mini|Perlen Eine Perle ist ein fester, oft runder Fremdkörper aus Perlmutt, der in bestimmten perlbildenden Muscheln, seltener auch Schnecken heranwächst.
Kulturelle Bedeutung In einem Grab im Emirat Umm al-Qaiwain (Vereinigte Arabische Emirate (VAE)) haben französische Archäologen 2012 eine Perle entdeckt, deren Entstehungszeit sie auf zwischen 5547 und 5235 v. Chr. datieren konnten. Wenige Jahre später fanden Archäologen in den VAE eine Perle, deren Entstehung nach Radiokohlenstoffdatierung auf den Zeitraum zwischen 5800 und 5600 v. Chr. zurückgeht. Die Funde zeigen, dass die Bevölkerung der Arabischen Halbinsel bereits im Frühneolithikum nach Muscheln tauchte. Erste Überlieferungen, in denen Perlen erwähnt werden, finden sich im chinesischen Geschichtsbuch von Shu King („… erhielt König Yu Perlen als Tribut vom Fluss Hwai …“).
Im gesamten Altertum waren Perlen hoch geschätzt. In der Perlensymbolik wird die Perle in der Regel mit Jungfräulichkeit verbunden. Für die kurdischen Mystiker ist die Perle wie „ein Embryo, das am Grund seines Muscheluterus schlummert“. In der christlichen Ikonographie gilt die Perle ebenfalls als Symbol der jungfräulichen Empfängnis Marias.
Auch bei Griechen und Römern waren Perlen sehr begehrt. Die Römer übernahmen den griechischen Namen margarita (Plural margaritae) für Perle auch als Bezeichnung für die Geliebte, ein Begriff, der sich bis heute im Namen Margarete erhalten hat. Im Mittelalter wurde für die Perle auch der lateinische Begriff Lapis margaritae verwendet.Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 195 („Lapis margarite – perlyn, […] – Margaritae – perle“) und 202 (Margarita = Lapis margarite).Vgl. auch Isfrid Kayser: Margarita evangelica […] Das Evangelische Perlein, gefunden von B. Jacobo Alemanno. Ulm 1751. Eine ganze Reihe von Muscheln (etwa die Flussperlmuschel) erhielt später den (botanischen) Namenszusatz margaritifera, deutsch „perlentragend“.
In vielen Kulturen hatte und hat die Perle einen tiefen Symbolcharakter. So sind Perlen in China z. B. das Symbol für Reichtum, Weisheit und Würde; in Japan bedeuten sie Glück, in Indien Kinderreichtum. In vielen Kulturen werden Frauen oder bestimmte Körperpartien wie z. B. Zähne oft mit Perlen verglichen. Eine der häufigsten Anwendungen in der Heilkunde waren „Herzbeschwerden“.Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. 1959, S. 195 („Die vielseitige Perlentherapie mit der Hauptindikation „Herzbeschwerden“ ist […] (schon in Babylon nachweisbar) und magischen Ursprungs)“. Die Perle galt darüber hinaus sowohl als Aphrodisiakum wie auch als Heilmittel für Melancholie und Wahnsinn. Sie ist auch Symbol für Tränen.
Im Mittelalter erhielt sie zudem einen sakralen Charakter. Perlen galten als Zeichen der Liebe zu Gott. So finden sie auch im Neuen Testament der Bibel Erwähnung: Und die zwölf Tore waren zwölf Perlen, je eines der Tore war aus einer Perle, und die Straße der Stadt reines Gold, wie durchsichtiges Glas (Offenbarung des Johannes). Sie waren nicht zuletzt durch die Erwähnung in der heiligen Schrift unverzichtbarer Teil der Machtdemonstration christlicher Herrscher, die sie vorwiegend im Sinne der Zahlensymbolik einsetzten.
Die Margaritomantik befasst sich mit der Weissagung mit Hilfe von Perlen. Unter arabischem Einfluss begann ab dem 8. Jahrhundert die Verwendung als Heilmittel. In Europa wurden Flussperlen zur Herstellung von Perlmilch verarbeitet, und das „aqua perlata“ des Mittelalters bestand aus Perlenpulver, Essig oder Zitronensaft, Zucker und Kräutern. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nahmen Perlen einen festen Platz in den Lehrbüchern der Pharmazie ein.
Entstehung Perlen bilden sich in der Natur unter nicht genau geklärten Umständen. Die frühere Vermutung, ein in die Muschel eingedrungenes Sandkorn sei der Auslöser zur Bildung einer Perle, wird heute von der Wissenschaft mehrheitlich verworfen. Man geht davon aus, dass ein Sandkorn einem dem Leben am Boden angepassten Tier wie der Muschel keinerlei Schwierigkeiten bereitet.
Henry A. Hänni, Professor für Gemmologie an der Universität Basel, wie auch Jochen Schlüter, Leiter des Mineralogischen Museums der Universität Hamburg, gehen davon aus, dass für die Perlenbildung Epithelzellen der Muschel verantwortlich sind, die durch Einbohrung von Parasiten oder durch andere Verletzungen in das tiefere Mantelgewebe der Muschel verschleppt werden, wo sie eine Zyste bilden. Calciumcarbonat, das Baumaterial der Schale, wird dort abgeschieden und lagert sich Schicht um Schicht ab, wodurch schließlich eine Perle entsteht.SSEF Pearls, Tutorial CD, 2002natur+kosmos 6/2007, Seite 56
Zusammensetzung mini|Bruchfläche von Perlmutt im Rasterelektronenmikroskop
Die Perle hat eine kristalline Struktur und besteht wie die Muschelschale zu 80–92 % aus Calciumcarbonat (CaCO3) in seiner primären Form, dem Aragonit. Sekundär ist Calciumcarbonat als Calcit vertreten, hinzu kommt ein kleiner Anteil an Wasser. Die Kristalle wachsen in Form von Plättchen, sind schichtweise geordnet und werden von einer organischen Mischung aus Proteinen und Conchin (bzw. Conchiolin) gewissermaßen lose miteinander „verkittet“. Dadurch entsteht eine hohe Bruch- und Stoßfestigkeit. Die Bestandteile von Perlmutt und die Bestandteile der Perlen sind identisch, jedoch unterscheiden sich die Mengenanteile. Perlmutt enthält z. B. etwas mehr Wasser.
Perlen sind härter bzw. widerstandsfähiger als Perlmutt. Ihre Mohs’sche Härte beträgt 3,5–4. Sie wachsen in Schichten, die bei einer durchgesägten Perle ähnlich wie Baumringe zu sehen sind.
Der Glanz, „Lüster“ genannt, entsteht durch die Lichtreflexion und -brechung an den Kristallgrenzen des Calciumcarbonats und an den dort eingelagerten Wassermolekülen und wird umso feiner, je dünner und zahlreicher die Schichten sind (Interferenz). Durch das „Austrocknen“ und eine Veränderung der organischen Bestandteile ergibt sich die Alterung der Perlen.
Die Farbe ist abhängig von der Art der Perlmuschel, ihrem Lebensraum und der Wassertemperatur. Sie reicht von Weiß über Gelb und Rosa bis Grau. Perlen können, nachdem sie aus der Muschel genommen wurden, in nahezu allen Farben gefärbt werden. Sie vertragen jedoch weder Hitze noch Laugen und Säuren.
Bezeichnungen Eine international verbindliche Nomenklatur ist für den korrekten Perlenhandel Voraussetzung. Die jeweiligen Kriterien müssen im Handel angegeben werden und sind verbindlich für einen seriösen Einkauf und Verkauf. Unterschieden wird zwischen natürlichen Perlen, Zuchtperlen mit implantiertem Perlmuttkern oder einem Implantat aus Epithel, Imitationen von Natur- oder Zuchtperlen, Perlen aus Kompositionsmaterial, wie zum Beispiel die Mallorcaperlen. Auch Behandlungen von Perlen müssen angegeben werden.
Als „echte Perle“ oder „natürliche Perle“ dürfen nur die Perlen bezeichnet werden, die ohne menschliches Eingreifen in Gewässern gewachsen sind. Sie werden auch als „Orient-Perlen“ bezeichnet, wenn sie, wie bis ins 19. Jahrhundert insbesondere im Persischen Golf, von Perlentauchern gefischt wurden. Parallel dazu waren über Jahrhunderte die Flussperlen aus mitteleuropäischen Gebirgsbächen von größter Bedeutung. Ein Beispiel sind die perlenbestickten Gewänder in der Schatzkammer von Wien.
„Kulturperle“ oder „Zuchtperle“ ist der handelsübliche Name für eine durch Implantat von Menschenhand in dem Muschelkörper gewachsene Perle. Sie wird auf Muschelbänken gezüchtet und während ihrer zwei- bis dreijährigen Wachstumsphase intensiv betreut.
Unregelmäßig geformte Perlen nennt man „Barockperlen“.
Als „Biwa-Perle“ werden japanische Süßwasserperlen bezeichnet, die im Biwa-See gezüchtet wurden. Sie haben einen weichen Epithelkern und deshalb ausschließlich barocke Formen. Heute werden Zuchtperlen mit Epithelkern in vielen anderen Gewässern gezüchtet. Der Biwa-See ist heute durch Industrieschadstoffe so belastet, dass Zuchtfarmen kaum mehr gute Erträge bringen.
„Button-Perle“ bezeichnet eine Perle mit ebenmäßiger Oberfläche, die kreisrund, aber flachkugelig, das heißt elliptisch gewachsen ist. Sie kann natürlich vorkommen oder durch Implantat eines entsprechend geformten festen Kerns gezüchtet werden.
„Mabé-Perlen“ sind Halb-Perlen in vielfältigen Formen mit einer oft barocken Oberfläche. Sie können natürlich wachsen oder durch entsprechende Implantate als Halbkugeln, Herzen, Quadrate etc. gezüchtet werden.
„Keshi-Perlen“ („Mohnsamenperlen“) sind kleine Perlen, die sich ungeplant bilden können, wenn eine viel größere Perle mit Kern in einer Akoya-Muschel heranwächst.
Kriterien zur Beurteilung Bei einem Schmuckgegenstand gibt es neben objektiven Kriterien auch solche, die subjektiver Natur oder einer Mode unterworfen sind. Bei Perlen werden als Kriterien Form, Größe, Lüster, Oberflächenqualität, Farbe, Typ der Perle, Stärke des Perlmutts und Bohrung genannt. Oberflächenqualität und Lüster sind dabei von zentraler Bedeutung, da sie für die Schönheit der Perle ausschlaggebend und bei einem Perlenstrang Größe und Form meist weniger problematisch sind. Zur Beurteilung von Farbe und Lüster sollte man sie bei Tageslicht betrachten, niemals bei Kunstlicht; auch sollte man sie auf eine neutrale graue Unterlage legen, niemals auf eine weiße oder schwarze.
Form Als Hauptformen gelten: rund bzw. semi-rund (kugelförmig), tropfenförmig, button, oval, geringt, barock/semi-barock (abstrakt und ungleichmäßig). Die Form einer Perle ist vor allem als eine Modebeurteilung zuzuordnen. Am begehrtesten sind die perfekten Kugeln, wobei fast kugelförmige Perlen leichter und preiswerter zu bekommen sind und man den Unterschied nur bei genauer Betrachtung sieht. Größe Größenangaben gelten immer für den mittleren Durchmesser der Perle, nicht für deren Länge. Das Gewicht wird normalerweise in Karat, Korn (im englischen: Grain) (1 Grain = 0,06479891 Gramm) oder Momme (alte japanische Gewichtsbezeichnung, 1 Momme = 3,75 Gramm) angegeben. Zuchtperlen werden meist in Karat oder Momme gewogen, während Naturperlengewichte in Korn angegeben werden. Stränge und größere Perlenmengen werden oft in Gramm bzw. Kilogramm gewogen. Wie bei allen anderen Edelsteinen ist die Größe entscheidend: Je größer die Perle, desto höher ist ihr Wert. Die größten Zuchtperlen sind normalerweise, aufgrund der Größe der Austern und deren erstaunlicher Perlmutt-Produktion, die Tahiti- und die Südsee-Perlen. Lüster Der Lüster beschreibt den irisierenden Perlglanz (Schmelz) der Oberfläche, hervorgerufen durch die Lichtbrechung und die Reflexion des Lichts an den feinen, obersten Aragonitlagen, also die Qualität der Lichtreflexionen von der Oberfläche. Der Lüster gilt als Hauptkriterium zur Bestimmung der Perlqualität bei gleicher Größe. Er sollte gleichmäßig und ohne stumpfe, teigige Stellen sein. Beim Vergleich mehrerer Stränge sieht man die Qualität des Perlglanzes besser. Wenn beim Juwelier die Rede vom Lüster ist, dann wird das Zusammenwirken von Lichtreflexion (Lüster im engeren Sinne) und Orient (siehe unten) gemeint. Oberflächenqualität Die Qualität des Lüsters steht im direkten Zusammenhang mit der Oberflächenbeschaffenheit der Perle. Eine Perle mit einer glatten, seidigen Oberfläche reflektiert das Licht immer besser und gleichmäßiger als eine Perle mit ausgeprägten Fehlern. Die einzelnen Molluskenarten bilden unterschiedlich gute Oberflächen von glatt bis körnig aus. Kleinere Unebenheiten, Vernarbungen und Vertiefungen an der Oberfläche werden als Spots bezeichnet, sie mindern den Wert der Perle.