Hans Wilhelm Münch (* 14. Mai 1911 in Freiburg im Breisgau; † 6. Dezember 2001 in FüssenSterberegister des Standesamtes Füssen Nr. 430/2001) war ein deutscher Arzt. In der Zeit des Nationalsozialismus war er Lagerarzt im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz und im KZ Dachau. Er wurde im Krakauer Auschwitzprozess angeklagt und dort als einziger Beschuldigter freigesprochen. Später arbeitete er als niedergelassener Arzt in Roßhaupten am Forggensee bei Füssen.
Leben Hans Münch war der Sohn des Forstmeisters und späteren Botanik-Professors Ernst Münch und der Neffe des Mundartdichters Paul Münch. Seine Mutter, Tochter eines Pathologen, war in Genf aufgewachsen und stammte aus einer Familie von Ärzten und Pfarrern.Caroline Heitz, Eveline Schüep: Annäherung an die soziale Wirklichkeit der SS-Ärzte. Sprachanalysen und sozialpsychologische Untersuchungen anhand von Hans Münchs Erinnerungserzählungen. Frankfurt am Main und anderswo 2011, S. 157. Münch wuchs in der Nähe von Kaiserslautern und ab 1918 in Dresden auf, wo er 1931 das Abitur ablegte. Anschließend studierte er Medizin an den Universitäten Tübingen sowie München und war Politischer Leiter der Reichsstudentenführung. In Tübingen wurde er im Jahr 1933 Mitglied der Studentenverbindung AV Virtembergia.Wernigeroder Schwarzer Verband: Mitgliederverzeichnis des Wernigeroder Schwarzen Verbandes 1957, Tübingen 1957, S. 272. 1934 trat er dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB), dem NSKK sowie zum 1. Mai 1937 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 5.016.417).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/29831318 Im Jahr 1938 legte Münch sein Staatsexamen ab und wurde 1939 nach erfolgreich verteidigter Dissertation promoviert. Anschließend wurde er Assistenzarzt am Schwabinger Krankenhaus und heiratete im September 1939 die in 1911 in Bremen geborene Ärztin Ilse Heck, mit der er eine Tochter (*1940) und einen Sohn (*1942) bekam.Caroline Heitz, Eveline Schüep: Annäherung an die soziale Wirklichkeit der SS-Ärzte. Sprachanalysen und sozialpsychologische Untersuchungen anhand von Hans Münchs Erinnerungserzählungen. Frankfurt am Main 2011, S. 201–203.
Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges übernahm er in bayerischen Landarztpraxen die Vertretung eingezogener Ärzte. Nach eigener Aussage wurde er 1942 zur Waffen-SS gemustert. Er selbst sagte im März 1972 aus „Auf mein Drängen und durch Vermittlung eines Bekannten wurde ich dann schließlich im Jahre 1942 zur Waffen-SS gemustert“.Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-10-039310-4, S. 138. Er trat der Waffen-SS bei und wurde im Juni 1943 an das Hygiene-Institut der Waffen-SS Rajsko versetzt, ein Außenlager des Konzentrationslagers Auschwitz.Helgard Kramer: SS-Mediziner in Auschwitz. In: M. Brumlik, S. Meinl, W. Renz (Hrsg.): Gesetzliches Unrecht: rassistisches Recht im 20. Jahrhundert. Campus Verlag, 2005, ISBN 978-3-593-37873-2. Münch war am Hygiene-Institut der Waffen-SS in Auschwitz Stellvertreter des dortigen Leiters Bruno Weber.Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz; Frankfurt am Main, 1980, S. 389f. Münch experimentierte auch mit jüdischen Frauen, die in Block 10 im Stammlager Auschwitz untergebracht waren. Gemessen an den Experimenten Carl Claubergs und Horst Schumanns mögen seine Versuche harmloser gewesen sein, aber es ist zweifelhaft, dass sie dies nur deswegen waren, weil Hans Münch von vornherein beabsichtigte, unbedenkliche Versuche durchzuführen.Hans-Joachim Lang: Die Frauen von Block 10. Medizinische Experimente in Auschwitz. Hamburg 2011, S. 178. Um einen Zusammenhang von vereiterten Zahnwurzeln und Rheuma zu untersuchen, zog Münch Häftlingen Zähne und injizierte den daraus gewonnenen Eiter in Arme und Rücken der Menschen. 1998 sagte er aus, dass er damals Versuche an Menschen machen konnte, „die sonst nur an Kaninchen möglich sind“.Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-10-039310-4, S. 138. Ebenfalls ein Stellvertreter Webers war Münchs Kollege SS-Arzt Hans Delmotte.Aleksander Lasik: Die Organisationsstruktur des KL Auschwitz. In: Aleksander Lasik, Franciszek Piper, Piotr Setkiewicz, Irena Strzelecka: Auschwitz 1940–1945. Studien zur Geschichte des Konzentrations und Vernichtungslagers Auschwitz. Band I: Aufbau und Struktur des Lagers. Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, Oświęcim 1999, S. 320. Unter Münchs Kollegen war dort zudem auch der gleichaltrige, aus Bayern stammende Josef Mengele. Im Sommer 1944 wurde Münch zum SS-Untersturmführer befördert. Nach der Auflösung des KZ Auschwitz im Januar 1945 arbeitete Münch noch etwa drei Monate lang im Konzentrationslager Dachau.
Prozess in Polen 1946 In einem amerikanischen Internierungslager wurde er nach Kriegsende 1945 als ehemaliger KZ-Arzt von Auschwitz erkannt und festgenommen. 1946 lieferte man ihn als Häftling an Polen aus. Er wurde wegen seiner Experimente zu Rheuma und Malaria angeklagt. Im Krakauer Auschwitzprozess vor dem Obersten Nationalen Tribunal Polens machte Münch seine Aussage. Viele Häftlinge sagten zu seinen Gunsten aus. Er verließ Krakau als „human eingestufter, nicht verurteilter Kriegsverbrecher“, wie er später selbst sagte. Der Freispruch wurde unter anderem damit begründet, dass er sich strikt geweigert habe, auf der Rampe die ankommenden Häftlinge zu selektieren. Münch gab an, dass er Anfang 1944 vom Standortarzt Eduard Wirths zur Selektion an der Rampe aufgefordert worden sei, sich jedoch geweigert habe. Der Auschwitz-Häftling Hermann Langbein, der als Schreiber des Standortarztes Einblick in die Selektionspläne hatte, bestätigte beim Frankfurter Auschwitz-Prozess, dass Münch nicht selektiert habe.Tonaufnahme mit Transkription von Langbeins Aussage auf www.auschwitz-prozess.de. Zitat: „Nein. Münch hat nicht selektiert, aber Weber ist sicher auf der Liste gestanden.“ Münch wurde trotzdem kurze Zeit später zum SS-Untersturmführer befördert. Im Urteil des Polnischen Nationalgerichts in Krakau vom 22. Dezember 1947 war unter anderem zu lesen:
Es war der einzige Freispruch von 40 Angeklagten. Hans Münch wurde auch „der gute Mensch von Auschwitz“Bruno Schirra: Erkennen Sie mich noch, Herr Doktor? In: Die Welt. 25. Januar 2005. genannt, der auch Häftlinge vor dem Tod durch Vergasung bewahrt hat. Später übernahm Münch eine Landarztpraxis in Roßhaupten (Ostallgäu).
Leben als Zeitzeuge 1964 wurde er im ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess vernommen und in folgenden Verfahren als Sachverständiger aufgerufen.
In Robert Jay Liftons Buch The Nazi Doctors: Medical Killing and the Psychology of Genocide (1986) über die SS-Ärzte von Auschwitz werden umfangreiche Gespräche des Autors mit Hans Münch (anonymisiert als Ernst B.) wiedergegeben. Er wird beschrieben „als einziger SS-Arzt, bei dem die Bindung an den hippokratischen Eid sich als stärker erwiesen habe als die Bindung an den SS-Eid“, da er sich geweigert habe, sich an der Selektion der auf der Rampe von Auschwitz-Birkenau ankommenden Transporte von jüdischen Menschen für Arbeit im KZ oder für die sofortige Vernichtung in den Gaskammern zu beteiligen.
Mehrmals war Hans Münch in der Bundesrepublik Deutschland auf Diskussions- und Gedenkveranstaltungen. Er wurde geschätzt als Retter vieler Auschwitz-Häftlinge, der sich dadurch selbst in Lebensgefahr gebracht hatte. Zum Jahrestag der Befreiung besuchte er am 27. Januar 1995 auf Einladung von Eva Mozes Kor, die als Kind die Menschenversuche seines Arbeitskollegen Mengele überlebte, die Gedenkstätte Auschwitz.
Hans Münch wohnte in seinen letzten Jahren im Allgäu am Forggensee. Er starb im November 2001 im Alter von 90 Jahren.
Beginn der Kontroversen Ermittlungsverfahren 1998 1998 veröffentlichte Der Spiegel ein Interview mit Münch. Hans Münch und der Interviewer Bruno Schirra hatten sich vor dem Interview den Film Schindlers Liste angesehen. Im Bericht sind verschiedene Zitate Münchs abgedruckt:
Dirk Münch, Sohn von Hans Münch, äußerte wenige Tage später öffentlichDies solle ebenfalls im Spiegel gestanden haben, ist dort jedoch nicht auffindbar: Inhaltsverzeichnis. In: Der Spiegel. Nr. 42, 1998 (online). Vermutlich ein anderes Presseerzeugnis vom 12. Oktober 1998. sein Unverständnis über das geführte Interview. Er erklärte, sein 87-jähriger Vater leide seit zwei Jahren an Konzentrationsschwäche. Er kritisierte, das Anschauen des über drei Stunden langen Films Schindlers Liste sei für seinen Vater zu anstrengend gewesen.
Das bayerische Justizministerium veranlasste aufgrund Hans Münchs Interview im Spiegel ein staatsanwaltliches Ermittlungsverfahren; die Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen leitete eine Vorermittlung ein. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum forderte in einem Schreiben an die bayerische Staatsregierung die sofortige Verhaftung Münchs. Man durchsuchte die Stasi-Akten der Gauck-Behörde und forderte den Spiegel auf, die Tonbänder des Münch-Interviews zu übergeben, um prüfen zu können, ob die Staatsanwaltschaft eingreifen solle. Zum Verdacht der Beteiligung an NS-Verbrechen trugen drei Anhaltspunkte bei: Münchs Beteiligung am Rampendienst,Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht Frankfurt, Band II, Bl. 455 ff. Frühere Ermittlungsverfahren gegen Münch wurden aus Mangel an Belastungsmaterial eingestellt. Vgl. Einstellungsverfügung vom 25. September 1963, 4Ks 2/63, Band 88, Bl. 16674 und vom 13. Juli 1989 (Js 23281.6/89) 50 Js 31738.6/98, Duplo-Sonderheft A, S. 15. an Selektionen innerhalb des LagersSH-Dokumente, Aussage Radvanský 1999, 50Js 31738.6/98. sowie an Menschenversuchen, die zum Tod der Versuchspersonen geführt haben.Vertretung des Lagerarztes Heinz Thilo 1943 im Lager Birkenau BIIf Das Ermittlungsverfahren gegen Hans Münch wurde im Januar 2000 wegen „fortgeschrittener Demenz“ eingestellt.Sonderband Ärztliche Gutachten,50 Js 31738.6/98. Im November 2001 starb Münch.
Mitwirkung in Shoa-Dokumentarfilmen Münch wirkte als Interviewpartner in dem Dokumentarfilm Der Judenmord – Deutsche und Österreicher berichten von 1998 mit.
Im März 2000 startete in den deutschen Kinos der Dokumentarfilm Die letzten Tage. Er war 1999 in den USA unter dem Originaltitel The Last Days angelaufen und ab 16 Jahren freigegeben. Unterstützt wurde der Film von der Survivors of the Shoa Visual History Foundation, einer Stiftung, die Steven Spielberg gegründet hatte. Münch traf in dem Film als Zeitzeuge mit der Überlebenden Renée Firestone zusammen, deren Schwester in Auschwitz bei Menschenversuchen ums Leben gekommen war, und beide unterhielten sich. Eine Filmbesprechung wies darauf hin, dass der amerikanische Film keinen deutlichen Hinweis enthielt, dass der Zeitzeuge Münch zu dieser Zeit bereits an der Alzheimer-Krankheit litt. Nur im Abspann des Films sei eine kurze Anmerkung zu finden, allerdings in französischer Sprache.Filmbesprechung Die letzten Tage
Prozesse und Schuldspruch in Frankreich 2000–2001 Im Jahr 1998 hatte sich Hans Münch im französischen Rundfunksender France Inter über Roma und Sinti abfällig geäußert und die Meinung vertreten, für sie wären Gaskammern die einzige Lösung gewesen. Die Agence France-Presse (AFP) berichtet am 7. Mai 2001, dass das Pariser Berufungsgericht den Freispruch vom Juni 2000 aufgehoben hatte. In diesem Prozess war Münch der „Aufstachelung zum Rassenhass“ angeklagt worden. Er war der Gerichtsverhandlung im Jahr 2000 ferngeblieben. Ihm war eine „psychische Störung“ per ärztlichem Gutachten attestiert worden, was seinen Freispruch zur Folge hatte. (2001)