mini|Inanna auf der Ishtar-Vase Inanna (auch Ninanna, Niniana, Ninsianna, Inana, Innin, Ninegal; sumerisch 100x23px100x23px, dINANNA) war eine der bedeutendsten sumerischen Göttinnen unter An oder nach Besitznahme des Heiligtums Eanna in Mesopotamien auch neben An. Sie ist die früheste bekannte Gottheit, von der ein Abstieg in die Unterwelt bekannt ist.

Name und Attribute Im Sumerischen wurde ihr Name mit dem Zeichen MÚŠ geschrieben, was Schilfringbündel bedeutet. Das ist auch eines der Symbole, mit denen sie oft dargestellt wurde. In älterer Zeit wird das DINGIR-Determinativ als Kennzeichnung für ein göttliches Wesen nicht immer vorgestellt, später ist dies obligatorisch. Die ursprüngliche Variante des Namens war wohl nin-an-ak, „Herrin des An/Himmels“. Vielleicht erhielt sie ihn, weil sie das Eanna in Besitz genommen hat, wie es in einer Erzählung beschrieben wird (Inanna und der große Himmel). Sobald ein vokalisches Morphem an den Namen tritt, läuft er stets auf [k] aus, was auf die Genitivform zurückzuführen ist.

Als Epitheton trug Inanna unter anderem die Bezeichnung „Falke der Götter“ (sur2-du3mušen-dingir-re-e-ne). Die Bedeutung ihres ursprünglichen Namens ist nicht geklärt. Im weiteren geschichtlichen Verlauf wurde er von Herrin des An und Herrin des Himmels abgeleitet. „Königin des Himmels“Inez Bernhardt, Samuel Noah Kramer: Sumerische Literarische Texte aus Nippur. Berlin 1961, No. 25, Zeile 2. und Ninegalla („Herrin des Palastes“)Samuel Noah Kramer: Cuneiform Studies and the History of Literature: The Sumerian Sacred Marriage Texts. In: Cuneiform Studies and the History of Civilization (= Proceedings of the American Philosophical Society. Band 107/6). 1963, S. 495. sind Beinamen der Inanna.

Außerdem tritt der Name in folgenden Formen auf: in-na(-an)-na oder für die Emesalform des Namens ga-šan-an-na. Unter akkadischem Einfluss wurde Inanna seit Mitte des dritten Jahrtausends v. Chr. mit Ištar gleichgesetzt. In Kleinasien trat Inanna auch als Šauška (In-in Ša-gur4-ra) auf.

Ihr Symbol war der 8- oder 16-eckige Stern und ihre heilige Zahl die 15. Ihr Tempel war der Egalmaḫ.

Eigenschaften mini|Detail aus einem Grenzstein des babylonischen Königs Meli-Šipak (1186–1171 v. Chr.). Der achtstrahlige Stern symbolisierte den Planeten Venus (Musée du Louvre, Paris) Ihr Planet war die Venus, sie wurde sowohl als Morgen- als auch als Abendstern verehrt, und ihre heilige Stadt war Uruk, das heutige Warka. Ihr Tempel in Uruk hieß Eanna.

Inanna hatte viele Erscheinungsformen und Gestalten in der sumerischen Religion. Hervortretend sind jedoch ihre Eigenschaften als Göttin der Liebe und des Geschlechtslebens, als kriegerische und eroberungssüchtige Gottheit. Des Weiteren gilt sie als Inbegriff alles Weiblichen, spielte aber auch als Gottheit des Königtums und Herrscherin eine bedeutende Rolle sowie als astrale Gottheit. Inanna konnte als männlich oder weiblich auftreten.Barbara Böck: Überlegungen zu einem Kultfest der Altmesopotamischen Göttin Inanna. In: Numen, Band 51, 1, 2004, S. 20–46, hier S. 23 ff.

„Familienverhältnisse“ mini|hochkant|Darstellung der Heiligen Hochzeit mit Dumuzi. In Uruk galt sie als Tochter des Himmelsgottes An, in anderen Mythen erscheint sie als Tochter des Mondgottes Nanna und der Mondgöttin Ningal. Die Beziehung Inannas zu An ist jedoch ungeklärt. Gelegentlich tritt er als ihr Vater auf, Inanna aber auch als dessen Gattin. Daraus sind wohl Inannas Kinder Šara und Lulal entstanden. Als Inannas Gemahl erscheint meist Dumuzi. In der späteren Ur-III-Zeit wird Ninegal als Sonderform der Inanna verwendet und übernimmt folgende Genealogie: Tochter vom Vater Nanna und der Mutter Ningal, Schwester des Sonnengottes Utu, Geliebte des Dumuzi und Schwägerin der Geštinanna. Ihre Botin bzw. Wesirin war Ninšubur. In anderen Regionen wird Ninegal auch mit Nungal (Göttin des Gefängnisses) verehrt und gilt als Tochter von Himmelsgott An und der Unterweltsgöttin Ereškigal.

Bedeutung Die spätere Verschmelzung zu Inanna erklären die vorliegenden zwei Genealogien in den sumerischen Mythen. In der heutigen Forschung wird ihre mögliche Herkunft aus dem Land Aratta diskutiert. In der sumerischen Mythologie sind besonders ihre Auseinandersetzungen mit Enki, ihre Heilige Hochzeit mit Dumuzi und der damit zusammenhängende gefährliche Abstieg in die UnterweltVgl. Allison Coudert: Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. (Originalausgabe: Alchemy: the Philosopher’s Stone. 1980) Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992, ISBN 3-88199-911-6, S. 154. zu Ereškigal bemerkenswert, wobei Ereškigal in diesem Zusammenhang als ihre Schwester benannt ist.

Kult Der wichtigste Kultort der Inanna war die Stadt Uruk mit dem Eanna. Weitere bedeutende Kultzentren befanden sich in den Städten Zabalam (E-šerzi-guru), Bad-tibira (E-muš-kalama), Kisch (Ḫur-saĝ-kalam-ma), Umma (Ibgal) und Akkade (E-Ulmaš). In den meisten anderen Städten existierten kleinere Tempel für sie.

In einigen Stadtstaaten wie etwa Isin wurde eine „Heilige Hochzeit“ zwischen Inanna und dem König gefeiert, bei der die Vereinigung Inannas mit dem Hirtengott Dumuzi/Ama-ušumgal-ana nachvollzogen wurde. Hiervon berichtet am ausführlichsten das Preislied Inanna und Iddin-Dagan/Iddin-Dagan A.ETCSL 2.5.3.1: A šir-namursaĝa to Ninsiana for Iddin-Dagan (Iddin-Dagan A)

Mythen Inanna/Ištar ist eine in der mesopotamischen Mythologie ungemein präsente Göttin, von deren Taten zahlreiche Mythen berichten. In diesen tritt sie oft als sehr mächtige und zerstörerische Göttin auf, die Kriege führt und sogar andere Götter in Furcht versetzt. Zugleich aber erreicht sie mit ihren Taten auch Großes für die Menschen, indem sie das Land Sumer sowie Tag und Nacht erschafft (Inanna raubt das Himmelshaus), die Grundlagen der Zivilisation von Eridu nach Uruk bringt (Inanna und Enki) und sogar den Toten einen Ausgang aus der Unterwelt ermöglicht (Ištars Höllenfahrt). Zahlreiche Texte (vor allem Klagelieder) erzählen von ihrer tragischen Liebe zum Hirtengott Dumuzi, der durch ihr Verschulden oder auf andere Weise zu Tode kommt. In den Epen um die Herrscher Enmerkara und Lugalbanda tritt sie als Unterstützerin und sogar Partnerin der Könige von Uruk auf, während sie in den Erzählungen um Gilgameš (Gilgameš und der Himmelsstier, Gilgameš-Epos) eine eher ambivalente Rolle einnimmt.

Inanna geht in die Unterwelt Der vielleicht bedeutsamste Mythos über die Göttin Inanna ist vor allem in zwei literarischen Texten in sumerischer und akkadischer Sprache überliefert, die in der Forschung unter den Titeln Inannas Gang in die Unterwelt (antik: An galta „Vom großen Himmel“) und Ištars Höllenfahrt (antik: Ana kurnugî „Ins Land ohne Wiederkehr“) bekannt sind. Außerdem nehmen verschiedene andere Texte auf den Mythos Bezug, darunter die Erzählung Inanna und Šukaletuda.Vergleich beider Texte bei

Annette Zgoll: Durch Tod zur Macht, selbst über den Tod. Mythische Strata von Unterweltsgang und Auferstehung der Innana/Ištar in sumerischen und akkadischen Quellen. In: Annette Zgoll, Christian Zgoll (Hrsg.): Mythische Sphärenwechsel. Methodisch neue Zugänge zu antiken Mythen in Orient und Okzident. Mythological Studies 2. De Gruyter, Berlin/Boston 2020, 98–159. ISBN 978-3-11-065252-9 (Druckausgabe) / ISBN 978-3-11-065254-3 (E-Book). (Open Access bei De Gruyter). S. 114 ff. Bereits in der späten Uruk-Zeit des 4. Jt. v. Chr. ist der Göttername der Inanna-kur „Inanna (der) Unterwelt“ bezeugt, der wahrscheinlich auf den Unterweltsgang Bezug nimmt und diesen damit zum wahrscheinlich ältesten sicher bezeugten Mythos der Menschheit macht.Annette Zgoll, Christian Zgoll: Innana-Ištars Durchgang durch das Totenreich in Dichtung und Kult: Durch Hylemanalysen zur Erschliesung von Spuren mythischer Stoffvarianten in kultischer Praxis und epischer Verdichtung. In: Ilya Arkhipov, Leonid Kogan, Natalia Koslova (Hrsg.): The Third Millennium. Studies in Early Mesopotamia and Syria in Honor of Walter Sommerfeld and Manfred Krebernik. Cuneiform Monographs 50. Brill, Leiden 2020, 752–802. ISBN 978-90-04-41807-3, S. 755 ff.

Sumerische Version (An galta)ETCSL 1.4.1 (Transliteration + engl. Übersetzung)

Hartmut Waetzoldt: Inannas Gang in die Unterwelt. In: Konrad Volk (Hrsg.): Erzählungen aus dem Land Sumer. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2015, 375–398. ISBN 978-3-447-10413-5 (deutsche Übersetzung): Die Göttin Inanna beschließt, in die Unterwelt hinabzusteigen, und verlässt all ihre Kultorte auf Erden. Sie legt ihre sieben göttlichen Machtmittel (sum. me) an und gibt ihrer Wesirin Ninšubur Anweisungen für den Fall, dass sie nicht zurückkehrt. Der Grund für ihre Unterweltsreise bleibt an dieser Stelle ungenannt – erst an späterer Stelle wird angedeutet, dass es ihr darum geht, die me (göttliche Machtmittel, d. h. RitualeDie Bedeutung des lange diskutierten sumerischen Begriffs me wurde von A. Zgoll als "Rituale" identifiziert. Vgl. Annette Zgoll: Rituale. Schlüssel zur Welt hinter der Keilschrift. GBAO 6. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2025. ISBN 978-3-86395-671-4, S. 145‒149.) der Unterwelt zu erlangen: „Innana! Sie hat den Großen Himmel verlangt, sie hat die Große Erde verlangt! Die Machtmittel der Unterwelt, die Machtmittel, die niemand wünscht, die hat sie gewünscht!“Zgoll 2020, 104. Als Inanna am Tor der Unterwelt ankommt, wird sie vom Torwächtergott Biti aufgehalten. Dieser berichtet seiner Herrin Ereškigal, der Königin der Unterwelt, von der Besucherin. Auf deren Befehl hin nimmt er Inanna beim Durchschreiten der sieben Tore der Unterwelt jeweils eines ihrer Machtmittel ab, sodass diese schließlich nackt und entmachtet vor Ereškigal steht. Es gelingt Inanna, Ereškigal vom Thron zu stoßen und sich selbst darauf zu setzen. Daraufhin jedoch verurteilen die sieben Richter der Unterwelt, die Anunna, sie zum Tode, und Ereškigal blickt Inanna mit dem „Blick des Todes“ an. Inanna stirbt, woraufhin ihr Leichnam – der nun als leblose „Sache“ bezeichnet wird – an einen Haken gehängt wird. Derweil beginnt nach drei Tagen die Wesirin Ninšubur, Inannas Anweisungen umzusetzen. Sie bittet den Götterkönig Enlil in Nippur und Inannas Vater Nanna in Ur um Hilfe, die jedoch beide verweigern. Erst der Weisheitsgott Enki in Eridu erklärt sich zur Hilfe bereit. Aus dem Schmutz seiner Fingernägel erschafft Enki den Kurĝara und Galatura, zwei Ritualexperten, und stattet diese mit dem „Kraut und Wasser des Lebens“ aus. Diese gelangen unbehelligt in die Unterwelt und erweichen mit Klageritualen das Herz der Ereškigal, die noch immer um den Tod ihres Gemahls Gugal-ana trauert. Im Gegenzug erklärt sich Ereškigal bereit, den Leichnam der Inanna herauszugeben. Die beiden Ritualexperten bestreichen den Körper mit dem „Kraut des Lebens“ und „Wasser des Lebens“ und erwecken Inanna damit wieder zum Leben. So gelingt es der Göttin, die Unterwelt lebendig wieder zu verlassen – allerdings ist sie gezwungen, einen Ersatz für sich zu stellen.

Es folgt in An galta eine Variante des Mythos um den Tod des Dumuzi: Inanna, begleitet von den Dämonen der Unterwelt, sucht nun nacheinander ihre Wesirin Ninšubur, ihre Söhne Šara und Lulal sowie ihren Gemahl Dumuzi auf. All diese trauern um Inanna, wie es der Anstand gebietet, nur Dumuzi sitzt im Festgewand auf dem Thron. Daraufhin sieht Inanna ihren Geliebten nun selbst mit dem „Blick des Todes“ an – sie ist nun selbst zur Herrin der unterweltlichen Mächte gewordenZgoll 2020, 139. – und liefert ihn damit der Unterwelt aus. Mit Hilfe des Sonnengottes Utu, der ihn zeitweilig in Tiergestalt verwandelt, kann Dumuzi vorerst vor den Dämonen fliehen, wird schlussendlich aber doch von diesen ergriffen und in die Unterwelt verschleppt. Seine Schwester Geštin-ana jedoch nimmt einen Teil der Strafe auf sich, sodass Dumuzi und sie fortan jeweils das halbe Jahr in der Unterwelt verbringen müssen.