mini|Nieder-Modau

Die ehemals eigenständige Gemeinde Nieder-Modau bildet 1971 gemeinsam mit Ober-Modau den ab 1977 zu Ober-Ramstadt gehörenden Stadtteil Modau im südhessischen Landkreis Darmstadt-Dieburg, rund 12 km südöstlich von Darmstadt. Funde im Ortsgebiet bezeugen die vor- und frühgeschichtliche Bedeutung des Ortes, der im 14. Jahrhundert Schauplatz des Raubrittertums war. Im 20. Jahrhundert ist Nieder-Modau durch den „Bankenkrach“ in weiten Teilen Deutschlands bekannt geworden. Die Bergbaugeschichte des Ortes reicht bis in das Jahr 1507 zurück.

Geografie Nieder-Modau liegt in einem in nord-südlicher Richtung verlaufenden Tal des vorderen Odenwalds am Bach Modau. Auf dem westlich angrenzenden Höhenzug (320–340 m) verläuft der europäische Fernwanderweg E1. Auf den östlich angrenzenden Erhebungen (260–280 m) sind Siedlungen aus der Römerzeit nachweisbar (Flurbezeichnung: Im römischen Grund).Im Römischen Grund. In: Die Namen der Gemarkungen Ober- und Nieder-Modau im Odenwald. Elwert, Gießen/Marburg, 1942 (= Hessisches Flurnamenbuch 27). Den Taleingang begrenzt im Norden der Schlossberg (280 m), auf dem angeblich bis 1382 die Burg Nieder-Modau stand. Im Süden schließt sich unmittelbar Ober-Modau an. Die früher bestehende Trennung beider Orte ist inzwischen durch die Lückenbebauung kaum noch erkennbar.

mini|hochkant|Evangelische Kirche Nieder-Modau, Ursprünge aus dem 13. Jahrhundert mini|hochkant|Katholische Kirche St. Pankratius

Nachbargemeinden Im Norden grenzt Nieder-Modau an das Kerngebiet der Stadt Ober-Ramstadt, etwas weiter westlich an Nieder-Ramstadt (Gemeinde Mühltal) und an Waschenbach (Gemeinde Mühltal). Im Süden liegen die Gemarkungen von Waschenbach (Gemeinde Mühltal) und Ober-Modau (Stadt Ober-Ramstadt). Östlich liegen die Orte Asbach (Gemeinde Modautal), Rodau (Stadt Groß-Bieberau), Rohrbach und Wembach (beides Stadt Ober-Ramstadt).

Geschichte Frühzeit Auf dem westlichen Höhenzug sind drei Steinbeile aus der Michelsberger Kultur (ca. 2000 v. Chr.) und Scherben aus der Urnenfelderzeit (1200–800 v. Chr.), aus der Hallstattkultur (800–500 v. Chr.) und La-Tène-Kultur (500 v. Chr. bis 50 n. Chr.) gefunden worden. Im Birkenbusch, südwestlich von Ober-Modau befindet sich ein Hügelgrab aus der La-Tène-Zeit. An der östlichen Nieder-Modauer Grenze (Gewann In der Flachsröß), stand im 2. Jahrhundert ein römischer Hof. In dem Bereich wurden bei einer Begehung auch Funde aus prähistorischer Zeit gemacht.

Zwischen dem Silberberg und dem Hohen Rodberg, auf dem sich ebenfalls Hügelgräber befinden, verläuft seit vorgeschichtlicher Zeit die Kreuzstraße, seinerzeit eine Verbindung der rheinischen Tiefebene mit dem Odenwald.

mini|Römischer Grund, ehemaliges römisches Siedlungsgebiet bei Nieder-Modau In der Römerzeit verlief über diese Höhe in nord-südlicher Richtung eine Handelsstraße (Hohe Straße, heutiger Fernwanderweg E1). Auf der westlichen Anhöhe verlief in der Römerzeit ebenfalls eine „hohe Straße“, über den Birkenbusch nach Bensheim führend, eine Querverbindung von Dieburg zur Bergstraße.

mini|Alte Schlossmühle Nieder-Modau

Mittelalter In den Katzenelnbogener Urkunden ist der Ortsname in wechselnder Schreibweise belegt (in Klammern das Jahr der Erwähnung): Modaha (1255), Muda (1305), Niedermodau (1344), Groß Modau (1360), Kirchmodau (1400). 1247 wird in einer katzenelnbogischen Urkunde ein Gerhard von Modau genannt, der Ritter und gräflicher Burgmann auf dem Schloss Auerbach war.Karl E. Demandt: Regesten der Grafen von Katzenelnbogen. Nr. 100. 1255 wird erstmals indirekt die Kirche Nieder-Modaus bezeugt.Demandt, Karl E.: Die Regesten der Grafen von Katzenelnbogen, Band 1: 1060-1418, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau, 1953. Nr. 116 Auf dem Kirchhof zu Modau tagte ein Gericht, das von Graf Diether V. (Katzenelnbogen) und seinem Kontrahenten Konrad von Dornberg einberufen war, um ihre Streitigkeiten über die Bezahlung gewisser Schulden zu regeln. Man einigte sich auf ein Schiedsgericht. Die Ursprünge der Kirche werden in der Zeit um 1150 vermutet, zu der auch die Burg Nieder-Modau entstanden sein soll.Arthur Funk, Georg Zimmermann: Zur Geschichte der Evangelischen Kirche zu Nieder-Modau. Reinheim, nach 1985

mini|links|Ehemalige Burg auf dem Schlossberg (Rekonstruktionsversuch) mini|hochkant|Wappen der Kalb von Reinheim mini|Schlossberg bei Nieder-Modau Dezember 2006

Letzter Burgherr der auf dem Schloßberg stehenden Burg soll der als Raubritter in die Geschichtsbücher eingegangene Werner Kalb von Reinheim gewesen sein.Die Reichsministerialen von Dornberg (vor 1160 jene von Hagen-Münzenberg) sind (…) bis zu ihrem Aussterben als maßgebliche Herrschaftsträger im oberen Modautal sowie als wahrscheinlichste Erbauer und Besitzer der Burg bei Nieder-Modau zu vermuten. Thomas Steinmetz: Der Südwestzipfel des Wildbanns Dreieich im Odenwald – ein Beitrag zur Geschichte des oberen Modautales und der Burg Nieder-Modau. In: Der Odenwald , Zeitschrift des Breuberg-Bundes, 2014, Nr. 2, S. 59 Kalb hatte zunächst der Stadt Frankfurt schriftlich beteuert, nicht länger gegen die Stadt selbst und die zur Messe der Stadt reisenden Kaufleute vorzugehen und dafür von der Stadt Geld erhalten. Zwei Jahre später widerrief er diese Erklärung ebenfalls schriftlich. Weggefährten von Kalb gründeten kurze Zeit später den Löwenbund. Als Reaktion darauf entstand der zweite Rheinische Städtebund, der kurz darauf beschloss, dass die Städte Frankfurt, Mainz und Worms dem Treiben des Kalb ein Ende setzen sollten. Die Burg wurde angeblich 1382 durch Reisige (bewaffnete Dienstleute) dieser Städte zerstört und ist nicht wieder aufgebaut worden.Walter Möller: Die Zerstörung der Burg Modau. In: Der Odenwald, Zeitschrift des Breuberg-Bundes, 1955, Heft 2, S. 51–54. Olaf Wagener: Die Belagerung und Zerstörung der Burg in Nieder-Modau 1382 – neue Erkenntnisse zu Belagerungsanlagen. In: Der Odenwald, Zeitschrift des Breuberg-Bundes, 2013, Heft 1, S. 23 Ihre Ruine wurde als Steinbruch genutzt. In den Urkunden der Grafschaft von Katzenelnbogen findet sich eine umfangreiche Zusammenstellung der Schäden in Nieder-Modau, Ober-Modau, Rohrbach, Wembach und dem Hofgut Illbach (Eulbach).Urkunden der Grafschaft von Katzenelnbogen. In: HADIS: Hessisches Archiv-Dokumentations- und Informations-System, Signatur: 1732, Stand 7. Januar 2007

Die Grafen von Katzenelnbogen sind ab dem 13. Jahrhundert im Besitz aller Kirchenrechte der Kirchengemeinde Nieder-Modau, das heißt, sie besaßen nicht nur das Patronat, sondern verfügten auch über den Zehnten. 1300 und 1310 erwirkten sie die Stadtrechtsverleihung für Reinheim und Ober-Ramstadt. 1330 für Darmstadt. Dies bedeutete vor allem das Recht, eine Mauer zu errichten und einen Markt abhalten zu dürfen. Von 1270 bis 1474 war der Zehnt aus den zum Nieder-Modauer Kirchspiel gehörenden Dörfern Nieder-Modau, Ober-Modau, Ernsthofen, Asbach und Klein-Bieberau an das Geschlecht der Jude vom Stein verliehen. Lehnsherren waren die Grafen von Katzenelnbogen.

1368 wird Gerhard von Katzenelnbogen, der Sohn Johanns von Katzenelnbogen († 1357) und Bruder Diethers VIII. (1340–1402) als Pastor der Pfarrkirche in Modau bekundet.Der Mainzische Kommissar Hermann schlichtet den Streit zwischen Herrn Gerhard von Katzenelnbogen, Pfarrer in Muda [Nieder-Modau], und Ruppert von Wetter, Pfarrer in Ramstadt, wegen des Benefizientausch. Gerhard von Katzenelnbogen erhielt Ober-Ramstadt und Ruppert von Wetter Nieder-Modau. Vigener, Fritz (Bearb.) In: Regesten der Erzbischöfe von Mainz von 1289-1396. Zweite Abteilung (1354-1396), Erster Band 1354-1371. Nr. 2478, 4. November 1368 (URI: www.ingrossaturbuecher.de/id/source/9833). Er war jedoch nicht als Pfarrer tätig, sondern hatte für die Dienstverrichtung einen Pleban eingesetzt, den er aus eigener Tasche bezahlte. Ihm standen jedoch der Zehnt vom Kirchspiel Nieder-Modau und die Einnahmen aus den Kirchengefällen zu. Gerhard von Katzenelnbogen wurde 1380 Dompropst zu Speyer.

Das Kirchspiel Modau gehörte bis zur Reformation zum Landkapitel Groß-Gerau und somit zum Archidiakonat St. Viktor in Mainz. Kirchenheiliger war der heilige Prankatius. Dies erklärt auch den Namen der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Diasporagemeinde „St. Pankratius“ in Modau.

Lehnsträger in Nieder-Modau waren im Spätmittelalter die Familien Ludwig Blache (1287), Jude vom Stein (Steyne) (1305),Jude vom Steyne. In: Regesten der Mainzer Erzbischöfe, StA Wü, MIB 14 fol. 375v, 20. Juli 1413 (URI: www.ingrossaturbuecher.de/id/source/10141) eine aus Mainz stammende und später in Bensheim sesshafte Familie, Werberg von Lindenfels (1371), eine im 15. Jahrhundert zeitweise sehr einflussreiche Familie am Heidelberger Hof, Kalb von Reinheim (1382), die Familie war später Mitglied im Ritterkanton Odenwald, Wilhelm und Gerhard Kuche von Dornberg (1386), Henne von Zwingenberg (1400) und von Ortenberg (1403). 1407 bestreitet Konrad von Frankenstein das Recht der Grafen von Katzenelnbogen an dem Zehnt aus Nieder-Modau, verzichtet jedoch am 22. Februar 1409 gegenüber „Graf Johann von Katzenelnbogen auf sein Recht, die Kirche zu Modau (Muda) zu verleihen und überträgt es dem Grafen, der davon ohne Konrads und seiner Erben Widerspruch Gebrauch machen kann, so oft es notwendig wird.“Urkunden der Grafschaft von Katzenelnbogen. In: Hessisches Archiv-Dokumentations- und Informations-System, Demandt, Regesten der Grafen von Katzenelnbogen, Regesten-Nr. 2607, Stand 7. Januar 2007

1410 versichert Graf Johann von Katzenelnbogen dem Ritter Emicho von Bürresheim (Burntz), seiner getreuen Dienste wegen u. a. den „ehedem Gerlach und Hermann Hagelstein (Hail-) gehörende Teil des Gutes zu Modau“, „wenn dieser ohne leibliche Lehnserben sterben sollte, auf seine gesamten männlichen Enkel zu übertragen.“Urkunden der Grafschaft von Katzenelnbogen. In: Hessisches Archiv-Dokumentations- und Informations-System, Sig. 2631, Stand 7. Januar 2007 Auch die Familie von Echter war 1420 Lehnsträger in Nieder-Modau, sie erhielt die Güter des verstorbenen Heinrich von Hattstein und war später Mitglied im Ritterkanton Odenwald. Im Jahr 1421 erhält die Familie Gayling von Altheim Lehen in Modau (die Familie war später Mitglied im Ritterkanton Odenwald). 1445 kaufen die Herren von Wallbrunn, die um 1440 die Burg Ernsthofen (heute Schloss Ernsthofen, Gemeinde Modautal) gekauft hatten und dort ihren Herrensitz errichteten, den Hof von Wilhelm Kuche in Nieder-Modau.Gernot Scior: Die Herren von Wallbrunn zu Ernsthofen – Geschichte einer Grafschaft 1440–1722. Verein für Heimatgeschichte Ober-Ramstadt, 1977 Weitere Lehensträger waren die Wais von Fauerbach (1516), von Buseck, genannt Münch und von Bobenhausen (1671).

In einer Urkunde vom 18. Juni 1449 wird Nieder-Modau erneut erwähnt: „Graf Philipp der Ältere übergibt seinem Sohn dessen Siegel, damit er diesen Vertrag mit seinem eigenen Siegel bestätigen kann. Junggraf Philipp darf von dem, was ihm darin lebenslänglich zugeteilt wird, nichts versetzen, veräußern oder sonstwie vergeben, beleihen oder belasten, sondern muss es, so lange sein Vater lebt, so erhalten, wie es ihm jetzt übertragen wird, es sei denn, dass sein Vater zu einer solchen Veräußerung oder Belastung seine Zustimmung gibt. (…) Auf Grund dieser Abmachungen hat Graf Philipp d. Ä. seinem Sohn folgende Schlösser, Städte und Dörfer mit allem Zubehör übergeben: Burg und Stadt Darmstadt, Bessungen, Arheilgen, Erzhausen, Schneppenhausen, Wixhausen, Gräfenhausen, Nieder-Ramstadt, Ober-Ramstadt, Nieder-Modau, Ober-Modau, Hahn, Klein-Bieberau, Semd, Zimmern und Dudenhofen sowie die Hälfte der Stadt Reinheim mit Zubehör und die Hälfte der Gülte, Beede, Zinse und Gefälle zu Rüsselsheim, Seilfurt und Raunheim. Andere Rechte soll er jedoch in den drei letztgenannten Orten nicht haben.“Urkunden der Grafschaft von Katzenelnbogen. In: Hessisches Archiv-Dokumentations- und Informations-System, Sig. 4590, Stand 7. Januar 2007