Unter der dritten Republik versteht man in der portugiesischen Geschichtsschreibung die Zeit seit der Nelkenrevolution 1974 bis heute. Als erste Republik gilt die Zeit von der Abschaffung der Monarchie 1910 bis zum Militärputsch des Generals Gomes da Costa 1926, die zweite Republik bezeichnet den autoritären Estado Novo (1933–1974).

1926–1974: Vorgeschichte mini|Die Nelke, das Symbol der Revolution, mit der in Portugal die Dritte Republik begann In Portugal hatte sich nach dem Scheitern der ersten portugiesischen Republik 1926 nach einem Militärputsch ein zunehmend autoritärer Ständestaat mit faschistoiden Zügen, der Estado Novo (Neuer Staat), etabliert. Er wurde zunächst von seinem Schöpfer, Ministerpräsident Salazar, geführt. Ihm folgte, da er ab 1968 aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr regierungsfähig war, Marcelo Caetano nach. Als sich der Estado Novo zusehends in innenpolitische Probleme und Widersprüche und außenpolitisch in einen nicht zu gewinnenden Kolonialkrieg mit den nach Unabhängigkeit strebenden portugiesischen Kolonien in Afrika verstrickte, wurde die Regierung Caetano 1974 bei einem weitgehend unblutigen Putsch junger Offiziere gestürzt. Mit ihnen solidarisierten sich große Teile der Bevölkerung. Dieser Aufstand ging als Nelkenrevolution (portugiesisch: Revolução dos Cravos oder einfach 25 de Abril) in die portugiesische Geschichte ein und bildete den Anfang der dritten Republik.

1974–1976: Gruppierungen unmittelbar nach der Nelkenrevolution Die Tage unmittelbar nach der Nelkenrevolution waren zunächst einmal Tage des Feierns. Es überwog die Freude, dass die Diktatur nach 48 Jahren weitgehend unblutig gestürzt worden war. Namhafte Exilpolitiker kehrten nach Portugal zurück (Álvaro Cunhal, Mário Soares), die Großkundgebung zum ersten Mai wurde zu einem eindrucksvollen Zeugnis für die wiedergewonnenen Freiheiten.

Es zeigte sich aber schon bald, dass die Träger der Revolution vor allem von der gemeinsamen Gegnerschaft gegen das alte System zusammengehalten wurden. Da dieses System nun gefallen war, wurden die Unterschiede zwischen den Ansichten der neuen Machthaber offensichtlich. Die Revolution war besonders von einer Gruppe junger Offiziere getragen worden, dem Movimento das Forças Armadas (MFA), der Bewegung der Streitkräfte. Schon innerhalb dieser Gruppe gab es unterschiedliche politische Strömungen. Während der radikalere Flügel, angeführt von Hauptmann Otelo Saraiva de Carvalho, den Weg in einen radikalen Sozialismus gehen wollte, bildete sich ein gemäßigterer Flügel unter Ernesto Melo Antunes. Zur Sicherung seines Aufstandes suchte der MFA zusätzlich die Unterstützung von konservativen Teilen der Armee, repräsentiert durch den ehemaligen Oberkommandierenden General Francisco da Costa Gomes und seinen Stellvertreter General António de Spínola. Beide waren noch kurz vor der Nelkenrevolution von der Regierung Caetano wegen Kritik an der Regierungspolitik entlassen worden.

Es bildeten sich so drei große Gruppen, wobei alle drei Strömungen sowohl im Militär als auch in der Zivilgesellschaft ihre Anhänger hatten: die Konservativen: Innerhalb der Armee wurde diese Gruppe von Costa Gomes, Spínola und innerhalb des MFA von Melo Antunes geführt. Der Monokelträger Spínola war dabei geradezu die Personifizierung konservativer Ideen. Innerhalb der Zivilgesellschaft bestand diese Gruppe vor allem aus Politikern, die sich bereits während des Estado Novo innerhalb der damals bestehenden Einheitspartei, der ANP, politisch engagierten hatten, dort eine Gruppe bildeten, die sich für vorsichtige Reformen aussprach und sich nach der Nelkenrevolution, als sie sahen, dass das Ancien Régime nicht reformierbar war, auf die Seite der Gegner desselben geschlagen hatten. Vertreter dieser Gruppe waren z. B. die späteren Ministerpräsidenten Francisco Sá Carneiro und Francisco Pinto Balsemão; die gemäßigten Sozialisten, die für einen sozialdemokratischen Kurs eintraten, repräsentiert durch die Sozialistische Partei und ihren Führer Mário Soares, und schließlich die extreme Linke, die Portugal in ein sozialistisches Land mit entweder staatssozialistischem Wirtschaftssystem oder rätedemokratischen Strukturen verwandeln wollte, innerhalb der Armee und der MFA geführt von Hauptmann Otelo, innerhalb der Zivilisten einerseits repräsentiert durch die Kommunistische Partei unter Álvaro Cunhal, andererseits durch mehrere linksradikale und linkssozialistische Parteien.

Regierung Da Palma Carlos Nach dem Militärputsch von 1974 wurde am 14. Mai 1974 ein neues Wahlgesetz beschlossen (Gesetz 3/74, Artikel 4, Nummer 1).Maria Lúisa Amaral, Teresa Anjinho: Winning Women’s Vote: Female Suffrage in Portugal. In: Blanca Rodríguez-Ruiz, Ruth Rubio-Marín: The Struggle for Female Suffrage in Europe. Voting to Become Citizens. Koninklijke Brill NV, Leiden und Boston 2012, ISBN 978-90-04-22425-4, S. 475–489, S. 482–483. Nach dem Dekret-Gesetz Nummer 621-A/74, Artikel 1.1 vom 15. November 1974 waren für die Konstituierende Versammlung portugiesische Staatsbürger wahlberechtigt, die am 28. Februar 1975 18 Jahre oder älter waren. Zum ersten Mal in der portugiesischen Geschichte war damit das allgemeine Wahlrecht anerkannt und wurde im folgenden Jahr ausgeübt: Im April 1975 wurden die Mitglieder der Konstituierenden Versammlung gewählt, die die Verfassung von 1976 konzipierte. Diese wurde am 2. Juni 1976 proklamiert und damit für alle Wahlen eine Gleichheit des Frauenwahlrechts und Männerwahlrechts verfassungsrechtlich abgesichert.Mart Martin: The Almanac of Women and Minorities in World Politics. Westview Press Boulder, Colorado, 2000, S. 312.

Unmittelbar nach der Nelkenrevolution hatte sich eine provisorische Regierung, Nationale Rettungsfront (Junta de Salvação Nacional, JSN) gebildet; ihr Vorsitzender Spínola wurde zum Übergangspräsidenten erklärt. Er ernannte am 15. Mai 1974 Adelino da Palma Carlos zum ersten Regierungschef. Da Palma Carlos kam als konservativer Rechtsanwalt mit seinen politischen Einstellungen Spínola entgegen. Er musste jedoch alle Strömungen an seiner Regierung teilnehmen lassen: Sá Carneiro war Minister, Soares wurde Außen- und Cunhal Minister ohne Geschäftsbereich. Außerdem hatte die Regierung nicht die alleinige Macht im Lande inne. Die während der Revolution gebildeten informellen Organe, insbesondere die JSN und das MFA, existierten weiter und führten neben der Regierung ein Eigenleben.

In den Wochen nach der Ernennung der Regierung Da Palma Carlos vertieften sich die Meinungsunterschiede zwischen Spínola und Da Palma Carlos einerseits und den radikaleren Elementen innerhalb des MFA andererseits. Bei der Frage nach der Zukunft der portugiesischen Kolonien war man sich einig, dass die Politik, wie sie vor der Nelkenrevolution betrieben wurde, also die diversen afrikanischen Befreiungsbewegungen mit großer Härte militärisch zu bekämpfen, gescheitert war. Auch Spínola hatte ja bereits im März 1974 in seinem Buch „Portugal und die Zukunft“ (Portugal e o futuro) dargelegt, dass Portugal den Krieg militärisch nicht gewinnen könne und dadurch seine Ressourcen verschwende. Diese Äußerungen hatten dann unter anderem zu seiner Entlassung durch die Regierung Caetano geführt, aber Spínola wollte doch einen geordneten Rückzug und hoffte, die Kolonien bei weitreichender Autonomie in einem wie auch immer gearteten Sonderverhältnis zum portugiesischen Staat belassen zu können, ähnlich wie Großbritannien es mit seinen Kolonien innerhalb des British Commonwealth vorgemacht hatte. Es ging Spínola dabei vor allem auch um das Schicksal der zahlreichen in den Kolonien verbliebenen portugiesischen Siedler, die dann nach der Erlangung der Unabhängigkeit der Kolonien in der Tat in großer Zahl ins Mutterland flüchten mussten. Die radikaleren Kräfte innerhalb des MFA dagegen wollten den Krieg so schnell wie möglich beenden, um die portugiesischen Truppen nach Hause zu holen. Diese Haltung erklärte sich sowohl aus einer politischen Affinität zu den linksgerichteten afrikanischen Befreiungsbewegungen (wie der MPLA in Angola oder der FRELIMO in Mosambik) als auch aus dem Selbstverständnis der MFA, die sich als Interessenvertreterin der portugiesischen Soldaten sah, die in einem zunehmend sinnlos gewordenen Krieg jeden Tag ihr Leben riskierten und deshalb so schnell wie möglich nach Hause geholt werden sollten. Spínola war schließlich bereit, Guinea und Mosambik in die Unabhängigkeit zu entlassen, weigerte sich jedoch, Angola einer linksgerichteten Befreiungsorganisation zu überlassen.

Diese Konflikte schwächten sowohl Präsident Spínola als auch die Regierung Da Palma Carlos, für die Spínola der einzige Rückhalt war. Als Da Palma Carlos mit dem Versuch scheiterte, gleichzeitig mit den Präsidentschaftswahlen ein Verfassungsreferendum durchzuführen und damit die Kompetenzen von Staatspräsident und Regierung zu stärken, trat er zurück.

Radikalisierung der Entwicklung Spínola hatte nun keine andere Wahl, als einen radikaleren Militär, den General Vasco Gonçalves, zum neuen Regierungschef zu ernennen. Gonçalves stand der Kommunistischen Partei Portugals politisch nahe, auch wenn er in deren Generalsekretär Álvaro Cunhal einen politischen Gegner sah. Er forderte zeitweise eine Rätedemokratie. Unter seiner Regierung radikalisierte sich der innen- und vor allem wirtschaftspolitische Kurs der Regierung. Konservative Minister, wie Sá Carneiro, der Mitglied der Regierung Da Palma Carlos gewesen war, gehörten seiner Regierung nicht mehr an. Gonçalves führte eine Landreform durch und verstaatlichte Großbesitz und Banken. Da die verstaatlichten Banken viele Bereiche der Wirtschaft kontrollierten, waren damit insgesamt fast 70 % des portugiesischen Bruttosozialproduktes direkt oder indirekt unter der Kontrolle der Regierung. Spínola versuchte sich dieser Entwicklung entgegenzustellen („Appell an die schweigende Mehrheit“), scheiterte jedoch am Widerstand Gonçalves' und des radikalen Flügels der MFA unter Hauptmann Otelo Saraiva de Carvalho. Entnervt gab er schließlich auf und trat am 30. September 1974 zurück.

Nachfolger Spínolas wurde General Francisco da Costa Gomes. Wie Spínola gehörte auch er dem konservativen Flügel der Streitkräfte an. Da Costa Gomes sah sich zu einem gemäßigten Kurs gezwungen, einerseits, weil er mit einer konservativ ausgerichteten Politik ebenso scheitern würde wie sein Vorgänger; andererseits wuchs unter den westeuropäischen Staaten und besonders auch in den USA die Befürchtung, Portugal könnte als erstes Land Westeuropas kommunistisch werden. Im Bewusstsein, dass Portugal auf die Unterstützung der westlichen Staatenwelt angewiesen war, versuchte da Costa Gomes diese zu beruhigen und die größten Schritte der Regierung dos Santos Gonçalves' und des MFA in Richtung Sozialismus zu verhindern.

Am 11. März 1975 unternahmen konservative Kräfte innerhalb des Militärs einen Putschversuch gegen die Linksregierung. Der Putsch schlug fehl; Spínola, der in ihn verwickelt war, musste das Land verlassen und ging nach Spanien (später Brasilien) ins Exil.

Auflösung des portugiesischen Kolonialreiches und Wahlen zur Verfassungsgebenden Versammlung