Unter einem Frauenhaus versteht man in westlichen Industrieländern eine soziale Einrichtung, die Frauen und ihren Kindern im Falle von häuslicher Gewalt Hilfe, Beratung und vorübergehend eine geschützte Unterkunft anbietet.Fachlexikon der sozialen Arbeit. 2002, S. 348. Der Rechtsbegriff bezeichnet ein Haus, das ausschließlich physisch oder psychisch misshandelten oder von Misshandlung unmittelbar bedrohten Frauen und ihren Kindern aufgrund eines professionellen Angebotes sofortige Hilfe durch Aufnahme und Beratung bietet, das nur für diese Gruppe bestimmt und kein Heim ist.Zum Beispiel Ziffer 1.2 der Richtlinien für die Gewährung von Zuwendungen zur Förderung von Zufluchtsstätten für misshandelte Frauen (Frauenhäuser), Runderlass des Ministeriums für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter vom 18. Dezember 2014 SMBl.NRW. S. 68. Arbeitsansatz Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser sowie mit den Frauenhäusern kooperierende Psychologinnen, Rechtsanwältinnen und Sozialarbeiterinnen beraten die Zuflucht suchenden Frauen. In der Regel werden Frauenhäuser von Verbänden und Vereinen geführt. In der Trägerschaft wird generell zwischen autonomen und nichtautonomen Frauenhausträgern unterschieden. Die Autonomie bezieht sich jedoch nicht auf die Finanzierung: Frauenhäuser werden durch öffentliche Zuwendungen finanziell unterstützt oder auch vollständig getragen. Der Aufenthalt ist für die betroffenen Frauen und Kinder je nach Standort kostenfrei oder er wird über Leistungen der Sozialhilfe abgerechnet. Aus Sicherheitsgründen werden die Adressen der Frauenhäuser nicht in öffentlichen Verzeichnissen publiziert. Männern wird grundsätzlich der Zutritt verweigert.Bericht der Bundesregierung zur Situation der Frauenhäuser, Fachberatungsstellen und anderer Unterstützungsangebote für gewaltbetroffene Frauen und deren Kinder, 2012.

Frauenhäuser sind keine Heime, sondern sollen den Frauen ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Die Frauen entscheiden (meist innerhalb eines festgelegten Rahmens) selbst über die Dauer ihres Verbleibs. Außerdem gehören demokratische Strukturen des Zusammenlebens, deren wichtigstes Element die Hausversammlung ist, zu den Prinzipien der Frauenhäuser. Teile dieser anfänglichen Strukturen mussten jedoch im Laufe der Jahrzehnte durch organisatorische Änderungen der Frauenhausarbeit aufgegeben werden. Da die Zuflucht suchenden Frauen und ihre Kinder meist in einer Krise mit ihren psychischen, physischen und sozialen Auswirkungen sind, wurde die Betreuungsarbeit zunehmend professionalisiert, so dass Elemente der klassischen sozialen Arbeit in den Vordergrund traten. Anders als in der klassischen Sozialarbeit stehen Frauenhausmitarbeiterinnen parteilich auf Seiten der Klientinnen, was auch nach Judith Lewis Herman ein grundlegendes Erfordernis für die Traumaverarbeitung ist.

Geschichte In vergangenen Jahrhunderten waren in Europa die Klöster oft Schutzräume für Frauen. Ein Beispiel für den außereuropäischen Raum sind die beiden „Fluchttempel“ (Kakekomi-dera) in Japan, die geflohenen Frauen Schutz vor häuslicher Gewalt boten, Tōkei-ji in Kamakura und Mantoku-ji in Ōta.Kamakura, History and Historic Sites: Kita-Kamakura Area (1), Eintrag Tokeiji Temple (東慶寺) (englisch); Tokei-ji Temple, Informationen der japanischen Tourismus-Organisation (englisch); abgerufen am 5. März 2016.

Die internationale Frauenbewegung hat Ende der 1960er Jahre erstmals die weit verbreitete, aber bis dahin meist verschwiegene Gewalt gegen Frauen – auch in Ehe und Partnerschaft – öffentlich thematisiert. 1971 gründete in London Erin Pizzey ein Frauenzentrum, das sich zum ersten Frauenhaus weltweit entwickelte, weil immer mehr Frauen Zuflucht vor gewalttätigen Partnern suchten. 1974 entstand in Großbritannien das Netzwerk Women’s Aid. Im selben Jahr öffneten die Frauenhäuser in Edinburgh, Amsterdam, St. Paus (USA, Minnesota) und Sidney ihre Pforten, Berlin und Köln folgten 1976, Wien 1978 und Zürich 1979. Diese Frauenhäuser gingen oft aus zuvor bestehenden Krisenzentren für vergewaltigte Frauen oder Beratungsstellen hervor. Zur Ausweitung der Frauenhausbewegung trug wesentlich das Internationale Tribunal „Gewalt gegen Frauen“ 1976 in Brüssel bei, an dem 2000 Frauen aus 33 Staaten teilnahmen. Sie forderten die Regierungen auf, Existenz und Ausmaß der Gewalt gegen Frauen sowie die Notwendigkeit von Schutzunterkünften zu erkennen und diese finanziell, aber auch durch einen wirksamen rechtlichen Schutz für die Frauen, zu unterstützen. Ziele der Frauenhausbewegung sind insbesondere: Frauen und ihre Kinder in Gefährdungssituationen vor Gewalt durch Partner zu schützen und sie auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu unterstützen; durch die Bewusstmachung der Gewalt gegen Frauen in der Öffentlichkeit das Recht von Frauen und Mädchen auf körperliche Unversehrtheit und sexuelle Selbstbestimmung einzufordern.

In den 1990er-Jahren wurde Gewalt gegen Frauen auch ein Thema in Osteuropa und Lateinamerika, dem sich Mitte der 1990er-Jahre die Vereinten Nationen, die Weltgesundheitsorganisation und die Europäische Union annahmen und es zu einer Frage der Menschenrechte und der Gesundheitssicherung machten. In Europa gab es im Jahr 2004 nach einer Schätzung 1500 Frauenhäuser und Beratungsstellen.Margrit Brückner: Erfolg und Eigensinn. Zur Geschichte der Frauenhäuser. In: Mechthild Bereswill, Gerd Stecklina (Hrsg.): Geschlechterperspektiven für die Soziale Arbeit: Zum Spannungsverhältnis von Frauenbewegungen und Professionalisierungsprozessen. Beltz Juventa, 2010, ISBN 978-3-7799-2304-6, S. 61f. Untersuchungen in den westlichen Industriestaaten zeigen, dass Frauen in ihrem privaten Lebensraum die größte Gefahr laufen, Opfer von Gewalt zu werden.Ruth Becker, Beate Kortendiek (Hrsg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung: Theorie, Methoden, Empirie. (= Geschlecht und Gesellschaft. Band 35). VS Verlag, 2010, ISBN 978-3-531-17170-8, S. 668f.Gewalt gegen Frauen in Paarbeziehungen. Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums, 2012, bmfsfj.de (PDF).

Erste Weltfrauenkonferenz von Frauenhausmitarbeiterinnen Vom 8. bis 11. September 2008 fand in Edmonton, Kanada, die Erste Weltfrauenkonferenz von Frauenhausmitarbeiterinnen statt, an der ca. 800 Teilnehmerinnen aus 51 Ländern versammelt waren und ihre Erfahrungen und Zukunftsperspektiven austauschten. Während sich etwa in Südafrika die Notwendigkeit eines Betreuungsprojektes für die Waisen von während ihrem Frauenhausaufenthalt an Aids verstorbenen Müttern zeigte, denkt man in Ländern wie Holland und Schweden an die Ausweitung des Angebotes auf Frauenhäuser für spezielle Zielgruppen, z. B. für sehr junge Frauen, für Frauen mit Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenmissbrauchsproblemen oder für Frauen mit autoaggressivem Verhalten.

Istanbulkonvention Die im Mai 2011 vom Europarat angenommene und von 39 Staaten (Stand Jänner 2016) unterzeichnete Istanbulkonvention verpflichtet die Staaten u. a. zu Maßnahmen für den Schutz von Frauen vor Gewalt wie Beratung, Information und das Bereitstellen von Schutzunterkünften in ausreichender Zahl. Die unterzeichnenden Staaten sind damit verpflichtet, finanziell für die Frauenhäuser aufzukommen. Als ausreichende Zahl gilt ein Frauenhausplatz pro 10.000 Einwohner.

Deutschland mini|Berliner Gedenktafel am Haus, Richard-Strauss-Straße 22, in Berlin-Grunewald Das erste Frauenhaus für Frauen, die Gewalt von Ehemännern oder Partnern ausgesetzt waren, wurde 1976 in Berlin von Frauen der autonomen Frauenbewegung mit Mitteln des Familienministeriums gegründet. Das Berliner Projekt löste eine Welle von Frauenhausgründungen aus, denen auf der Grundlage des § 72 des Bundessozialhilfegesetzes Finanzierungshilfen bewilligt wurden.Kristina Schulz: Der lange Atem der Provokation. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-593-37110-3, S. 229. So beschloss in Köln im Dezember 1976 der Rat der Stadt, eine Stelle für eine Sozialpädagogin zu finanzieren, die die Frauen im Frauenhaus betreuen sollte.Maria Mies: . In: Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser (ZIF) In den darauf folgenden Jahren wurden Frauenhäuser auch in anderen deutschen Städten gegründet. So gründeten zum Beispiel die Vereine Frauen helfen Frauen Lübeck 1978 das Autonome Frauenhaus in Lübeck,Frauen helfen Frauen e. V. Lübeck: Geschichte. Abgerufen am 20. Februar 2021. Frauen helfen Frauen Frankfurt im selben Jahr das Autonome Frauenhaus in Frankfurt am Main und Frauen helfen Frauen im Main-Taunus-Kreis 1987 das erste Frauenhaus im Main-Taunus-Kreis. Die Frauenhäuser waren meist Projekte der autonomen Frauenbewegung.

Die darauffolgend gegründeten Frauenhäuser der Wohlfahrtsverbände und der kirchlichen Verbände – von den autonomen Frauen Gegenhäuser genannt – waren von Anfang an rein karitativ und sozialarbeiterisch orientiert. So geht aus den 1982 veröffentlichten Arbeitsgrundlagen der Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Frauen- und Kinderschutzhäuser als Schwerpunkt die Unterstützung und Stabilisierung der Familie und die Zusammenarbeit mit den gewalttätigen Männern hervor.Zweiter Bericht der Bundesregierung über die Lage der Frauenhäuser. 1988. (PDF; 1,4 MB). Zudem sehen sie die Gewalt nicht als gesellschaftliches, sondern als Einzelproblem der jeweiligen Frauen, was mitunter zu Schuldgefühlen und Versagensängsten der Frauen führt. Mit ihrer Etablierung sollte ein nicht feministisches Angebot für hilfsbedürftige Frauen geschaffen werden. Neben konzeptionellen Unterschieden unterscheiden sich nichtautonome von autonomen Frauenhäuser in ihrer hierarchischen Organisation und ihrer Finanzierungsausstattung. Die konzeptionelle Rivalität zwischen beiden Formen von Frauenhäusern wurde dadurch gestärkt, dass den finanziell besser ausgestatteten Trägern der verbandlich organisierten Frauenhäuser Übernahmen autonomer Frauenhäuser gelangen. Mittlerweile haben sich autonome und verbandliche Frauenhäuser in ihren Konzepten einander angenähert und arbeiten auch auf politischer Ebene eng zusammen. Nach dem Zweiten Frauenhausbericht der Bundesregierung von 1988 sind grundsätzlich folgende Hilfsangebote bezeichnend für beide Trägerformen: Hilfe für misshandelte Frauen und ihre Kinder durch Unterstützungsleistungen zur Wiedergewinnung des psychischen Gleichgewichts, Beratung in familien- und sozialrechtlichen Angelegenheiten sowie zur psychischen und körperlichen Gesundheit, pädagogische Kinderbetreuung und Hilfe bei der Wohnungssuche und Beratung nach der Frauenhauszeit.

Seit Inkrafttreten des Gewaltschutzgesetzes im Jahr 2002, nach dem Gewalttäter aus der Wohnung gewiesen werden können, sind Bedarf und Zahl der Frauenhäuser zurückgegangen. 2002 gab es in Deutschland ca. 400 Frauenhäuser, davon 153 in autonomer Trägerschaft.Fachlexikon der sozialen Arbeit. 5. Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2002, ISBN 3-17-006848-2, S. 348. 2009 waren es nur noch insgesamt 362 Frauenhäuser. Durch die jeweiligen Finanzierungsvorgaben der Haushaltsordnungen von Ländern und Kommunen befinden sich die Frauenhäuser mittlerweile auch in direkter Trägerschaft der Kommunen oder werden über staatliche Zuwendungen von Verbänden und Vereinen betrieben. Ein besonderer Ansatz zur Erfassung und Koordinierung von Problemen betroffener Frauen ist die Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen e. V. – BIG. Die Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Frauen- und Kinderschutzhäuser existiert nicht mehr. Die Frauenhauskoordinierung e. V. mit Sitz in Berlin übernahm die Aufgabe der Vernetzung und nimmt für einen Großteil der Frauenhäuser in Deutschland die Interessenvertretung wahr.frauenhauskoordinierung.de 2013 gab es in Deutschland 353 Frauenhäuser; wobei 345 der Häuser 6.800 Plätze boten. Um die Empfehlungen des Europarates zu erfüllen, müsste Deutschland insgesamt 8.059 Frauenhausplätze aufweisen.