mini|Klaus Holzkamp (etwa 1988)
Die Kritische Psychologie, mit Klaus Holzkamp als einem ihrer Protagonisten, sieht sich selbst als eine marxistisch orientierte wissenschaftliche Richtung der Psychologie. Sie entstand zeitgleich um 1969, mit unterschiedlichen Schwerpunkten, vor allem in West-Berlin am Psychologischen Institut im Fachbereich 11 der Freien Universität, am Psychologischen Institut der Leibniz-Universität Hannover und an der Universität Bremen, an der es damals noch keinen Psychologie-Studiengang gab.
Zur Einführung
Die Selbstbezeichnung kritische Psychologie, auch Kritische Psychologie, wird von unterschiedlichen akademischen Richtungen in der Psychologie verwendet. Die Gemeinsamkeit dieser Ansätze, zu denen z. B. der soziale Konstruktivismus in der Psychologie, die phänomenologische Psychologie oder die psychoanalytische Sozialpsychologie zählen, liegt in ihrer Abgrenzung von naturwissenschaftlich orientierten Psychologieschulen, die methodisch experimentell-statistisch vorgehen. Des Weiteren betrachten sich die Vertreter der Kritischen Psychologie skeptisch gegenüber „bürgerlicher, herrschender“ Lehre und nehmen für sich in Anspruch, deren Ansätze „prinzipiell“ zu hinterfragen.
Mit der Bezeichnung Kritische Psychologie ist ein bestimmter wissenschaftlicher Arbeitszusammenhang gemeint. Ausgehend von marxistischen Positionen in Philosophie und Gesellschaftstheorie wurden hier Grundbegriffe (Kategorien) erarbeitet, um ein „historisches Paradigma“ für die Psychologie zu entwickeln und deren „vorparadigmatischen“ Zustand zu überwinden.Vgl. Holzkamp 1983, 23 ff.
Diese Grundbegriffe sollen sogenannter subjektwissenschaftlicher Forschung dienen, d. h. einer Analyse von subjektiven Problemen, die vom Standpunkt der Betroffenen ausgeht und den konkreten Zusammenhang psychischer, sozialer und gesellschaftlicher Momente erfasst. Sie soll eine soziale Selbstverständigung über Handlungsbegründungen ermöglichen, unter der Annahme, dass gesellschaftliche Verhältnisse von Menschen geschaffen und daher veränderbar sind – und entsprechende Handlungsmöglichkeiten eröffnen.Vgl. Holzkamp 1983, 522 ff.; Holzkamp 1996
Mit der Entwicklung der Kritischen Psychologie ist die Absicht verbunden, eine völlige Neuorientierung der Psychologie anzustoßen; ihr Anspruch geht also wie bei den meisten anderen Schulen auch über den einer wissenschaftlichen Schule hinaus. Die Bezeichnung Berlin school of critical psychology ist daher im Grunde irreführend, international aber dennoch gebräuchlich.
Geschichte Die Geschichte der Kritischen Psychologie hängt eng mit der Geschichte des Psychologischen Instituts (PI) am damaligen Fachbereich 11 der Freien Universität Berlin zusammen: Der Arbeitszusammenhang entstand dort im Zuge der Studentenbewegung etwa 1968 und konnte sich auch nur dort langfristig institutionell verankern, wenngleich der Ansatz auch andernorts in Deutschland – z. B. in Tübingen – und international – z. B. in Kopenhagen – an Universitäten und Fachhochschulen vertreten wird.
Die vorbereitenden Arbeiten von Holzkamp, Irmingard Staeuble und anderen in Berlin wurden in Westdeutschland und Westeuropa früh rezipiert. Studierende, Tutoren und Assistenten an Universitäten wie Bochum, Marburg, Hannover u. v. a. griffen den antibürgerlichen Ansatz auf, veranstalteten entsprechende Seminare und publizierten. Als Beispiel soll die Arbeit der Bochumer Hermann Buhren, Ali Wacker und Adam Zureck dienen. Sie gaben bereits 1969 den Reader Kritische Psychologie heraus, einen Raubdruck mit Texten von Herbert Marcuse, Jürgen Fijalkowski, Horst Baier, Klaus Holzkamp, Theodor W. Adorno, J.D. Bernal, Irmingard Staeuble, Wilhelm Reich sowie das Krofdorfer Manifest,Krofdorfer Manifest eine Diskussion mit Peter Brückner sowie eine Kongress-Resolution aus Hannover. Kurz zuvor hatte am 15.–16. Mai 1969 in Hannover der Kongress Kritische und Oppositionelle Psychologie stattgefunden.
1977 fand der erste Kongress Kritische Psychologie im Kontext der Holzkamp-Schule mit mehr als 3000 Teilnehmern in Marburg statt,Vgl. Braun & Holzkamp 1977 dem in jeweils größeren Abständen drei weitere folgten. Der bislang letzte tagte 1997 in Berlin.Vgl. Fried et al. 1997 Zudem wurden seit 1983 unter dem Namen Internationale Ferienuniversität bislang neun weitere Konferenzen abgehalten, seit 2010 wieder regelmäßig alle zwei Jahre an der FU-Berlin bzw. der Alice-Salomon-Hochschule Berlin.Vgl. www.ferienuni.de
1978 wurde die Zeitschrift Forum Kritische Psychologie (FKP) mit dem Ziel gegründet, die wissenschaftliche Entwicklung der kritischen Psychologie zu fördern und zu dokumentieren.Holzkamp et al. 1978, 4 Seit der 5. Ausgabe erscheinen im FKP regelmäßig Bibliographien zur kritischen Psychologie. Der jeweils aktuelle Stand und weitere Informationen finden sich auch online auf der Website der Gesellschaft für subjektwissenschaftliche Forschung und Praxis e. V.
Seit Ende der 1980er Jahre verschlechterte sich die institutionelle Situation der kritischen Psychologie zusehends. Exemplarisch verlief die Entwicklung an der FU Berlin: 1995 wurden die beiden psychologischen Institute gegen den Widerstand der Studierenden zusammengelegt und dem damaligen Fachbereich 12 angegliedert, zu dem das zweite Institut (IfP) bereits gehörte. Dadurch verschoben sich die Mehrheitsverhältnisse in den hochschulpolitischen Gremien. Klaus Holzkamps Professur wurde nach dessen Tod 1995 nicht wieder besetzt. Die FU war wie auch die anderen Berliner Universitäten in den folgenden Jahren wiederholt von Mittelkürzungen betroffen und sah sich der Vorgabe gegenüber, Stellen in der Lehre zu streichen. Auch Universitätsstreiks konnten daran nichts ändern. Der politische Wille, die kritische Psychologie gegen den Sparzwang zu verteidigen, war zwar bei einem großen Teil der Studierenden, nicht aber bei den Entscheidungsträgern vorhanden, die hier wie auch an anderen Fachbereichen und Universitäten die Gelegenheit nutzten, den Umbau der Hochschule voranzutreiben.
Seit ihrer Deinstitutionalisierung wird die Kritische Psychologie, wenn auch unter wesentlich schlechteren Bedingungen als in den 1970er und 1980er Jahren, gelehrt und fortentwickelt. So fand in den Jahren 2012, 2014, 2016 und 2018 die Ferienuni Kritische Psychologie an der Alice Salomon Hochschule Berlin statt. Im Jahr 2012 beispielsweise hielt der Holzkamp-Schüler Morus Markard seinen Eröffnungsvortrag unter dem Titel Was ist kritisch an der Kritischen Psychologie? Die fünftägige Veranstaltung im September 2018 wurde von mehr als 900 Teilnehmenden besucht. Wegen der COVID-19-Pandemie fiel die Ferienuni 2020 aus und wurde 2021 als hybride Veranstaltung durchgeführt.
Zum Begriff des Kritischen Besteht der Zweck wissenschaftlicher Arbeit darin, bereits bestehende theoretische Vorstellungen über einen Gegenstandsbereich in Frage zu stellen, zu ergänzen, neu zu ordnen und ggf. zu verwerfen sind, kann Wissenschaft prinzipiell als „kritisch“ bezeichnet werden. Vor diesem Hintergrund entsteht daher häufig die Frage, weshalb in der Bezeichnung „kritische Psychologie“ eine (scheinbare) Selbstverständlichkeit unterstrichen wird. Ihre Vertreter begründen dies mit dem Anspruch, einen zusätzlichen Akzent des „Kritischen“ auf der Herausstellung der gesellschaftlichen Bedingtheit der „bürgerlichen“ Psychologie zu legen: Kritisiert werden gesellschaftliche Zustände, in denen der Mensch nach Marx „ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen“ sei.Marx 1976 , 385 Kritisiert wird die „institutionelle“ Psychologie, die diese Verhältnisse nicht nur in sich abbilde, sondern auch zu deren Aufrechterhaltung beitrage, und zwar nicht erst dort, wo sie sich instrumentell in Dienst nehmen lasse (z. B. zur Effektivierung von Foltermethoden), sondern schon auf theoretischer Ebene – indem sie Menschen begrifflich und methodisch auf das Niveau geschichtsloser Organismen reduziere, die mit Zwangsläufigkeit auf eine naturförmige Umwelt reagieren.Vgl. Holzkamp 1971
Kategorialanalyse – historisch-empirische Forschung Kategorien Ausgangspunkt kritisch-psychologischer Forschung war die Kritik an Konzepten der traditionellen Psychologie, die allerdings schon früh zur Arbeit an neuen, dem Anspruch nach adäquateren, psychologischen Grundbegriffen führte.Holzkamp 1971 Grundbegriffe oder „Kategorien“ sind diejenigen Bestandteile einer wissenschaftlichen Aussage, die „aktualempirisch“ (d. h. durch die Beschreibung und Auslegung aktuell beobachtbarer Geschehnisse) weder bestätigt noch widerlegt werden können, sondern vorab bestimmen, welcher Ausschnitt der Realität mit einer Wissenschaftssprache erfasst werden kann. Nach dem behavioristischen Theorem der „operanten Konditionierung“ zeigen Organismen bspw. spontane Verhaltensweisen häufiger, wenn diese „positiv verstärkt“ werden (ihnen also eine Belohnung folgt). Bei der Realisierung dieses Theorems (z. B. im Tierexperiment) kann zwar die Zusammenhangsannahme empirisch geprüft werden, die mit diesem Begriff formuliert wurde, nicht aber der Begriff der „Verstärkung“ selbst. Alle möglichen Ergebnisse können (und müssen) im begrifflichen Rahmen der „operanten Konditionierung“ interpretiert werden, der selbst dadurch unberührt bleibt: Tritt der Zusammenhang wie erwartet auf, wäre dies z. B. so zu interpretieren, dass eine „positive Verstärkung“ stattgefunden hat; ist dies nicht der Fall, müsste die Interpretation lauten, dass irrtümlich eine Maßnahme gewählt wurde, die für den Organismus keine „positiv verstärkende“ Wirkung hat.
Das funktional-historische Verfahren In der kritischen Psychologie wird (ausgehend von Leontjew ) mit der „funktional-historischen Analyse des Psychischen“ der Versuch unternommen, psychologische Kategorien auf historisch-empirischer Grundlage zu entwickeln, und diesen Vorgang so darzustellen, dass er wissenschaftlich diskutiert und kritisch geprüft werden kann. Historische Empirie befasst sich (im Gegensatz zur Aktualempirie, s. u.) mit der naturgeschichtlichen Herausbildung des Psychischen bis zur Anthropogenese, also mit der evolutionären Entwicklung, deren (vorläufiges) Ergebnis der heute lebende Mensch ist. Ziel ist es, Konzepte zu entwickeln, die den psychischen Besonderheiten der menschlichen Gattung gerecht werden. Insbesondere geht es um diejenigen humanspezifischen Fähigkeiten, die im Tier-Mensch-Übergangsfeld evolutionär entstanden und die besondere, gesellschaftliche, Lebensweise der menschlichen Art möglich machten. Damit soll u. a. die Behauptung zurückgewiesen werden, dass die Gesellschaft notwendigerweise im Gegensatz zur menschlichen Natur stehen und die Befriedigung individueller Bedürfnisse versagen müsse – eine Denkfigur, die z. B. für die Psychoanalyse von zentraler Bedeutung ist.Vgl. H.-Osterkamp 1976 Angestrebt ist auch eine biologisch begründete Zurückweisung biologistischer, z. B. sozialdarwinistischer, Argumentationen.
Dazu wird im funktional-historischen Verfahren die naturhistorische Entwicklungslinie rekonstruiert, die zum Menschen führt. Im Einzelnen werden jeweils die konkreten Verhältnisse der Organismen zu ihrer Umwelt und (wo sich Sozialverhalten entwickelt hat) zu den Artgenossen betrachtet. Damit wird gezeigt, dass bestimmte Lebensbedingungen die Entwicklung neuer psychischer Fähigkeiten (durch Mutation) funktional werden ließen, also zu einem Selektionsvorteil führten. Da sich im realen historischen Prozess die Erscheinungsformen des Psychischen immer weiter ausdifferenzierten, wird im funktional-historischen Verfahren ein entsprechend differenziertes Begriffssystem entwickelt, das jeweils den phylogenetisch früher aufgetretenen Phänomenen die allgemeineren Begriffe zuweist – Ausgangspunkt der Analyse ist die allgemeine „Sensibilität“, die bereits Protozoen zukommt, Endpunkt die besondere „gesellschaftlichen Natur“ des Menschen.