mini|hochkant=1.4|Das Fridericianum in Kassel während der Documenta 13 (2012)
Die documenta ist die weltweit bedeutendste Reihe von Ausstellungen für zeitgenössische Kunst. Sie findet alle fünf Jahre statt (ursprünglich alle vier Jahre) und dauert jeweils 100 Tage; sie wird daher auch als Museum der 100 Tage bezeichnet.Arnold Bode prägt diesen Begriff erstmals im Vorwort zum Band 1 des Kataloges: documenta III. Internationale Ausstellung; Katalog: Band 1: Malerei und Skulptur; Band 2: Handzeichnungen; Band 3: Industrial Design, Graphik; Kassel/Köln 1964; S. XIX Die erste documenta wurde 1955 veranstaltet und ging auf die Initiative von Arnold Bode zurück. Standort der documenta ist Kassel.
Die documenta präsentiert einen Querschnitt durch die aktuelle Kunst aus dem Blickwinkel des jeweiligen Kurators, der im Kontext der documenta künstlerischer Leiter genannt wird. Ihre Geschichte ist voller Gegensätze und Brüche, in der sich unterschiedliche künstlerische und kuratorische Haltungen, Philosophien und Theorien ebenso widerspiegeln wie politische und gesellschaftliche Zeitströmungen. Als weltweit einzige Institution von vergleichbarer Bedeutung gilt die Biennale von Venedig.
Beschreibungszitat
Wortschöpfung „documenta“ mini|Ortstafel von Kassel
Der Name der Ausstellung ist ein Kunstwort. Die Bezeichnung trägt den Anspruch insbesondere der ersten documenta von 1955 in sich, eine Dokumentation zu sein über die moderne Kunst, die den Deutschen während der Zeit des Nationalsozialismus nicht zugänglich war. Aus dem Umkreis von Arnold Bode wurde kolportiert, bei der Namensfindung habe eine Rolle gespielt, dass das lateinische Wort documentum die Worte docere ‚lehren‘ und mens ‚Geist‘ in sich trage– welch letzteres jedoch nicht stimmt – Es handelt sich bei -mentum um die lateinische to-Erweiterung eines indogermanischen substantivbildenden Deverbativsuffixes, das vor allem nomina rei actae generiert. Manu Leumann: Lateinische Laut- und Formenlehre (= HbdA II.2.1). München 1977, § 326. – und damit Ziel und Anspruch der documenta gut wiedergebe.Harald Kimpel: documenta, Mythos und Wirklichkeit. Köln 1997, ISBN 3-7701-4182-2.
Die Namensgebung kommt aus dem Umfeld von Arnold Bode; wer der genaue Urheber ist, ist heute nicht mehr genau nachweisbar. Arnold Bode selbst reklamierte die Urheberschaft für das Wort documenta klar für sich: „50 habe ich den Namen erfunden.“„Ich musste aus Kassel etwas machen, um nicht unterzugehen.“, Interview mit Arnold Bode in: Horst Wackerbarth (Hrsg.)/Stadtzeitung und Verlag Kassel; Kunst und Medien – Materialien zur documenta 6. Kassel 1977, ISBN 3-921768-00-4. Die Wortschöpfung documenta ist eine typische Kreation der 1950er-Jahre. In – damals moderner – Kleinschreibung und mit angehängtem „a“ (Arnold Bode: „machen wir ein ‚a‘ dran, das klang sehr gut …“) erinnert es an andere Wortschöpfungen dieser Zeit, beispielsweise an die Baumesse Constructa (ab 1951) in Hannover.
Für das Kunstwort existiert keine festgelegte Pluralbildung. Sowohl die Mehrzahlbildung „documenten“ als auch Wortkombinationen wie „documenta-Ausstellungen“ sind üblich. Bode selbst und andere Ausstellungsleiter der documenta verwendeten beides (Arnold Bode:Arnold Bode: „… ein Grußwort 1976“. In: Ausstellungskatalog zur documenta 5: documenta 5. Befragung der Realität – Bildwelten heute. Katalog (als Aktenordner) Band 1: (Material); Band 2: (Exponatliste); Kassel 1972. „das Museum Fridericianum bietet sich an, zwischen den documenten als Club, …“ oder Manfred Schneckenburger:Manfred Schneckenburger (Hrsg.): documenta – Idee und Institution: Tendenzen, Konzepte, Materialien. München 1983, ISBN 3-7654-1902-8. „Die einzelnen documenten fanden in folgenden Jahren statt“).
Der Name der Ausstellung wird von den Machern bis heute in der Regel klein geschrieben. Oft wird documenta auch abgekürzt als „d“, gefolgt von der jeweiligen Zahl, (beispielsweise „d 12“) bezeichnet. Angelehnt an die Ausstellungsdauer wird die documenta auch „Museum der 100 Tage“ genannt. Unabhängig davon, wer der Urheber des Kunstwortes war, wurde das Ziel der Kreation erreicht. Die Wortschöpfung sollte zeitlos sein. Und inzwischen ist documenta auch ein Quasi-Synonym für „zeitgenössische Kunst“ geworden.
Entwicklung mini|links|hochkant|Wilhelm Lehmbrucks Kniende (1911). Sie stand auf der documenta 1 im Eingangsbereich des Fridericianums. mini|Tante Olga von Anatol Herzfeld, documenta 6 1977 mini|Stadtverwaldung von Joseph Beuys, Eiche vor dem Museum Fridericianum, documenta 7
Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts fanden in Kassel Ausstellungen statt, die Kunst aus aller Welt zeigten, darunter die Jubiläumskunstausstellung (Deutsche Kunst-Ausstellung) 1913 mit dem Schwerpunkt „Jugendstil“. Anerkennung fand die 1929 veranstaltete Vierte Kunstausstellung an der Orangerie mit dem Schwerpunkt „Neue Kunst“. Zu Zeiten des Nationalsozialismus fanden keine bedeutenden Kunstausstellungen mehr statt.
Initiator der ersten documenta war der Kasseler Kunstprofessor und Designer Arnold Bode. Anlässlich der Bundesgartenschau 1955 gelang es ihm, mehr als 130.000 Besucher anzuziehen. Schwerpunkt dieser ersten Ausstellung war weniger die „zeitgenössische Kunst“, also die nach 1945 entstandene, vielmehr wollte Bode den Besuchern vor allem die Arbeiten derjenigen Künstler nahebringen, die während der NS-Zeit unter der Bezeichnung „Entartete Kunst“ in Deutschland verfemt wurden. Daher stand die Abstrakte Kunst, insbesondere die Abstrakte Malerei der 1920er und 1930er Jahre im Mittelpunkt der ersten Ausstellung.
Im Rahmen der folgenden Jahre verlagerte sich der Schwerpunkt zur zeitgenössischen Kunst. Anfangs war die Schau auf Europa beschränkt, doch bald umfasste sie auch Werke von Künstlern aus Amerika, Afrika und Asien.
Die CIA soll dabei mit Institutionen wie dem Museum of Modern Art und dem Kongress für kulturelle Freiheit die Ausstellung von Werken moderner US-amerikanischer Künstler wie Jackson Pollock, Mark Rothko, Barnett Newman, Franz Kline u. a. gefördert haben.Dietrich Heißenbüttel: Kassel im kalten Krieg, in: Kontext Wochenzeitung, Ausgabe 223 vom 8. Juli 2015
BezeichnungJahrLeiterKünstlerExponateBesucherzahldocumenta 1955 Arnold Bode, Werner Haftmann 148 670 130.000II. documenta 1959 Arnold Bode, Werner Haftmann 338 1770 134.000documenta III 1964 Arnold Bode, Werner Haftmann 361 1450 200.0004. documenta 1968 24-köpfiger documenta-Rat 151 1000 220.000documenta 5 1972 Harald Szeemann 218 820 228.621documenta 6 1977 Manfred Schneckenburger 622 2700 343.410documenta 7 1982 Rudi Fuchs 182 1000 378.691documenta 8 1987 Manfred Schneckenburger 405 600 474.417documenta IX 1992 Jan Hoet 189 1000 603.456documenta X 1997 Catherine David 120 700 628.776Documenta11 2002 Okwui Enwezor 118 450 650.924documenta 12 2007 Roger M. Buergel, Ruth Noack 114 über 500 754.301dOCUMENTA (13) 2012 Carolyn Christov-Bakargiev 187 904.992documenta 14 2017 Adam Szymczyk über 160 1500 891.500 in Kassel339.000 in Athendocumenta fifteen 2022 ruangrupa über 1.500 über 738.000documenta 16 2027 Naomi Beckwith
Ausstellungsorte mini|zentriert|600px|Verzerrtes Panorama des Friedrichsplatzes mit Fridericianum (2. Geb. von links) und Documenta-Kassenhäuschen (rechts)
Die documenta nutzt unterschiedliche Ausstellungsorte innerhalb des Stadtgebietes von Kassel. Fester Ort seit 1955 ist das Fridericianum. Seit 1992, der DOCUMENTA IX, kam die neu erbaute documenta-Halle hinzu. Daneben werden – jeweils nach den Vorstellungen des künstlerischen Leiters – auch andere Museen in Kassel für die Dauer der Ausstellung zum Bestandteil der documenta. Hinzu kommen Gebäude, die regulär nicht für Ausstellungszwecke genutzt werden und daher über den Aspekt der ausgestellten Kunst hinaus weitere Einblicke gewähren, etwa als technische oder infrastrukturelle Anlagen.
Neben den künstlerischen Arbeiten, die innerhalb von Gebäuden präsentiert werden, sind auch Werke unter freiem Himmel fester Bestandteil der documenta. Standorte dieser Außenarbeiten sind traditionell der Friedrichsplatz, vor dem Fridericianum, sowie die Karlsaue, eine innerstädtische Parkanlage. Aber auch andere Örtlichkeiten innerhalb der Stadt wurden bereits genutzt.
Außenstellen der dOCUMENTA (13) befanden sich in Kabul und Bamiyan in Afghanistan, Alexandria und Kairo in Ägypten sowie Banff in Kanada.
Die documenta 14 fand in Kassel (10. Juni bis 17. September 2017) und am gleichberechtigten Standort Athen (8. April bis 16. Juli 2017) statt. An beiden Orten waren Werke derselben Künstler zu sehen, allerdings unterschiedliche Arbeiten.
Besucher-Struktur mini|Besucher am letzten Wochenende der dOCUMENTA (13)
Eine Studie, die der Verwaltungsökonom Gerd-Michael Hellstern von der Universität Kassel erstellt hat, lieferte basierend auf Befragungen während der Documenta11 im Jahr 2002 Zahlen zur Besucher-Struktur:Zahlen nach Peter Ketteritzsch: Kunstfans kommen wieder. In: Hessische/Niedersächsische Allgemeine. Kassel, 18. Mai 2007 (online auf: www.hna.de).
Danach kamen nur 7 Prozent der Besucher unmittelbar aus Kassel, dagegen reisten 27 Prozent aus dem Ausland an. 57 Prozent der Befragten zählten sich zur Gruppe der Stammbesucher. 61 Prozent der Menschen, die die Ausstellung im Jahr 2002 besuchten, wollten 2007 wiederkommen. Die Veranstaltung wird von Jüngeren dominiert: 22,5 Prozent waren zwischen 30 und 39 Jahren alt, die zweitstärkste Gruppe stellten die 20- bis 29-Jährigen mit 21,8 Prozent. Ein Drittel der Befragten waren Akademiker, aber nur 1,2 Prozent Facharbeiter.
Organisation Organisiert wird die Weltausstellung zeitgenössischer Kunst durch die documenta und Museum Fridericianum Veranstaltungs-GmbH, eine gemeinnützige Gesellschaft, die von der Stadt Kassel und dem Land Hessen als Gesellschafter getragen und finanziert und zudem durch die Kulturstiftung des Bundes finanziell unterstützt wird. Der jeweilige Oberbürgermeister der Stadt Kassel hat den Vorsitz des Aufsichtsrates inne.
Ehemaliger Geschäftsführer war Bernd Leifeld (seit 1996), der mit Ablauf Juni 2014 in den Ruhestand ging. Der Aufsichtsrat wählte die geschäftsführende Verlegerin des Hatje Cantz Verlags, Annette Kulenkampff, als Nachfolgerin. Ende 2017 verkündete der Aufsichtsrat das Ausscheiden der Geschäftsführerin. Zum Nachfolger wurde zunächst der Musikmanager Wolfgang Orthmayr ernannt,Documenta-Geschäftsführer: König von Kassel, Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 10. April 2018 gefolgt von Sabine Schormann, die zuvor in Hannover in der Geschäftsführung der VGH-Stiftung sowie als Geschäftsführerin und Direktorin der Niedersächsischen Sparkassenstiftung tätig war.Personalie: Sabine Schormann wird neue Documenta-Geschäftsführerin, Kunstmagazin monopol, 25. April 2018 Nach dem Ausscheiden Schormanns zum 16. Juli 2022 aufgrund des Antisemitismus-Eklats auf der documenta fifteen folgten ihr interimsweise der frühere documenta-Geschäftsführer und Gründungsvorstand der Kulturstiftung des Bundes, Alexander Farenholtz sowie der Jurist Ferdinand von Saint André nach. Zum 1. Mai 2023 übernahm Andreas Hoffmann die Geschäftsführung.
documenta archiv Auf Anregung von Arnold Bode entstand 1961 in Kassel das documenta Archiv. Es beherbergt die Akten der verschiedenen documenta-Ausstellungen, eine wissenschaftliche Spezialbibliothek sowie eine Mediensammlung.
In Kassel verbliebene Außenarbeiten
mini|Rahmenbau am StaatstheaterHaus-Rucker-Co 1977 mini|Laserscape Kassel Blick vom Karlsberg KasselHorst H. Baumann 1977 mini|Man walking to the sky (Himmelsstürmer) vor dem Kulturbahnhof in KasselJonathan Borofsky 1992 mini|Figurengruppe Die Fremden am FriedrichsplatzThomas Schütte 1992 mini|hochkant|Zeichen der umfassenden Schwierigkeit der Aufgaben für die Zukunft: „Idee di Pietra“Giuseppe Penone 2010