mini|Das Enneagramm-Symbol Das Enneagramm (von altgriechisch ἐννέα, ennea, „neun“, und γράμμα, gramma, „das Geschriebene“Richard Rohr, Andreas Ebert: Das Enneagramm. Die 9 Gesichter der Seele. Claudius, München 27. Aufl. 1995, S. 22.) bezeichnet ein neunspitziges esoterisches Symbol, das als grafisches Strukturmodell neun als grundsätzlich angenommene Qualitäten unterscheiden, ordnen und miteinander in Beziehung setzen soll. Bekannt wurde es ab dem 20. Jahrhundert durch seine Anwendung als Typenlehre zur Beschreibung verschiedener Persönlichkeiten. Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Dezember 2020 kam bezüglich der Wissenschaftlichkeit des Enneagramms als Typenlehre zu gemischten Ergebnissen.

Geometrie und Numerik des Symbols Das Enneagramm-Symbol ist eine in einen Kreis eingeschriebene neuneckige Figur, welche sich aus einem gleichseitigen Dreieck und einer sechseckigen Figur zusammensetzt:Ouspensky 1949: 278-298, 376-378.

Dabei werden die neun Ecken im Uhrzeigersinn nummeriert, beginnend mit der rechten oberen Ecke der sechseckigen Figur.

Die sich aus den Linien der sechseckigen Figur ergebende Zahlenfolge entspricht der sich bei Teilung einer natürlichen Zahl (die selbst kein Vielfaches von 7 ist) durch 7 in den Nachkommastellen des Ergebnisses ergebenden periodischen Ziffernfolge 142857 (zyklische Zahl der Generatorzahl 7); beginnend mit über bzw. allgemein für jede natürliche, nicht durch 7 teilbare Zahl

Darüber hinaus können weitere Figuren als Sub-Symbole aus dem Enneagramm abgeleitet werden, mit ihren Entsprechungen.

Geschichte Antike und Mittelalter Die genauen Wurzeln des Enneagramms sind unbekannt. Manche Vertreter von Lehren, die das Enneagramm verwenden, gehen so von einem antiken Ursprung aus, wobei es über den Kulturkreis verschiedene Spekulationen gibt.

Ähnliche Überlegungen, wie zu einem „Enneagramm der Persönlichkeit“, finden sich im Werk des Evagrius Ponticus, einem christlichen Mystiker, der im spätantiken 4. Jahrhundert in Alexandria in der römischen Provinz Aegyptus lebte. Evagrius identifizierte acht, sowie einen übergreifenden Gedanken, den er nannte. Evagrius schrieb: „Der erste Gedanke von allen ist der der Selbstliebe, danach [kommen] die acht.“ Zusätzlich zur Identifizierung von acht tödlichen Gedanken identifizierte Evagrius auch acht „Heilmittel“ für diese Gedanken.W. Harmless, R.R. Fitzgerald: The saphhire light of the mind: The Skemmata of Evagrius Ponticus. Theological Studies, (2001) 62 (3): 498–529. doi:10.1177/004056390106200303Brandon Medina: The Enneagram – A History. (Part 1), Theology Think Tank, 17. April 2019, auf theologythinktank.com Pero Lovrić: Unterwegs zur Freude. Die Lehre des Evagrios Pontikos von der Acedia bezogen auf die condition humaine. Masterarbeit, Universität Wien, Wien 2021, auf services.phaidra.univie.ac.at Manche Vertreter sehen so in den „Hauptlastern“ (Todsünden) der Wüstenväter oder eben den Entwicklungsstufen bei Evagrius Ponticus, Parallelen zu den Ansätzen des Enneagramms.

Vermutungen zufolge wurde das Enneagramm vom Sufismus (islamischer Mystik) überliefert.Ingrid und Kurt Bauer: Enneagramm. Stufen zur Vollkommenheit Urania Verlags AG 1994. Solche Parallelen können als Vorstufen des Enneagramms betrachtet werden; einen Nachweis, dass es als Typensystem verwendet wurde, gibt es nicht. Auch finden sich Parallelen oder Einflüsse aus der jüdischen Kabbala.Howard Avruhm Addison: The Enneagram and Kabbalah. Jewish Lights Publishing, 2006, ISBN 978-1-58023-229-6.

Neuzeit Die heutige Form des Enneagramms wurde von Georges I. Gurdjieff entwickelt, doch gibt es begründete Vermutungen, dass Gurdjieff hierfür von Ramon Llull und Athanasius Kircher beeinflusst wurde.Webb 1980: 499-542, Bartels 2005: 60-71 Gurdjieff stellte es 1916 zunächst einigen Schülern, insbesondere P. D. Ouspensky, vor. Es ist auch das Jahr der ersten belegten Verwendung des Wortes „Enneagramm“. Gurdjieff behauptete, das unregelmäßige Sechseck im Kloster einer Sufi-Bruderschaft im Zusammenhang mit Tempeltänzen entdeckt zu haben.Der nach Gurdjieffs gleichnamiger Autobiographie gedrehte Film Meetings With Remarkable Men (1979) deutet darauf hin, dass es sich um das unregelmäßige Sechseck und nicht um das gesamte Symbol handelt. Mitverantwortlich für den Inhalt des Filmes war Jeanne de Salzmann, die langjährige Schülerin Gurdjieffs und Mit-Choreografin seiner movements (heiligen Tänze). Anderen Quellen zufolge sei er von dem Träger der spirituellen Kette der Naqschbandīya-Sufi-Bruderschaft, dem Sheikh Abdullah ad-Daghistani (1891–1973), in die „Geheimnisse der neun Punkte“ eingewiesen worden.Secrets of the Enneagram & Nine Points. auf legacy.nurmuhammad.com Gurdjieff habe das System auf seinen zahlreichen Reisen gefunden oder entwickelt; genauere Quellen können nicht rekonstruiert werden. Dieses System verknüpft, im Rahmen der von ihm vorgestellten Lehre des Vierten Weges, unter anderem das darin dargelegte Oktavgesetz (auch als Gesetz der Sieben bezeichnet) mit dem Gesetz der Drei, der Triade.P. D. Ouspensky: Auf der Suche nach dem Wunderbaren, Scherz Verlag & O. W. Barth Verlag u. a., 1966 ff. Gurdjieff selbst betonte die universelle Bedeutung des Enneagramms in seiner Lehre.

Er erklärte: „Allgemein gesprochen, muß man verstehen, daß das Enneagramm ein universales Symbol ist. Alles Wissen kann im Enneagramm zusammengefaßt und mit Hilfe des Enneagramms gedeutet werden. Und so kann man sagen, daß man nur das weiß, beziehungsweise versteht, was man in das Enneagramm einfügen kann. Was man nicht in das Enneagramm einfügen kann, versteht man nicht. Für den Menschen, der es benützen kann, macht das Enneagramm Bücher und Bibliotheken vollständig überflüssig. Alles kann im Enneagramm zusammengefaßt und in ihm gefunden werden. Ein Mensch, der allein in der Wüste ist, kann das Enneagramm in den Sand malen und die ewigen Gesetze des Weltalls daraus lesen, und jedesmal kann er etwas Neues lernen, etwas, was er vorher noch nicht wußte.“

Gurdjieffs Symbol wurde von verschiedenen Autoren aufgegriffen und zu dem heute bekannten Modell der psychologisch-spirituellen Persönlichkeitstypisierung entwickelt.vgl. Bartels 2005: 6-99. Die Verwendung des Symbols als Persönlichkeitstypologie wurde erstmals in den 1960er Jahren von dem Bolivianer Óscar Ichazo eingeführt. Er bezeichnete das Enneagramm als „Enneagon“ (von ) und lehrte es an seiner Arica School. Dort lernte es unter anderem der chilenische Psychiater und Gestalttherapeut Claudio Naranjo kennen, der es mit wissenschaftlichen Erkenntnissen verband und für die Verbreitung des Enneagramm in der modernen westlichen Welt sorgte. Weitere bedeutende Vertreter dieser spirituellen und psychologischen Richtung waren z. B. Helen Palmer und Don Richard Riso, ebenso einige derzeitige spirituelle Lehrer des Neo-Advaita wie bspw. Gangaji, ihr Mann Eli Jaxon-Bear und im deutschsprachigen Raum OM C. Parkin oder Christian Meyer. Das Enneagramm wird von ihnen als ein Mittel zu mehr Selbsterkenntnis und persönlichem Wachstum gesehen. Parallel dazu existiert eine christliche Deutung (siehe unten).

Grundlagen des Persönlichkeitsenneagramms Die bedeutendsten heutigen Enneagramm-Autoren unterscheiden ein „falsches Selbst“ bzw. „Ego“ und ein „wahres“ (göttliches) Selbst (Bezeichnung bei Richard Rohr: false self / ego und true self; Don Richard Riso spricht von der Persönlichkeit als dem „eingefahrenen“ Ego-Muster (ego fixation), welches die Person von dem wahren Wesen („Essenz“) trennt). Der Weg dorthin wird „Transformation“ genannt.

Übersicht der neun Typen Das Persönlichkeitsenneagramm teilt die Menschen in neun Persönlichkeitstypen ein. Die moderne Enneagrammlehre besagt, dass jeder Mensch zu genau einer dieser neun Typenbeschreibungen passe und dass dieser Grundton der Persönlichkeit sich im Lauf eines Lebens nicht ändere. Die Lehre besagt jedoch auch, dass das Enneagramm niemals die biografische Einzigartigkeit eines Menschen erfassen könne, sondern lediglich die Enneagrammstruktur.

Die meisten Autoren ziehen es vor, die Typen entsprechend ihrer Nummer („Einsen“, „Zweien“ etc.) zu bezeichnen, da Zahlen wertneutral sind. Es gibt aber auch verschiedene und damit uneinheitliche Namen für die Typen. Die in der Tabelle verwendeten Namen gehen auf Helen Palmer zurück.

Typ NameHelen Palmer: Das Enneagramm – Sich selbst und andere verstehen lernen. Knaur, München 1991, Neuausgabe 2000, ISBN 3-426-87094-0 Selbstbild unreif (unerlöst, krank) normal reif (erlöst, gesund) 1 Perfektionist Ich habe Recht rechthaberisch, pharisäerhaft, zersetzend perfektionistisch, zaudernd, skrupulös kritisch wach, gelassen, ethisch hochstehend 2 Geber Ich helfe manipulativ, beherrschend, symbiotisch mütterlich, gebend, aktiv fürsorglich, freundlich, originell 3 Dynamiker Ich habe Erfolg opportunistisch, betrügerisch, karrieresüchtig pragmatisch, statusbewusst, rollenorientiert kompetent, wahrhaftig, zuverlässig 4 Tragischer Romantiker Ich bin anders wehleidig, dekadent,todesverliebt, depressiv ästhetisch, romantisch, stilvoll kreativ, natürlich, diszipliniert 5 Beobachter Ich blicke durch isoliert, nihilistisch, exzentrisch analytisch, distanziert, abstrakt erfinderisch, weise, tatkräftig 6 Advokatdes Teufels Ich tue meine Pflicht abhängig, aggressiv, feige pflichtbewusst, vorsichtig, (anti-)autoritär treu, mutig, vertrauensvoll, witzig 7 Epikureer Ich bin glücklich exzessiv, dilettantisch, rechthaberisch überaktiv, genießerisch, oberflächlich fröhlich, vielseitig, nüchtern 8 Boss Ich bin stark tyrannisch, machtbesessen, gewalttätig kontrollierend, konkurrierend, direkt großzügig, führungsstark, beschützend 9 Vermittler Ich bin zufrieden fatalistisch, desorientiert, stur angepasst, pflegeleicht, unentschlossen annehmend, friedfertig, zielorientiert

Grundsätzlich sollen alle Typen gleichwertig sein. Jeder Typ könne unterschiedliche Entwicklungsstufen aufweisen. An einem Ende befinde sich die unreife (unerlöste, kranke) Persönlichkeit. Am anderen Ende die gereifte (erlöste, gesunde) Persönlichkeit, dazwischen lägen die normalen Ausprägungen eines Typs. Im Laufe des Lebens könne eine Reifung hin zu einer erlösten (gesunden) Persönlichkeit erreicht werden (Integration). Häufig bleibe es bei einem Verharren im Normalzustand (Stagnation) oder es komme sogar zu einem Rückfall in ein unreiferes Stadium (Regression, Desintegration). Die Entwicklungsstufen eines Typs sollen durch unterschiedliche Eigenschaften gekennzeichnet sein (siehe Tabelle).Richard Rohr, Andreas Ebert: Das Enneagramm – Die 9 Gesichter der Seele. Claudius, München 21. Aufl. 1993

Typentests Riso und Hudson entwickelten seit den 1990er Jahren eine Reihe mehr oder weniger umfangreicher Tests, die den Enneagrammtyp ermitteln sollen; die volle Version ist der Riso–Hudson Enneagram Type Indicator (RHETI), dessen aktuelle Version aus 144 Entscheidungsfragen besteht. Der Online-Test ist kostenpflichtig.Enneagram Institute: . Anhänger des Testes behaupten, dass er wissenschaftlich verifiziert worden sei.Enneagram Institute:

Triaden mini|Das Enneagramm und die Triaden

Nach der enneagrammatischen Persönlichkeitstypologie verfügt jeder Mensch über drei Intelligenzzentren: Kopf (Verstand/Ratio), Herz (Emotionen) und Bauch (Instinkt).

Bei jedem Menschen soll eines der drei Intelligenzzentren dominieren. Dies führt zu einer Einteilung in drei Bereiche, die jeweils drei im Enneagramm nebeneinanderliegende Typen umfasst:

Bauch-Typen (Instinkttriade): 8, 9 und 1, Herz-Typen (Gefühlstriade): 2, 3 und 4, Kopf-Typen (Denktriade): 5, 6 und 7.

Die mittleren Typen der Triaden sind durch das gleichseitige Dreieck verbunden.

Eine Übersicht über die Triaden und ihre vermeintlich dominierenden Körperbereiche sowie vermeintliche Lebensthemen: