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Kritik an Wikipedia gibt es seit ihrer Gründung im Jahr 2001. Die meisten der gängigen Kritikpunkte wurden bereits in den Anfangsjahren der Wikipedia bis etwa 2008 vorgebracht.
Angesichts der zentralen Bedeutung als enzyklopädisches Online-Nachschlagewerk wird oft speziell die Zitierbarkeit der Wikipedia problematisiert und im wissenschaftlichen Kontext verneint. Angesichts der Vielzahl der beteiligten Autoren, von denen die Mehrzahl sich anonym einbringt, könne vor allem den Kriterien der Zitierwürdigkeit nicht entsprochen werden.
Untersuchungen belegen, dass die Kritik an mangelnder Zuverlässigkeit dieser Enzyklopädie sich unterdessen keineswegs erledigt hat. Dies spricht jedoch nicht gegen eine problembewusste Nutzung als Informationsquelle.
Während Wikipedia von vielen Lehrkräften im Bildungsbereich weiterhin mit Zitierverboten belegt wird, zeigt die gesellschaftliche Praxis vielfach, dass die Online-Enzyklopädie nicht nur von Journalisten zu Belegzwecken herangezogen wird, sondern auch im akademischen, politischen und juristischen Bereich.
Kritikpunkte Zu den bereits früh genannten Kritikpunkten gehörten:
Einige Kritiker beanstandeten, Wikipedia produziere verzerrte Sichtweisen, die ihrem eigenen Entstehungsprozess geschuldet seien, und ihr Ziel als „Projekt zur Erstellung einer Enzyklopädie“ werde durch Gruppendynamik innerhalb der Benutzerstruktur beeinträchtigt.
Wikipedia biete im Unterschied zu herkömmlichen Enzyklopädien keine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit ihrer Artikel. Jeder Internetnutzer könne ihre Inhalte verändern und sogar absichtlich verfälschen. Seit der Einführung des Sichtungssystems im Mai 2008 (in der deutschsprachigen Wikipedia und einigen weiteren Sprachversionen, nicht jedoch in der englischsprachigen) kann offensichtlicher Vandalismus nur noch dann in einen Wikipedia-Artikel gelangen, wenn ein Sichter Änderungen unzureichend prüft oder selbst falsche Inhalte einstellt.
Im zweiten Jahrzehnt der Existenz von Wikipedia ist die Kritik differenzierter geworden und stärker Teil der schon früher einsetzenden allgemeineren Auseinandersetzung mit der Nutzung des Internets und digitaler Medien als Informationsquelle sowie mit der Plagiatskultur. 2008 gab es an der Zentralbibliothek Zürich ein Kolloquium, das sich differenziert mit der Zitierbarkeit von Wikipedia befasste. Der Deutsche Bundestag hat sich 2011 mit Wikipedia befasst und die Bundeszentrale für politische Bildung hat 2012 ein Online-Dossier zur Wikipedia mit insgesamt positiven Beiträgen von Wissenschaftlern zu Wikipedia veröffentlicht. Es wurden Regeln für das Zitieren von Internetquellen aufgestellt, die auch für Wikipedia gelten, man befasst sich von wissenschaftlicher Seite ernsthaft mit der Arbeit an WikipediaDie HIS Hochschul-Informations-System GmbH listet unter dem Suchwort Wikipedia wichtige wissenschaftliche Arbeiten auf. Am Institut für Medienwissenschaft der Universität Basel gab es im Sommersemester 2007 einen Kurs „Schreiben für Wikipedia“ und ein auswertendes Werkstattgespräch am dortigen historischen Seminar. Die Materialien und Berichte dazu sind im Internet veröffentlicht: , wiki.histnet.ch (PDF; 151 kB), Wikipedia in den Wissenschaften. An der Universität Wien gab es 2010 ein Forschungsseminar „Wikipedia und die Geschichtswissenschaften“ (s. und Wikipedia: Ein kritischer Standpunkt) und es gibt auch allgemeine Forderungen nach einem „Seminarkurs im ersten Semester, in dem Dozenten und Studenten gemeinsam in der ‚großen‘ Wikipedia editieren und die Entwicklung einzelner Artikel verfolgen.“ Solche Seminare wurden 2014/15 auch angeboten., z. B. Fachbereich 06 Geschichte an der Universität Marburg
Thomas Wozniak sprach 2012 von „zehn Jahren Berührungsängsten“Thomas Wozniak: Zehn Jahre Berührungsängste: Die Geschichtswissenschaften und die Wikipedia. Eine Bestandsaufnahme, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 60/3 (2012), S. 247–264. zwischen Wissenschaft und Wikipedia. Die Auffassung, dass der Wikipedia die Zitierbarkeit zum großen Teil oder gänzlich abzusprechen sei und dass diese die wissenschaftlichen Standards beschädige, wurde beispielsweise 2011 und 2014 vertreten. Diese Kritik wurde andererseits auch gegen den deutschen Wissenschaftsbetrieb selbst gewendet; Gabi Reinmann formulierte dies 2012 wie folgt: „Für den Wissenschaftsbetrieb hat sich Ende Juni eine eigene Enquete-Kommission des Bundestags dafür ausgesprochen, das Open-Access-Prinzip umfassend zu unterstützen, das heißt: freier Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen und Erkenntnissen. In eine ähnliche Richtung gehen offene Bildungsressourcen, also Online-Lehrbücher, Blogs, Podcasts, Videos und Veranstaltungen mit mehreren hundert oder tausend Teilnehmern. In Deutschland eher rar sind auch freie Bildungsressourcen, die jedem Interessierten zur Verfügung stehen. Und immer noch kommt man als Hochschullehrer in die Schlagzeilen von Spiegel online, wenn man seine Vorlesung in YouTube einstellt und die Präsenzzeit ein wenig anders gestaltet als vor hundert Jahren.“ Zitiert nach dem Redemanuskript des Vortrags „Digitales Denken – Wie verändert die digitale Revolution unser Leben“ vom 7. November 2012 in Bonn (PDF; 532 kB), siehe auch Forschung & Lehre 7/13 vom 12. Dezember 2012.
In den folgenden Unterabschnitten sind mehrere Themenkreise der Kritik näher dargestellt.
Verfehlung des enzyklopädischen Anspruchs mini|hochkant|Grimme Online-Award für Wissen und Bildung, 2005 an Wikipedia verliehen
Der Kritiker Robert McHenry – früher Chefredakteur der Encyclopædia Britannica – stellte 2005 den Anspruch der Wikipedia, eine Enzyklopädie zu sein, in Frage, denn dieser Begriff beinhalte einen Grad von persönlicher Verantwortlichkeit und Zuverlässigkeit, der seiner Meinung nach bei einer offen veränderlichen Quelle nicht erreicht werde. McHenry formulierte:
Der Wikipedia-Kritiker Andrew Orlowski schrieb 2005 (im Zusammenhang mit der Seigenthaler-Affäre):
Jerry Holkins von Penny Arcade schrieb in einem Essay zu einem seiner Webcomics, dass eine „Antwort [auf die Kritik an Wikipedia] ist: der gemeinschaftsorientierte Grundzug des Systems bedeute, dass die korrekte Information sich tendenziell schlussendlich durchsetzen werde, selbst wenn es zeitweise ein Durcheinander aufgrund gewaltsam aufeinanderprallender gegensätzlicher Sichtweisen geben sollte.“„response [to criticisms of Wikipedia] is: the collaborative nature of the apparatus means that the right data tends to emerge, ultimately, even if there is turmoil temporarily as dichotomous viewpoints violently intersect.“
Allerdings referiert Holkins hier nur die Rechtfertigungen Dritter. Tatsächlich verspottet er diese Sichtweise mit einem „Vorschlag einer Art ‚Quantenenzyklopädie‘, in der wahre Information zum selben Zeitpunkt zugleich existiert und nicht existiert, abhängig von dem genauen Moment der Beobachtung, an dem ich auf euren durchgeknallt streitenden Pöbel für meine Informationen angewiesen bin.“Holkins derides this view as “propos[ing] a kind of quantum encyclopedia, where genuine data both exists and doesn't exist depending on the precise moment I rely upon your discordant fucking mob for my information.” Quelle:
Eine Reihe Akademiker haben Wikipedia kritisiert, weil diese als verlässliche Quelle versage. In manchen Schulen und Universitäten darf Wikipedia zum Verfassen von Hausarbeiten nicht als Quelle verwendet werden. Einige Bildungseinrichtungen haben Wikipedia in der Vergangenheit ganz ausgeschlossen, andere haben sie allein als Quelle für Sammlungen externer Referenzen zugelassen., in: nwsource.com, abgerufen am 21. Mai 2022.
Einige akademische Kreise stehen der Wikipedia als Wissensquelle positiv gegenüber. Der erste bekannte Hinweis auf Wikipedia erschien am 2. August 2002 im Online-Journal Science im Artikel A White Collar Protein Senses Blue Light.
Fehlende Begutachtung Das Fehlen einer autoritativ verbürgten Verantwortlichkeit sowie eines institutionalisierten Peer Reviews steht im Fokus der Kritik. Hier einige Beispiele für seit 2004 vorgebrachte Kritik:
Hiawatha Bray vom Boston Globe schrieb im Juli 2004:
Der Bibliothekar Philip Bradley äußerte sich in einem Interview im Oktober 2004 gegenüber dem Guardian über die Wikipedia wie folgt:
Ähnlich äußerte sich im November 2004 Robert McHenry, der einstige Chefredakteur der Encyclopædia Britannica:
Aufgrund des möglichen Fehlens der notwendigen Qualifikationen, ein Thema zu bearbeiten, mögen die Beitragenden selbst oft nicht in den Bereichen, die sie bearbeiten, beschlagen sein. Der Kulturkritiker Paul Vallely drückte in einer Bemerkung im Independent über Wikipedia diesen Umstand im Jahr 2006 folgendermaßen aus: „Sie zu benutzen ist so ähnlich, wie einen Unbekannten in einer Kneipe zu fragen. Er könnte Atomphysiker sein. Oder er könnte ein kompletter Volltrottel sein.“, in: culteducation.net, abgerufen am 21. Mai 2022.
In einem Artikel des Magazins Der Spiegel hieß es 2013: „Während beim Brockhaus Doktoren und Professoren über das urteilen, was man weiß oder wissen sollte, sind die Wikipedia-Autoren oft engagierte Laien. Sie verhalten sich zueinander wie Berufsrichter zu Schöffen, und so stößt man bei Wikipedia immer mal wieder auf Beiträge minderer Qualität. Hinzu kommen gelegentliche Lobbyisten oder Pressesprecher, die gern versuchen, die Artikel über Firmen oder Politiker zu schönen. Aber der schnellen Aneignung von Wikipedia-Wissen ist all das kaum abträglich.“
Umstrittene Vergleiche mit etablierten Enzyklopädien Im Jahr 2005 ließ die wissenschaftliche Zeitschrift Nature 50 ausgewählte Artikel aus der englischsprachigen Wikipedia mit der Encyclopædia Britannica mit Hilfe des Reviews durch Fachleute verschiedener Disziplinen vergleichen. Der Bericht vom Dezember 2005 kam zu folgendem Ergebnis: . Der Bericht stellte eine Studie vor, in der 42 Artikel in beiden Enzyklopädien von ausgewiesenen Fachleuten des jeweiligen Gebiets geprüft wurden. Die Überprüfung ergab, dass der durchschnittliche Wikipedia-Artikel vier Fehler oder Lücken enthielt, der durchschnittliche Artikel in der Encyclopædia Britannica drei.
Diese Untersuchung blieb nicht ohne negative Kritik. So schrieb etwa Andrew Orlowski ein Editorial für den Register, in dem er behauptete:
Encyclopædia Britannicas prompte Bedenken führten dazu, dass Nature weitere Details über ihre Untersuchungsmethoden veröffentlichte. Daraufhin antwortete das Unternehmen der Traditionsenzyklopädie in seiner offiziellen Verlautbarung mit dem Titel Fatally Flawed:
Der für Wikipedia günstig ausfallende Vergleich mit deutschsprachigen Enzyklopädien ist hingegen unumstritten. Bereits im Oktober 2004 gewann die deutschsprachige Wikipedia im direkten Vergleich der Artikelinhalte einer kleinen Menge von Stichproben (60 bis 70 Artikel) gegen die digitalen Nachschlagewerke Microsoft Encarta Professional 2005 und Brockhaus Multimedial 2005 Premium, durchgeführt von der Computerzeitschrift c’t.Ausgabe 21/04 Kurze Zeit später bestätigte ein Lexikavergleich in der Wochenzeitung Die Zeit dieses Ergebnis. Immer wieder wird in der Presse die Vorbildfunktion des deutschsprachigen Ablegers betont, so im November 2006: „Nun ist Deutschland in Sachen Qualität Vorreiter. Die deutschen Artikel ragen im internationalen Vergleich heraus. Nirgends ist die Wiki-Gemeinde so nah am objektiven Enzyklopädie-Leitbild, früh schon einigte man sich darauf, dass ‚Fan-Artikel‘ (etwa Beiträge zu jeder Nebenfigur des Star-Wars-Universums) aus der Enzyklopädie herausgehalten werden sollen.“