mini|Maulid an-Nabī in Lahore, Pakistan mini|Maulid-an-Nabi-Prozession in der indischen Stadt Bhadohi Maulid an-Nabī, auch Mawlid an-Nabi (), ist ein islamisches Fest zu Ehren des Propheten Mohammed. Es wird am 12. Tag des Monats Rabīʿ al-auwal des islamischen Kalenders gefeiert. In mehreren islamischen Ländern, darunter Indonesien und Malaysia, ist der Tag Staatsfeiertag.Vgl. Hofmann: Der islamische Festkalender in Java und Sumatra. 1978, S. 67. In der Türkei heißt der Tag Mevlid oder Mevlüt, in Indonesien wird dieser Festtag auch maulud oder mulud (von arabisch maulūd) genannt. Weil der 12. Rabīʿ al-auwal als Geburtstag des islamischen Propheten nicht gesichert ist und auch die ersten Generationen der Muslime diesen Tag nicht feierlich begangen haben, gibt es von verschiedenen sunnitischen Strömungen Kritik an den Maulid-Feierlichkeiten.

Ursprung und Ausbreitung des Festes mini|Zuckerwerk, das zum Anlass des Prophetengeburtsfest in Kairo hergestellt wurde. Photographie aus dem Tropenmuseum in Amsterdam Im Gegensatz zum Opferfest und zum Fest des Fastenbrechens ist das Geburtsfest des Propheten erst in nachprophetischer Zeit entstanden. Größeres Interesse an Geburt und Kindheit Mohammeds kam erstmals in der frühen Abbasidenzeit auf. Es war Chaizurān, die Mutter von Hārūn ar-Raschīd (gestorben 789), die das Haus, in dem Mohammed geboren worden war, zu einem Ort des Gebets ausbaute.Vgl. Fuchs, de Jong: „Mawlid or Mawlūd“ in EI² Bd. VI, S. 895a. Feiern zum Prophetengeburtstag wurden zum ersten Mal im 11. Jahrhundert am Hof der schiitischen Fatimiden eingeführt und waren dort ein Mittel, um die Abstammung der Dynastie vom Propheten zu betonen. Der Kalif spielte bei den Feierlichkeiten eine zentrale Rolle; es fanden öffentliche Predigten und Koranlesungen statt.Vgl. Kaptein: Muḥammad’s Birthday Festival. 1993, S. 20–28. Nach einem Bericht des Historikers Ibn Tuwair hielt ein Prediger eine Predigt, an deren Schluss er erklärte: „Und dies ist der Tag, an dem er geboren wurde, um seine Mission zu erfüllen, mit der Gott die Gemeinschaft des Islams (millat al-Islām) gesegnet hat.“Zit. bei Kaptein: Muḥammad’s Birthday Festival. 1993, S. 15.

Im 12. und 13. Jahrhundert wurde der Brauch von verschiedenen sunnitischen Herrschern übernommen. Der erste sunnitische Herrscher, der das Fest offiziell beging, war der Zengide Nūr ad-Dīn (reg. 1146–1176).Vgl. Kaptein: Muḥammad’s Birthday Festival. 1993, S. 31–34. In den 1170er Jahren begann auch ʿUmar al-Mallāʾ, ein Privatmann in Mossul, der mit Nūr ad-Dīn bekannt war, Maulid-Feiern auszurichten.Vgl. Kaptein: Muḥammad’s Birthday Festival. 1993, S. 34–38. Etwa zwanzig Jahre später wurde das Fest auch in Mekka begangen, wie aus dem Reisebericht des Ibn Dschubair hervorgeht.Vgl. Kaptein: Muḥammad’s Birthday Festival. 1993, S. 38–40. Besonderes Aufsehen erregten die prachtvollen Maulid-Feiern, die der Begteginiden-Herrscher Muzaffar ad-Dīn Gökböri Anfang des 13. Jahrhunderts in seiner Residenz Erbil ausrichten ließ. Sie waren von sufischen Samāʿ-Konzerten und Banketten begleitet.Vgl. Kaptein: Muḥammad’s Birthday Festival. 1993, S. 40f.

Ein maghrebinischer Gelehrter, Abū l-ʿAbbās al-ʿAzafī, fasste in dieser Zeit eine Schrift ab, in der er das maulid-Fest als Mittel zur ideologischen Abwehr des Christentums und Stärkung der Einheit der Muslime anpries.Vgl. Kaptein: Muḥammad’s Birthday Festival. 1993, S. 77–89. 1236 zum ersten Mal in Ceuta gefeiert, verbreitete sich dieses Fest in der Folgezeit über den gesamten Maghreb. Besonders unter den Meriniden wurde das maulid-Fest gepflegt. Der merinidische Herrscher Abū Inān Fāris ließ in der Nacht zum Prophetengeburtstag regelmäßig im ganzen Land große Bankette veranstalten.Kaptein: Muḥammad’s Birthday Festival. 1993, S. 107.

Auf Java ist das Geburtsfest des Propheten seit dem 16. Jahrhundert belegt.Vgl. Hofmann 31. Die javanischen Fürstenhöfe feierten es mit großem Prunk, und zwar schon zu einer Zeit, als sich der Islam dort erst etablierte.Vgl. Hofmann 70.

Ablauf Festmähler mini|Muludan auf Java während der niederländischen Kolonialzeit Maulid-Feiern schließen fast immer aufwendige Gastmähler ein, zu denen üblicherweise auch Arme eingeladen werden. Nach einem Zeitzeugen, den der syrische Gelehrte Sibt ibn al-Dschauzī (st. 1257) zitiert, wurden bei einem Maulid-Bankett, das Muzaffar ad-Dīn Gökböri ausrichtete, 5.000 geröstete Schafe, 10.000 Hühner, 100.000 Schüsseln mit Zabdīya und 30.000 Platten mit Süßigkeiten gereicht. Ähnlich üppig war ein Gastmahl, das 1383 der Mamluken-Sultan az-Zahir Barquq in Kairo gab. Die Ausgaben für Speisen, Getränke, Weihrauch, Ehrenroben und Koranrezitatoren, beliefen sich auf 10.000 Gold-Mithqāl. Ein Grundgedanke bei diesen Gastmählern war es, dass man auf diese Weise Gott dafür danken wollte, dass er den Propheten Mohammed erschaffen und zu den Menschen gesandt hat.Vgl. Katz: The birth of the prophet Muhammad. 2009, S. 63–67. Gelehrte wie ʿAlī al-Qārī (st. 1606), die selbst nicht über ausreichende finanzielle Mittel verfügten, um ein maulid-Bankett auszurichten, verfassten Maulid-Schriften, um auf diese Weise Gott für die erfahrene Gunst zu danken.Katz: The birth of the prophet Muhammad. 2009, S. 67. Auf Java werden die Festmähler anlässlich des Prophetengeburtstag als muludan bezeichnet.Vgl. Hofmann 69.

Vortrag von Prophetengeschichten mini|Handschrift des Maulid-Gedichtes des osmanischen Gelehrten Süleyman Çelebi Ein weiteres Element der Maulid-Feiern ist der Vortrag von Geschichten, die von Mohammeds Geburt und Leben erzählen. Zu den bekanntesten dieser Geschichten gehört das Werk ʿIqd al-ǧawāhir („Juwelenhalsband“) von Dschaʿfar al-Barzandschī (1690–1765), das sich in Ägypten, Nigeria, Ostafrika sowie in Süd- und Südostasien großer Beliebtheit erfreut.Vgl. dazu Ahmed, Neuhaus sowie Hofmann: Der islamische Festkalender in Java und Sumatra. 1978, S. 80–82. Von dem Text ʿIqd al-ǧawāhir, der auch nur unter dem Namen Maulid al-Barzandschī bekannt ist, existieren zwei Fassungen, eine in Prosa, die andere in Versen. Auch gibt es viele Kommentare und Interlinearübersetzungen. Insgesamt ist das Werk in 19 Abschnitte eingeteilt. Die ersten zehn Abschnitte behandeln die wunderhaften Erscheinungen bei Mohammeds Geburt sowie Begebenheiten aus seiner Jugendzeit, der 12. Abschnitt behandelt seine ersten Offenbarungen, im 13. geht es um seine ersten Anhänger, im 14. wird die Himmelfahrt Mohammeds beschrieben, im 17. werden seine charakterlichen Qualitäten und seine physische Schönheit herausgestellt, der abschließende 19. Abschnitt enthält Lobgesänge und Gebetsformeln.Vgl. die Zusammenfassungen bei Hofmann 82 und Abdallah Chanfi Ahmed: Ngoma et mission islamique (Daʿwa) aux Comores et en Afrique orientale. Une approche anthropologique. Paris 2002. S. 23–33. In Indonesien wurde das Werk in den 1970er Jahren auf verschiedenen Bühnen auch choreographisch aufgeführt,Vgl. Hofmann 83–86. heute sind zudem zahlreiche Filme von Rezitationen des Maulid al-Barzandschī im Internet zu finden.Vgl. z. B. Mawlid al-Barzanji | A Beautiful Rendition | Mawlana Anhar Ahmed. (YouTube) In: qamarinitiative, 25. Mai 2022.

mini|Maulidi-Banner, mit denen in Dar es Salaam am Prophetengeburtstag die Straßen geschmückt werden In der Swahili-Region wird auch der maulidi-Text des hadramitischen Gelehrten ʿAlī ibn Muhammad al-Habschī (1843–1915) rezitiert. Er wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Habīb Sālih aus Lamu in die Swahili-Gesellschaft eingeführt.Vgl. Kresse: „Debating maulidi“. 2006, S. 210, 217f, 226. In der Türkei greift man bei den Maulid-Feiern gerne auf den türkischen Masnawī Vesīletü n-neǧāt („Mittel der Rettung“) von Süleymān Çelebi (gest. 1422) zurück.Vgl. dazu Engelke: Sülejmān Tschelebi's Lobgedicht. 1926.

Der Rezitation der maulid-Texte wird insgesamt eine heilbringende Wirkung zugeschrieben. Fester Bestandteil dieser Rezitationrituale ist das gemeinsame Aussprechen von Segenswünschen für den Propheten an bestimmten Stellen des Textes.Vgl. Katz 86–92. Sobald bei der Rezitation dieser Texte Mohammeds Geburt erwähnt wurde, war es üblich, aufzustehen. Dieses Aufstehen (qiyām) bei der Erwähnung von Mohammeds Geburt wurde im 16. Jahrhundert auf dem Gebiet des Osmanischen Reichs sogar zur Pflicht erklärt. Der osmanische Rechtsgelehrte Ebussuud Efendi (st. 1574) urteilte in einem Rechtsgutachten, dass bei denjenigen, die bei der Gelegenheit nicht aufständen, der Verdacht bestehe, dass sie Ungläubige seien.Vgl. Katz 128–139.

Ansprachen Am Maulid-Tag werden in den islamischen Ländern auch häufig offizielle Ansprachen gehalten, in denen die Rolle des Islams für die nationale bzw. internationale Entwicklung herausgestellt wird. So hielt zum Beispiel am Maulid-Tag des Jahres 1962 (11. August) der damalige tunesische Präsident Habib Bourguiba in der Hauptmoschee von Qairawān eine Ansprache darüber, dass der Islam kein Hindernis für den Fortschritt sei.Der Text der Rede mit dem Titel al-Islām laisa bi-ʿarqala fī waǧh ar-ruqīy wurde am 15. August 1962 von dem tunesischen „Staatssekretariat für kulturelle Angelegenheit und Nachrichten“ (Kitābat ad-Daula li'š-Šuʾūn at-Taqāfīya wa'l-Aḫbār) veröffentlicht. Der indonesische Präsident Suharto, der in den 1970er Jahren häufig Maulid-Ansprachen hielt, hob darin hervor, dass die ernsthafte Befolgung religiöser Glaubensvorstellungen Voraussetzung für geistige Reifung eines Entwicklungslandes wie Indonesien sei.Vgl. Hofmann 69. Und im Jahre 2006 hielt Muammar al-Gaddafi am Maulid-Tag eine Rede in Timbuktu, in der er sich als „Führer des Globalen Islamischen Volkskommandos“ (qāʾid al-Qiyāda aš-Šaʿbīya al-Islāmīya al-ʿĀlamīya) präsentierte.Siehe The speech of the leader of World Islamic People's Leadership (WIPL): on the occasion of the prophet's birthday, held in Timbuktu. S.L. World Islamic Call Center 2006. Auch in Schulen und Universitäten sowie an den Sitzen islamischer Organisationen werden üblicherweise Ansprachen gehalten.Vgl. Hofmann 70.

Umzüge und Jahrmärkte mini|Sekaten von Yogyakarta 2011 Wie der hanafitische Gelehrte Ibn Diyā' al-Makkī (gest. 1450), der in Mekka als Qādī und Muhtasib tätig war, in einer Abhandlung berichtet, fand zu seiner Zeit in Mekka in der Nacht auf den Prophetengeburtstag ein festlicher Umzug statt. Dafür versammelten sich die Teppichbreiter (farrāšūn) der Heiligen Moschee mit Kerzen und Laternen im Moscheehof und geleiteten dann auf diese Weise den Chatīb zum Geburtshaus des Propheten. An dem Umzug nahmen Männer, Frauen und Kinder teil.Abū l-Baqāʾ Ibn Ḍiyāʾ al-Makkī (gest. 1450): Muḫtaṣar Tanzīh al-Masǧid al-Ḥarām ʿan bidaʿ al-ǧahala al-ʿawāmm. Ed. Niẓām Muḥammad Ṣāliḥ Yaʿqūbī. Dār al-Bašāʾir al-Islāmīya, Beirut, 1999. S. 17f. Digitalisat

In der Stadt Yogyakarta auf Java geht dem Maulid-Tag eine ganze Festwoche mit Umzügen, Musikdarbietungen und Vorträgen von Prophetengeschichten voraus. Während dieser Zeit findet auf dem nördlichen Vorplatz des Kraton ein Jahrmarkt statt, der Sekaten genannt wird. Am ersten Tag der Festwoche werden zwei als heilig geltende Gamelan-Orchester vom Kraton in den Außenhof der Großen Moschee gebracht, die dort die gesamte Woche spielen. Am Vorabend des Maulid-Tages werden sie um 23 Uhr feierlich in den Sultanspalast zurückgetragen und dürfen dann bis zur nächsten Sekaten-Woche nicht mehr gespielt werden.Vgl. Hofmann 72f und Beck.

mini|Garebeg Maulud vor 1935 in Yogyakarta mit den „Speisebergen“