Unter Selbstwert (auch: Selbstwertgefühl, Selbstwertschätzung, Selbstachtung) versteht man in der Psychologie die Bewertung, die man an sich selbst vorgenommen hat. Die Begriffe werden wenig trennscharf verwendet, wobei Selbstvertrauen (Selbstsicherheit) sich auf die Kompetenzüberzeugungen (Fähigkeiten des Individuums) bezieht und als Teilkomponente des Selbstwertes verstanden werden kann, der sich darüber hinaus auch auf Eigenschaften beziehen kann, die nichts mit Kompetenzen zu tun haben. Der Selbstwert könnte sich beispielsweise auf Persönlichkeit und die Erinnerungen an die Vergangenheit und das Ich-Empfinden oder auf das Selbstempfinden beziehen. Auf das Selbstvertrauen wird in der Verhaltenstherapie vor allem unter dem Begriff Selbstwirksamkeitserwartung Bezug genommen.

Sowohl ein gesteigertes als auch ein geringes Selbstwertgefühl (Insuffizienzgefühl) kann ein Symptom einer psychischen Störung sein. Unterschieden wird nicht nur, ob der Selbstwert einer Person hoch oder niedrig ist, sondern auch ob er stabil oder instabil, kontingent oder nicht-kontingent, explizit (bewusst kognitiv) oder implizit (unbewusst affektiv erfahrungsbedingt), sicher oder fragil ist. Laut Leary und Mitarbeitern dient der Selbstwert als ein Indikator für die soziale Integration eines Menschen (Soziometer-Theorie). Nach dem kognitiven Modell von Aaron T. Beck wird der Selbstwert auch stark von Denkprozessen (Grundannahmen, automatische Gedanken, verzerrte Informationsverarbeitung) beeinflusst.

Äußere Faktoren können das Selbstvertrauen prägen, wenn bei bestimmten Anforderungen hinreichend objektive Gründe gegeben sind, wie zum Beispiel Methodenkompetenz, ausreichende Kenntnisse oder Erfahrungen, wiederholte Tätigkeiten in ähnlichen Situationen oder Ähnliches.

Selbstwert ist darüber hinaus auch eine politisch-moralische Kategorie, die beispielsweise die Gewissheit begründet, in einer bestimmten Situation „im Recht“ zu sein, bzw. ein zustehendes Recht wahrzunehmen, einzufordern oder zu erstreiten.

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird Selbstwert auch unpräziser Weise mit Selbstbewusstsein gleichgesetzt. Seltener wird der Begriff Eigenwert benutzt, der heute eine Eigenschaft linearer Abbildungen in der linearen Algebra beschreibt. Der Selbstwert steht in Beziehung zu den wissenschaftlichen Konstrukten des Ich oder des Selbst.

Theorie Selbstwertgefühl resultiert aus dem Vergleich der vermeintlichen subjektiven Fähigkeiten mit den Anforderungen, mit denen sich die Persönlichkeit konfrontiert sieht und im Bezug auf die Fähigkeiten anderer. Es lässt sich an ganz konkreten und zunehmend verallgemeinerten Anforderungssituationen bestimmen, zum Beispiel auch in psychologischen Tests. Ein hohes Selbstvertrauen gegenüber Anforderungen zeigt sich, wenn vorausschauend eingeschätzt wird, dass diese Situation gut gemeistert werden kann.

Der Grad des Selbstvertrauens hängt meist von der unterschiedlichen Befähigung für bestimmte Tätigkeiten ab und ist zeitlichen Änderungen (etwa durch Emotionen oder Müdigkeit) unterworfen.

Personen können situativ oder ständig ein inadäquates Selbstvertrauen haben, indem sie ihre Leistungsmöglichkeiten über- oder unterschätzen. Derartige Fehleinschätzungen entstehen auf der Grundlage individueller Besonderheiten, Einstellungen und anderer Eigenschaften.

Hintergrund Die Basis für einen sicheren Umgang mit sich und der Umwelt hängt eng mit dem Selbstvertrauen und dem Selbstwertgefühl zusammen. Die Selbstsicherheit bildet sich im Laufe der kindlichen Entwicklung aus: über das Erzielen von Wirkungen – insbesondere von jenen, die beim Kind zu angenehmen, positiv erlebten Gefühlen führen; das Erhalten von Wertschätzung und Anerkennung (als besondere Form sozialer Wirkung); dem Identifizieren mit Bezugspersonen, die selbst die nötige Selbstsicherheit haben und auf das Kind positiv reagieren; in der späteren Entwicklung durch eine Balance zwischen erlebter Freiheit und der Verbundenheit zu Bezugspersonen.

Studien zum Zusammenhang mit dem restlichen Leben Empirische Studien zum Selbstwertgefühl stehen vor der Schwierigkeit, dass der Selbstwert schwierig zu messen ist.Roy F. Baumeister, Jennifer D. Campbell, Joachim I. Krueger und Kathleen D. Vohs: Mythos Selbstbewusstsein. In: Spektrum der Wissenschaft, August 2005, S. 24 So stellen sich Probanden häufiger besser dar, als sie sich tatsächlich sehen.Roy F. Baumeister, Jennifer D. Campbell, Joachim I. Krueger und Kathleen D. Vohs: Mythos Selbstbewusstsein. In: Spektrum der Wissenschaft, August 2005, S. 26

Selbsteinschätzung Eine Studie an College-Studenten zeigte, dass eine hohe Selbstachtung zu dem Glauben führt, offenherziger, beziehungs- und konfliktfähiger zu sein und besseren emotionalen Rückhalt gewähren sowie sich gegen Gemeinheiten anderer besser behaupten zu können. Ein Zusammenhang dieser fünf Fähigkeiten mit dem Selbstwertgefühl zeigte sich, wenn die Personen selbst befragt wurden, nicht aber bei Befragung der jeweiligen Mitbewohner (Ausnahme: Knüpfen von Beziehungen).Roy F. Baumeister, Jennifer D. Campbell, Joachim I. Krueger und Kathleen D. Vohs: Mythos Selbstbewusstsein. In: Spektrum der Wissenschaft, August 2005, S. 27

Aussehen Einer weltweit durchgeführten Studie zufolge korreliert das Selbstwertgefühl im Kindesalter stark mit der Zufriedenheit mit dem eigenen Aussehen.

In einer Studie von Edward F. Diener wurde das Selbstwertgefühl jeder Testperson ermittelt und anschließend dreimal fotografiert (ganzer Körper, geschminkte und ungeschminkte Portraitaufnahme). Eine Jury bewertete die Bilder nach Attraktivität. Eine schwache Korrelation von Selbstwerteinschätzung und Bewertung durch Dritte konnte nur bei den geschminkten Portraitaufnahmen festgestellt werden. Entsprechend werden Bilder von Menschen mit hoher Selbsteinschätzung nicht zwingend von anderen auch so beurteilt, wie diese sich selbst sehen.Roy F. Baumeister, Jennifer D. Campbell, Joachim I. Krueger und Kathleen D. Vohs: Mythos Selbstbewusstsein. In: Spektrum der Wissenschaft, August 2005, S. 26

Schulische LeistungenÄltere Forschungsarbeiten kamen noch zu dem Ergebnis, dass ein gutes Selbstwertgefühl Ehrgeiz und Ausdauer stärkt und lähmende Gefühle von Inkompetenz schwächt.Roy F. Baumeister, Jennifer D. Campbell, Joachim I. Krueger und Kathleen D. Vohs: Mythos Selbstbewusstsein. In: Spektrum der Wissenschaft, August 2005, S. 26–27

Jedoch untersuchte eine jüngere Studie der Universität von Iowa mit mehr als 23.000 Personen, die in der 10. und 12. Klasse der High School getestet wurden, einen möglichen langfristigen Zusammenhang mit den schulischen Leistungen. Ein hohes oder niedriges Selbstwertgefühl in der 10. Klasse beeinflusste kaum die schulischen Leistungen in der 12. Auch umgekehrt waren schulischen Leistungen in der 10. Klasse kein Hinweis auf die Selbsteinschätzung in der 12. Klasse. Andere Studien bestätigten dies oder kamen sogar zu dem Schluss, dass sich ein hohes Selbstwertgefühl negativ auf die Leistungen auswirke. Ähnliche Befunde (keine oder negative Auswirkung eines hohen Selbstwertgefühls), gibt es in Untersuchungen über beruflichen Erfolg.Roy F. Baumeister, Jennifer D. Campbell, Joachim I. Krueger und Kathleen D. Vohs: Mythos Selbstbewusstsein. In: Spektrum der Wissenschaft, August 2005, S. 27

Selbstwertgefühl und Lebenszufriedenheit Eine 1995 veröffentlichte Studie mit mehr als 13.000 College-Studenten zeigte eine Korrelation von Zufriedenheit mit dem eigenen Leben mit einem hohen Selbstwertbewusstsein.Roy F. Baumeister, Jennifer D. Campbell, Joachim I. Krueger und Kathleen D. Vohs: Mythos Selbstbewusstsein. In: Spektrum der Wissenschaft, August 2005, S. 29 Eine 2005 publizierte Erhebung mit mehr als 600 Erwachsenen im Alter zwischen 51 und 95 Jahren durch Sonja Lyubomirsky, Chris Tkach und M. Robin DiMatteo von der Universität von Kalifornien in Riverside bestätigte das.Roy F. Baumeister, Jennifer D. Campbell, Joachim I. Krueger und Kathleen D. Vohs: Mythos Selbstbewusstsein. In: Spektrum der Wissenschaft, August 2005, S. 29

Stärkung des Selbstwertgefühls und Erfolg In einer Studie (1999) von Donelson R. Forsyth und Natalie A. Kerr von der Virginia Commonwealth University erhielten Psychologie-Studenten in einem College-Kurs, der in zwei Gruppen mit gleichem Notendurchschnitt aufgeteilt wurde, wöchentlich entweder eine das Selbstwertgefühl stärkende oder eine die persönliche Verantwortung unterstreichende E-Mail. Die Gruppe, deren Selbstwertgefühl zu stärken versucht wurde, verfehlte das Kursziel – die Gruppe, der Verantwortung aufgeladen wurde, bestand es, wenn auch nur knapp.Roy F. Baumeister, Jennifer D. Campbell, Joachim I. Krueger und Kathleen D. Vohs: Mythos Selbstbewusstsein. In: Spektrum der Wissenschaft, August 2005, S. 29

Selbstwertgefühl und Alkohol-/Drogenmissbrauch im Jugendalter Studien über den Zusammenhang des Selbstwertgefühls und Alkohol- oder Drogenmissbrauch in der Jugend ergeben kein einheitliches Bild: Manche Studien ergeben, dass Teenager mit Minderwertigkeitsgefühlen im Alkohol Trost suchen, andere kommen zu dem Schluss, dass gerade sehr selbstbewusste Jugendliche den Rausch suchen.Roy F. Baumeister, Jennifer D. Campbell, Joachim I. Krueger und Kathleen D. Vohs: Mythos Selbstbewusstsein. In: Spektrum der Wissenschaft, August 2005, S. 27–28 Eine groß angelegte Studie im Jahr 2000 von Rob McGee und Sheila M. Williams von der medizinischen Fakultät der Otago-Universität in Neuseeland fand keine Korrelation zwischen dem Selbstbewusstsein von 9- bis 13-Jährigen und späterem Alkohol- oder Drogenmissbrauch im Alter von 15 Jahren. Dagegen entdeckten drei Jahre zuvor A. Andrews und Susan C. Duncan vom Oregon-Forschungsinstitut eine Schwächung des Selbstwertgefühls durch sinkende Motivation in der Schule und einen durch das geschwächte Selbstwertgefühl folgenden, wenn auch gering wahrscheinlicheren Marihuana-Konsum.Roy F. Baumeister, Jennifer D. Campbell, Joachim I. Krueger und Kathleen D. Vohs: Mythos Selbstbewusstsein. In: Spektrum der Wissenschaft, August 2005, S. 28

Selbstwertgefühl und Gewaltverbrechen Roy F. Baumeister von der Universität von British Columbia in Vancouver (Canada) stellte 1996 die von Psychologen jahrzehntelang geglaubte Annahme infrage, wonach Aggressivität durch ein niedriges Selbstwertgefühl begründet sei. Verschiedene Studien zeigten ihm, dass Gewaltverbrecher eine hohe und vielleicht überzogene Meinung von sich selbst haben.Roy F. Baumeister, Jennifer D. Campbell, Joachim I. Krueger und Kathleen D. Vohs: Mythos Selbstbewusstsein. In: Spektrum der Wissenschaft, August 2005, S. 29 Dan Olweus von der Universität Bergen in Norwegen zeigte, dass herumkommandierende Kinder selbstsicherer und weniger ängstlich sind.Roy F. Baumeister, Jennifer D. Campbell, Joachim I. Krueger und Kathleen D. Vohs: Mythos Selbstbewusstsein. In: Spektrum der Wissenschaft, August 2005, S. 29

Arbeitssoziologie Langzeitarbeitslose, vor allem jene, die vorher in jahrelangem, festem Arbeitsverhältnis standen, tendieren dazu, ihr durch den Beruf definiertes Selbstverständnis in Frage zu stellen. In der Regel tritt nach sechsmonatiger bis einjähriger Arbeitslosigkeit ein Gefühl der Nutzlosigkeit auf, das in manchen Fällen zur Entfremdung von der Familie und/oder anderen sozialen Milieus führen kann, bis hin zur Selbstaufgabe und zum Suizid. Es besteht offenbar ein Zusammenhang zwischen anwachsender Arbeitslosigkeit und der Zunahme von Depressionen und psychotischen Erkrankungen. So wird berichtet, dass der Soziologe und Psychologe Thomas T. Cottle, der die psychischen Folgen der Arbeitslosigkeit über 15 Jahre hinweg untersuchte, bei Langzeitarbeitslosen in Amerika, die durch die US-Regierung als „entmutigt“ eingestuft wurden, pathologische Symptome feststellte, die denen Sterbender ähnelten.Jeremy Rifkin: Das Ende der Arbeit, Putnam, New York 1995; Campus Verlag, S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2005, dort Seite 156 ff.