mini|Logo des Landbunds Der Landbund für Österreich (LBd), meist kurz Landbund genannt, war eine Bauernpartei der Ersten Republik Österreichs. Die 1922 gegründete Partei war deutschnational ausgerichtet, trat also für den Anschluss an das Deutsche Reich ein, war antisemitisch, bekannte sich zum Antimarxismus und zum Ständegedanken. Der Landbund verstand sich als Interessensvertreter der Bauern, Landarbeiter, Forstarbeiter und der Gewerbe- und Handelstreibenden. Seine Hochburgen lagen in der Steiermark, Kärnten und Oberösterreich, viele Unterstützer gab es auch im Burgenland und im niederösterreichischen Waldviertel.Christian Klösch: Zerrieben zwischen Nationalsozialismus und Austrofaschismus. Landbund und Großdeutsche Volkspartei und das Ende der deutschnationalen Mittelparteien. Universität Wien, 14. Jänner 2011, S. 2–5 (PDF; 168 kB).
Von 1927 bis 1933 war der Landbund in fast allen Bundesregierungen vertreten, in Kärnten und im Burgenland stellte er Landeshauptmänner.
Programmatik Am ersten Landbundtag in Linz am 23. Jänner 1923 wurden die „Politischen Leitsätze des Landbundes für Österreich“ verabschiedet. Die darin behandelten Kernpunkte waren der nationale Gedanke und die Anschlussforderung, der Bauernstand als Keimzelle der nationalen Volksgemeinschaft, der Ständegedanke als Gegenentwurf zum Parlamentarismus, Antiurbanismus und moralisierender Biologismus, Antikapitalismus und Antiklerikalismus. Die Gegner verortete man unter den klerikalen Christlichsozialen und bei den „verjudeten Sozialdemokraten“. Das 1925 verabschiedete „Programm des Landbundes für Österreich“ und alle weiteren programmatischen Erklärungen der Partei bauten auf diesen Themen auf.
Der Bauernstand wurde als eigentlicher Garant von Volk und Rasse betrachtet. Das Judentum wurde als „volksfremd“ und „volkszersetzend“ angesehen. Im Christentum sah man das Bollwerk gegen den Marxismus, der als von der „jüdischen Rasse“ gelenkt betrachtet wurde. In der Bejahung der christlichen Religion unterschied sich der Landbund von den Großdeutschen, denen man Freisinn vorwarf. Auf die Christlichsozialen gemünzt wurde jedoch der Missbrauch der Religion für politische Zwecke und zur Erringung weltlicher Macht abgelehnt.
Der Klassenkampf wurde als den inneren Zusammenhalt des Volkes zerstörend abgelehnt, ihm stellte man das Konzept der Volksgemeinschaft entgegen. In der aktiven politischen Mitwirkung der schaffenden Stände und Berufe des Landvolkes sah man den Weg zu einem besseren Staat. Das Konzept eines Ständeparlaments sollte die Parteiendemokratie ablösen: die Parteienherrschaft zerreiße das Volk, da jede Partei den anderen die Wähler abjagen wolle. Stattdessen solle eine berufsständische Ordnung geschaffen werden, da sich die Stände untereinander gut verstünden, und so Einigkeit und Einheit des Volkes erreicht werden könne.
Um den sozialdemokratischen Einfluss in den gemischt industriell-agrarischen Gebieten zurückzudrängen, wurde die Bauernschaft aufgefordert, die Landarbeiter nicht nur gerecht zu entlohnen und ausreichend zu verköstigen, sondern sie auch im Sinne der Partei politisch aufzuklären.
Geschichte Vorgeschichte In der Habsburgermonarchie formierte sich die Bauernschaft politisch zuerst im konservativ-klerikal geprägten Widerstand gegen liberale Kirchen- und Schulgesetzgebung. Die Agrarkrise 1879 bestärkte die bereits vorhandenen antikapitalistischen und antiliberalen Standpunkte. In mehreren Kronländern wurden deutschfreiheitliche und deutschnationale Bauernvereine gegründet, wie der Oberösterreichische Bauernverein 1882, der Salzburgische Bauernverein 1883, der Kärntner Bauernbund 1884 oder der Christliche Bauernverein 1897 in der Steiermark. Die Zentren ihrer Anhängerschaft fanden sich in sprachlich-kulturellen Grenzräumen, protestantischen Enklaven und Regionen, in denen größerer Eigenbesitz vorherrschte. 1901 konstituierte sich die Deutsche Bauernpartei, der führende Vertreter der Bauernvereine beitraten. 1905 ging aus ihr, verstärkt durch Abgeordnete aus anderen Klubs des Böhmischen Landtags, die Deutsche Agrarpartei hervor, die durch Übertritte verstärkt 1906 bereits acht Abgeordnete im Reichsrat hatte. Bei der Reichsratswahl 1911 errang sie 32 Mandate.
Durch die territoriale Neuordnung Mitteleuropas durch die Pariser Vorortverträge nach dem Ersten Weltkrieg verlor die Bewegung in Österreich ihre Hochburgen in Böhmen und Mähren. Da dies für alle deutschnationalen Parteien zutraf, entstand der Wunsch nach einem – zumindest vorläufigen – Zusammenschluss dieser Kräfte. Zur Konstituierenden Nationalversammlung 1919 traten die regionalen Bauernparteien selbständig an, bildeten aber mit den bürgerlichen Nationalen eine Fraktionsgemeinschaft. Die antretenden Bauernparteien Deutsche Freiheits- und Ordnungspartei aus Oberösterreich, Steirische Bauernpartei, Kärntner Bauernbund und Freiheitlicher Salzburger Bauernbund erzielten gemeinsam 12 der 26 deutschnationalen Mandate. In den Bauernparteien, die sich als berufsständische Organisationen sahen, herrschte über eine allfällige langfristige Vereinigung mit den bürgerlichen Deutschnationalen Uneinigkeit. Während eine Vereinigung aus Gründen der Wahlarithmetik vorteilhaft wäre, wollte man nicht Handlanger eines bürgerlichen Kapitalismus und Zentralismus werden. Besonders die Steirische Bauernpartei unter Leopold Stocker arbeitete auf die Gründung einer nationalen Bauernpartei hin. Er gründete im September 1919 den Verband der unabhängigen Bauernbünde. Nach Beitritten des Kärntner Bauernbundes und eines Teils des Deutschen Bauernbundes für Niederösterreich wurde im Juni 1920 die Deutschösterreichische Bauernpartei gegründet, der sich wenig später auch der Unabhängige Bauernbund Vorarlbergs anschloss. Andere Bauernvereinigungen aus Niederösterreich, Oberösterreich und Salzburg gingen hingegen im Vorfeld der Nationalratswahl in Österreich 1920 eine Arbeitsgemeinschaft mit der im selben Jahr gegründeten Großdeutschen Volkspartei (GDVP) ein. Bei der Wahl bewies die Deutschösterreichische Bauernpartei mit sechs erreichten Mandaten, dass eine bundesweit einheitlich auftretende nationale Bauernpartei politisch überlebensfähig war. Im September 1921 beschloss die Deutschösterreichische Bauernpartei als Landbund für Österreich, Verband Österreich des deutschen Reichslandbundes dem Reichslandbund der Weimarer Republik beizutreten. Damit sollte ein Schritt „praktischer Anschlussarbeit“ gesetzt werden. Als Reaktion auf die sich verfestigende Organisation der Bauernpartei schlossen sich die mit der GDVP paktierenden Bauernorganisationen im Jänner 1922 in der GDVP als Bund deutschösterreichischer Bauern zusammen.
Gründung und Oppositionsrolle Am 20. Jänner 1922 wurde der Landbund in Leoben offiziell gegründet. Politisch und finanziell unterstützt vom großen deutschen Verband wurde versucht, die in der GDVP organisierten Bauernorganisationen zum Landbund-Beitritt zu bewegen. Die Einigungsbestrebungen waren erfolgreich, schon im Dezember 1922 traten diese Organisationen in den Landbund ein. Am 21. Jänner 1923 wurde der erste Parteitag des nun gesamtösterreichischen Landbundes in Linz abgehalten. Mit der GDVP wurde ein gemeinsames politisches Agieren bei gleichzeitiger Selbständigkeit der beiden Parteien vereinbart.
Dies wurde vom christlichsozialen Österreichischen Reichsbauernbund geschickt ausgenutzt, der von der Unterwerfung des Landbundes unter das Diktat der GDVP sprach. Zugleich gab es Uneinigkeit mit den Großdeutschen über die Verteilung der Listenplätze. Aus diesen Gründen entschied man sich trotz bereits paktiertem Wahlbündnis bei der Nationalratswahl 1923 eigenständig zu kandidieren. Da verschiedene Landesorganisationen unter verschiedenen Listenbezeichnungen antraten, konnten nach geltendem Wahlrecht Reststimmen dieser Wahlparteien nicht addiert werden. So erreichte der Landbund lediglich fünf Mandate, obwohl die erreichten Gesamtstimmenanzahl acht Mandaten entsprochen hätte.
In den folgenden Jahren profilierte sich der Landbund durch populistische Agitation gegen die Politik der christlichsozial-großdeutschen Koalitionsregierungen. Die Senkung des Einfuhrzolls auf landwirtschaftliche Produkte wurde dem Reichsbauernbund vorgehalten, dem man nun vorwerfen konnte, durch seine Einbindung in die Christlichsoziale Partei die Interessen der Landwirtschaft verraten zu haben. 1926 wurden große Bankenskandale bekannt, die der Landbund standespolitisch instrumentalisieren konnte. Viele Banken brachen aufgrund von Fehlspekulationen zusammen oder mussten vom Staat gerettet werden, darunter auch solche, die nach dem Krieg mit christlichsozialer oder großdeutscher Unterstützung gegründet worden waren. Der Landbund warf der Regierung vor, den „Hyänen der Volkswirtschaft“ Milliardengeschenke zu machen, während die hart arbeitende Landbevölkerung Not leide. Dabei bediente sich die Partei auch antisemitischer Phrasen und Stereotype.
Für die anstehende Nationalratswahl 1927 beschloss die Partei diesmal ein einheitliches Auftreten aller Landesorganisationen. Dem Werben Kanzler Ignaz Seipels, der den Landbund für seine antimarxistische Einheitsliste gewinnen wollte, wurde auf dem Reichsparteitag Anfang Februar 1927 eine Absage erteilt. Dagegen wurde dem Reichsbauernbund ein Gesprächsangebot über ein gemeinsames Vorgehen bei den Wahlen vorgelegt. Nach der erwarteten Absage wurde den christlichsozialen Bauernvertretern vorgeworfen, dass sie sich als Mehrheitsbeschaffer von Industrie und Kapital instrumentalisieren lassen. Die Taktik machte sich bezahlt, der Landbund erzielte neun Mandate. Bei der zeitgleich stattfindenden Kärntner Landtagswahl ging die Landesorganisation ein Wahlbündnis mit dem Handels- und Gewerbebund als Landbund und Hagebund (LuH) ein.
Das im Vergleich zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) relativ schwache Abschneiden der Regierungsparteien mit ihrer Einheitsliste veranlasste Seipel dazu, dem Landbund ein Angebot zur Beteiligung an der Regierung zu machen. Da das vom Landbund gewünschte Landwirtschaftsministerium fest in den Händen des Reichsbauernbunds lag, bot er für einen Regierungsbeitritt die Vizekanzlerposition und ein wichtiges Fachministerium an. Nachdem er in zähen Verhandlungen auch versprach, wirtschaftliche Forderungen des Landbunds in das Regierungsprogramm aufzunehmen, stimmte die Partei dem Angebot zu. Als Innenminister und Vizekanzler entsandte sie den steirische Abgeordneten Karl Hartleb in das Kabinett Seipel V.
Regierungspartei Als Regierungspartei wurde die Parteiorganisation gestrafft. Im Dezember 1927 wurde ein Reichsparteisekretariat errichtet und es wurde versucht, nach außen einen Eindruck der Geschlossenheit zu vermitteln, was aufgrund des stark föderalen Aufbaus der Partei und der Dominanz einzelner Landesorganisationen nur vorübergehend gelang. In der Regierung verfolgte die Partei hartnäckig die agrarischen Interessen. Ende 1928 forderte sie eine massive Drosselung der Viehimporte und kritisierte die Wirtschaftspolitik Seipels scharf, die sie als vom „Wiener Schwarzenbergplatz“ (d. h. vom Hauptverband der Industrie) diktiert bezeichnete. Unter der Androhung, aus der Regierung auszuscheiden, konnte der Landbund in einer Aussprache mit Seipel am 3. Jänner 1929 seine Forderungen weitgehend durchsetzen.