Diplodocus („Doppelbalken“; „doppelt“ und „Balken“)Henry_George_Liddell, Robert Scott: A Lexicon abridged from Liddell and Scott's Greek-English Lexicon. 24th edition, carefully revised throughout. Ginn, Boston 1891 (Reprinted edition. Clarendon Press, Oxford 2010, ISBN 978-0-19-910207-5). ist eine Gattung von sauropoden Dinosauriern aus dem Oberjura (Kimmeridgium bis Tithonium) des westlichen Nordamerikas.
Der Gattungsname bezieht sich auf die V-förmigen Chevron-Knochen auf der Unterseite der Schwanzwirbelsäule. Anfangs hielt man die V-förmigen Fortsätze für eine Autapomorphie von Diplodocus, sie sind seit der Erstbeschreibung jedoch auch bei anderen Diplodociden entdeckt worden.
Diplodocus war eine der häufigeren Gattungen der ca. 156 bis 147 Millionen Jahre alten Oberen Morrison-Formation und gehörte einer von riesigen Sauropoden wie Camarasaurus, Barosaurus, Apatosaurus und Brachiosaurus dominierten Fauna an.Christine E. Turner, Fred Peterson: Reconstruction of the Upper Jurassic Morrison Formation extinct ecosystem – a synthesis. In: Sedimentary Geology. Bd. 167, Nr. 3/4, 2004, , S. 309–355, . Die Dinosauriergattung ist eine der am einfachsten zu identifizierenden und galt für viele Jahre als diejenige mit der größten Körperlänge. Seine enorme Größe mag Schutz vor Raubsauriern wie Allosaurus und Ceratosaurus geboten haben.
Beschreibung mini|hochkant=1.5|Skelettdiagramm mit Menschen als Maßstab Diplodocus ist einer der am besten bekannten Sauropoden. Das sehr große, quadrupede Tier besaß einen langen Hals und einen langen, peitschenartigen Schwanz. Dass die Vorderbeine etwas kürzer waren als die Hinterbeine, führte zu einer horizontalen Körperhaltung, so dass Diplodocus angesichts des langen Halses, Schwanzes und der stämmigen Beine mechanisch einer Hängebrücke glich.David Lambert: The Ultimate Dinosaur Book. RD Press in association with The Natural History Museum London, Surry Hills NSW 1993, ISBN 0-86438-417-3. Tatsächlich wurde der Gattung Diplodocus das längste vollständige Dinosaurierskelett zugeordnet. Manche Sauropoden wie Seismosaurus (dessen Skelettfunde eventuell große Vertreter der Gattung Diplodocus repräsentieren) und Supersaurus erreichten vermutlich noch größere Körperlängen als Diplodocus, sind jedoch nur fragmentarisch fossil belegt.Mathew J. Wedel, Richard L. Cifelli: Sauroposeidon: Oklahoma's Native Giant. In: Oklahoma Geology Notes. Bd. 65, Nr. 2, 2005, , S. 39–57, Digitalisat (PDF; 2,15 MB). Von den bis zu 27 m Körperlänge entfielen 6 Meter auf den Hals. Der Schädel war in Relation zur Körpergröße sehr klein.Paul_Upchurch, Paul_M._Barrett, Peter_Dodson: Sauropoda. In: David_B._Weishampel, Peter Dodson, Halszka_Osmólska (Hrsg.): The_Dinosauria. 2nd edition. University of California Press, Berkeley CA u. a. 2004, ISBN 0-520-24209-2, S. 259–324, hier S. 316. Diplodocus besaß kleine, stiftförmige Zähne, die nur den vorderen Teil der Kiefer ausfüllten und von der Zahnwurzel schräg nach vorn gerichtet waren.Paul Upchurch, Paul M. Barrett: The evolution of sauropod feeding mechanisms. In: Hans-Dieter_Sues (Hrsg.): Evolution of herbivory in terrestrial vertebrates. Perspectives from the fossil record. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 2000, ISBN 0-521-59449-9, S. 79–122. Seine Schädelkapsel war klein. Der Hals bestand aus mindestens fünfzehn Halswirbeln und man nimmt derzeit an, dass das Tier ihn meist parallel zum Grund hielt und kaum darüber hinaus anheben konnte.Kent A. Stevens, J. Michael Parrish: Neck Posture and Feeding Habits of Two Jurassic Sauropod Dinosaurs. In: Science. Bd. 284, Nr. 5415, 1999, S. 798–800, . Schätzungen zum Körpergewicht variieren, aktuelle Studien geben 10,Peter Dodson, Anke K. Behrensmeyer, Robert T. Bakker, John S. McIntosh: Taphonomy and paleoecology of the dinosaur beds of the Jurassic Morrison Formation. In: Paleobiology. Bd. 6, 1980, , S. 208–232, Digitalisat. 11,5,Gregory S. Paul: Big Sauropods – Really, Really Big Sauropods. In: The Dinosaur Report. Fall 1994, S. 12–13, Digitalisat (PDF; 2,12 MB). 12,7John R. Foster: Paleoecological analysis of the vertebrate fauna of the Morrison Formation (Upper Jurassic), Rocky Mountain region, U.S.A. (= New Mexico Museum of Natural History and Science. Bulletin. 23, ). New Mexico Museum of Natural History, Albuquerque NM 2003, Digitalisat. oder 16 TonnenM. J. Coe, David L. Dilcher, James O. Farlow, David M. Jarzen, Dale_A._Russell: Dinosaurs and land plants. In: Else_Marie_Friis, William_G._Chaloner, Peter_R._Crane (Hrsg.): The Origins of Angiosperms and their biological Consequences. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 1987, ISBN 0-521-32357-6, S. 225–258. an.
mini|Schwanzwirbel des Diplodocus Diplodocus besaß einen extrem langen Schwanz, bestehend aus rund 80 Schwanzwirbeln,Jeffrey A. Wilson: Overview of Sauropod Phylogeny and Evolution. In: Kristina Curry Rogers, Jeffrey A. Wilson (Hrsg.): The Sauropods. Evolution and Paleobiology. University of California Press, Berkeley CA u. a. 2005, ISBN 0-520-24623-3, S. 15–49. was fast dem doppelten der Schwanzwirbelzahl mancher früher Sauropoden (wie Shunosaurus: 43) entsprach und die zur gleichen Zeit lebenden Vertreter der Macronaria (Camarasaurus: 53) bei Weitem übertraf. Es gibt Spekulationen darüber, inwiefern der Schwanz eher eine direkte Verteidigungsfunktion hatteWilliam J. Holland: Heads and Tails; a few notes relating to the structure of sauropod dinosaurs. In: Annals of the Carnegie Museum. Bd. 9, Nr. 3/4, Article 16, 1915, , S. 273–278, Digitalisat. oder der (Abschreckung durch) Lärmerzeugung diente.Nathan P. Myhrvold, Philip J. Currie: Supersonic sauropods? Tail dynamics in the diplodocids. In: Paleobiology. Bd. 23, Nr. 4, 1997, S. 393–409, Digitalisat.
Der Schwanz könnte auch als Gegengewicht zum massigen Hals gedient haben. Die namensgebenden „Doppelbalken“ der Chevron-Knochen treten im Mittelteil des Schwanzes als Fortsätze an der Unterseite auf. Sie könnten die Last des Schwanzes mitgetragen oder im Falle, dass der Schwanz auf dem Boden auflag, die Blutgefäße vor dem Zerdrücktwerden geschützt haben. In mehreren verwandten Gattungen kommen „Doppelbalken“ ebenfalls vor.
Paläobiologie mini|250px|Zeichnerische Lebenddarstellung von Diplodocus Dank des Reichtums an Skelettresten zählt Diplodocus zu den am besten untersuchten Dinosauriern. Viele Aspekte der Lebensweise sind in den Jahren seit der Erstbeschreibung der Gegenstand verschiedener Theorien geworden.
Lebensraum Othniel Charles Marsh und später John Bell HatcherJohn B. Hatcher: Diplodocus (Marsh), Its Osteology, Taxonomy, and Probable Habits, with a Restoration of the Skeleton. In: Memoirs of the Carnegie Museum. Bd. 1, Nr. 1, 1901, , S. 1–64, Digitalisat. nahmen aufgrund der Lage der Nasenöffnungen an der Schädelspitze an, dass es sich um ein aquatisches Tier handele. Ähnliche Auffassungen flossen oftmals in die zeichnerische Darstellung anderer großer Sauropoden wie Brachiosaurus und Apatosaurus ein.
Die Idee einer aquatischen Lebensweise mit dem langen Hals als „Schnorchel“ wurde später verworfen, da der hydrostatische Druck des Wassers auf den Brustkorb für das Atmen zu groß gewesen wäre. Seit den 1970er Jahren besteht weitgehend Konsens über eine streng terrestrische Lebensweise der Sauropoden als Baumabweider. Später wurde die vorhergehende Ansicht, Diplodocus könnte möglicherweise Wasserpflanzen bevorzugt haben, wieder aufgegriffen – in der Idee, Diplodocus habe einen ufernahen Lebensraum bevorzugt, hallt die ursprüngliche Theorie einer aquatischen Lebensweise nach.
Körperhaltung mini|Skelettrekonstruktion mit horizontaler Haltung von Hals und Schwanz im Berliner Naturkundemuseum mini|Unzutreffende Darstellung von Diplodocus als „Kriechtier“ und mit „Giraffenhals“ in der Lebendrekonstruktion von Oliver P. Hay aus dem Jahr 1910Oliver P. Hay: On the Manner of Locomotion of the Dinosaurs especially Diplodoctus, with Remarks on the Origin of the Birds. In: Proceedings of the Washington Academy of Sciences. Bd. 12, Nr. 1, 1910, , S. 1–25, Digitalisat.
Die Darstellung der Körperhaltung von Diplodocus hat sich über die Jahre beträchtlich verändert. Beispielsweise zeigt die klassische Rekonstruktion von Oliver P. Hay (1910) zwei Individuen der Gattung mit gespreizten eidechsenartigen Beinen am Ufer eines Flusses. Hay argumentierte für eine gestreckte eidechsenartige Gangart mit weit gespreizten BeinenOliver P. Hay: On the Habits and Pose of the Sauropod Dinosaurs, especially of Diplodocus. In: The American Naturalist. Bd. 42, Nr. 502, 1908, S. 672–681, Digitalisat. und wurde darin von Gustav Tornier unterstützt. Diese Hypothese wurde jedoch von William. J. Holland widerlegt, der zeigt, dass Diplodocus als Spreizgänger einen Graben benötigt hätte, um seinen Bauch mitzuschleifen.William J. Holland: A Review of Some Recent Criticisms of the Restorations of Sauropod Dinosaurs Existing in the Museums of the United States, with Special Reference to that of Diplodocus carnegiei in the Carnegie Museum. In: The American Naturalist. Bd. 44, Nr. 521, 1910, S. 259–283, Digitalisat.
Später wurden Diplodociden oft mit hoch aufgerichteten Hälsen dargestellt, was sie zum Abweiden hoher Bäume befähigt hätte. Von dieser Ansicht kam man jedoch wieder ab, da das Herz nicht problemlos in der Lage gewesen wäre, einen ausreichend hohen Blutdruck zu erzeugen, um das Gehirn mit Sauerstoff zu versorgen. Zudem zeigen aktuellere Studien, dass die Struktur der Halswirbel keine steile Aufrichtung des Halses erlaubte.Kent A. Stevens, J. Michael Parrish: Neck Posture, Dentition, and Feeding Strategies in Jurassic Sauropod Dinosaurs. In: Virginia Tidwell, Kenneth_Carpenter (Hrsg.): Thunder-lizards. The Sauropodomorph dinosaurs. Indiana University Press, Bloomington IN u. a. 2005, ISBN 0-253-34542-1, S. 212–232.Paul Upchurch: Neck Posture of Sauropod Dinosaurs. In: Science. Bd. 287, Nr. 5453, 2000, S. 547b, , Digitalisat (PDF; 169,82 KB).
Wie bei der verwandten Gattung Barosaurus ist der sehr lange Hals von Diplodocus eine Quelle vieler Kontroversen unter Wissenschaftlern. Eine Studie der Columbia University zur Halsstruktur der Diplodociden aus dem Jahr 1993 hatte zum Ergebnis, dass die längsten Hälse ein 1,6 Tonnen schweres Herz benötigt hätten, um das Gehirn mit Sauerstoff zu versorgen. Demzufolge ergäbe sich die Notwendigkeit rudimentärer „Hilfsherzen“ entlang des Halses, um kaskadenartig Blut in den Kopf zu pumpen.
Während lange Hälse traditionell als Anpassung an eine bestimmte Ernährungsstrategie interpretiert werden, schlägt eine Studie von 2006 vor, dass der überlange Hals von Diplodocus und seiner Verwandten primär der Zurschaustellung als Teil des Paarungsverhaltens gedient haben könnte und Vorteile bei Ernährung möglicherweise zunächst nur nachrangig von Bedeutung waren.Phil Senter: Necks for Sex: Sexual Selection as an Explanation for Sauropod Neck Elongation. In: Journal of Zoology. Bd. 271, Nr. 1, 2007, , S. 45–53, .
Ernährung Verglichen mit anderen Sauropoden besaß Diplodocus sehr ungewöhnliche Zähne: Die Zahnkronen waren lang und schmal, elliptisch im Querschnitt, während die Spitze eine abgestumpft-dreieckige Form besaß.