Als griechische Sprachfrage ( , Kurzform ), auch [neu]griechische Sprachenfrage oder [neu]griechischer Sprachenstreit, wird die Auseinandersetzung um die Frage bezeichnet, ob die neugriechische Volkssprache (Dimotiki) oder die antikisierende Hochsprache (Katharevousa) offizielle Sprache der griechischen Nation sein solle. Sie wurde im 19. und 20. Jahrhundert ausgetragen und 1976 zugunsten der Volkssprache entschieden, die seitdem Amtssprache in Griechenland ist.

Überblick Der Begriff der Sprachfrage wurde im 19. Jahrhundert in Analogie zur orientalischen Frage geschaffen.vgl. Babiniotis (2002), S. 428. Während diese das bestimmende außenpolitische Thema Griechenlands im 19. und frühen 20. Jahrhundert war, bezeichnet die Sprachfrage die große innenpolitische Herausforderung des griechischen Staates über viele Jahrzehnte hinweg. Die grundsätzliche Divergenz zwischen zwei voneinander unabhängigen Varietäten in der griechischen Sprache existierte schon seit dem ersten vorchristlichen Jahrhundert. Brisant wurde das auch als griechische Diglossie bekannte Phänomen jedoch erst mit der neugriechischen Aufklärung in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts, als mit dem Erwachen des neugriechischen Nationalbewusstseins Identitätsfragen und die geistige Wegbereitung der Staatsgründung einhergingen. Der griechische Sprachstreit erstreckte sich über einen Zeitraum von etwa 185 Jahren (vom Ende des 18. Jahrhunderts bis 1976) und prägte die Literatur, das Bildungswesen und das alltägliche öffentliche Leben in Griechenland entscheidend. Es handelt sich dabei nicht um eine rein akademische Debatte, sondern um eine teils ideologisch motivierte und oftmals erbittert geführte Auseinandersetzung, deren Auswirkungen die meisten Griechen direkt betrafen und die an ihrem Kulminationspunkt Todesopfer forderte.

Dimotiki und Katharevousa Die Begriffe Dimotiki (Volkssprache) und Katharevousa (Reinsprache) sind in einzelnen Schriften (Kodrikas 1818 beziehungsweise Theotokis 1797) schon zu Beginn der Sprachfrage nachzuweisen, erfuhren jedoch erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts weitere Verbreitung;vgl. Karvounis (2002), S. 15. davor war eher von archéa (, der „alten“, das heißt der am Altgriechischen orientierten) und kathomiluméni (, der „gesprochenen“ Sprache) die Rede. Hinter den Termini „Dimotiki“ und „Katharevousa“ stehen nicht zwei klar definierte und standardisierte Komplementärsprachen, sondern ein breites Spektrum von Sprachvarianten, die sich mehr oder weniger stark an der gesprochenen Volkssprache oder dem Altgriechischen orientierten und je nachdem einer der beiden Parteien grob zugerechnet wurden.

In den ersten Dekaden des Sprachstreits bezeichnete der Begriff Katharevousa eine bestimmte, von Adamantios Korais entwickelte Form der Hochsprache; in späteren Phasen der Auseinandersetzung und noch heute wird er dagegen pauschal für nahezu alle Sprachvarianten gebraucht, die nicht auf der gesprochenen Sprache basierten, sondern sich mehr oder weniger stark ans Altgriechische anlehnten. Einzelne Persönlichkeiten, die zur Sprachfrage Stellung bezogen, forderten sogar die Abschaffung der Katharevousa, da diese ihnen nicht hochsprachlich genug sei, und stattdessen die Wiederbelebung der reinen attischen SpracheSiehe das Kapitel „Die Hochzeit der Hochsprache“ – dies zeigt, dass Hochsprache und Katharevousa nicht immer synonyme Bezeichnungen sind. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es daher für die Zeit ab etwa 1835 zweckmäßig, den Terminus Hochsprache dem der Katharevousa vorzuziehen.

Der linguistische Hintergrund des Problems Während die Dimotiki die natürliche Muttersprache der Griechen war, stellte die Katharevousa eine künstliche Hochsprache dar, die zwar neugriechisch ausgesprochen wurde, sich jedoch grammatikalisch wie lexikalisch ans Altgriechische anlehnte und zahlreiche sprachliche Phänomene wieder einzuführen suchte, die die Volkssprache im Laufe der Zeit verloren hatte. Dazu zählen: morphologische Phänomene: Die Katharevousa enthielt in ihrer strengen Form unter anderem noch den altgriechischen Dativ, zahlreiche Partizipien und mehrere zusätzliche Zeitstufen und Konjugationsschemata bei den Verben. phonologische Phänomene: Die Katharevousa enthielt – da an das Altgriechische angelehnt, wiewohl neugriechisch ausgesprochen – einige nur schwer artikulierbare Buchstabenkombinationen, die dem neugriechischen Lautsystem ursprünglich fremd waren, so beispielsweise [], [], [], []. syntaktische Phänomene: Während die Volkssprache zumeist aus einfach konstruierten Sätzen bestand, wurde in der Katharevousa oft die altgriechische Syntax bemüht, um möglichst gelehrt wirkende, also lange und komplexe Sätze zu bilden. lexikalische Phänomene: Die Vertreter der Hochsprache verwarfen zahlreiche volkstümliche griechische Wörter sowie Fremdwörter, die das Neugriechische im Laufe der Jahrhunderte von anderen Sprachen, hauptsächlich dem Lateinischen, Venezianischen und Türkischen übernommen hatte, und ersetzten sie entweder durch altgriechische Wörter (zum Beispiel oder statt – Fisch) oder durch Neologismen (siehe unten).

In der Gesamtheit bewirkten diese Unterschiede, dass die Katharevousa für den durchschnittlichen Griechen ohne höhere Bildung nicht oder nur teilweise verständlich war.

Textbeispiele Beispiel zur Veranschaulichung der Diglossie Für jemanden, der selbst keine Griechischkenntnisse besitzt und in dessen Muttersprache (zum Beispiel Deutsch) es kein mit der griechischen Diglossie vergleichbares Phänomen gibt,Deutsche Muttersprachler der Schweiz haben es hier vermutlich einfacher, da die Koexistenz von Hochdeutsch und Schweizerdeutsch in der Schweiz auch eine Form von Diglossie darstellt. ist es schwer, die Hintergründe des griechischen Sprachstreits nachzuvollziehen. Denn es handelt sich hierbei um die Koexistenz zweier – im extremen Fall – grundverschiedener Sprachformen, die über das in jeder Sprache existente stilistische Gefälle zwischen geschriebener und gesprochener Sprache weit hinausgeht. Dennoch soll hier der Versuch unternommen werden, einen kurzen, stark hochsprachlichen Text und dessen Übertragung ins volkstümliche Neugriechisch in zweierlei Form im Deutschen wiederzugeben: Einmal in einer konstruierten, extrem gelehrten Hochsprache (als Pendant zur extremen Katharevousa), und einmal in einfachem, gesprochenem Deutsch (als Pendant zur Dimotiki). Es handelt sich dabei um den schriftlichen Neujahrsglückwunsch eines Kindes an seine Eltern:Das Katharevousa-Original stammt (als überzeichnete, entlarvende Extremform der Katharevousa in einem völlig unpassenden Kontext) von Pavlos Nirvanas (, 1905, S. 15); die anderen drei Versionen wurden vom Verfasser des Artikels angefertigt.

Stark antikisierende griechische Hochsprache:

Sehr gehobenes und altertümliches Deutsch: „Hochverehrte Frau Mutter, hochverehrter Herr Vater! Anlässlich des ersten Tages in diesem neuen Jahre des Herrn, und eingedenk Ihrer unerschöpflichen Liebe mir gegenüber sowie Ihrer zahllosen guten Thaten, wünsche ich itzo, als schwächlichen Abglanz meiner Rührung und Dankbarkeit, Ihnen Wohlfahrt, Glück und alles erquicklich Opportune. So wallet ewiglich in Wohlergehen, Ihr auf immer dankbarer Herr Sohn.“ Neugriechische Volkssprache (Dimotiki):

Einfaches Deutsch: „Liebe Mutti, lieber Vati, zum neuen Jahr möchte ich euch sagen, dass ich sehr froh und dankbar bin, dass ihr mich so liebhabt und mir so viel Gutes tut! Ich wünsche euch Gesundheit, Glück und alles, was ihr euch wünscht. In Liebe, euer Sohn.“

Zwei Texte von griechischen Schriftstellern

Historische Entwicklung Frühe Entstehung der Diglossie Bereits im ersten Jahrhundert vor Christus zeichnete sich im griechischsprachigen Raum die Entstehung zweier unterschiedlicher Schreibstile ab:So zahlreiche Autoren. Bei Karvounis (2002) wird das Ende des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts genannt. Während auf der einen Seite die alexandrinische Koine die sich natürlich entwickelnde, volkstümliche griechische Muttersprache war, begannen manche Gelehrte, die sogenannten Attizisten, in ihren Schriften das attische Griechisch der klassischen Zeit nachzuahmen. Dieses wurde mit den zahlreichen Errungenschaften des 5. Jahrhunderts v. Chr. in Philosophie, Staatskunst und anderen Bereichen assoziiert und galt als edel, wohingegen die einfache Sprache des Volkes, die innerhalb weniger Jahrhunderte große phonetische, morphologische und syntaktische Änderungen durchgemacht hatte und sich bereits deutlich vom Altgriechischen (genauer vom attischen Dialekt des Altgriechischen) unterschied, in gelehrten Kreisen zunehmend als vulgär und nicht schriftwürdig empfunden wurde. Dies führte jedoch zunächst zu keinen Auseinandersetzungen, da die offizielle Sprache des StaatesSeit Alexander dem Großen das attische Altgriechisch, im Byzantinischen Reich zunächst Latein, seit Kaiser Herakleios wieder die griechische Hochsprache, vgl. Karvounis (2002), S. 8. immer geregelt war und nicht angezweifelt wurde. Obwohl sich also das Auseinanderdriften von Volks- und Hochsprache zu einer dauerhaften Diglossie verhärtete, war dieser Zustand jahrhundertelang stillschweigend akzeptiert, da es allenfalls ein Problem des literarischen Ausdrucks gab, jedoch keine Beeinträchtigung des alltäglichen Lebens. Während die Volkssprache gesprochen und geschrieben wurde, beschränkte sich die am attischen Ideal orientierte Hochsprache auf den schriftlichen Gebrauch der wenigen Gelehrten.Zur Entstehung des Attizismus und der umstrittenen Frage, ab wann man von einer echten Diglossie sprechen könne, vgl. Christos Karvounis: Griechische Sprache. Diglossie und Verbreitung: ein kulturgeschichtlicher Abriss und ders. (2002), S. 4–11.

Die griechische Aufklärung mini|R. Velestinlis, wichtiger Wegbereiter der Revolution von 1821, schrieb in der Volkssprache. Im 17. Jahrhundert wurden erstmals vereinzelte Stimmen laut, die die Koexistenz zweier unterschiedlicher griechischer Sprachvarietäten problematisierten und eine der beiden kritisierten.So Babiniotis (2002), S. 428. Politis (1984), S. 21, führt schon Nikolaos Sophianos zu Beginn des 16. Jahrhunderts als ersten Gelehrten auf, der sich des Sprachproblems bewusst wurde. Ein tatsächlicher Diskurs setzte jedoch erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts ein, als Eugenios Voulgaris (1716–1806), Lambros Photiadis, Stefanos Kommitas und Neofytos Dukas als Vertreter eines gelehrten Sprachstils, und Voulgaris’ Schüler Iosipos Moisiodax (1725–1800) und Dimitrios Katartzis (ca. 1725–1807) als Befürworter einer einfacheren Sprache ihre Ansichten vertraten. Auch Rigas Velestinlis (1757–1798), Athanasios Psalidas (1767–1829) sowie die Dichter Ioannis Vilaras (1771–1823) und Athanasios Christopoulos (1772–1847) votierten für die Sprache des Volkes. Die griechischen Aufklärer machten sich in jener Zeit (1765–1820)Diese Epoche wird gemeinhin als griechische Aufklärung bezeichnet, siehe Karvounis (2002), S. 15. grundsätzliche Gedanken über Abstammung und Identität des neugriechischen Volkes und sahen sich mit der praktischen Frage konfrontiert, in welcher Sprache die Aufklärung der Nation vonstattengehen könne oder müsse. Längerfristig liefen diese Gedanken auf die Überlegung hinaus, welche die einheitliche Sprache des noch zu gründenden neugriechischen Staates sein solle.vgl. zur griechischen Aufklärung vor allem Politis (1984), S. 77–87.

Korais und die ersten heftigen Auseinandersetzungen mini|A. Korais beschritt einen Mittelweg zwischen Volks- und Hochsprache