Die Oberbaumbrücke in Berlin ist eine Verbindung zwischen den Ortsteilen Kreuzberg und Friedrichshain über die Spree und damit Teil des Innenstadtrings. Sie liegt zwischen der Elsenbrücke und der Schillingbrücke und ist zugleich das Wahrzeichen des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg.

Erste hölzerne Spreequerungen im 18. Jahrhundert

Der namensgebende Oberbaum befand sich seit Mitte des 17. Jahrhunderts auf Höhe der früheren Stadtmauer (an der heutigen Littenstraße) zwischen Berlin und Neu-Cölln, etwa zwei Kilometer weiter stromabwärts von der heutigen Brücke. Die Spree wurde dort zu beiden Seiten bis auf einen schmalen Durchlass in der Mitte mit begehbaren Holzstegen versperrt, um Zölle eintreiben zu können. Nachts wurde der Durchlass mit einem dicken, mit Eisennägeln bewehrten Stamm verschlossen, dem sogenannten Baum. 1703 wurde dort eine hölzerne Jochbrücke mit Schiffsdurchlass errichtet, die sogenannte Blocksbrücke, später Waisenbrücke.

Neben dem Oberbaum im Osten der Stadt gab es den Unterbaum im Westen. Mit der Verlegung der Stadtgrenze und dem Bau der Berliner Zoll- und Akzisemauer wurde 1723 auf königlichen Befehl am Ort der heutigen Brücke eine neue Brücke aus Holz mit Klappen für den Schiffsverkehr errichtet, der neue Oberbaum. Hier stand das Stralauer Tor als Eingang nach Berlin. 1835 erhielt die Brücke den Namen Oberbaumbrücke.

Eine repräsentative Gewölbebrücke entsteht mini|Mitteltorturm in Prenzlau, Vorbild der Brückentürme

Im Jahr 1893 hatte Siemens & Halske die Genehmigung zum Bau einer die Spree überquerenden Eisenbahnbrücke an dieser Stelle erhalten. Gleichzeitig entstanden Pläne für einen Ersatzbau der alten hölzernen Straßenbrücke. Ein „Besonderes Städtisches Brückenbaubüro“ unter Leitung des Stadtbauinspektors Georg Pinkenburg erstellte nach Entwürfen des Architekten Otto Stahn die Pläne für eine Brücke, die die frühere Torfunktion des Oberbaums in regionalhistorischer Form zum Ausdruck bringen sollte. Bevor beide Brücken begonnen wurden, einigten sich die zuständigen Verwaltungen auf die Errichtung einer kombinierten Eisenbahn-/Straßenbrücke auf der Grundlage der vorliegenden architektonischen Entwürfe. Zwischen 1894 und 1896 entstand ein neugotisches Bauwerk, das die Holzbrücke ersetzte und auf der oberen Ebene die 1902 in Betrieb genommenen Hochbahngleise der ersten Berliner U-Bahn-Strecke (heute: Linien U1 und U3) über die Spree führt. Unter dem Bahnviadukt ist ein geschützter Fußgängerüberweg nach Art eines mittelalterlichen Kreuzgangs ausgeführt. Als Baumaterial für die Brückenpfeiler und Gewölbezwickel wählten die Ingenieure Beton, für alle anderen Bauteile herkömmliches, mit Stahleinlagen verstärktes Mauerwerk. Der Fluss wurde in sieben Gewölben überbrückt, deren Öffnungsbreiten , 16, 19, 22, 19, 16 und  Meter betrugen.

Der mittlere Brückenbogen wird von zwei je 34 Meter hohen Türmen geschmückt, die mit ihren auskragenden Wehrgängen dem Mitteltorturm der Stadtmauer in Prenzlau nachempfunden sind. Sie symbolisieren gleichzeitig die alte Funktion des Oberbaums als Berliner Wassertor. Ihre unterschiedlich gestalteten Turmspitzen tragen die Reliefs des Berliner Bären und des Brandenburgischen Adlers. Weitere schmückende Details der neuen Brücke waren die mit metallenen Flachreliefs, bunten glasierten Klinkern und Mosaiksteinchen gestalteten Sichtflächen, die neben Ornamenten auch die Wappen der märkischen Städte Küstrin, Stendal, Brandenburg an der Havel, Potsdam, Prenzlau, Frankfurt (Oder), Salzwedel und Neuruppin zeigten.

Zerstörungen im Krieg mini|Beschädigte Oberbaumbrücke, 1950 mini|Oberbaumbrücke 1950, vorn das Groebenufer; dieses und der die U-Bahn-Gleise tragende Pfeiler rechts befanden sich im Amerikanischen Sektor mini|Oberbaumbrücke und eine U-Bahn, 2014

In der Schlacht um Berlin zerstörten am 23. April 1945, dem Vortag der Besetzung des rechten Spreeufers durch die Rote Armee,Zum Frontverlauf siehe Dieter Gaedke (Bearb.): Die Kämpfe in Berlin. In Gerd Heinrich (Hrsg.): Historischer Handatlas von Brandenburg und Berlin. Der militärische Zusammenbruch 1945. de Gruyter, Berlin / New York 1973, ISBN 3-11-004337-8. Bereits am 25. April hatte die Rote Armee die Spree überquert und Brückenköpfe an der Schilling- und der Oberbaumbrücke gebildet. deutsche Truppen drei Fünftel des mittleren Gewölbebogens der Oberbaumbrücke durch eine Sprengung.Zum Schaden siehe Hölkemann (Lit.), S. 96 f. Dabei erlitten die Tortürme schwere Schäden. Dass durch die Sprengung des mittleren Gewölbebogens nicht die gesamte Brücke einstürzte, lag an den deutlich überdimensionierten angrenzenden Brückenpfeilern, die die Schubkräfte der benachbarten Gewölbebögen, einem Widerlager gleich, aufnahmen.Die Oberbaumbrücke – Restaurierung eines Baudenkmals (= Berlin baut, Band 18). Hrsg.: Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen, Berlin 1995, S. 21. Durch Beschuss wurden weitere 15 Pfeiler des Hochbahn-Viadukts und zahlreiche Zierelemente beschädigt. Bald nach Kriegsende verkehrte über die instandgesetzte Brücke die U-Bahn der damaligen Linie B durchgehend zum Bahnhof Warschauer Brücke. Der zuvor auf Friedrichshainer Seite unmittelbar an das Brückenbauwerk angrenzende Hochbahnhof Osthafen wurde wegen seiner starken Beschädigungen abgebrochen.Ulrich Lemke, Uwe Poppel: Die Berliner U-Bahn, S. 58.

Grenzort im geteilten Berlin Seit der Ziehung der Sektorengrenzen in Berlin verband die zum Bezirk Friedrichshain gehörende Brücke den Sowjetischen Sektor mit dem Bezirk Kreuzberg im Amerikanischen Sektor. Nach der Teilung der Stadt in Ost- und West-Berlin kam es am 31. Oktober 1948 während der Berliner Blockade auf der Oberbaumbrücke zum ersten tödlichen Grenzzwischenfall. Der Ost-Berliner Volkspolizist Fritz Maqué hatte bei einer schlagartigen Polizeikontrolle auf der Brücke versucht, einen aus Friedrichshain kommenden Lieferwagen anzuhalten. Der offenbar überraschte Kraftfahrer rammte Maqué tödlich und fuhr in den Amerikanischen Sektor. Die Ermittler der Volkspolizei fanden weder einen Anhaltspunkt zur Identität des Täters noch zu dessen Motiv, sich der Kontrolle entziehen zu wollen. Dennoch machten die SED-Propaganda und die Geschichtswissenschaft der DDR für den Tod Maqués „von Geheimdiensten angeworbene Provokateure“ oder „antisozialistische Organisationen und Gruppen“ verantwortlich. Am 17. Februar 1949 erschoss ein unbekannter Volkspolizist auf der Oberbaumbrücke den West-Berliner Pkw-Fahrer Helmut Ryll, der mit einem Begleiter nach West-Berlin unterwegs war. Bei der Kontrolle hatten sich zwei Volkspolizisten in sein Fahrzeug gesetzt und ihn aufgefordert, zu wenden, um zum nächsten Volkspolizeirevier zu fahren. Als Ryll stattdessen in den Westsektor weiterfuhr, erschoss ihn einer der Polizisten. Der führerlose Wagen prallte in der Falckensteinstraße gegen eine Laterne. Die West-Berliner Polizei konnte einen der flüchtenden Volkspolizisten festnehmen, musste ihn aber freilassen, weil unklar war, ob er geschossen hatte.

Später sperrten die Ost-Berliner Behörden die Oberbaumbrücke zunächst für den Kraftfahrzeug- und Straßenbahnverkehr. Im Dezember 1955 errichteten sie einen Bauzaun, der auch die Brückennutzung durch Motorrad- und Fahrradfahrer unmöglich machte.Hans J. Reichardt [u. a.]: Berlin. Chronik der Jahre 1955–1956. Herausgegeben im Auftrage des Senats von Berlin. Heinz Spitzing, Berlin 1971, S. 368. Jedoch gab es bis zum Tag des Mauerbaus am 13. August 1961 regen Fußgängerverkehr von Besuchern und Grenzgängern über die Brücke. Auf Kreuzberger Seite hatten sich Wechselstuben etabliert, die „DM Ost“ in „DM West“ tauschten. Kleinhändler boten den Besuchern aus Ost-Berlin Zeitungen und Zeitschriften an und hielten ein breites Billigsortiment von Südfrüchten, Genussmitteln, Kosmetika, Nylonartikeln und anderen Modeprodukten bereit, mitunter auch für Ostgeld zum Kurs 1:1.

Mit dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 wurde die Oberbaumbrücke für den gesamten Verkehr einschließlich der U-Bahn gesperrt. In Einzelfällen diente sie der Ausreise freigekaufter politischer Gefangener aus der DDR.Elke-Ursel Hammer: „Besondere Bemühungen“ der Bundesregierung. Band 1: 1962 bis 1969. Oldenbourg, München 2012, ISBN 3-486-70719-1, S. 28, abgerufen am 9. Juni 2013 Im Dezember 1963 öffnete das 1. Passierscheinabkommen sie für 14 Tage für West-Berliner Fußgänger. Bis zum Sommer 1966 folgten drei gleichartige kurze Öffnungen. Zu einer Daueröffnung für Fußgänger kam es ab 1972 durch das Viermächteabkommen über Berlin. Ein Gebäude für die Ost-Berliner Kontrollorgane wurde direkt am Ostufer der Spree, neben der Oberbaumbrücke, quer über die Straße erbaut. Der die Stralauer Allee an der Brücke überquerende Teil des U-Bahn-Viadukts wurde vollständig abgebrochen. Die Türme wurden Mitte der 1970er Jahre abgetragen.

Da am Gröbenufer (seit 2009: May-Ayim-Ufer) die Sektorengrenze direkt am Wasser der Spree verlief, diese selbst aber zu Ost-Berlin gehörte, kam es mehrmals zu tödlichen Unfällen: Kreuzberger Kinder, die ins Wasser gefallen waren, ertranken, weil ihnen von der Westseite nicht geholfen werden durfte und dies von der Ostseite unterblieb. Nach dem fünften Todesfall am 1. Mai 1975, der das Ansehen der DDR erneut schädigte, endeten die bereits zwei Jahre lang immer wieder an Statusfragen (Staatsgrenze der DDR) ins Stocken geratenen Verhandlungen am 29. Oktober 1975 mit der Vereinbarung des Berliner Senats und der DDR-Regierung über Rettungsmaßnahmen bei Unfällen an der Berliner Sektorengrenze. An der Oberbaumbrücke wurde 1976 am südlichen Brückenkopf eine Notrufsäule installiert, nach deren Aktivierung Ertrinkenden Hilfe geleistet werden durfte, und die Grenztruppen der DDR stationierten ein ständig bereites Patrouillenboot., Text der Vereinbarung auf chronik-der-mauer.de, abgerufen am 18. Dezember 2021.

mini|hochkant=0.5| Wappen des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg mit der Oberbaumbrücke

Die Oberbaumbrücke wurde 1991 in das Friedrichshainer Wappen aufgenommen. Nach der 2001 vorgenommenen Bezirksfusion fand sie auch Aufnahme in das Wappen des neuen Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg.

Erneuerungen im wiedervereinigten Berlin Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde die Brücke für insgesamt 70 Millionen Mark umfassend instand gesetzt.Severin Weiland: Bauverwaltung wird bald entscheiden, ob der Entwurf von Calatrava für die Oberbaumbrücke verwendet werden kann. In: taz, 30. September 1992. (PDF) IB Jagels, abgerufen am 11. Mai 2009. Für die Reparatur des zerstörten Mittelteils gab es einen internationalen Architektenwettbewerb, den Santiago Calatrava gewann. Nach langwierigen Verhandlungen zwischen dem Architekten, Denkmalschützern sowie Vertretern der Schifffahrtsbehörde und der Bauämter der beiden damaligen Bezirke wurden die Pläne von Calatrava mehrfach überarbeitet. Der Kompromiss wurde bis 1995 umgesetzt, die Brücke erhielt ein neues Mittelteil.

Verkehr Seit 1995 wird die Oberbaumbrücke wieder für die U-Bahn und für den Straßenverkehr genutzt. Die Stadtplanungen der 1990er Jahre und Forderungen von Umweltverbänden führten zur Verlegung von Straßenbahngleisen in der Fahrbahndecke.Straßenbahn soll über die Oberbaumbrücke fahren. In: Berliner Zeitung, 15. November 1994. Bei der Wiederinbetriebnahme der Oberbaumbrücke gab es Demonstrationen für die Straßenbahn und gegen die Freigabe für den Autoverkehr. Offizielle Pläne zur Realisierung einer Straßenbahntrasse existieren wieder seit 2016, als die rot-rot-grüne Berliner Landesregierung eine Neubaustrecke zum Hermannplatz in ihr Programm zum Ausbau des Straßenbahnnetzes aufnahm. Mit diesem Thema beschäftigten sich auch Verbände und Studenten.Vorschlag für die Straßenbahn über die Oberbaumbrücke von der Redaktion der Fachzeitschrift Signal. Abgerufen am 2. April 2009.Thomas Billik: an der TFH Berlin mit konkreten Vorschlägen einer Straßenbahnverlängerung von Friedrichshain bis zum Hermannplatz; abgerufen am 2. April 2009.