dem Gebet des Einzelnen vorzuziehen:Liborius Olaf Lumma: Liturgie im Rhythmus des Tages. Eine kurze Einführung in Geschichte und Praxis des Stundengebets. Regensburg 2011, S. 34f.Apostolische Konstitutionen und Kanones (RTF; 972 kB)]

Monastisches Offizium Einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung des Stundengebets hatte das Aufkommen des Mönchtums und der Gemeinschaften von geweihten Jungfrauen ab dem 3. Jahrhundert. Die Eremiten schlossen sich zu klösterlichen (koinobitischen) Gemeinschaften zusammen. Für diese machte das Stundengebet, wie bereits bei den einzeln lebenden Eremiten, einen wesentlichen Teil ihres Tages aus. Bei seiner Μελέτη (melétē, griech., ‚Übung, Praxis‘) sprach der Mönch den Psalter nacheinander – beginnend bei Psalm 1 und endend bei Psalm 150 – oder andere biblische Texte halblaut und unabhängig von der persönlichen Stimmungslage.Liborius Olaf Lumma: Liturgie im Rhythmus des Tages. Eine kurze Einführung in Geschichte und Praxis des Stundengebets. Regensburg 2011, S. 25f. Dieses meditierende Murmeln wurde später „Ruminatio“ (von lat. ruminare ‚wiederkäuen‘) genannt.

In den Mönchsgemeinschaften versammelten sich die Mönche zweimal täglich, wie es Johannes Cassianus aus Ägypten berichtet: am Abend und vor Tagesanbruch. Diese Tagzeitenliturgie war mehr eine gemeinsame Schriftlesung als Gebet. In jeder Gebetszeit wurden zwölf Psalmen von einem Lektor vorgetragen. Die anderen Mönche hörten den Text, auf dem Boden kauernd; auf jeden Psalm folgte eine Zeit des Stillgebets im Stehen mit erhobenen Armen, gefolgt von einer Oration, die der Vorsteher sprach. Nach zwölfmaliger Wiederholung beschloss eine Schriftlesung aus dem Alten und Neuen Testament die Gebetszeit. Bei der nächsten Gebetszeit wurden die nächsten zwölf Psalmen in dieser Weise gesprochen, und nach dem Psalm 150 begann der Turnus von vorn. Diese Form des gemeinschaftlichen Psalmengebets wird als Tagzeitenliturgie des monastischen Typs oder als „monastisches Offizium“ bezeichnet: Die Psalmen werden nicht aus inhaltlichen Gründen ausgewählt, sondern der Psalter wird als fortlaufende Lesung (lectio continua oder psalterio currente) vollzogen.Liborius Olaf Lumma: Liturgie im Rhythmus des Tages. Eine kurze Einführung in Geschichte und Praxis des Stundengebets. Regensburg 2011, S. 29f.

Kathedraloffizium Ein anderer Grundtyp des Stundengebets wird als „Kathedraloffizium“ bezeichnet. Sein Ursprung ist in den frühchristlichen Bischofskirchen (Kathedralen) und Gemeinden zu sehen, die Tagzeitenliturgie wurde zur „Grundform kirchlicher, gemeindlicher Existenz“; eine tägliche Eucharistiefeier gab es zu dieser Zeit noch nicht. Im Gegensatz zur lectio continua des monastischen Typs werden beim Kathedraloffizium die Psalmen anlassbezogen ausgewählt, so typischerweise beim Morgen- und beim Abendlob der Gemeinde. Als neues Element tritt das Fürbittengebet hinzu. Zur Kathedralvesper gehörte das rituelle Entzünden des Lichts, teilweise in Verbindung mit dem Verbrennen von Weihrauch. Die Vesper wurde daher oft auch Luzernar (Lichtfeier) genannt, auch noch, als die Vesper des monastischen Stundengebetes keinen Lichtritus mehr enthielt.

Monastisches Offizium und Kathedraloffizium stellten keine exakten historischen Größen dar, sondern kennzeichnen zwei Strukturelemente in späteren Gebetsordnungen, die als Mischformen einerseits aus der Tradition des Mönchtums und andererseits aus dem geistlichen Erbe der Liturgie an den städtischen Kathedralen herzuleiten sind.Liborius Olaf Lumma: Liturgie im Rhythmus des Tages. Eine kurze Einführung in Geschichte und Praxis des Stundengebets. Regensburg 2011, S. 31–34.

Benediktsregel Ihre charakteristische Prägung für die weitere Geschichte bekam die Tagzeitenliturgie der Lateinischen oder Westkirche durch die Ordensregel, die Benedikt von Nursia 529 seinem Kloster in Montecassino gab und die im Fränkischen Reich ab 800 für alle Klöster verpflichtend wurde und andere Mönchstraditionen verdrängte.Liborius Olaf Lumma: Liturgie im Rhythmus des Tages. Eine kurze Einführung in Geschichte und Praxis des Stundengebets. Regensburg 2011, S. 42. Benedikt lag eine ältere Mönchsregel vor, die Regula magistri. Das benediktinische Offizium umfasst eine nächtliche Hore und sieben am Tage; der Tag wurde von Mitternacht bis Mitternacht gerechnet. Die Auswahl der Psalmen war jetzt in einem einwöchigen Turnus für jede Hore genau festgelegt. Jeder Psalm kam in jeder Woche mindestens einmal vor. Dabei gab es Blöcke von aufeinanderfolgenden Psalmen wie im monastischen Offizium, andere Psalmen wurden gezielt platziert oder kehrten täglich wieder. Benedikt fasste kurze Psalmen zusammen und teilte lange in Abschnitte. Neben den Psalmen kamen auch alttestamentliche Cantica vor. Jede Hore hatte seit Benedikt einen Hymnus, allerdings in den einzelnen Horen an verschiedenen Positionen. Auf das Kapitel nach den Psalmen folgte ein Responsorium, in den kleinen Horen ein Versikel. Die Hore endete mit Fürbitten – in den kleinen Horen mit dem Kyrie eleison –, dem Vaterunser und einer Oration.

Die nächtliche Hore war als Vigil (Nachtwache) angelegt und die textreichste Hore. Die ersten Worte waren „Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde.“ Auf das Invitatorium – täglich mit Psalm 3 und Psalm 95 – folgten zwei Nokturnen mit je sechs Psalmen, am Sonntag eine dritte mit drei Cantica, dazu jeweils mehrere Lesungen. Die Laudes hatten sieben Psalmen und ein Canticum, sie begannen täglich mit den Psalmen 67 und 51 und schlossen mit den Lobpsalmen 148, 149 und 150. Prim, Terz, Sext und Non hatten jeweils drei Psalmen bzw. Psalmenteile und die Vesper vier. Zur Komplet wurden täglich die drei Psalmen 4, 91 und 134 gebetet. Zu den Laudes gehörten bereits das Benedictus, zur Vesper das Magnificat. Das im Kathedraloffizium bedeutsame Luzernar floss nicht in die benediktinische Ordnung ein. Die Vesper hieß in der Regula magistri zwar noch lucernarium, hatte aber keinen Lichtritus mehr. Die Vesper war auch nicht mehr das Abendgebet der Mönche, da nach dieser Hore das Abendessen und nötige Arbeiten stattfanden. So entstand die Komplet als das Gebet vor dem Schlafengehen. Sie endete in der Regula magistri mit dem Vers „Herr, stell eine Wache vor meinen Mund, eine Wehr vor das Tor meiner Lippen.“ Liborius Olaf Lumma: Liturgie im Rhythmus des Tages. Eine kurze Einführung in Geschichte und Praxis des Stundengebets. Regensburg 2011, S. 42–55.

Entwicklung seit dem Mittelalter In den Ostkirchen behielt das Stundengebet stets seine zentrale Rolle im Gemeindeleben. In der Westkirche hingegen wurde der Umfang des Stundengebets in der Gemeinde dem des Klosterlebens angeglichen, sodass alle 150 Psalmen mindestens im Laufe einer Woche gebetet wurden. Dieses Pensum konnte im Grunde nur von Ordensleuten und Klerikern bewältigt werden. Seit dem 11. Jahrhundert ist das Stundengebet für alle Kleriker in der Westkirche verpflichtend (lat. officium ‚Dienst, Pflicht‘); ab dem 14. Jahrhundert gehörte zum Text des Offiziums der Mönche und Nonnen auch das Proprium der täglichen heiligen Messe.