mini|Schiffe mit eingeschifften Truppen und Pferden bei der Landung Wilhelms des Eroberers 1066 in England – Darstellung auf dem Teppich von Bayeux mini|Amphibisches Angriffsschiff Bonhomme Richard mit Schwimmpanzern, 2004
Unter einem Landungsfahrzeug versteht man ein militärisches Schiff, das Truppen und Material unabhängig von Hafeninfrastruktur von See anlanden kann. Es unterscheidet sich von einem Amphibienfahrzeug dadurch, dass es sich nicht an Land fortbewegen kann.
Geschichte
Zur Geschichte und zur heutigen Bedeutung amphibischer Operationen siehe auch Amphibische Kriegführung.
mini|Deutsche Truppenlandung mit Beibooten 1917 auf Ösel
In vielen Kriegen der Vergangenheit, bei denen ein Teilnehmer über eine gewisse Seemacht verfügte, gab es Landungsoperationen und dafür speziell ausgebildete Truppen. So gab es schon zu Zeiten der Römischen Flotte Seesoldaten, die für den infanteristischen Kampf ausgebildet waren und als Marineinfanterie bezeichnet werden können.
Während die Ruderschiffe der Antike direkt auf den Landungsstrand laufen konnten, wurden Landungsoperationen in der Zeit der Segelschiffe mit Hilfe der eigenen Beiboote durchgeführt. Barkassen und Kutter, besetzt mit Marineinfanterie und Seeleuten, wurden für kleine Überfälle an Land z. B. auf Signalstationen oder Küstenbefestigungen benutzt, u. a. durch die britische Royal Navy während der Napoleonischen Kriege an der Kanalküste.
mini|links|Für das „Unternehmen Seelöwe“ (Deutsches Reich, geplant ab 1940) wurden Flusskähne provisorisch zu Landungsbooten umgerüstet und mit Bugklappen ausgestattet
Erst mit Beginn konkreter Planungen zu größeren Invasionen über einen Seeweg wurde spezialisiertes Schiffsmaterial als notwendig erkannt und geplant. Für die geplante Invasion in England ließ Napoleon Hunderte von kleinen speziellen Ruderbooten (Schuten) bauen. Diese ersten Sturmboote waren mit einer schweren Kanone zum Vorfeldbeschuss und einer starken Besatzung ausgestattet. Diese Schuten sollten an der englischen Küste landen, die Truppen absetzen und eventuelle Gegenwehr durch massiven Beschuss niederhalten. Dieser Plan wurde nie ausgeführt.
Spezialisierte Schiffs- oder Bootstypen für amphibische Operationen wurden erst im 20. Jahrhundert systematisch entwickelt. Die alliierten Streitkräfte und hier insbesondere die US-Amerikaner führten im Zweiten Weltkrieg eine große Zahl von amphibischen Landungen durch, vor allem im Pazifikkrieg. Zur Zeit der Landung in der Normandie (Operation Neptune Juni 1944) war das Konzept einer Invasion schon vielfach erprobt (z. B. Operation Jubilee am 19. August 1942) und perfektioniert und es stand eine große Zahl spezialisierter Schiffe zur Verfügung. Deutsche Pläne einer Invasion in England („Unternehmen Seelöwe“) sahen vor, Truppen vor allem mit provisorisch umgerüsteten Flusskähnen überzusetzen.
In der Zeit des Kalten Krieges wurden insbesondere vom Warschauer Pakt amphibische Invasionen im Ostseeraum geplant und dafür geeignete Schiffstypen entwickelt. Dazu gehörten Luftkissenfahrzeuge, die unabhängig vom Untergrund eine sehr hohe Geschwindigkeit entwickeln und größere Mengen Material transportieren können.
In der NATO waren dagegen große amphibische Operationen zur Verstärkung der Landstreitkräfte vor allem im vom NATO-Befehlshaber Nordeuropa geführten Nordflankenraum (vom Nordkap bis zur Elbmündung) geplant, die auch häufig in großen Manövern geübt wurden.
2009 unterzeichneten die Ukraine und China einen Vertrag zur Lieferung von vier sehr großen Hovercrafts (im Englischen air-cushioned landing craft (ACLC) oder LCAC (landing craft, air cushioned) genannt) und zum Know-how-Transfer (zwei der vier werden in China gebaut). China bestätigte am 30. Mai 2013, dass das erste Exemplar in China eingetroffen war.. Siehe auch (z. B. Fotos)
2025 wird (wieder) über die Entwicklung und Erprobung neuartiger Landungsschiffe in China berichtet. Drei Schiffe sollen längs zusammengekoppelt ein Ponton von 820 m Länge ergeben. Eines der Schiffe soll 4 Säulen aufweisen, die auf den seichten Grund abgelassen werden können, um das Schiff fest aufzuständern.https://orf.at/stories/3389479/ Taiwan-Invasion China entwickelt Spezialschiffe. 2. April 2025.
Heutige Bedeutung mini|links|Das Docklandungsschiff Boxer (im Hintergrund) bei Operationen vor Somalia, wo es der deutschen GSG 9 als Einsatzplattform für den später abgebrochenen Versuch einer Geiselbefreiung diente
Nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation hat sich die Rolle von Landungsfahrzeugen gewandelt. Während die Fähigkeit zu Kampflandungen und großen Invasionen an Bedeutung verloren hat, haben sich Landungsschiffe als geeignete Mittel zur Unterstützung von Operationen in großer Entfernung vom Herkunftsland der teilnehmenden Streitkräfte erwiesen. Viele Marinen haben deshalb ihre amphibischen Kapazitäten ausgebaut.
mini|Landungsboote unterstützen die Reinigung eines ölverschmutzten Strandes Neben ihrer eigentlichen Bestimmung können Landungsfahrzeuge für vielfältige andere Aufgaben eingesetzt werden. Mit ihrer Fähigkeit, Einsatzkräfte und technisches Gerät in schwer zugängliche Regionen zu transportieren, eignen sie sich besonders für Hilfseinsätze zur humanitären und technischen Unterstützung. Sie können außerdem als Schulschiff oder als schwimmende Basis für militärische Verbände auf See und an Land genutzt werden.
Die Deutsche Marine erwog – erstmals nach der Evakuierung deutscher Heerestruppen aus Somalia 1994 (Operation Southern Cross) – ein oder zwei Docklandungsschiffe zu kaufen; diese Pläne wurden bisher (wohl aus Geldmangel) nicht realisiert.
Grundtypen von Landungsfahrzeugen
Im Rahmen des vor allem von U.S. Navy entwickelten Konzepts der amphibischen Kriegführung entstand eine Anzahl von Fahrzeugtypen, die seither die Grundmuster von Landungsfahrzeugen darstellen. Die Bezeichnungssystematik der U.S. Navy für amphibische Fahrzeuge hat sich über die NATO als Standard allgemein verbreitet, allerdings ist die Einordnung von Fahrzeugen in das Schema nicht immer eindeutig. Einige Marinen haben daneben eigene Konzepte für Landungsfahrzeuge realisiert, die nicht dem Schema entsprechen.
Die größten Typen sind Landungsschiffe, die mit Hilfe von Verbringungsmitteln wie Landungsbooten, Hubschraubern, Senkrechtstartern oder Amphibienfahrzeugen anlanden können. Die klassischen Landungsschiffe sind solche, die einen Strand direkt anlaufen können, um über eine Bugrampe Truppen und Fahrzeuge zu entladen. Außerdem gibt es amphibische Material- und Personaltransporter. Landungsboote sind kleinere Boote, die ebenfalls selber den Strand anlaufen und groß genug sind, um im Küstengebiet selbständig zu operieren und/oder als Verbringungsmittel großer Landungsschiffe zu dienen. Ein eigener Typ sind die Luftkissenfahrzeuge mit ihren besonderen Bewegungsmöglichkeiten (einige haben eine Maximalgeschwindigkeit von über 100 km/h) im Küstenvorfeld und landeinwärts. Außerdem gibt es eine Anzahl von Spezialfahrzeugen für amphibische Operationen, wie zum Beispiel Landungsunterstützungsschiffe oder Führungsschiffe.
Landungsschiffe Amphibische Angriffsschiffe mini|links|Amphibisches Angriffsschiff USS Bonhomme Richard Amphibische Angriffsschiffe (Landing Helicopter, Assault – LHA und Landing Helicopter, Dock – LHD) sind Fahrzeuge, die Truppen und Material mit Hilfe verschiedener Verbringungsmittel wie Hubschraubern, Landungsbooten und Senkrechtstartern an Land verbringen. Die größten Landungsschiffe dieser Art sind die Schiffe der Wasp- oder America-Klasse der U.S. Navy, aber auch die spanische Juan Carlos I und die von dieser abgeleitete australische Canberra-Klasse, die südkoreanische Dokdo-Klasse und die französische Mistral-Klasse gehören in diese Kategorie. Alle Schiffe dieser Klassen verfügen über ein durchgehendes Flugdeck wie ein Flugzeugträger und über ein Dock oder Welldeck, in dem sie Landungsboote mitführen können. Als Ausnahme sind dabei die ersten beiden Einheiten der America-Klasse zu betrachten, die ohne Welldeck konzipiert wurden, weil die Luftverlegefähigkeit als wichtiger eingestuft wurde. Noch während des Baus des Typschiffs USS America wurde aus dem Baulos Flight 0 das Flight 1 entwickelt, das dann doch wieder ein Welldeck beinhaltet. Diese Entwurfsänderung kommt dann ab dem dritten Schiff dieser Klasse zum Tragen. Amphibische Angriffsschiffe können mit Kampf- und Transporthubschraubern und senkrecht startenden Kampf- und Transportflugzeugen ausgestattet werden, um die Landungstruppen aus der Luft unterstützen zu können. Sie verfügen über die Fähigkeit zum Ship-to-objective maneuver (STOM), d. h., dass sie Truppen direkt vom Schiff zum Einsatzort bringen können, auch wenn dieser im Landesinneren liegt.
Amphibische Hubschrauberträger
mini|LPH Ocean mit Heckrampe für Amphibienfahrzeuge und Landungsbooten in Davits Auch die nicht mit einem Dock ausgestatteten amphibischen Hubschrauberträger (Landing Platform, Helicopter – LPH) wurden von der U.S. Navy zeitweise als Amphibische Angriffsschiffe (Amphibious Assault Ship) bezeichnet, auch wenn sie deutlich geringere Fähigkeiten hatten, als die LHA und LHD. Diese Schiffe trugen über 20 Hubschrauber verschiedener Typen und bis über 1000 Landungstruppen. Die meisten LPH führen außerdem einige Landungsboote mit, die zu Wasser gelassen werden können. Alle LPH der U.S. Navy sind außer Dienst gestellt. Die brasilianische Marine verfügt mit der Atlântico, der ehemalig britischen Ocean über einen LPH. Britische Pläne die Flugzeugträger der Invincible-Klasse in einer LPH-Rolle einzusetzen, wurden mit der Ausmusterung der Klasse obsolet.
Docklandungsschiffe mini|links|Docklandungsschiff des Projekts 1174 mit Bugrampe Docklandungsschiffe transportieren ebenfalls Landungsboote und Soldaten, besitzen aber meist nur ein kleineres Flugdeck im Achterdecksbereich. Es werden die Typen Landing Platform Dock (LPD) und Landing Ship Dock (LSD) unterschieden. Der wesentliche Unterschied besteht in der Aufnahmefähigkeit für Hubschrauber. LPD verfügen über einen Hangar, um Hubschrauber dauerhaft mitzuführen, während LSD nur ein Landedeck haben und Hubschrauber nicht ständig an Bord aufnehmen können.
Einen besonderen Typ von Docklandungsschiff stellt das sowjetische Projekt 1174 dar, die theoretisch auch auf einen Strand auflaufen kann, um Truppen über eine Bugrampe zu landen. Das ist bei anderen Docklandungsschiffen nicht möglich.
Amphibische Transportschiffe
mini|Cambria mit einem Teil der mitgeführten Boote Für den Transport von großen Truppenkontingenten und dem dazugehörigen Material wurden im Zweiten Weltkrieg amphibische Transportschiffe entwickelt, die zivilen Stückgutschiffen ähnelten.
Die Schiffe des Typs Amphibious/Attack Transport (APA, ab 1969 LPA) dienten vornehmlich dem Truppentransport. Sie konnten mindestens ein Bataillon Infanterie mit voller Ausrüstung aufnehmen und verfügten über eine große Anzahl von kleineren Landungsbooten verschiedener Typen, um die Truppen mit ihrem Material an Land zu bringen. Typisch war eine Ausstattung mit zwei bis vier LCM, zwölf LCVP und drei bis vier anderen Booten. Die LPA unterstützten die Truppen mit Unterbringung, Verpflegung, Betreuung und Sanitätsdienst. Nach einer Landung blieben die LPA vor Ort, um die Truppe an Land zu versorgen und Verwundete aufzunehmen. Schiffe des Typs LPA sind nicht mehr im Bestand der U.S. Navy oder anderer Marinen.Navsource zu APA/LPA
Der Typ Amphibious/Attack Cargo (AKA, ab 1969 LKA) dient hauptsächlich dem Materialtransport und verfügt nur über begrenzte Truppenunterkünfte. Wie die LPA transportieren LKA eine große Zahl von Landungsbooten. Die U.S. Navy besitzt noch fünf LKA im Reservestatus.Navsource zu AKA/LKA
mini|Fahrzeuglandungsschiff Monitor Fahrzeuglandungsschiffe (Landing Ship, Vehicle – LSV), später Fahrzeugtransportschiff (Vehicle Cargo Ship, ebenfalls LSV) sind für den Transport von Landfahrzeugen spezialisiert.