mini|Französische Juden werden auf dem Scheiterhaufen verbrannt, Malerei, um 1410 Die Geschichte der französischen Juden reicht bis zu 2000 Jahre zurück. Im Frühmittelalter war Frankreich ein Zentrum jüdischen Lebens in Europa. Dieses fand jedoch sein Ende, als die Juden in mehreren Wellen (1182 – 1306 – 1394) vertrieben wurden.

Nach Jahrhunderten fast ohne jüdisches Leben war Frankreich das erste Land Europas, in dem die Juden nach der Französischen Revolution die bürgerliche Gleichberechtigung erhielten. Antijüdische Vorurteile verschwanden jedoch nicht, sondern kamen besonders in der Dreyfus-Affäre zur Zeit der Dritten Französischen Republik zum Ausdruck. Den Verfolgungen im Holocaust fiel ein Viertel aller französischen Juden zum Opfer. Zwischen 1942 und Juli 1944 wurden fast 76.000 Juden in Vernichtungslager deportiert; von ihnen überlebten nur etwa 2.500 (3,3 %). Das Lager Drancy bei Paris war das zentrale Sammellager für die Juden, die von dort nach Polen und Osteuropa deportiert wurden.

Seit den 1950er Jahren wuchs die Zahl der Juden in Frankreich durch Zuwanderung, vor allem aus den ehemaligen französischen Kolonien in Nordafrika. Heute weist Frankreich die größte jüdische Gemeinde Europas auf, die sich aber durch Terrorismus bedroht sieht.

Das Elsass und Lothringen wurden erst im 17. Jahrhundert französisch und wechselten mehrmals die Zugehörigkeit zu Deutschland und Frankreich. Daher unterscheidet sich die Geschichte der Juden im Elsass und die Geschichte der Juden in Lothringen von der Geschichte der Juden Frankreichs.

Römerzeit mini|links|Öllampe von Orgon, das älteste bekannte jüdische Artefakt Frankreichs

Der erste bekannte Jude, der in Gallien gelebt hat, war Herodes Archelaos , Sohn von Herodes dem Großen, den Augustus im Jahre 6 n. Chr. nach Vienne ins Exil schickte. Verschiedene archäologische Spuren, die eine Anwesenheit von Juden belegen, wurden meist im Rhonetal gefunden, darunter eine Öllampe, die mit einem siebenarmigen Leuchter geschmückt ist und 1967 in Orgon gefunden wurde.

Im Jahr 2009 wurde bei Ausgrabungen in Arles ein Doppelsarkophag entdeckt, der Pompeia Iudea (Pompeia die Jüdin) und Cossutius Eutycles aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. enthielt. Im 19. Jahrhundert hat man in der Nähe von Auch eine Stele gefunden mit einer lateinischen Inschrift, gefolgt von dem Wort shalom (Friede) in hebräischen Buchstaben, die aus dem 5. oder 6. Jahrhundert stammt.

Kaiser Konstantin der Große verpflichtete die Juden 321 dazu, die Last der Curia mit zu tragen, eine schwere finanzielle Bürde der Bewohner römischer Städte. Damit waren aber öffentliche Ämter möglich.

Kaiser Honorius bestätigte (395–423) im Jahr 409 den Juden, dass sie am Sabbat und an ihren Festtagen von öffentlichen Diensten, körperlicher Arbeit und vom Erscheinen vor Gericht befreit seien. Auch wurde die Zerstörung von Synagogen unter Strafe gestellt. Allerdings durften Juden keine Staatsämter mehr bekleiden, damit kein Christ unter einer jüdischen Obrigkeit stehen müsste. Ein Dekret der Herrscher Theodosius II. und Valentinian III., in welchem sie sich an Amatius, den Präfekten Galliens, richten, verbot Juden und anderen Nichtchristen im Jahre 426, öffentliche Ämter zu bekleiden, damit sich kein Christ einem Nichtchristen unterwerfen müsse.

Ab 465 (Konzil von Vannes) begann die Kirche, die Juden auszugrenzen, indem Klerikern gemeinsame Mahlzeiten verboten wurden. Große jüdische Gemeinden bestanden unter anderem in Marseille, Paris und Orléans. Die Juden bauten Synagogen in den meisten administrativen Zentren und an wichtigen Knotenpunkten des Handels. Sie waren oft Händler oder Steuereintreiber. Nach den Vorschriften des Codex Theodosianus konnten die Juden Galliens zumindest frei von staatlicher Unterdrückung leben und eine Liturgie entwickeln, die bis heute in Gebrauch ist.

Merowinger- und Karolingerzeit Bei Gregor von Tours werden in seinen Zehn Büchern zur Geschichte der Franken mehrfach Juden erwähnt, die als Fernhändler und Geldverleiher auf dem Gebiet der Merowinger auftreten. So kauft ein Jude Priscus für König Chilperich I. GetreideGregor von Tours: Zehn Bücher Geschichte der Franken, Band 6, Kap. 5 ein und unterstützt so den König in seinem Bemühen, die Rolle eines römischen Kaisers zu imitieren.

Auch nach der Christianisierung Galliens um 500 gibt es kaum Anzeichen für Konflikte zwischen Juden mit ihren christlichen Zeitgenossen. Kleriker konnten an jüdischen Festen teilnehmen, und selbst Heiraten zwischen Christen und Juden kamen vor. Manche Christen fühlten sich derart angezogen, dass es das Dritte Konzil von Orléans 538 für notwendig befand, die Gläubigen im Frankenreich vor dem „jüdischen Aberglauben“ zu warnen, und untersagte sonntags auf dem Feld zu arbeiten. Anders als die Juden dürfe man sonntags reiten, fahren oder sein Haus schmücken. mini|Goldmünze mit dem Bild Dagoberts I. König Dagobert I. schlug 629 die Ausweisung aller Juden, die keine Christen werden wollten, aus seinem Reich vor. Tatsächlich finden sich in der Folgezeit bis zu Pippin dem Jüngeren keine Aufzeichnungen einer jüdischen Bevölkerung. Doch in Septimanien, einem Küstenstreifen im Südwesten Galliens mit der Hauptstadt Narbonne, konnten die Juden unter westgotischer Herrschaft leben. Dort tauchten auch die ersten jüdischen Zeugnisse auf, welche auf Frankreich wiesen. Die jüdische Gemeinde Narbonnes bestand zu einem großen Teil aus angesehenen Händlern.

Unter Karl dem Großen waren die Juden im Frankenreich zahlreich und ihre rechtliche Stellung abgesichert. Sie durften gegen Christen prozessieren, mussten aber Sonntagsarbeit leisten. Sie durften weder im Finanzwesen tätig sein noch als Landwirte Getreide oder Wein anbauen. Sie waren vorwiegend im Exporthandel tätig, vor allem im Handel mit Palästina, woher sie wertvolle Waren importierten. Ein Händler namens Isaak wurde zum Beispiel im Jahre 797 von Karl dem Großen zusammen mit zwei Botschaftern zu Hārūn ar-Raschīd entsandt. Juden im Handel konnten sich rühmen, jegliche Güter von Bischöfen und Äbten besorgen zu können.

Frühe Kapetingerzeit (987–1137) Erste Verfolgungen der Juden mini|Front der Grabeskirche in Jerusalem (1905)|215x215px 1010 stellte Alduin, Bischof von Limoges, die jüdischen Bewohner seiner Diözese vor die Wahl, sich entweder taufen zu lassen oder ins Exil zu gehen. Trotz einiger Überredungsversuche schworen nur drei Viertel der Juden ihrem Glauben ab. Diejenigen, die sich nicht beugen wollten, flohen entweder in andere Städte außerhalb der bischöflichen Macht oder richteten sich selbst. Ein hebräisches Dokument erzählt ebenso davon, wie Robert von der Normandie seinen Vasallen befohlen haben soll, gezielt jene unter der jüdischen Gemeinschaft zu töten, die sich einer Taufe verweigerten.

König Robert II. der Fromme war bekannt für seine religiösen Vorurteile und den extremen Hass, den er gegenüber den „Häretikern“ entwickelte. Als einer der Ersten ließ er „Ketzer“ 1022 in Orléans verbrennen. Möglicherweise besteht eine Verbindung zwischen diesen Verfolgungen und dem Gerücht, welches 1010 grassierte, dass Juden ihren östlichen Glaubensgenossen Meldungen über den Aufmarsch gegen die Sarazenen zukommen ließen. Im Jahr zuvor hatten Muslime die Grabeskirche in eine Moschee umgewandelt, was in Europa große Erbitterung erregte. Die Vermutung kam auf, Muslime und Juden hätten sich insgeheim abgesprochen. Rodulfus Glaber trieb diese Verschwörungstheorie auf die Spitze, als er behauptete, Juden aus Orléans hätten den Muslimen mittels eines Bettlers im Geheimen Anweisungen gegeben, die Grabeskirche vollständig der Erde gleichzumachen. Wörtlich schreibt er:„Im neunten Jahr nach dem Jahr 1000 wurde die Kirche, in der sich in Jerusalem das Grab unseres Herrn und Heilands befand, auf Geheiß des Fürsten von Babylon ganz und gar zerstört […] Da diese glorreiche Gedenkstätte des Ruhms unseres Herrn aus der ganzen Welt eine Menge Besucher nach Jerusalem zog, begann der Teufel voll Haß mit Hilfe seiner üblichen Verbündeten, der jüdischen Nation, über die Anhänger des wahren Glaubens das Gift seiner Gemeinheit auszugießen. Es gab in Orléans, einer Königsstadt in Gallien, eine beträchtliche Kolonie dieser Rasse, die sich stolzer, boshafter und unverschämter zeigte als ihre Artgenossen. In hassenswerter Absicht verführten sie mit Geld einen Vagabunden, der das Pilgerkleid trug, Robert genannt, einen entflohenen Leibeigenen aus dem Kloster Sainte-Marie-de-Moutiers. Mit tausend Vorsichtsmaßnahmen schickten sie ihn zum Fürsten von Babylon mit einem hebräisch geschriebenen Brief, der in seinem Pilgerstab unter einer kleinen Eisenrolle eingelassen wurde, damit man nicht Gefahr lief, dass er ihm entrissen werde. Der Mann machte sich auf den Weg und trug dem Fürsten diesen Brief voller Lügen und Gemeinheiten zu, in dem ihm gesagt wurde, wenn er sich nicht beeile, das verehrungswürdige Haus der Christen niederzuwerfen, müsse er selbst damit rechnen, daß jene bald sein Königreich besetzten und ihn aller seiner Würden entkleideten.

Auf diesen Brief hin schickte der wütende Fürst sofort eine Expedition nach Jerusalem, die das Heiligtum zerstören sollte […] Das göttliche Erbarmen wollte, daß die Mutter dieses gleichen Fürsten, ich meine des Emirates von Babylon, eine sehr christliche Frau namens Maria, das auf Befehl ihres Sohnes zerstörte Heiligtum Christi mit schönen behauenen Steinen wiederaufbauen ließ. […] So strömte aus der ganzen Welt eine unglaubliche Menge Leute nach Jerusalem, mit zahlreichen Opfergaben für die Wiederherstellung des Gotteshauses beladen.“Jacques Le Goff: Das Hochmittelalter, Fischer Weltgeschichte 11,Augsburg 2000, S. 133 f.Aufgrund dieser Vermutung wurden in Frankreich Juden aus den Städten gejagt oder ermordet. Nur wenige blieben in der Heimat und nur ein Bruchteil derer, die geflohen waren, kamen nach Jahren wieder. Als eine Reaktion darauf sah sich Papst Alexander II. (1061–73) gezwungen, eine Nachricht all jenen Landesherren Frankreichs zukommen zu lassen, die ein Massaker an den Juden verhindert hatten. Er erinnerte sie, dass Gott das sinnlose Blutvergießen nicht anerkenne. Trotzdem trat 1064 aus religiösem Ansporn ein Heer von Kreuzrittern unter Wilhelm VIII. von Aquitanien an, das in Spanien in Barbastro gegen die Mauren vorging und all jene Juden niedermetzelte, die sie auf dem Weg antrafen. Kreuzzug (1095) Die Kreuzzüge in das Heilige Land ab 1095 schufen eine Atmosphäre, in der Juden leicht verfolgt wurden. Im Volkskreuzzug 1095 wurden Juden in Rouen (Normandie) angegriffen und im Ritterkreuzzug des Septembers 1096 in der Kirche eingesperrt und ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht niedergemetzelt. Viele ließen sich zum Schein taufen, kehrten aber nach einiger Zeit zu ihrem Glauben zurück. Zu dieser Zeit waren die Juden Frankreichs in ständiger Angst, was aus Briefen, die ins Rheinland versandt wurden, ersichtlich wird. Die Schreiber baten, für das Heil der Juden in Frankreich zu fasten und beten.

Jüdische Literatur und Bildung im Hochmittelalter In dieser Zeit wurde die jüdische Kultur angegriffen und bildete vor allem im Süden und Norden Frankreichs einheitliche Züge zur Abwehr aus. Ihr Werk beinhaltete besonders die Poesie, die sich bis dahin allein auf das Liturgische beschränkt hatte und in Pijjutim Israels Leiden und dessen unbeirrbare Hoffnung thematisierte. Sie wollte damit unterhalten und weniger mobilisieren. Parallel wurden neue biblische Auslegungen im Talmud und seinen zahlreichen Kommentaren zusammengefasst. Die Schriften wurden als „Corpus Juris“, als Gesetzbuch, angesehen. Eine spezifisch jüdische Philosophie, Naturwissenschaft oder Literatur in Frankreich entstand erst später. Es bildete sich unter den Juden Nordfrankreichs (Eigenbezeichnung Zarfatim) eine französisch-hebräische Sprache, die zarfatische Sprache („Judäo-Französisch“) heraus.