Tyros, auch Tyrus und Tyr (), im Libanon ist eine der ältesten kontinuierlich bewohnten Städte der Welt. Die Küstenstadt am Mittelmeer war eine der frühesten phönizischen Metropolen und der griechischen Mythologie zufolge der Geburtsort von Europa, ihrer Brüder Kadmos und Phoinix sowie von Karthagos Gründerin Dido. Wegen der zahlreichen Ruinen von Tyros aus der Antike wurde die Stadt 1984 als ganzes in die Liste der UNESCO-Weltkulturerbestätten aufgenommen. Nach zahlreichen Kriegen in den letzten Jahrzehnten gilt auch für viele moderne Teile von Tyros das Diktum des französischen Archäologen Ernest Renan von 1860: „Tyros ist eine Stadt von Ruinen, gebaut aus Ruinen.“

Mit einer für 2016 geschätzten Einwohnerzahl von rund 200.000 in der Agglomeration gilt Tyros als drittgrößte Stadt des Libanon nach Beirut und Tripoli. Sie ist die Hauptstadt des Bezirks Tyros im Gouvernement Süd-Libanon. Ein Großteil der Bevölkerung besteht aus Flüchtlingen, da Tyros Standort von drei der offiziell zwölf palästinensischen Flüchtlingslager des Landes ist: Al Bass, Burj al-Shemali und ar-Raschidiya.

Etymologie mini|TYPOY IEPAΣ - goldener Doppel-schekel mit Doppelfüllhorn Als frühe Namen von Tyros sind aus der akkadischen Sprache Ṣurru, aus dem Phönizischen Ṣūr (𐤑𐤓) und aus dem Hebräischen Tzór (צוֹר) überliefert. In den semitischen Sprachen bedeutet der Name „Fels“ und bezieht sich etymologisch offensichtlich auf die Gesteinsformationen, auf denen die ursprüngliche Inselstadt gebaut wurde.

Die vorherrschende Form im Altgriechischen war Týros (Τύρος). Diese Schreibweise findet sich zuerst bei Herodot, der die Stadt selber besuchte, sie wurde aber womöglich bereits erheblich früher geprägt. Tyrische Schekel trugen zeitweise die Inschrift TYPOY IEPAΣ ΚΑΙ ΑΣΥΛOY – „von Tyros, der Heiligen und Unverletzlichen“.

Im Lateinischen wandelte sich der Name zu Tyrus. Auf Italienisch heißt die Stadt Tiro, auf Französisch Tyr und auf Englisch Tyre. Während der Name auf Deutsch der altgriechischen Version am nächsten geblieben ist, hält sich das Arabische an das phönizische Original, für den Namen von Tyros wie auch für das Wort „Fels“ im Allgemeinen.

Das deutsche Xenonym für Tyros ist tyrisch und die Einheimischen sind entsprechend Tyrer und Tyrerinnen.

Geographie mini|Felseninseln vor Tyros mini|Die Hauptbruchlinien des Libanons Tyros ragt als Halbinsel von der Küste ins Mittelmeer hinaus und liegt rund 80 km südlich von Beirut. Es bestand ursprünglich aus zwei verschiedenen urbanen Zentren: zum einen Tyros selbst, das auf einer felsigen Insel wenige hundert Meter vor der Küste lag, und zum anderen die mit diesem zusammenhängende Siedlung von Uschu auf dem benachbarten Festland, die später auf Altgriechisch Palaetyros („Alt-Tyros“) genannt wurde.

Seit frühgeschichtlichen Zeiten profitierten alle Siedlungen in der Gegend um Tyros von im Überfluss vorhandenem Süßwasser, insbesondere aus den nahen Quellen von Rashidieh und Ras Al Ain im Süden. Hinzu kamen im Norden die Quellen von Al Bagbog und Ain Ebrien sowie der Fluss Litani, der auch als Alkasimieh bekannt ist.

Das moderne Tyros nimmt einen großen Teil der ursprünglichen Insel ein und hat sich darüber hinaus auf die Landbrücke ausgedehnt, die Alexander der Große 332 v. Chr. errichten ließ. Dieser Isthmus wurde über die Jahrhunderte infolge großer Sedimentsablagerungen auf beiden Seiten ein immer breiterer Tombolo. Der Teil der ursprünglichen Insel, der nicht von Gebäuden bedeckt ist, besteht v. a. aus archäologischen Stätten mit antiken und mittelalterlichen Ruinen.

Vier Kommunen tragen zu der bebauten Fläche von insgesamt rund 16,7 km² bei, wobei keine dieser Gemeinden in ihrer Gänze zum urbanen Bereich gehört: Sur beherbergt die Altstadt und damit das Herz von Tyros, aber das Natur- und Küstenreservat südlich von der Halbinsel ist ausgenommen; Burj El Shimali im Osten verfügt weiter über unbewohnte Landwirtschaftsflächen; zu Abbasijet Sur im Norden gehören ebenfalls noch Agrargebiete und ein relativ isoliertes Dorf; Ain Baal im Südosten besteht in noch größerem Maße aus Anbauflächen und Dörfern. Da die Agglomeration von Tyros in einer fruchtbaren Küstenebene liegt, wurden – Stand: 2017 – etwa 44 % ihres Gebietes für innerstädtische Landwirtschaft genutzt, während rund 40 % bebaut waren.

Was die Geomorphologie und Seismizität angeht, so liegt Tyros nahe an gleich drei tektonischen Verwerfungen: dem Zrariye-Schabriha-Bruch, dem Roum-Bruch und dem Yammouneh-Bruch. Obwohl die Stadt daher über die Jahrtausende immer wieder von verheerenden Erdbeben erschüttert wurde, bezeichnet das Programm der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen (UN-HABITAT) die Gefahr für die meisten Orte der Stadt als niedrig und als mäßig für ein paar wenige andere. Allerdings stellen demnach ein Tsunami und darauf folgende Erdrutsche sowie Überschwemmungen die größten Risiken durch Naturkatastrophen für die tyrische Bevölkerung.

Schätzungen gehen davon aus, dass unter den libanesischen Meeresböden riesige Mengen Erdgas lagern, ein großer Teil davon in den Küstengewässern vor Tyros. Die Ausbeutung dieser Vorkommen wird jedoch durch Grenzstreitigkeiten mit Israel gehemmt.

Klima Tyros hat ein Mittelmeerklima mit trockenen, heißen Sommern und regenreichen, milden Wintern und hohen Sonnenstundensummen (eingestuft als Csa gemäß der Effektiven Klimaklassifikation nach Köppen und Geiger). Es ist durch sechs Monate Dürre zwischen Mai und Oktober gekennzeichnet. Im Mittelwert hat es 300 Tage Sonne pro Jahr und eine Jahrestemperatur von 20,8 °C. Die durchschnittliche Höchsttemperatur verzeichnet ihr Maximum mit 30,8 °C im August, während die durchschnittliche Tiefsttemperatur ihr Minimum mit 10 °C im Januar hat. Der mittlere jährliche Niederschlag erreicht bis zu 645 mm. Die Temperatur des Meereswassers sinkt auf bis zu 17 °C im Februar und steigt auf bis zu 32 °C im August. In einer Tiefe von 70 m ist sie konstant bei 17 bis 18 °C.

Eine Studie von 2018 unter Führung einer Forscherin der Universität Kiel hat ergeben, dass von allen UNESCO-Weltkulturerbestätten im Mittelmeerraum diejenigen in Tyros am meisten durch die Küstenerosion als Folge des globalen Klimawandels gefährdet sind.

Geschichte

Gründungszeit (2750 bis 1700 v. Chr.) mini|hochkant=1.3|Phönizisches Stammland, grün unterlegt Dem römischen Historiker Marcus Iunianus Iustinus zufolge kamen die Gründer von Tyros aus der rund 40 km nördlich gelegenen Stadt Sidon, um einen neuen Hafen zu errichten. Herodot, der Tyros selber um das Jahr 450 v. Chr. besuchte, erfuhr von den dortigen Priestern, dass die Stadt um das Jahr 2750 v. Chr. gegründet worden war. Es habe sich zunächst um eine umfriedete Siedlung auf dem Festland gehandelt, die später in der Geschichtsschreibung als Paläotyrus („Alt-Tyros“) bezeichnet worden sei. Diese Datierung ist archäologisch belegt. Zwar haben Ausgrabungen auch ergeben, dass es schon um rund 150 Jahre zuvor Siedlungen gab, doch wurden diese offenbar kurz darauf aufgegeben.

Der spätantike Geschichtsschreiber Eusebius von Caesarea berichtete (unter Berufung auf Herennios Philon), dass gemäß der vorherrschenden Legende die Gottheit Melkart die Stadt als Geschenk für eine Meerjungfrau namens Tyros erbaute und sie nach ihr nannte. Melkart, der auf Griechisch Melkart-Herakles hieß, aber nicht mit dem Helden und Halbgott Herakles (Herkules) zu verwechseln ist, wurde über Jahrtausende als göttlicher Schutzherr von Tyros verehrt. Daneben gibt es noch mindestens zwei weitere Gründungsmythen:

Der eine besagt, dass in vorgeschichtlicher Zeit zwei Brüder, Usoos und Schamenrum, an der Küste lebten, sich aber nach einem Streit voneinander trennten. Usoos nahm demnach einen Baumstamm und wurde der erste Mensch, der damit das Meer befuhr. Er landete auf einer Insel und weihte dort zwei Säulen: eine dem Feuer und die andere dem Wind. So gründete er Tyros, das im Alten Ägypten und Mesopotamien Uschu genannt wurde.

Die zweite Legende erklärt, warum auch Astarte als Göttin der Fruchtbarkeit in Tyros besonders verehrt wurde: Ursprünglich sei die Insel nicht fest mit dem Meeresboden verbunden gewesen, sondern mit den Wellen gestiegen und gesunken. Ein Olivenbaum der Göttin Astarte sei auf ihr gewachsen, geschützt durch einen Vorhang an Flammen. Eine Schlange habe sich um den Baumstamm gewunden und ein Adler auf ihm gethront. Einer Weissagung zufolge sollte die Insel aufhören, auf dem Meer zu treiben, sobald der Vogel den Göttern geopfert würde. Melkart habe den Menschen beigebracht, Boote zu bauen und zur Insel zu segeln. Der Adler habe sich aufgeopfert und daraufhin sei die Insel fest am Meeresboden verankert worden. Seither hätten die Götter niemals mehr die Insel verlassen.

In der griechischen Mythologyie nahm Zeus als oberster Gott die Form eines Stiers an, um die tyrische Prinzessin Europa nach Kreta zu entführen. Dort hätten sie drei Söhne bekommen: Minos, Rhadamanthys und Sarpedon, die Könige von Kreta und nach ihrem Tod Richter der Unterwelt wurden. Der Kontinent Europa ist nach der legendären Tyrerin benannt.

Einige Quellen berichten des Weiteren, dass ihre Brüder Kadmos und Kilix sich auf die Suche nach ihr machten, aber vergeblich. Stattdessen wurde Kadmos der Gründer und König der griechischen Stadt Theben, wo er das phönizische Alphabet der griechischen Welt überbrachte. Kilix verliebte sich während der Suchmission in Kleinasien und gab der dortigen Region Kilikien seinen Namen. Der dritte Bruder, Phoinix, wurde zum Eponym für Phönizien.

Abseits der Mythen bleibt die frühe Geschichte von Tyros im Dunkeln, da die Erdschichten mit möglichen Überresten aus dieser Zeit tief unter dem Schutt späterer Perioden begraben sind. Die erste bekannte schriftliche Erwähnung von Tyros stammt aus einem Text, in dem es um eine Verfluchung geht und der auf das 19. Jahrhundert v. Chr. datiert wird. Im Allgemeinen geht die Forschung davon aus, dass die erste Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends im Östlichen Mittelmeerraum eine Zeit des friedlichen Handels war und Tyros entsprechend davon profitierte.

Ägyptische Periode (1700 bis 1200 v. Chr.) Im 17. Jahrhundert v. Chr. geriet Tyros unter die Oberhoheit der ägyptischen Pharaonen. Die Stadt erlebte insbesondere während der 18. Dynastie zur Mitte des 2. Jahrtausends einen Aufschwung, da sie unter dem Schutz Ägyptens ihre Handelsaktivitäten ausbauen konnte.

Eines der wichtigsten Handelsgüter aus eigener Herstellung war für insgesamt fast drei Jahrtausende Purpur. Archäologische Funde legen nahe, dass Tyros schon zur Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausend die industrielle Produktion des seltenen, äußerst teuren Farbstoffs etabliert hatte, der für seine Schönheit wie für seine Lichtechtheit berühmt war. Er wurde aus der Stumpfen Stachelschnecke (Murex trunculus) und der Herkuleskeule (Murex brandaris) gewonnen und war unter dem Namen tyrischer Purpur bekannt. Die kostbare Farbe war in vielen antiken Kulturen Königen und anderen hohen Würdenträgern vorbehalten. Die Tyrer perfektionierten ihre Methoden der Grundstoffgewinnung und der Mischungen, weshalb ihre Färbemittel in der antiken Welt so begehrt waren. Um ihr Quasi-Monopol zu halten, übten die Tyrer größtmögliche Diskretion. Tatsächlich ist auch das Wort „purpurrot“ ein Eponym für „Phönizisch“, da im Griechischen „phoinikeā“ und „po-ni-ke-a“ als Namen für die Farbe belegt sind. Die Phönizier verwendeten dieses Fremdwort als Selbstbezeichnung jedoch nicht.

Der Legende nach war es der Stadtgott Melkart, der den Farbstoff entdeckte. Demzufolge ging er mit der von ihm umworbenen Meerjungfrau Tyros am Strand spazieren, als sein Hund in eine Meeresschnecke biss und sich sein Maul vom Blut des Weichtiers purpurrot färbte. Die Nixe wünschte sich daraufhin von Melkart ein in der gleichen Farbe koloriertes Kleid, und das war die Geburtsstunde der Purpurherstellung.