mini|280px|Rad des Dharma (Museum Guimet, Paris) mini|280px|Buddha im Lehrgestus (dharmachakramudra), Museum von Sarnath; unterhalb des Thronsitzes verehren seine Schüler das Rad der Lehre. Dharma (der, Sanskrit ; Pali ; ; ) ist ein zentraler Begriff vieler asiatischer Religionen (u. a. Hinduismus, Buddhismus, Jainismus und Sikhismus), der religionsabhängig unterschiedliche Bedeutungen hat. Dharma kann Gesetz, Recht und Sitte sowie ethische und religiöse Verpflichtungen und Werte umfassen, aber auch Religion, Ethik oder Moral im Allgemeinen oder konkrete religiöse Rituale, Methoden und Handlungen bezeichnen.Lexikon der Religionen, Herausgeber Hans Waldenfels, Verlag Herder, S. 122.

Dharma im Hinduismus Im Hinduismus ist Dharma einer der zentralen Begriffe und ist abgeleitet von der Wurzel dhṛ (‚halten‘, ‚stützen‘, ‚bewahren‘). Dharma, die hinduistische Ethik, bestimmt das Leben eines Hindu in vielfältiger Art und Weise. Persönliche Gewohnheiten, soziale und familiäre Bindungen, Fasten und Feste, religiöse Rituale, Gerechtigkeit und Moral, oft sogar die Regeln der persönlichen Hygiene und Essenzubereitung werden durch den Dharma bestimmt. Hindus sehen die Beachtung des Dharmas nicht nur als Voraussetzung für soziales Wohlergehen, sondern auch für eine gute persönliche Entwicklung. Von der Erfüllung des Dharmas hängt für sie das Karma ab, das die aus den Taten des Individuums entstandenen Resultate beinhaltet (Ursache und Wirkung).R. C. Zaehner: Der Hinduismus, Seine Geschichte und seine Lehre, Wilhelm Goldmann Verlag, München, S. 10. Dennoch haben Hindus keinen bestimmten, allgemein gültigen Kodex, keine bestimmte Sammlung von Gesetzen, die für alle gleichermaßen verbindlich wären, wie etwa die Zehn Gebote der Juden und Christen. Dem Dharma zufolge ist jedes Wesen des Universums an den Pflichten zu erkennen, die es erfüllen muss. Elefanten haben andere Pflichten als Pferde, Bäume eine andere Funktion als Gräser, Menschen wiederum andere Aufgaben als Blumen, Bienen oder Bären.

Arten des Dharma Grundsätzlich enthält der Dharmabegriff einige verschiedene Aspekte. Zwei Definitionen unterscheiden einerseits die kosmische, andererseits die menschliche Ordnung. Beide gehen ineinander über:

Sanatana-Dharma Der ewige, unveränderliche Dharma, Sanatana-Dharma (Sanskrit sanātana dharma) bezeichnet die kosmische Ordnung, die das gesamte Universum erhält.R. C. Zaehner: Der Hinduismus, Seine Geschichte und seine Lehre, Wilhelm Goldmann Verlag, München, S. 8. Dazu gehören sowohl die Naturgesetze als auch die Weisheiten der Veden, der wichtigsten „Heiligen Schriften“ der Hindus. Nicht nur Menschen unterliegen dem Sanatana-Dharma, auch Tiere und sogar Pflanzen sowie das gesamte Universum. Nach Auffassung der Gläubigen geht Dharma aus dem Brahman hervor, dem Absoluten.

Sanatana-Dharma, „ewige Wahrheiten“, ist auch die Eigenbezeichnung der Hindus für ihre Religion, die ab 1869 nachweisbar ist.

Dharma als Ordnung der Gesellschaft Auf menschlicher Ebene ist Dharma die Ordnung der Gesellschaft, die wiederum verschiedene Aspekte beinhaltet. Prinzipiell kennt die hinduistische Tradition dreierlei Verpflichtungen: gegenüber Göttern, von denen die Menschen alles bekommen – wird erfüllt z. B. durch Gebete und Verehrung gegenüber den Rishis (den Weisen) und den Gurus (den Lehrern) – wird erfüllt z. B. durch Studium der Schriften gegenüber den Vorfahren, von denen die Menschen ihre Körper haben – wird erfüllt z. B. durch das Aufziehen von Nachkommen

Die sozialen Pflichten und Verantwortungen des Varnashrama-Dharma hängen vom Alter, Lebensstadium, Geschlecht, von der Kaste und dem sozialen Status ab. Es gibt unterschiedliche Ordnungen und Gesetze für Personen in einer bestimmten Lebensstufe (Ashrama) sowie verschiedene Vorschriften für die einzelnen Mitglieder der vier Stände der Gesellschaft – die Varnas.Hans Waldenfels (Hrsg.): Lexikon der Religionen. Verlag Herder, S. 159.

Das in den Schriften beschriebene Ideal der vier Lebensstadien (Ashrama) ist mit bestimmten sozialen Pflichten verbunden. Es teilt das Leben eines jeden Menschen in vier Phasen ein: Brahmacari (Schüler) Grihastha (Haushalter) Vanaprastha (in die Waldeinsamkeit Gehender) Sannyasin (die Welt Aufgebender)

Die Pflicht des Schülers ist, zu lernen und soziale Dienste zu leisten. Als „Haushalter“ soll man heiraten, Kinder haben, die Familie versorgen, den Bedürftigen geben, den sozialen und politischen Bedürfnissen der Gemeinschaft dienen. In die „Waldeinsamkeit“ soll man erst gehen, wenn die familiären Pflichten erfüllt sind. Dann kann man sich von materiellen Dingen lösen und seine eigene Philosophie finden. Die allerletzte Lebensphase ist der Zeitpunkt, die Welt aufzugeben und sein Ziel in der Erlösung zu finden.

Die ersten beiden Stufen, Brahmacari und Grihastha sind in den Hindu-Alltag integriert. Selten geht jemand wirklich in die „Waldeinsamkeit“ oder zieht sich als Einsiedler aus der Welt zurück. Stattdessen herrscht in der modernen Welt die Sitte, dass die Älteren alle Aufgaben abgeben und sich innerhalb des Hauses zurückziehen, um sich religiösen Aktivitäten zu widmen.

Der Kastendharma beinhaltet unterschiedliche Gesetze für jede Gruppe der Gesellschaft: Hier weisen die hinduistische Tradition sowie die alten Gesetzgeber jedem innerhalb der Gesellschaft eine bestimmte Aufgabe sowie spezifische moralische Anforderungen zu. Früher musste beispielsweise jeder den Beruf und die Pflichten seiner Familie, seiner Kaste übernehmen. Diese Tradition ist noch immer lebendig, jedoch längst nicht mehr unumstößlich. Wenn die Voraussetzungen gegeben sind, kann heute jeder jeden Beruf ergreifen.

Allgemeine Dharmas Viele Regeln sind auf jeweils eine bestimmte Gruppe von Menschen zugeschnitten, dagegen gelten folgende Sadharana Dharmas als allgemeine Verhaltensregeln für jeden.Lexikon der Religionen, Herausgeber Hans Waldenfels, Verlag Herder, S. 160. Sie kommen in den verschiedenen Schriften an vielen Stellen als besonders wichtige Tugenden regelmäßig vor. Besonders häufig scheinen auf:

Wahrhaftigkeit (satyam), Enthaltung von Gewalt (ahimsa), Zornlosigkeit (akrodha), Freigebigkeit (danam), Enthaltung von Diebstahl (asteyam), rituelle, geistige und körperliche Reinheit (saucam), Zügelung der Sinne (indriya-nigraha), Nachsichtigkeit und Verzeihung (ksama), Selbstkontrolle (dama), Urteilskraft (dhi), Mildtätigkeit (dana), Mitgefühl (daya), Gastfreundschaft (atithi). Die Auswahl enthält keine Rangordnung. Ähnliche Regeln sind im Yoga in den Yamas und Niyamas formuliert.

Die Bhagavadgita geht an mehreren Stellen auf wichtige Tugenden ein:

Gewaltlosigkeit (Ahimsa), Wahrhaftigkeit, Zornlosigkeit, Entsagung, Frieden, Nicht-Verleumdung, Mitgefühl für die Lebewesen, Begierdelosigkeit, Milde, Bescheidenheit, Lichtvolle Stärke, Vergebung, Beständigkeit, Reinheit, Fehlen von Feindseligkeit, Nicht-Hochmut – dies sind die Gaben des Menschen von göttlicher Natur. (Kap. 16.2–3).

Auch die Sorge um den Mitmenschen ist ein besonders wichtiges Kriterium des Hindu-Dharma: So postuliert etwa das Mahabharata: Mitgefühl und Güte ist der höchste Dharma der Guten (Kap. 13.5–23).

Jeder Hindu kann die „sechs Feinde“ aufzählen: kama (weltliche Begierden) krodha (Zorn), lobha (Gier, Geiz), moha (Verblendung, geistige Dunkelheit), mada (Hochmut) sowie matsarya (Eifersucht und Neid).

Vier legitime Ziele Dharma ist eines von ‚vier legitimen Zielen‘ im menschlichen Leben (purusharthas), wobei die beiden letzten Ziele als die höchsten gelten: Artha: Wohlstand und Erfolg Kama: weltlicher Genuss, Lust, Sexualität Dharma: kosmisches und soziales Gesetz, Tugend, Moral Moksha: Erlösung

Hindus lehnen weltliches Streben, Lust und Streben nach Wohlstand nicht als unmoralisch ab, jedoch haben die beiden letzteren Ziele einen höheren Stellenwert. Für das tägliche Leben ist die Erfüllung des Dharma das wichtigste Leitziel.

Quellen des Hindu-Dharma Wichtige Quellen zum Erlernen des Dharmas sind die eigene Tradition, die Vorfahren sowie die Anleitungen eines Gurus, immer jedoch im Einklang mit den Veden.Lexikon der Religionen, Herausgeber Hans Waldenfels, Verlag Herder, S. 159. Unverzichtbare Anleitungen findet man auch in den Puranas, den alten Büchern über die Götter, in den Epen Ramayana sowie Mahabharata, die in hinduistischen Ländern einen hohen Stellenwert haben. Sie geben jedem in der Gesellschaft einen Leitfaden – ohne jedoch für alle verbindliche Gesetze vorzuschreiben. Durch diese freie Entscheidung kann auch der Widerspruch zwischen dem Anspruch der überlieferten Tradition und den Erfordernissen des modernen Lebens gelöst werden.

Alte Rechtsbücher sind die Dharmashastras von verschiedenen ‚Gesetzgebern‘, wovon Manu (zwischen 200 v. Chr. und 200 n. Chr.) der bekannteste ist. Dort sind genaue Regeln für alle Lebensabschnitte, alle Kasten sowie für Männer und Frauen festgehalten. Obwohl Manu noch heute große Verehrung zukommt, erheben Hindus keinen Anspruch auf Erfüllung seiner alten Gesetze. Zwar suchen viele Hindus heute noch Richtlinien darin und zitieren ihn, keiner jedoch würde heutzutage diese Schriften noch als allgemein gültige Anweisung verstehen. Frauenrechtlerinnen und Kastengegnern sind seine Vorschriften oft ein Dorn im Auge.

Dharmashastras, die Epen, Puranas und Gesetzbücher, gehören zu den Smritis und sind darum nicht von unumstößlicher Autorität. Ausdrücklich gehen Hindus davon aus, dass der Dharma zwar ewig sei, inhaltlich jedoch veränderbar und nicht zu allen Zeiten gleich ist.R. C. Zaehner: Der Hinduismus, Seine Geschichte und seine Lehre, Wilhelm Goldmann Verlag, München, S. 9. War etwa bei den Helden des Mahabharata noch die Vielehe üblich, würde das heute gegen die sozialen Sitten der Hindus verstoßen; wurde früher Dieben noch die Hand abgehackt, ist eine solch radikale Strafmaßnahme heute undenkbar.

Personifizierung des Dharma Dharma als Rechtschaffenheit erscheint im Mahabharata auch in Gestalt eines eng mit dem Totengott Yama verbundenen Gottes, der als mythischer Vater von Yudhishthira, dem ältesten der fünf Pandava-Brüder in Erscheinung tritt. Im späteren Verlauf der Geschichte tritt er als Kranich und als Waldgeist (yaksha) auf und stellt ethisch-moralische Fragen, die Yudhishthira – im Gegensatz zu seinen Brüdern, die deshalb sterben müssen – auch beantwortet, so dass er am Ende der Episode selbst als Verkörperung der Rechtschaffenheit bezeichnet wird.

Dharma im Buddhismus Dem Begriff Dharma (Sanskrit) bzw. Dhamma (Pali) kommen im Buddhismus verschiedene kontextabhängige Bedeutungen zu. In einer der möglichen Lesarten bezeichnet er die Lehre Buddhas. Der Dharma als das vom Buddha erkannte und verkündete Daseinsgesetz beinhaltet die Lehre von den Vier Edlen Wahrheiten und bildet in der Zufluchtsformel „Ich nehme Zuflucht zu Buddha, Dharma und Sangha“ eines der ‚Drei Juwelen‘, die auch als die ‚Drei Zufluchtsobjekte‘ bezeichnet werden. Vor diesem Hintergrund gilt der Dharma als ein Meditationsobjekt der Zehn Betrachtungen (anussati). Im Mahayana und Vajrayana verweist der Begriff neben der Lehre Buddhas zudem auf die Lehren der großen Bodhisattvas und aller Meister, die in der Nachfolge Buddhas Erleuchtung erlangt haben. Darüber hinaus ist das Wort als Sammelbezeichnung für die Gesamtheit aller Phänomene gebräuchlich.

Philosophische Bedeutung