mini|350px|Anselm Kiefer: Glaube, Hoffnung, Liebe (1984–86)

Anselm Karl Albert Kiefer (* 8. März 1945 in Donaueschingen) ist ein deutscher und seit 2018 auch österreichischer Maler und Bildhauer. Er zählt zu den bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Künstlern nach dem Zweiten Weltkrieg. Seine Werke werden in vielen Museen in Europa, Japan und den Vereinigten Staaten von Amerika gezeigt. Kiefer war auf bedeutenden internationalen Kunstausstellungen wie der documenta 6, 7 und 8 oder der Biennale von Venedig (Deutscher Pavillon 1980) vertreten und wurde mit zahlreichen Preisen und Ehrungen ausgezeichnet.

Kiefer absolvierte ein Kunststudium als Schüler von Peter Dreher in Freiburg und von Horst Antes in Karlsruhe. Seine Karriere begann mit einem Skandal, als er im Rahmen einer fotografisch dokumentierten Performance an verschiedenen Stätten Europas den Hitlergruß ausführte. Seine weitere Arbeit war stark geprägt von Themen aus der deutschen Geschichte und Kultur, von der Hermannsschlacht bis zum Nationalsozialismus, kulminierend im Holocaust und der Zerstörung der jüdischen Kultur in Deutschland. Kiefer gilt als ein Erneuerer der Historienmalerei und großer Illustrator geschichtlicher Katastrophen. Generell zählen überlieferte Mythen, Bücher und Bibliotheken zu seinen bevorzugten Sujets und Inspirationsquellen. Literarische Einflüsse, namentlich von Paul Celan und Ingeborg Bachmann, schlugen sich in seinen Arbeiten der mittleren Jahre nieder. In seinem späteren Werk erweiterte er den sondierten Mythenkreis auf jüdisch-christliche, ägyptische und orientalische Kulturen sowie auf Kosmogonien. Als Künstler des Gegenständlichen sucht und findet er in ihnen seine Quellen zur Weltdeutung und entlehnt ihnen Motive für die Darstellung des Unbegreiflichen und Nicht-Darstellbaren.

Leben Anselm Kiefer wurde kurz vor Kriegsende als Sohn des Wehrmachtsoffiziers und Kunstpädagogen Albert Kiefer und seiner Frau CillyAdelheid Sievert: Ein Gruß unseres Alumnus Albert Kiefer. Alumni-Initiative Kunstpädagogik, Januar 2011. im Luftschutzkeller eines Krankenhauses in Donaueschingen geboren.Catrin Lorch: Auch mal ohne Blei. In: Süddeutsche Zeitung. 20. August 2011, S. 17. 1951 zog die Familie ins badische Ottersdorf. Im nahegelegenen Rastatt besuchte er das humanistische Ludwig-Wilhelm-Gymnasium und legte dort 1965 das Abitur ab.https://www.goodnews4.de/nachrichten/kultur-events/item/verleihung-der-ehrenbuergerwuerde-an-anselm-kiefer-nochmal-ein-hoehepunkt-fuer-rastatter-ob-puetsch Als Kunstpädagoge förderte sein Vater die frühen bildnerischen Versuche des Sohnes und machte ihn mit bildnerischen Techniken wie Linolschnitt, Tonarbeiten, Sandmalerei, Wachskreide- und Mosaiktechniken vertraut.Albert Kiefer: In Kriegs- und Friedenszeiten. Ästhetische Erziehung als Lebensaufgabe. Mit der erstmaligen Veröffentlichung der bildnerischen Entwicklung in Kindheit und Jugend des Sohnes Anselm Kiefer. Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2003, ISBN 3-8300-0900-3, S. 177.

1963 gewann er den „Jean-Walter-Preis“ der Europäischen Organisation für Reisestudienstipendien, der Vorgängerorganisation der heutigen ZIS Stiftung für Studienreisen in Salem. Kiefer entschied sich, auf den Spuren von Vincent van Gogh durch Holland, Belgien und Frankreich zu gehen. Auf der Reise führte er ein Reisetagebuch mit vielen Skizzen.

1965 begann er in Freiburg im Breisgau das Studium der Rechtswissenschaften und Romanistik, das er nicht abschloss. Bereits in dieser Zeit widmete er sich zugleich der Bildenden Kunst und studierte von 1966 bis 1968 Malerei in Freiburg bei Peter Dreher und danach als Schüler von Horst Antes in Karlsruhe..

Seine Abschlussarbeit 1969 in Karlsruhe war eine fotografische Dokumentation einer Performance, die Kiefer Besetzungen nannte.Sabine Schütz: Anselm Kiefer – Geschichte als Material. Arbeiten 1969–1983. DuMont, Köln 1999, ISBN 3-7701-4707-3, S. 115–130. In ihr führte er an verschiedenen Stätten Europas (Schweiz, Niederlande, Frankreich, Italien) den Hitlergruß aus, womit er „konzeptuell die Identifikation mit den Tätern simuliert“.Sabine Schütz: Anselm Kiefer – Geschichte als Material. Arbeiten 1969–1983. DuMont, Köln 1999, S. 24. Die Arbeit rief einen Skandal hervor und wurde von der Mehrheit der Akademieprofessoren abgelehnt. Seit 1970 verband ihn ein künstlerischer Austausch mit Joseph Beuys, der seine Arbeit förderte und der an Kiefers kritischer Absicht bei dieser Aktion keinen Zweifel hegte. Beuys war indessen weniger Lehrer als informeller Mentor, in den Worten Kiefers: „Ich war nie in seiner Klasse, sondern arbeitete im Odenwald. Von da aus bin ich dann einige Male nach Düsseldorf gefahren, mit meinen zusammengerollten Bildern auf dem Dach eines VW-Käfers, um sie Beuys zu zeigen.“Jörg Hakendahl: Museum Küppersmühle zeigt Werke von Beuys und Kiefer: Das Gipfel-Treffen der Kunst-Giganten. In: BILD.de, 29. Juni 2012. Abgerufen am 9. April 2015. Mit Beuys teilt Kiefer die Vorliebe für scheinbar wertlose und verachtete Materialien, vornehmlich für Asche und Blei, die er in seinen monumentalen Bildern, Skulpturen und Installationen vielschichtig zur Wirkung bringt.

Kiefer arbeitete zunächst künstlerisch im Odenwald, wo er 1971 ein ehemaliges Schulhaus in Hornbach als Atelier bezogen hatte.Petra Kipphoff: Verbrannte Erde und gestürzter Trommler. In: Die Zeit. 13. April 1984. In Michael Werner fand er früh einen namhaften Galeristen, der erste Ausstellungen – von 1973 bis 1977 im jährlichen Turnus – in seinen Räumen veranstaltete und ihn bis 1979 vertrat. Seine Gestaltung des westdeutschen Pavillons auf der Biennale in Venedig 1980 (u. a. mit den Arbeiten Deutschlands Geisteshelden und Wege der Weltweisheit) rief einen weiteren Skandal hervor. Die massive Kritik an seinem Werk erklärte er in einem späteren Interview: „In Deutschland wird einfach der löchrige Boden nicht gesehen, auf dem bei mir das Pathos steht.“Mariana Hanstein; Lothar Schmidt-Mühlisch: Anselm Kiefer: Aus dem Absturz heraus entsteht der Gesang. Interview mit Anselm Kiefer. In: Die Welt. 2. März 1992.

1981, kurz nach Kiefers Biennale-Premiere, begann mit der Londoner Ausstellung A New Spirit in Painting sein Erfolg in der angelsächsischen Welt.John-Paul Stonard: At the RA. In: London Review of Books. 6. November 2014, Vol 36, No. 21. Abgerufen am 8. April 2015. Eine Wanderausstellung zwischen 1987 und 1989 durch vier der angesehensten Museen der USAThe Art Institute of Chicago (5. Dezember 1987 bis 31. Januar 1988), Philadelphia Museum of Art (6. März bis 1. Mai 1988), The Museum of Contemporary Art, Los Angeles (14. Juni bis 11. September 1988), The Museum of Modern Art, New York (17. Oktober 1988 bis 3. Januar 1989). machte ihn weltberühmt; der amerikanische Kunstkritiker Charles Werner Haxthausen sprach von einem „Triumphzug“. Kein anderer deutscher Künstler der Nachkriegsära habe in den USA einen solchen Enthusiasmus entfacht.Charles Werner Haxthausen: Kiefer in America. Reflections on an Retrospective. In: Kunstchronik. 42. Jahrgang (1989), Heft 1, S. 1–2, doi:10.11588/kc.1989.1.115500. 1993 folgte eine Ausstellungstournee durch Japan.Wanderausstellung in Japan: Sezon Museum of Art, Tokyo (3. Juni bis 19. Juli 1993); The National Museum of Modern Art, Kyoto (3. August bis 5. September 1993); Hiroshima City Museum of Contemporary Art (18. September bis 24. Oktober 1993).

1988 hatte er eine ehemalige Ziegelei in Höpfingen bei Walldürn erworben, wo er ein umfassendes Kunstpark-Projekt Zweistromland plante, benannt nach seiner gleichnamigen Installation eines zweiflügeligen Regals mit Bleibüchern (1986–1989). Nachdem er aus persönlichen Gründen die geplante Stiftung für den Kunstpark nicht hatte realisieren können,In einem Interview macht er dafür die ihm durch seine Ehescheidung nicht mehr zur Verfügung gestandenen Bilder verantwortlich. Siehe Interview mit Anselm Kiefer: In: art – Das Kunstmagazin. Ausgabe 7/2001. Abgerufen am 28. Mai 2015. verließ er 1991 Deutschland. In einem Interview bekannte er: „Das Verlassen eines Landes ist eine Art Hygiene.“Zitiert nach Kunst: Architekt von Geschichte(n). In: Focus Magazin. Nr. 44 (2001). Abgerufen am 27. Mai 2015. In einer selbst verordneten dreijährigen Malpause reiste er nach Nepal und Thailand, nach China, Australien und Mexiko und widmete sich dem Fotografieren und dem Schreiben, bevor er Anfang 1992 die Ateliers im Odenwald (Buchen, Hornbach und Höpfingen) aufgab und sich 1993 in Frankreich niederließ. Diese Zäsur, die auch eine in seiner Produktion werden sollte, fiel mit dem Ende seiner ersten Ehe zusammen. Danach richtete er im südfranzösischen Barjac (Cevennen) sein Atelier auf dem 35 ha großen Industriegelände einer ehemaligen Seidenfabrik ein. Als er es 2008 verließ, hinterließ er auf dem Gelände 52 zum Teil sehr große Gebäude.Anselm Kiefer: „Die Kunst geht knapp nicht unter.“ Anselm Kiefer im Gespräch mit Klaus Dermutz. Suhrkamp, Berlin 2010, ISBN 978-3-518-42187-1, S. 112. Er bezog danach ein Atelier im Pariser Vorort Croissy-Beaubourg in den Lagerhallen eines ehemaligen Pariser Kaufhauses, die 36.000 Quadratmeter umfassen, etwa ein Zehntel der Fläche des vorherigen Ateliers.Der Spiegel. Nr. 44/2011 vom 31. Oktober 2011.

Im Winter 2010/2011 lud ihn das Collège de France in Paris zu einer Vorlesungsreihe über sein Kunstverständnis ein,Sein Geschmack. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 2. Februar 2011, S. N3. der Kiefer den Titel „Die Kunst geht knapp nicht unter“ (L’art survivra à ses ruines) gab.

Im Herbst 2011 äußerte er in einem Spiegel-Interview die Absicht, das stillgelegte Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich für künstlerische Zwecke zu übernehmen und es in ein Pantheon zu verwandeln. Um das Kraftwerk zu kaufen, müsste es erst aus dem Atomgesetz entlassen werden.Thomas Steinfeld: Ein Grabmal für den Künstler. Anselm Kiefer will das Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich in ein Pantheon verwandeln. In: Süddeutsche Zeitung. 3. November 2011. Die Wirtschaftsministerin von Rheinland-Pfalz lehnte den Verkauf ab.Gisela Kirschstein: In: Frankfurter Neue Presse. 6. September 2014.

Neben seiner Arbeit als Maler und Bildhauer war Kiefer auch als Bühnenbildner und Kostümdesigner für Theater und Oper tätig, so für Ödipus auf Kolonos (Burgtheater Wien, 2003) und Elektra (Teatro di San Carlo, Neapel, 2003), beides Inszenierungen von Klaus Michael Grüber. Zur Neueröffnung der Pariser Opéra Bastille 2009 beauftragte ihn der Operndirektor Gerard Mortier, gemeinsam mit dem deutschen Komponisten Jörg Widmann, mit der visuellen und musikalischen Performance Am Anfang.

Kiefers zweite Ehe mit der österreichischen Fotografin Renate Graf wurde 2014 geschieden; aus der ersten Ehe mit Monika stammen drei Kinder, aus der zweiten zwei.

Er erhielt Preise, Ehrungen und Auszeichnungen. Auf der Frankfurter Buchmesse 2008 wurde ihm, als erstem bildenden Künstler, der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. 2009 erhielt er in Paris den Adenauer-de-Gaulle-Preis.

Im Januar 2018 wurde dem mit dem „Kiefer-Pavillon“ in der Salzburger Altstadt vertretenen Künstler vom dortigen Landeshauptmann Wilfried Haslauer die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen.

Am 27. April 2025 eröffnete in Kiefers Elternhaus in Rastatt-Ottersdorf das Museum „Haus Kiefer“. In der Eröffnungsausstellung sind Werke aus den 1970er und 80er Jahren zu sehen.https://www.rastatt.de/rathaus-und-politik/stadtverwaltung/pressemitteilungen/eroeffnung-haus-kiefer-in-rastatt-ottersdorf

Werk Themen, Motive und Materialien Laut dem französischen Kunsthistoriker Daniel Arasse entwickelt sich das Werk von Anselm Kiefer in einem Prozess aus Ablagerung, Kreuzung und Überarbeitung von Themen, Motiven und Konstellationen, die in sehr unterschiedlichen Medien immer wieder auftauchen und sich in ihnen überlagern.

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