mini|Joseph Beuys mini|Joseph-Beuys-Poster für eine Vortragstournee durch die USA: Energy Plan for the Western Man, 1974, organisiert von dem Galeristen Ronald Feldman, New Yorkzentriert|150px|klasse=skin-invert-image|Autograph von Joseph Beuys

Joseph Heinrich Beuys [] (* 12. Mai 1921 in Krefeld; † 23. Januar 1986 in Düsseldorf) war ein deutscher Aktionskünstler, Bildhauer, Medailleur, Zeichner, Kunsttheoretiker und Professor an der Kunstakademie Düsseldorf.

Beuys setzte sich in seinem umfangreichen Werk mit Fragen des Humanismus, der Sozialphilosophie und Anthroposophie auseinander. Dies führte zu seiner spezifischen Definition eines „erweiterten Kunstbegriffs“Beuys. In: Kunst heute, 1989, Nr. 1; Kiepenheuer & Witsch. und zur Konzeption der Sozialen Plastik als Gesamtkunstwerk, indem er Ende der 1970er Jahre ein kreatives Mitgestalten an der Gesellschaft und in der Politik forderte. Er gilt weltweit als einer der bedeutendsten Aktionskünstler des 20. Jahrhunderts und ist seinem Biografen Reinhard Ermen zufolge als „idealtypischer Gegenspieler“ Andy Warhols zu sehen.Reinhard Ermen: Joseph Beuys. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2007, 2. Auflage. 2010, S. 71.

Leben

Kindheit und Jugend (1921–1941) mini|hochkant|Alexanderplatz 5 in Krefeld

Joseph Beuys, der in Rindern, einem Dorf nördlich des Neuen Tiergartens in Kleve am Niederrhein, aufwuchs, wurde als Sohn des Kaufmanns und Düngemittelhändlers Josef (oder Joseph) Jakob Beuys (* 8. März 1888 in Geldern; † 15. Mai 1958 in Kleve) und dessen Ehefrau, Johanna Maria Margarete Beuys, geborene Hülsermann (* 17. Juli 1889 in Spellen; † 30. August 1974 ebenda), geboren. Der Vater, der einer Müller- und Mehlhändlerfamilie aus Geldern entstammte, war 1910 als Handlungsgehilfe von Geldern nach Krefeld gezogen. Dort wohnte das Ehepaar mit dem jungen Beuys am Alexanderplatz 5.Martin Röse: Wo Beuys’ Wiege stand. rp-online.de, abgerufen am 18. März 2012. Im Herbst 1921 siedelte die Familie nach Kleve über und meldete sich zunächst unter der Adresse Kermisdahlstraße 24, in unmittelbarer Sichtnähe zur Schwanenburg, an. Nach zwei weiteren Umzügen bezog sie, mit Meldedatum vom 1. Mai, das Obergeschoss des Hauses Tiergartenstraße 187/Ecke Stiller Winkel (heute Hausnummer 101) in Neu-Rindern, einer Neubausiedlung einige hundert Meter westlich des ehemaligen Kurhauses Kleve.Werner Bebel: Joseph Beuys: „… zusammengezogene Wunde“. Von der frühen Kindheit in Kleve bis in die 70er Jahre. In: Freundeskreis Museum Kurhaus und Koekkoek-Haus Kleve e. V. (Hrsg.): Joseph Beuys. Werklinien, Kleve 2016, ISBN 978-3-934935-80-8, S. 210.

Von 1927 bis 1932 besuchte Joseph Beuys die katholische Volksschule, anschließend das staatliche Gymnasium in Kleve, heute Freiherr-vom-Stein-Gymnasium. Er lernte Klavier- und Cellospielen; in der Schule zeigte er im Zeichenunterricht Talent. Außerhalb der Schulzeit besuchte er mehrmals das Atelier des in Kleve ansässigen flämischen Malers und Bildhauers Achilles Moortgat, der ihn mit dem Werk von Constantin Meunier und George Minne bekannt machte.Birte Kleemann (Vorw.): Make the secrets productive. Joseph Beuys. Sculpture and Objects. Pace Wildenstein, 5. März–10. April 2010, S. 90. Auch zeigte sich Beuys beeindruckt von den Werken Edvard Munchs, William Turners und Auguste Rodins. Die Interessen des Schülers, geweckt durch einen Lehrer, galten der nordischen Geschichte und Mythologie. Zudem entwickelte er ein naturwissenschaftlich-technisches Interesse und trug sich zeitweise mit dem Gedanken, Kinderarzt zu werden.Christine Demele in: Marion Ackermann (Hrsg.): Joseph Beuys. Parallelprozesse. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, München 2010, S. 16. Während der in Kleve von den Nationalsozialisten organisierten Bücherverbrennung am 19. Mai 1933 im Hof des Gymnasiums schaffte er nach eigener Aussage das Buch Systema Naturæ von Carl von Linné „aus diesem großen brennenden Haufen […] beiseite.“Götz Adriani, Winfried Konnertz, Karin Thomas: Joseph Beuys. DuMont, Köln 1994, S. 13 f.

Für 1936 ist die Mitgliedschaft des 15-jährigen Beuys in der Hitlerjugend (HJ) belegt, als er im HJ-Bann 238/Altkreis Kleve am reichsweiten großen Sternmarsch zum Reichsparteitag nach Nürnberg teilnahm. In den letzten Schuljahren – 1938 hatte er erstmals einen Katalog mit Reproduktionen von Plastiken Wilhelm Lehmbrucks gesehenLothar Schirmer (Hrsg.): Mein Dank an Lehmbruck. Eine Rede. Schirmer/Mosel, München 2006, S. 44. – entschloss sich Beuys, Bildhauer zu werden. Ab 1938 spielte er am Gymnasium Cello im sogenannten „Bannorchester“ der HJ. Das Gymnasium verließ er gemäß der Mehrzahl der Biografien zu Ostern 1941 mit dem Notabitur,Reinhard Ermen: Joseph Beuys, S. 11. laut der Beuys-Biografie von Hans Peter Riegel jedoch bereits im Frühjahr 1940 ohne Abschluss.Hans Peter Riegel: Beuys. Die Biographie, Aufbau, Berlin 2013, S. 41.

Kriegszeit (1941–1945) mini|hochkant|Reichsuniversität Posen, 1941

Im Frühjahr 1941 meldete Beuys sich freiwillig zum Kriegsdienst in der Luftwaffe, wobei er sich für zwölf Jahre verpflichtete.Hans Peter Riegel: Beuys. Die Biographie, S. 45. Vom 1. Mai 1941 an wurde er im besetzten Poznań (Posen) vom späteren Tier- und Dokumentarfilmer Heinz Sielmann zum Bordfunker ausgebildet. Dieser förderte sein Interesse an Botanik und Zoologie. Beuys besuchte sieben Monate lang als Gasthörer Vorlesungen in diesen Fächern und in Geographie an der Reichsuniversität Posen.Diese Episode wurde 2008 von Marcel Beyer in seinem Roman Kaltenburg aufgegriffen und mit der bis heute ungeklärten Tätigkeit von Konrad Lorenz verwoben, der zur selben Zeit in Posen als psychiatrischer Gutachter tätig war.

Nach dem Abschluss seiner Ausbildung zum Bordfunker war Beuys auf der Krim stationiert und nahm im Juni 1942 am Kampf um die Festungsstadt Sewastopol teil. Ab Mai 1943, Beuys war inzwischen Unteroffizier, wurde er in Königgrätz im damaligen Protektorat Böhmen und Mähren als Bordschütze und Funker in einem Sturzkampfflugzeug (Stuka) vom Typ Ju 87 eingesetzt. Nach der Verlegung zum Luftwaffenstab Kroatien im Sommer 1943 war er bis ungefähr 1944 an der östlichen Adria stationiert. Von dort flog er zeitweise zu Waffentests die Luftwaffenbasis in Foggia an.Götz Adriani, Winfried Konnertz, Karin Thomas: Joseph Beuys, S. 15. Zahlreiche Skizzen und Zeichnungen aus Kriegstagen sind hier entstanden.

Flugzeugabsturz auf der Krim Am 4. März 1944 begann die Rote Armee an der Ostfront ihre Frühjahrsoffensive und erzwang in der Schlacht um die Krim den vollständigen Rückzug der deutschen Verbände aus der Ukraine. Während eines Einsatzes bei Schneefall hatte Beuys’ Stuka am 16. März 1944 rund 200 Meter östlich von Freifeld,Das Dörfchen Freifeld entstand 1926 durch jüdische Siedler. Nach dem Angriff auf die Sowjetunion 1941 wurden ihre Bewohner umgesiedelt und das Dorf, ohne seine ursprüngliche jüdische Bevölkerung, 1948 in Snamjanka umbenannt. Es gehört zum Bezirk (Rajon) Krasnohwardijske. im Blindflug Bodenkontakt und zerschellte am Boden. Der Pilot, Hans Laurinck, starb, Beuys wurde verletzt. Er erlitt eine Nasenbeinfraktur, mehrere Knochenbrüche und ein Absturztrauma. Von einem deutschen Suchkommando wurde er bei den Trümmern der Ju 87 gefunden und am 17. März 1944 in das mobile Militärlazarett 179 nach Kurman-Kemeltschi eingeliefert, das er erst am 7. April 1944 verlassen konnte.

Der Absturz mit seiner Nachgeschichte diente Beuys als Stoff einer Legende, der zufolge ihn nomadische Krimtataren „acht Tage lang aufopfernd mit ihren Hausmitteln“ (Salbung der Wunden mit tierischem Fett und Warmhalten in Filz) gepflegt hätten. Diese Legende, die Beuys’ Vorliebe für die Materialien Fett und Filz erklären sollte und die er in einem BBC-Interview ebenso beschrieb,Joseph Beuys. BBC Arena Dokumentation, 1987. vertrat auch sein Biograf Heiner Stachelhaus bis zuletzt.Heiner Stachelhaus: Joseph Beuys. 3. Auflage. Econ & List, Düsseldorf 1998, S. 26. Nach der Recherche des Künstlers Jörg Herold wurde Beuys nach dem Absturz von einem Suchkommando gefunden, wie die FAZ über Herolds Spurensuche auf der Krim am 7. August 2000 meldete.Ein Tag im Leben des Joseph B. In: FAZ, 7. August 2000. Der acht- bis zwölftägige Aufenthalt bei den Tataren, wie ihn Stachelhaus und andere überliefern, wurde schon 1996 von Beuys’ Ehefrau Eva in Zweifel gezogen. Die Witwe stufte die immer wieder erzählte Geschichte als seine „Fieberträume in langer Bewußtlosigkeit“ ein.

Ende des Krieges Im August 1944 wurde Beuys an die Westfront geschickt, wo er als Oberjäger in der Fallschirmjäger-Division Erdmann diente. Er erhielt das Verwundetenabzeichen. Einen Tag nach der Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 geriet Beuys in Cuxhaven in britische Kriegsgefangenschaft und kam in ein Lager, das er am 5. August 1945 verlassen durfte. Körperlich schwer angeschlagen kehrte er zu seinen Eltern nach Neu-Rindern bei Kleve zurück.

Studium und Aufbruch (1945–1960) 1945 schloss er sich der Künstlergruppe des in Kleve ansässigen Malers Hanns Lamers an. 1946, im Alter von 25 Jahren, wurde er Mitglied des von Lamers und Walther Brüx neu ins Leben gerufenen „Klever Künstlerbundes“ (vormals „Profil“).Reinhard Ermen: Joseph Beuys, S. 30 f. Von 1948 bis 1950 beteiligte sich Beuys dreimal mit Zeichnungen und Aquarellen an den Gruppenausstellungen des Verbandes, die im ehemaligen Atelierhaus von Barend Cornelis Koekkoek, heute das B.C. Koekkoek-Haus, stattfanden.

Zum Sommersemester 1946 immatrikulierte sich Beuys, zusammen mit seinem Schulfreund Ernst Schönzeler, an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf. Er begann das Studium der Monumentalbildhauerei am 1. April 1946. Während des ersten Semesters bei Joseph Enseling, bei dem er drei Semester studierte, lernte er Erwin Heerich, Holger Runge und Elmar Hillebrand kennen. Ab dem Wintersemester 1947/1948 wechselte Joseph Beuys, von Heerich veranlasst, in die Klasse von Ewald Mataré.Reinhard Ermen: Joseph Beuys, S. 33. Von 1947 bis 1949 arbeitete er an zoologischen Filmen von Heinz Sielmann und Georg Schimanski über den Lebensrhythmus des Wildes im Birkenwald der Lüneburger Heide, über nördliche Wildschwäne, Gänse und Enten im Schwemmland der Ems und über das Leben des weißen Storches im schleswig-holsteinischen Bergenhusen mit. 1948 kam er in einem Arbeitskreis, den der Anthroposoph Max Benirschke leitete, mit den esoterischen Lehren von Rudolf Steiner in Berührung.

Von 1946 bis 1948 wohnte Joseph Beuys im Haus der Familie Niehaus in der Gartenstadt Meererbusch, Am Willer 3. In der dortigen Garage bekam er ein Atelier, war zeitlebens mit den Kindern des Hauses Ruth Niehaus und Helmut Niehaus befreundet. Er entwarf 1951 den Familiengrabstein auf dem Büdericher Friedhof und wurde Patenonkel von Helmut Niehaus’ Tochter Monika Niehaus.

Der Meisterschüler mini|Joseph Beuys und Erwin Heerich: Die trauernden Eltern, 1954, in Alt St. Alban, Köln

Ewald Mataré ernannte Joseph Beuys 1951 zu seinem Meisterschüler. Gemeinsam mit Erwin Heerich bezog Beuys bis 1954 sein Meisterschüleratelier unter dem Dach der Kunstakademie. In dieser Zeit schuf er das Eisenguss-Relief einer Pietà, mit der er 1952 auf der Kunstausstellung Eisen und Stahl einen Preis errang.

mini|Bronzetür der Südseite des Kölner Doms