Reinhard „Stan“ Libuda (* 10. Oktober 1943 in Wendlinghausen; † 25. August 1996 in Gelsenkirchen) war ein deutscher Fußballspieler. Er verkörperte den klassischen Rechtsaußen im WM-System und auch in der nachfolgenden 4:3:3-Formation. Er galt als einer der bekanntesten und beliebtesten Fußballer seiner Zeit.Jürgen Bitter: Deutschlands Fußball-Nationalspieler. Das Lexikon. SVB Sportverlag. Berlin 1997. ISBN 3-328-00749-0. S. 283 Libuda absolvierte für die Vereine FC Schalke 04 und Borussia Dortmund insgesamt 264 Bundesligaspiele und erzielte 28 Tore. In der Nationalmannschaft kam er in 26 Länderspielen zum Einsatz und erzielte drei Tore.Christian Karn, Reinhard Rehberg: Spielerlexikon 1963–1994. S. 305
Jugend Reinhard Libuda wurde 1943 in Wendlinghausen im Kreis Lemgo geboren, wohin seine Familie im Zweiten Weltkrieg aus Gelsenkirchen geflüchtet war. Nach Kriegsende kehrten die Libudas nach Gelsenkirchen zurück und wohnten im Arbeiterviertel Haverkamp im Stadtteil Bismarck. Als Schüler spielte Reinhard Libuda stundenlang Fußball auf der Straße. Anfangs turnte er im Turnverein Einigkeit Bismarck, dann zog es ihn zu den Fußballern von Rot-Weiß Bismarck. Im Jahr 1952 meldete ihn sein Vater Paul Libuda – selbst Stürmer bei Gelsenkirchen 07 – beim FC Schalke 04 an, für den er fortan unter der Leitung und Förderung von Fritz Thelen in der Jugendabteilung spielte.Thilo Thielke: „An Gott kommt keiner vorbei ...“. Das Leben des Reinhard „Stan“ Libuda. Verlag Die Werkstatt. Göttingen 2002. ISBN 3-89533-377-8. S. 17/18 Dieser funktionierte Libuda vom Mittelfeldspieler zum Rechtsaußen um.
Da er schon mit 17 Jahren (1960) Vertragsspieler von Schalke 04 wurde, schloss er seine Lehre zum Maschinenschlosser nicht ab. Bereits in der A-Jugend ragten seine Ballbehandlung, das Täuschungsvermögen und der Antritt deutlich heraus. Dies führte ihn über die westdeutsche Jugendauswahl auch in die Jugendnationalmannschaft des DFB. Während des UEFA-Juniorenturniers 1961 in Portugal debütierte Libuda beim Halbfinal-Spiel gegen Polen. Er spielte im Angriff zusammen mit Fritz Boyens, Wolfgang Overath, Horst Wild und Gerhard Elfert.Karl-Heinz Heimann, Karl-Heinz Jens: Kicker-Almanach 1989. Copress-Verlag. München 1988. ISBN 3-7679-0245-1. S. 407 1962 nahm er mit den DFB-Junioren am UEFA-Turnier in Rumänien teil, zusammen mit seinem Jugendfreund und späteren Trauzeugen Karl-Heinz Bechmann.
Karriere Vereine
1962–1965: Schalke 04 Am 28. Juli 1962 debütierte Libuda im Pokal-Achtelfinale bei Holstein Kiel für Schalke 04. Auch zum Saisonauftakt am 18. August 1962, im letzten Jahr der alten erstklassigen Oberliga West spielte er. Am Rundenende hatte Libuda in 25 Ligaeinsätzen mit acht Toren überzeugt und Schalke hatte sich mit dem 6. Rang für die neue Fußball-Bundesliga ab der Saison 1963/64 qualifiziert.Harald Landefeld, Achim Nöllenheidt (Hrsg.): „Helmut, erzähl mich dat Tor ...“. Neue Geschichten und Porträts aus der Oberliga West 1947 bis 1963. Klartext Verlag. Essen 1993. ISBN 3-88474-043-1. S. 140/141 Libuda wurde in das „Revier-Team“ der Saison 1962/63 aufgenommen.Ralf Piorr (Hrsg.): Der Pott ist rund. Das Lexikon des Revier-Fußballs: Die Chronik von 1945 bis 2005. Klartext Verlag. Essen 2005. ISBN 3-89861-358-5. S. 77
In der Bundesliga war er Stammspieler als Rechtsaußen und wurde schnell zum Schalker Publikumsliebling. Im September 1963 wurde er von Bundestrainer Sepp Herberger erstmals in der Nationalmannschaft beim Länderspiel gegen die Türkei eingesetzt. Er bildete mit Werner Krämer den rechten Flügel der deutschen Mannschaft.Karl-Heinz Heimann, Karl-Heinz Jens: Kicker-Almanach 1989. Copress-Verlag. München 1988. ISBN 3-7679-0245-1. S. 59 An guten Tagen war er einer der besten Rechtsaußen, den kaum ein Abwehrspieler aufhalten konnte. Er war wendig, schnell und enorm dribbelstark und deshalb von vielen Verteidigern gefürchtet. Bereits aus dieser Frühphase seiner Karriere stammte sein Spitznamen „Stan“ in Anlehnung an den legendären englischen Rechtsaußen Sir Stanley Matthews, den „Erfinder“ des berühmten Matthews-Tricks (= links antäuschen, rechts vorbeigehen), den Libuda perfekt beherrschte. Ob sich Libuda diesen Spitznamen selbst gab oder ob dieser ihm zugesprochen wurde, wird unterschiedlich beschrieben. Aus der Zeit stammt das geflügelte Wort .Und ewig fällt das Wembley-Tor. Der Tagesspiegel, 6. August 2013An Gott kommt keiner vorbei. Das Leben des Reinhard „Stan“ Libuda. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2002
Libuda galt als äußerst sensibel, seine Leistungen waren oft abhängig von seinen ersten Aktionen in einem Spiel: Gelangen ihm zwei, drei Szenen, war er kaum mehr zu stoppen. Gegenspieler versuchten nicht selten, ihn verbal provozierten, um ihn zu demotivieren.
1965–1968: Borussia Dortmund Als Schalke 1965 in der Bundesliga auf dem letzten Platz landete und damit sportlich abgestiegen war, entschloss sich Libuda, auch aufgrund von persönlichen Problemen mit Schalke-Trainer Fritz Langner, zu Borussia Dortmund zu wechseln, um weiter in der Bundesliga spielen zu können und dazu nicht umziehen zu müssen.Der Garrincha vom Schalker Markt. 11 Freunde, 7. April 2016Stan Libuda: Er kam an fast allen vorbei. dfb.de, 13. Oktober 2014. Abgerufen am 30. Mai 2018
Mit dem BVB errang er 1965/66 unter Trainer Willi Multhaup die Vizemeisterschaft der Bundesliga und gewann den Europapokal der Pokalsieger. Dabei gelang ihm sein berühmtestes Tor: am 5. Mai 1966 traf er in der 107. Spielminute mit einer „Bogenlampe“ zum 2:1-Sieg des BVB gegen den Favoriten FC Liverpool und sicherte damit den Gewinn des Europapokals der Pokalsieger. Sein Verein war damit erster deutscher Sieger eines Europapokal-Wettbewerbs.Matthias Weinrich: Der Europapokal, Band 1: 1955 bis 1974. Agon Sportverlag. Kassel 2007. ISBN 978-3-89784-252-6. S. 219
Da das Team mit Lothar Emmerich und Sigfried Held verstärkt über links arbeitete, sank jedoch Libudas Stern und er zeigte sich zunehmend frustriert.
Während seiner Zeit bei Borussia Dortmund lebte Libuda in einer Wohnung im Stadtteil Oespel, die ihm der Verein zur Verfügung stellte. Er bezog die Wohnung bereits, als er noch mit Schalke im Abstiegskampf stand.
1968–1972: Schalke 04 1968 kehrte Libuda nach drei Spielzeiten beim BVB zurück zu Schalke, wo er mit Rudi Gutendorf auf einen Trainer traf, der psychologisch geschult war. Libuda wurde Kapitän einer Mannschaft, die er mit sehr guten Leistungen aus der Abstiegszone bis auf Platz 7 der Bundesliga-Saison 1968/1969 und in das Pokalfinale 1969 führte (1:2-Niederlage gegen Bayern München). Weil Bayern München neben dem Pokalfinale auch die Meisterschaft gewonnen hatte, durfte der FC Schalke 04 als Unterlegener 1969/1970 im Europapokal der Pokalsieger ran und zog bis ins Halbfinale, wo Manchester City die Endstation markierte.
Er wurde Spielführer einer Mannschaft, die mit der Offensivformation Libuda, Fischer und Erwin Kremers eine der besten Angriffsreihen in der Geschichte der Bundesliga stellte.Ralf Piorr (Hrsg.): Der Pott ist rund. Das Lexikon des Revier-Fußballs: Die Chronik von 1945 bis 2005. Klartext Verlag. Essen 2005. ISBN 3-89861-358-5. S. 118 Sein größter Erfolg nach der knapp verpassten Meisterschaft 1972 wurde der Pokalgewinn im selben Jahr gegen den 1. FC Kaiserslautern.Matthias Weinrich: Enzyklopädie des deutschen Ligafußballs. 35 Jahre Bundesliga, Teil 1: Die Gründerjahre 1963–1975. Agon Sportverlag. Kassel 1998. ISBN 3-89784-132-0. S. 265
1972/73: Racing Straßburg Trotz seiner starken Leistung im DFB-Pokalfinale wollte Präsident Siebert Libuda keinen längerfristigen Vertrag, sondern lediglich eine Verlängerung von höchstens zwei Jahren gewähren. Die angebotenen rund 500.000 Mark Ablöse konnte der klamme Verein außerdem gut gebrauchen. So wechselte Libuda in die französischen Ligue 1 zu Racing Straßburg.
1973–1976: Rückkehr zu Schalke 04 und Karriereende 1973 kehrte er zu Schalke zurück; 1976 beendete er seine Karriere endgültig, nachdem er in der Saison 1974/75 nur noch in fünf Bundesligaspielen zum Einsatz gekommen war, zuletzt am 21. September 1974, als er bei einem 3:0-Heimerfolg gegen Fortuna Düsseldorf in der 83. Minute für Erwin Kremers eingewechselt wurde.Matthias Weinrich: Enzyklopädie des deutschen Ligafußballs. 35 Jahre Bundesliga, Teil 1: Die Gründerjahre 1963–1975. Agon Sportverlag. Kassel 1998. ISBN 3-89784-132-0. S. 364, 372
Insgesamt absolvierte Reinhard „Stan“ Libuda 258 Spiele für Schalke 04, in denen er 36 Tore erzielte und 34 Vorlagen beisteuerte.
Verwicklung in den Bundesliga-Skandal Reinhard Libuda war wie zahlreiche andere Spieler in den Bundesliga-Skandal der Saison 1970/1971 verwickelt, bei dem manipulierte Punktspiele und entsprechende Bestechungen aufgedeckt wurden. Er wurde im September 1972 vom DFB auf Lebenszeit gesperrt, zwei Jahre später jedoch begnadigt. In der Zwischenzeit spielte er bei Racing Straßburg in der französischen Ligue 1.
Libudas Wechsel zu Racing Straßburg war auch getrieben von der Angst vor einer Sperre durch den Deutschen Fußball-Bund, der die Sünder des Bundesliga-Bestechungsskandals von 1971 hartnäckig verfolgte. Libuda hatte, wenn auch widerwillig, das schmutzige Ding seiner Kollegen mitgedreht. Gleichwohl die Gazetten attestierten, er habe im verschobenen Spiel gegen Arminia Bielefeld, das Schalke mit 0:1 verlor, noch positiv herausgeragt.
Nationalelf Sein Debüt im A-Team der Nationalmannschaft hatte Libuda mit 19 Jahren im September 1963 in Frankfurt beim Spiel gegen die Türkei unter Bundestrainer Sepp Herberger. Mit Beginn der Ära Helmut Schön und dem sportlichen Absturz von Schalke 04 fand keine kontinuierliche Berücksichtigung von Libuda in den nächsten drei Runden mehr statt, obwohl er mit seinem Verein in den Saisons 1965/66 und 1966/67 große Erfolge feierte. Fahrt nahm seine Nationalmannschaftskarriere erst in der Rückrunde 1968/69 wieder auf, als er am 26. März 1969 in Frankfurt beim 1:1 gegen Wales zu seinem 10. Länderspiel auflief.
Seinen wichtigsten Treffer für Deutschland erzielte er am 22. Oktober 1969 im Hamburger Volksparkstadion im WM-Qualifikationsspiel gegen Schottland. Er erlief einen langen Pass von Helmut Haller aus der eigenen Hälfte, setzte zu einem Sololauf über das halbe Feld an und schoss das 3:2 für die deutsche Mannschaft. Sein Treffer sicherte die Qualifikation zur WM 1970 in Mexiko.
Die Begegnung am 22. Oktober 1969 wurde „zu einem der erregendsten Fußballereignisse, die jemals auf deutschem Boden stattfanden“ (Schön). Die Partie blieb untrennbar mit ihm verbunden. Der Journalist Jo Viellvoye kürte Libuda zum „Mann des Jahres für den deutschen Fußball“, der es mit seinem Auftritt im Volksparkstadion endlich verdient habe, „so genannt zu werden wie der große Stan Matthew“.Dietrich Schulze-Marmeling (Hrsg.): Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft. Verlag Die Werkstatt. Göttingen 2008. ISBN 978-3-89533-578-5. S. 227/228 Auch in den Betrachtungen von Norbert Seitz „Fußball & Politik“ wird Libudas Sololauf als „unnachahmlicher Alleingang“ hervorgehoben und konstatiert, dass dieser zum symbolischen Startsignal sowohl des euphorischen Aufbruchs in Bonn wie der Himmelstürmerei in Mexiko im Jahr darauf geworden sei.Norbert Seitz: Doppelpässe Fußball & Politik. Eichborn Verlag. Frankfurt am Main 1997. ISBN 3-8218-1471-3. S. 93/94