mini|Zweisprachiges Ortsschild von Aurich, Hochdeutsch und ostfriesisches Niederdeutsch mini| Ortsschild am Ortseingang in Mittelhessen mini|Zweisprachiges Ortsschild von Großwarasdorf/Veliki Borištof, Deutsch/Kroatisch mini|Zweisprachiges Ortsschild von Lubowitz/Łubowice, Polnisch/Deutsch mini|Zweisprachiges Ortsschild von Schweinsteg/Passo in Südtirol, Deutsch/Italienisch
Ein Ortsname im engeren Sinne, auch Siedlungsname, fachsprachlich Oikonym ( ‚Haus‘ und -onym), ist der Name einer Siedlung. Das kann ein Dorf oder eine Stadt, ein Einzelhof (vgl. Hausname) oder eine Einzelsiedlung, eine Rotte, ein Weiler oder eine Wüstung sein.
Mit der Erforschung von Ortsnamen (auch im weiteren Sinn) befasst sich die Toponomastik. Die aktuelle Ortsnamenforschung betrachtet Siedlungsnamen im eigentlichen Sinn und nicht auch in einem weiteren Sinn, wo zu den Siedlungsnamen auch die Namen der Elemente der Ansiedlungen, wie der Gebäude und der anderen Infrastrukturteilen der Anlage (Oikodonyme, Bauwerksnamen). Für solche Namen existieren heute Namensgruppen wie Gebäude- und Verkehrswegsnamen.
Grundsätzlich bezeichnen Siedlungsnamen bewohnte und Flurnamen dagegen unbewohnte Orte. Flurnamen werden zu Siedlungsnamen, wenn in der Vergangenheit eine besiedelte Fläche, die zuvor Flurname war, zu einer Siedlung wird. Das kann durch Neubauten, die an bestehende Siedlungen angrenzen, geschehen, oder durch die Nutzung von Flurnamen für Straßennamen in Neubaugebieten.
Entstehung von Ortsnamen im deutschen Sprachraum Die Benennung eines Ortes dient wie alle Bezeichnungen der Orientierung des Menschen in seiner Umwelt. Ortsnamen waren erforderlich, damit man ein oder mehrere Anwesen eindeutig benennen oder kennzeichnen konnte. Nur in Verbindung mit dem Ortsnamen konnten in der Vergangenheit Besitz, Lehnsrechte, Gerichtsrechte, Zehnte, Patronate, Leibeigenschaften, Zölle oder sonstige Abgaben genau zugeordnet werden.
Der Entstehung der Ortsnamen lag stets ein Benennungsmotiv zu Grunde. Das war ein Merkmal, das diesem bestimmten Ort anhaftet und das sich auf den ersten Siedler, Gründer (Namen), geografische oder topografische Gegebenheiten und Besonderheiten (wie Gewässer, Fluss, Furt, Berg, Burg, Kirche, Kloster) bezog oder gegebenenfalls auf mythologische Gründe. Ortsnamen werden erstmals schriftlich genannt, wenn ihre Gründung durch Urkunden belegt ist oder wenn Rechtsgeschäfte, die mit dem Ort in Verbindung stehen, getätigt und in Urkunden festgehalten wurden. Jedoch sind Urkunden nur zufällig erhaltene Belege. Die meisten Ortsnamen waren daher schon in Gebrauch, bevor sie erstmals schriftlich erwähnt wurden.
Ortsnamen können verschiedenste Ursprünge haben: Herrschaftliche Namen: diese Art rührt von ehemaligen Besitztümern von adeligen oder kirchlichen Grundbesitzern her. Insbesondere in der Zeit des frühmittelalterlichen Siedlungsausbaus wurden Orte nach der dort siedelnden Sippe eines Gründers benannt, zum Beispiel viele ‑hausen, -heim, -hofen, -ing-, -weil/-wil-Namen („bei den Häusern, dem Heim, den Höfen, den Leuten, dem Gehöft des …“). Speziell kirchliche Bezüge sieht man oft als selbstständigen oder integrierten Teil des Ortsnamens. Sie bezeichnen meistens Gebäude (Pfarr-, -kirch, -kloster, -zell etc.), da diese den Grundstein für die Entstehung der Ortschaft legten. Herleitung des Namens vom Kirchenpatron des Ortes: Sankt. Nach einem Stifter bei der Besiedlung, etwa Karlstift, oder religiös Pfaffenschlag, oder als Widmung etwa Theresienstadt (nach der Mutter des Gründers). Benennung eines Ortes nach den Einwohnern oder ihrer historischen Herrschaft: Angehörige eines Volksstamms, einer Religion oder Konfession: Dürkheim (946 Thuringeheim, von Karl dem Großen umgesiedelt), Sachsenhausen, Windischgarsten (Verweis auf slawische Bevölkerungsteile im Gegensatz zu Garsten bei Steyr), Judenburg, auch jüngeren Datums: Deutsch-Wagram (Deutsche im Burgenland-Kroatengebiet); Katholisch-Willenroth als Beispiel für eine Konfession. Am Ort siedelte eine größere Anzahl von Personen gleichen Berufsstands oder gleichen Familiennamens, zum Beispiel Fischerstadt Bezugnehmend auf Merkmale der (natürlichen) Umgebung – viele Ortsnamen leiten sich von Flurnamen ab oder haben auch einen eigenständig entstandenen Namen: Der Ortsname rührt von einem Bach oder Fluss her, der den Ort durchfließt, beispielsweise -bach, oft sehr häufig bei der Mündung, wie Ybbs, aber nicht bei Fischamend wie Fischa-am-Ende, sondern Fisch-Allmende, also gemeindliche Landwirtschaftsfläche an der Fischa. Nach nahe gelegenen Bergen, Wäldern, Seen: Nürnberg („Felsberg“ zu mundartl. Nörr, Nürn „Fels“), Finsterwalde, Westensee („westlich des Sees“). Nach in der Gegend gehäuft auftretenden Pflanzen oder Tieren, zum Beispiel Eschede („Eschenort“), Exten („bei den Elstern“, zu westfälisch Eekster „Elster“). Auch zusammengesetzte Namen können so entstehen, wie Eichstätt, Moorenweis („Moorwiese“) oder Biberach („Biberwasser“). Es gibt aber auch die Entstehung aus einer Umwandlung aus einer fremden Sprache der ursprünglichen Bewohner, wie Köln aus lat. Colonia („Kolonie“, „Niederlassung“) oder Graz aus slowenisch gradec („kleine Burg“). Ältere Namen von Siedlungen aus Antike und Mittelalter veränderten sich im Laufe der Zeit oft so stark, dass sich aus den heutigen Ortsnamen nicht mehr direkt auf die ursprüngliche Bedeutung und Herkunft schließen lässt. Die einfache Ableitung als Erweiterung eines ursprünglichen Namens, wie Neu-Isenburg oder Kleinochsenfurt. Oft heißen die Tochtersiedlungen auch einfach Neudorf, Neustadt oder Neusiedl, die auch mit einem erklärenden Zusatz versehen werden können, wie Wiener Neustadt. Ähnliches gilt auch für Orte, die Auswanderer oder Vertriebene oder Umsiedler nach ihrem Heimatort benennen. Ein Beispiel für die erste Gruppe ist New Orleans, für die zweite Neugablonz, wo sich viele Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg aus Gablonz in Nordböhmen gemeinsam ansiedelten, für die dritte Neu-Lohn (vgl. Vertriebenenstadt).
Bestandteile von Ortsnamen (im deutschen Sprachraum) Ortsnamen im deutschen Sprachraum (wie die meisten Ortsnamen keltisch-germanischer Herkunft) bestehen im Allgemeinen aus einem Grundwort (ursprünglich im Dativ), das meistens mit einem vorangestellten Bestimmungswort näher bestimmt wird. Dieses Muster wird vorwiegend seit der späteren Völkerwanderungszeit angewendet und geht wohl auf römische Vorbilder wie Castra Regina (‚Kastell am Regen‘ > Regensburg) zurück (bei denen allerdings das Grundwort am Anfang steht). Ein älteres Muster ist die Bildung aus Bestimmungswort und Suffix (das auch für die meisten Ortsnamen slawischen Ursprungs gilt). Da die Grundwörter im Laufe der Geschichte oft bis zur Unkenntlichkeit verschliffen wurden (zum Beispiel -heim zu -em, -en, -um), sind sie von Suffixen z. T. nicht mehr zu unterscheiden, so dass in vielen Fällen nur die ältesten urkundlichen Belege eine sichere Zuordnung erlauben.
Zur Unterscheidung von gleichen (oder ähnlichen) Ortsnamen in der Umgebung können den Namen weitere Elemente hinzugefügt werden. Dies kann ein vorangestellter Zusatz wie Berg- oder Wald- oder ein nachgestellter Zusatz wie bei/am XY sein. Benachbarte Tochtersiedlungen (bzw. planmäßige Erweiterungen bestehender Siedlungen) werden meistens durch Namenszusätze wie Neu- oder Klein- von der ursprünglichen Siedlung unterschieden, die gleiche Funktion erfüllen Zusätze wie -Neustadt etc. Meistens neuzeitlichen Ursprungs sind weitere Beinamen und Zusatzbezeichnungen (siehe unten); sie werden oft nur im amtlichen Verkehr gebraucht und in der lokalen Umgangssprache ignoriert, zum Beispiel Bad Münder am Deister.
Grundwörter Grundwörter bezeichnen den Grund der Benennung eines Orts oder einer Siedlung, zum Beispiel das Vorhandensein von Gebäuden (‑hausen, -kirchen) oder spezieller geografischer Merkmale (-berg, -wald). Die Grundwörter werden auch Endungen genannt, weil sie in germanischen Ortsnamen in der Regel hinten stehen. Durch diese Bezeichnung wird jedoch der Unterschied zu den Ortsnamen-Suffixen verwischt, die im Gegensatz zu den Grundwörtern keine erschließbare eigenständige Bedeutung haben.
Ortsnamen-Grundwörter können auch für sich stehen (Simplex) und zum Teil als Bestimmungswörter dienen, also miteinander kombiniert werden.
Beispiele sind: -ach, -a, niederdeutsch -aa, -ah: Siedlung an einem Wasserlauf, einer Ache, westfälisch Aa (-ach kann in rheinischen Ortsnamen aber auch auf das gallo-romanische Suffix -acum zurückgehen). -au, -aue, niederdeutsch -oog(e), -ohe, -oie oder Dänisch „-aa“: Siedlungen auf Inseln oder am Wasser (beides als Aue), von mittelhochdeutsch ouwa etc. (-au steht in niederdeutschen Namen oft für älteres -a, -aa, in vormals slawischen Gebieten für -ow). Beispiele für -oog: Langeoog, Minsener Oog, Norderoog, Schiermonnikoog, Spiekeroog, Süderoog, Wangerooge. -bach, niederdeutsch -bek(en), -beck, -bke etc.: (Siedlung an einem) Wasserlauf. -berg, -bergen, niederdeutsch -barg, -bargen: Ansiedlung auf einer Anhöhe oder an einem Berg, zum Beispiel Bamberg, Bergrath, Nothberg. -beuern, -beuren, -beuron, -birn, niederdeutsch -büren, -bur(en) etc.: von althochdeutsch bur „kleines Haus“ etc., mittelniederländisch buur „Wohnung“, vgl. Bauer (Vogelkäfig). -born, -bronn etc., Brunnen, Quelle, zum Beispiel Paderborn, Eschborn, Quickborn, auch Heilbronn, Born, Brunn. -brand: Urbarmachung durch Brandrodung, zum Beispiel Hinterbrand, Engelsbrand. -bruch, -broich, niederdeutsch -brook, brock, -brauk bedeutet Bruch- oder Sumpflandschaft (siehe Erlenbruchwälder in Brandenburg), zum Beispiel Broich, Bärbroich, Grevenbroich „Bruchlandschaft der Grafen“, Broichweiden, Korschenbroich. -bruck, -brück, niederdeutsch -brügge beziehen sich häufig auf eine Ansiedlung mit Gewässerübergang, oft (aber nicht ausschließlich) eine Brücke. Es kann aber auch von altsächsisch „bruggi“ Bergrücken abgeleitet sein. -bühl, -bühel, -bihl, -beuel, bairisch -bichel, -pichl: Siedlung auf oder an einem Hügel, einer Anhöhe. -büll: Wohnstätte, Siedlung (entspricht dänisch -bøl von altnordisch bu 'wohnen'), zum Beispiel Niebüll. -burg, niederdeutsch, schwedisch und dänisch -borg: Anhöhe, befestigte Siedlung, in frühmittelalterlichen Namen auch: Stadt (siehe unten), zum Beispiel Augsburg, Dahlenburg, Duisburg, Göteborg, Hamburg, Regensburg. -büttel, abgeleitet von altsächsisch „(gi)butli“ Siedlung; zum Beispiel Brunsbüttel, Hamburg-Fuhlsbüttel, Oeschebüttel, Wolfenbüttel. -by aus dem Dänischen, Dorf, zum Beispiel Barkelsby, Husby oder Karby; verwandt mit althochdeutsch bur, altnordisch -bu, schwedisch -bo und norwegisch -bu – an der mittleren Elbe: Ort an der Flussbiegung, zum Beispiel Barby. -damm: Endung, in den Niederlanden -dam, in Belgien auch -damme, auf Damm zurückzuführen -donk: kleine Anhöhe in der Niederung (niederrheinisch und niederländisch), zum Beispiel Wachtendonk -donn: Siedlung auf einer Düne, zum Beispiel Hochdonn oder Sankt Michaelisdonn. -dorf, -torf, -troff, -druf, niederdeutsch -dorp, -dörp, -torp, -trop, -trup, dänisch -torf, -trup, vgl. englisch -thorp, schwedisch -torp: (bäuerliche) Siedlung allgemein. Während der deutschen Kolonisierung der vormals slawischen Gebiete ostwärts der Elbe (siehe Hochmittelalterliche Ostsiedlung) wurden neu gegründete Siedlungen oft nach dem Dorfvorsteher benannt, zum Beispiel Hartmannsdorf (= Dorf des Hartmann). -eck, -egg: eigentlich Ecke, herausragende Anhöhe, Fels, oft auch in Namen von Burgen, Schlössern, befestigten Anlagen. -feld, -felde: (ursprünglich) unbewaldete Fläche, zum Beispiel Bielefeld. -fels: eine Ortschaft auf oder an einem Felsen, zum Beispiel Fels am Wagram, insbesondere zu einer hochmittelalterlichen Felsenburg, zum Beispiel Fels (Luxemburg). -fehn: aus dem niederdeutschen Fehn/Veen, Moor; hier sogenannte Moorkolonien mit Kanälen im nordwestlichen Niedersachsen (Ostfriesland und Oldenburgerland), zum Beispiel Großefehn, Augustfehn.