mini|hochkant|Wappen mini|hochkant|Siegel mit Devise
Jauch ist der Name einer ursprünglich bäuerlichen, später bürgerlichen Familie, die seit dem Ende des 15. Jahrhunderts im thüringischen Sultza Villa, den damals als Einheit verstandenen Orten Dorfsulza und Bergsulza, nachweisbar ist. Dort erscheinen Angehörige im 16. Jahrhundert als besessene Männer – freie, mit erblichen Gütern belehnte Bauern.Erbbuch des Amtschössers Roßla vom Jahre 1512 in: Georg Judersleben: Einwohner Sulzas vor der Reformation. Bad Sulza 1936, S. 42–47. Von Thüringen aus führten Linien der Familie im 17. Jahrhundert nach Mecklenburg und im 18. Jahrhundert nach Polen sowie in das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg. Über Lüneburg gelangte die Familie nach Hamburg, wo sie seit dem frühen 19. Jahrhundert zu den Hanseaten zählt. Seit dem späten 20. Jahrhundert wird der Name vor allem mit Günther Jauch verbunden.
Neben den räumlichen prägten soziale Veränderungen die Familiengeschichte, die mit dem Übergang vom bäuerlichen Stand zum Stadtbürgertum einsetzten – seit Beginn der gesicherten Stammfolge im 17. Jahrhundert sind die Angehörigen der Familie als Ackerbürger und zünftige Handwerker in Stadtsulza belegt. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts verließ Johann Christian Jauch der Ältere das durch Überschwemmungen und Kriegsschäden verarmte Stadtsulza und trat in den Kammerdienst der Herzogin von Mecklenburg-Güstrow ein; Söhne und Enkel wurden Offiziere in Diensten Augusts des Starken, später Augusts III. im Königreich Polen. Diese Zweige wurden seit dem Generalmajor Joachim Daniel Jauch in der polnischen,Adam Boniecki: Herbarz Polski, Bd. 8, Warszawa 1905, S. 340; Polska Encyklopedia Szlachecka, Bd. 6, Warszawa 1937, S. 194; Seweryn Uruski: Rodzina. Herbarz Szlachty Polskiej, Bd. 6, Warszawa 1909, S. 29; Emilian von Żernicki-Szeliga: Der Polnische Adel …, Bd. 1, Hamburg 1900, S. 373. teils auch deutschenZirschke, Johann Georg: Zuverläßige Beschreibung der Hohen Generalität, oder ausführliche Nachrichten von den Hohen Kriegsbedienten, welche seit dem Jahre 1680. dem Hause Sachsen Albertinischer Linie, gedienet, Görlitz 1756, S. 339. Literatur fälschlich dem Adelsstand zugerechnet;Die adelige Einordnung in polnischen Herbarzen und auch bei Zschirke erklärt sich wohl aus Rang und Hofnähe: Franz Georg Jauch als Oberstleutnant der Krongarde und Joachim Daniel Jauch als Generalmajor, Artilleriekommandeur und königlicher Baumeister standen in Positionen, die in Polen-Litauen meist von Angehörigen der Szlachta oder nobilitierten Ausländern besetzt waren; daraus wurde offenbar ohne nachweisbare Standeserhebung fälschlich auf Adel geschlossen. Ein Nobilitierungsakt ist nicht nachgewiesen. sie erloschen im 18. Jahrhundert.
Nachdem das Herrscherhaus Mecklenburg-Güstrow ausgestorben war und seine Frau Ingeborg, Kammerfrau der letzten Herzogin, ebenfalls nicht mehr lebte, wechselte Johann Christian mit einem Teil seiner Kinder zu Beginn des 18. Jahrhunderts aus der Residenz Güstrow nach Lüneburg. Dort fand die Familie Anschluss an das Bildungsbürgertum; die Familienmitglieder wirkten mehrheitlich als Geistliche und Juristen, daneben als Kaufleute. Nach der Verlegung des Handelsgeschäfts von Lüneburg nach Hamburg in der Mitte des 18. Jahrhunderts, weil Lüneburg nach dem Ende des Salzhandels wirtschaftlich stagnierte, wurden die Jauchs Teil des hanseatischen Großbürgertums.Man schätzte es in Hamburg selbst allerdings nicht besonders, wenn von ‚Großbürgertum‘ die Rede war: Man war Hamburger Bürger – nicht mehr und nicht weniger, in: Hans-Joachim Schröder: Hermann Franz Matthias Mutzenbecher, Hamburg 1917, S. 171 mwNw., was selbst schon eine Minderzahl war, da mehr als drei Viertel der Bewohner Hamburgs kein Bürgerrecht besaßen. In den folgenden Generationen erwarben sie Güter in Schleswig-Holstein und Kaffeeplantagen in Guatemala.
Überblick Hanseaten Aufstieg in die hanseatische Oberschicht mini|hochkant|Johann Christian Jauch senior (1765–1855)Bürgerporträt im sachlichen Stil des Spätbiedermeiers von Otto Speckter aus dem Jahr 1847 mit schlicht gehaltener, atypischer Kopfbedeckung statt des üblichen Zylinders.
Hamburg hatte sich seit etwa 1650 zu einer der bevölkerungsreichsten Städte des Alten Reiches und zu einem führenden Handelsplatz entwickelt; als aus dem Dreißigjährigen Krieg wohlhabend hervorgegangene, bürgerlich regierte Stadtrepublik war es für Kaufleute ein günstiges Pflaster. Ungeachtet des in Hamburg untersagten Adels – Adelige konnten weder Grundbesitz in der Stadt erwerben noch städtische Ämter bekleidenPercy Ernst Schramm: Hamburg und die Adelsfrage (bis 1806). In: »Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte«, Bd. 55, 1969, S. 82. – und des Fehlens eines erblichen Patriziats, das sich aufgrund der fortlaufenden Fluktuation und Selbstergänzung der bürgerlichen Führungsschichten nie herausbildete, lag die politische und wirtschaftliche Leitung der Stadt bei einer kleinen, kaufmännisch geprägten Oberschicht, den Hanseaten, die den Rat und die maßgeblichen Ämter unter Ausschluss der bürgerlichen MittelschichtenFür das ebenso regierte Bremen Andreas Schulz: Vormundschaft und Protektion: Eliten und Bürger in Bremen 1750–1880. 2002, S. 15 dominierte.Matthias Wegner: Hanseaten. Von stolzen Bürgern und schönen Legenden. Siedler, Berlin 1999, S. 34f.
Seit dem frühen 19. Jahrhundert zählt die Familie zu den Hanseaten, nachdem sie Mitte des 18. Jahrhunderts ihr Handelsgeschäft von Lüneburg nach Hamburg verlegt und dort ein Holzhandelshaus aufgebaut hatte, das bald zu den bedeutendsten der Stadt zählte. Für den Großhandel in Hamburg war das Großbürgerrecht maßgeblich, das unter anderem den Zugang zum bankmäßigen Zahlungs- und Kreditverkehr eröffnete. Johann Christian Jauch senior (1765–1855), letzter gemeinsamer Stammvater der heute lebenden Familienmitglieder, erwarb dieses erbliche Recht für sich und seine männlichen Nachkommen. Sein Enkel August Jauch (1848–1930) gehörte bis 1915 zu den letzten ohne allgemeine Wahl in die Hamburgische Bürgerschaft entsandten Notabeln,1913: Einwohner 1.037.275, zur Bürgerschaft wahlberechtigt 83.187, Gruppe I 28.479 Wähler für 48 Abgeordnete, Gruppe II 48.762 Wähler für 24 Abgeordnete, 5.946 Wähler im Landgebiet wählen 8 Abgeordnete, 8.731 Grundeigentümer wählen 40 Abgeordnete, 954 Notabeln wählen ebenfalls 40 Abgeordnete aus ihren Reihen. bevor mit der Novemberrevolution 1918/1919 die Stadtherrschaft der Hanseaten endete.
mini|Hamburg, Stadtdeich 9Im Staatsarchiv geführt als Stadtdeich 10, Verzeichnungseinheit DA002002 und andere mini|Blick am Hamburger Stadtgraben über die Bastion Bartholdus auf den Kronendeich – Häuser u. HolzlagerVgl. Karte von Hamburg aus dem Jahr 1791
Erbgesessen in Hamburg, Grundherren im Königreich Dänemark Der wirtschaftliche Schwerpunkt der Familie lag am Stadtdeich, wo sie mehrere Häuser im Bereich des Oberhafens besaß. Im westlichen, stadtnahen Abschnitt hatten Kaufleute aus der Innenstadt seit dem frühen 18. Jahrhundert reich ausgestattete Landhäuser errichtet, darunter den Barockbau Stadtdeich 9, das spätere Stammhaus der Familie, sowie der von Moritz Jauch (1804–1876) erworbene Stadtdeich 3. Von hier aus wurde der internationale Holzhandel betrieben; entsprechend ließen sich im 18. und frühen 19. Jahrhundert zunehmend Holzhändler am Stadtdeich nieder. Der westliche Stadtdeich wurde in dieser Zeit auch Krondiek beziehungsweise Kronendeich genannt, weil in diesem Teil vermögende Bürger wohnten.Anne-Marie Thede-Ottowell: Vom alten Stadtdeich, Hamburg 1998, S. 5 ff., 9. Darüber hinaus besaß die Familie städtische Wohnhäuser an der Außenalster. miniatur|Jagd auf Wellingsbüttel um 1860 – Joh. Chr. Jauch jun. (Mitte, hell) mit erlegtem Hirsch und JagdtrossLithographie des befreundeten Malers und Zeichners Eugen Krüger aus dem Jahr 1861, der regelmäßiger Jagdgast der Familie war. Im Umland, damals Teil des dänischen Gesamtstaats (später preußische Provinz Schleswig-Holstein), gelangten die Grundherrschaften Wellingsbüttel, Schönhagen und Krummbek sowie die Landgüter Fernsicht und Marienhof an der Stör sowie Schwonendahl in Familienbesitz. Wellingsbüttel war 1810 zunächst vom dänischen König an Herzog Friedrich Carl Ludwig von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Beck belehnt und zugleich zum Kanzleigut erhoben worden; dabei wurden das Dorf Wellingsbüttel und seine Armenlasten vom Gut getrennt.Fiege, Hartwig, Geschichte Wellingsbüttels – Vom holsteinischen Dorf und Gut zum hamburgischen Stadtteil, Neumünster 1982, S. 66 Das im Norden Hamburgs gelegene Wellingsbüttel bildet seit dem Groß-Hamburg-Gesetz von 1937 – zusammen mit dem vormaligen Dorf Wellingsbüttel – den heutigen Stadtteil Hamburg-Wellingsbüttel.
Ein Ausdruck der fortschreitenden Feudalisierung des Lebensstils der HanseatenVgl. Klaus Mühlfried: Baukunst als Ausdruck politischer Gesinnung – Martin Haller und sein Wirken in Hamburg, Diss. Hamburg 2005, S. 49 f., 610; vgl. Matthias Wegner: Hanseaten, Berlin 1999, S. 34 f; Renate Hauschild-Thiessen: Adel und Bürgertum in Hamburg. In: Hamburgisches Geschlechterbuch. 14, 1997, S. 31. war die Jagd auf ihren Gütern, die nicht bloß dem Vergnügen diente – Wildwahl und Ausstattung des Reviers zeigten unmittelbar, wo man stand.Martin Haller konstatierte bei den Hanseaten eine hochherrschaftliche Neigung zu bisweilen exzessiv betriebener Jagd. Vgl. Mühlfried, Klaus: Baukunst als Ausdruck politischer Gesinnung – Martin Haller und sein Wirken in Hamburg, Diss. Hamburg 2005, S. 49f. Der betriebene Aufwand war zum Teil beträchtlich und übertraf den für manches Jagdschloss eines mecklenburgischen Landesherrn.Mühlfried, Klaus: Baukunst als Ausdruck politischer Gesinnung – Martin Haller und sein Wirken in Hamburg, Diss. Hamburg 2005, S. 610. Johann Christian Jauch junior ließ – wie nach 1871 auch Bismarck im östlich von Hamburg gelegenen SachsenwaldHegewald, Carl Léon: Fürst Bismarck als Jäger, Neudamm 1895, S. 168. – auf Wellingsbüttel ein Wildgehege anlegen,Fiege, Hartwig: Geschichte Wellingsbüttels, Neumünster 1982, S. 70. um das nicht heimische Rotwild zu jagen. Außerhalb der Jagdzeiten stand der Wildpark – nach eingeholter ErlaubnisHeering, Wilhelm Christian August: Anleitung zu naturwissenschaftlichen Beobachtungen, 1905, S. 31 – Hamburger Ausflüglern offen.Hamburger Tourist, Hamburg und Leipzig 1886, S. 9
mini|175px|Carl Jauch (1828–1888) als Ltnt. d. hanseat. Kav.
Kavallerieoffiziere im Hamburger Bürgermilitär Zum Selbstverständnis der hanseatischen Führungsschicht gehörte die Übernahme von Offiziersstellen im Hamburger Bürgermilitär.„Die angesehensten Bürger der Stadt übernahmen bei dem damals so lästigen Dienst gerne eine Officiersstelle“. Andreas Fahl: Das Hamburger Bürgermilitär 1814–1868, Berlin, Hamburg 1987, S. 45. In Preußen öffnete der Eintritt ins Offizierskorps gesellschaftlich Türen; im Bürgermilitär war es umgekehrt: Rang und Vermögen bestimmten Waffengattung und Dienstgrad;Bedeutung und soziale Struktur des Bürgermilitärs. mit der Konsequenz, dass jeder, der in Konkurs geriet, zum einfachen Gardisten degradiert wurde.Andreas Fahl: Das Hamburger Bürgermilitär 1814–1868, Berlin/Hamburg 1987, S. 77; Ulrich Bauche: Abschied vom Bürgermilitär, Hamburg 1976. Mitglieder der Familie dienten als Oberleutnante in der von Rittmeister Adolph Godeffroy, später von Rittmeister Ernst Merck geführten Kavallerieeinheit, die schon wegen der selbst zu tragenden Kosten – bis hin zu eigenen Pferden – praktisch den Söhnen von Großbürgern vorbehalten war.Fahl, S. 179 „Da die Angehörigen des Bürgermilitärs zu den Privilegierten gehörten“, stabilisierten sie „die von den Interessen der Großkaufleute bestimmte Politik der Stadtregierung.“Ulrich Bauche, Beilage zur Hamburgensien-Mappe Hamburger Leben, zehnter Teil. Hamburg 1976.
Mitwirkende in der hamburgischen Selbstverwaltung