Als Achsenzeit bezeichnet Karl Jaspers in seinen geschichtsphilosophischen Betrachtungen Vom Ursprung und Ziel der Geschichte (1949) die Zeitspanne von etwa 800 bis 200 v. Chr., in der die geistige Grundlegung der gegenwärtigen Menschheit erfolgt sei. So seien in vier voneinander unabhängigen Kulturräumen – China, Indien, dem Iran und der östlichen Mittelmeerwelt – gleichzeitig bedeutende philosophische und technische Fortschritte gemacht worden, die alle nachfolgenden Zivilisationen maßgeblich geprägt hätten.Matthias Bormuth (Hrsg.): Offener Horizont: Jahrbuch der Karl Jaspers-Gesellschaft 4/2017. Bd. 4 Jahrbuch der Karl Jaspers-Gesellschaft, Wallstein Verlag, Göttingen 2018, ISBN 978-3-8353-4161-6, S. 76 (Online-Vorschau). Sie habe jene Grundkategorien hervorgebracht, in denen der Mensch noch heute denkt, und damit den modernen Menschen überhaupt.

Die wissenschaftliche Diskussion um Jaspers’ Hypothese einer „Achse der Weltgeschichte“ hält bis heute an und wird etwa von Gesellschafts-, Kultur- und Religionswissenschaftlern wie Shmuel N. Eisenstadt, Hans Joas, Robert N. Bellah, Marcel Gauchet, Jan Assmann, Karen Armstrong, Aleida Assmann, Johann P. Arnason und Björn Wittrock fortgesetzt.David Atwood: Schwellenzeiten. Mythopoetische Ursprünge von Religion in der Zeitgeschichte (= Diskurs Religion. Beiträge zur Religionsgeschichte und religiösen Zeitgeschichte. Band 15), Ergon, Baden-Baden 2019, ISBN 978-3-95650-613-0 (Digitalisat), hier S. 148–149.

Begriffsgeschichte Zwar hat Karl Jaspers den Begriff der Achsenzeit geprägt und zuerst benutzt, die Idee dahinter ist aber schon älter, reicht bis in das Zeitalter der Aufklärung zurück und erreichte in den Kulturtheorien um 1900 eine zentrale Bedeutung.

Abraham Hyacinthe Anquetil-Duperron machte 1771 für die Achsenzeit-These die grundlegenden Beobachtungen, dass Zarathustra, Konfuzius und Pherekydes Zeitgenossen waren und in verschiedenen Teilen der Welt zeitgleich „eine Art Revolution“ bewirkten. Anders als Jaspers fasste er das Phänomen aber nicht in eine feste begriffliche Struktur.Jan Assmann: Achsenzeit. Eine Archäologie der Moderne. C. H. Beck, München 2018, S. 31; Jan Assmann: Karl Jaspers’ Theorie der Achsenzeit als kulturanalytische Heuristik. In: Offener Horizont. Jahrbuch der Karl Jaspers-Gesellschaft. Band 4, 2017, S. 43–55 (online), hier S. 45; Dieter Metzler: Achsenzeit als Ereignis und Geschichte. In: Internet-Beiträge zur Ägyptologie und Sudanarchäologie (IBAES). Band 10, 2009, S. 169–173, hier S. 169 ().

Damit gilt Anquetil-Duperron als einer der ersten Wegbereiter für die Theorie der Achsenzeit. Er veröffentlichte 1771 eine Übersetzung des Avesta in die französische Sprache, wodurch diese auf Zarathustra zurückgeführte Religionsurkunde erstmals den europäischen Wissenschaften zugänglich wurde.

Diese Beobachtung wurde in der Folge mehrfach aufgegriffen und um weitere einflussreiche Denker bzw. Religionsstifter, die ebenfalls Zeitgenossen dieser Epoche waren, ergänzt, darunter Laotse, Buddha, Parmenides und andere.

Der französische Sinologe Jean-Pierre Abel-Rémusat (1788–1832) stellte Laotse, Pythagoras, Platon und Israel in den Kontext seiner achsenzeitlichen Überlegungen. Seine Darstellungen der inhaltlichen Gemeinsamkeiten sind sehr viel differenzierter als die Anquetils.Jan Assmann: Achsenzeit. Eine Archäologie der Moderne. C. H. Beck, München 2018, S. 54. Zwei weitere Denker, auf die Jaspers Bezug nahm, waren Victor von Strauß (1856) und Ernst von Lasaulx (1870).

Ob Jaspers, so unter anderem Jan Assmann und Kurt Salamun, funktionell die Hegel’sche Metapher von einem „Angelpunkt, um den sich die Weltgeschichte drehte“ übernahm, bleibt unbelegt und eine Vermutung.Zitat siehe auch auf projekt-gutenberg.org . Vgl. Jan Assmann: Achsenzeit. Eine Archäologie der Moderne. C.H.Beck, München 2018, ISBN 978-3-406-72988-1, S. 14; Karl Jaspers: Gesamtausgabe. Herausgegeben im Auftrag der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Vom Ursprung und Ziel der Geschichte. Band I / 10, Schwabe Verlag, Muttenz/Basel, Schweiz, ISBN 978-3-7965-4059-2 hier S. XVII, Einleitung von Kurt Salamun

Aus dieser Sicht hätte Jaspers gewissermaßen den geschichtlichen „Angelpunkt“ Hegels zur „Achse“ gewandelt.

Karl Jaspers’ Achsenzeit-Theorie (1945 bis 1949) Die große Leistung von Karl Jaspers war laut Jan Assmann, dass er „den Begriff der ‚Achsenzeit‘ prägte und nicht nur die bei weitem differenzierteste Phänomenologie, sondern auch die kühnste, ja abenteuerlichste Deutung des von Anquetil und anderen erhobenen Sachverhalts vorlegte“, insofern er die damalige Zeit als „Achse der Weltgeschichte“ betrachtete, „um die sich alles dreht und die deren Verlauf in vorher und nachher teilt“.Jan Assmann: Achsenzeit. Eine Archäologie der Moderne. C. H. Beck, München 2018, S. 14.

Für Jaspers kündigt sich in jener Epoche der Unterschied oder die Grenzüberschreitung zwischen einem „mythisch-magischen“ bzw. „archaischen“ Denken, im Vergleich zu den Kulturen mit einem entstehenden wissenschaftlich-philosophischen Denken an.

Die Annahme einer Achsenzeit ist für Jaspers eine Möglichkeit, Geschichte in größeren Zusammenhängen zu betrachten, nicht jedoch – wie durch Hegel geschehen – als einen auf Europa fokussierten Prozess; die Menschheitsgeschichte sei vielmehr gespeist aus unterschiedlichsten Quellen aus allen Gebieten der Erde. Geschichte sei unter der Annahme einer Achsenzeit mehr als eine lose, zufällige Aufeinanderfolge von Ereignissen, allerdings auch nicht auf Europa als ihr letztliches Zentrum und Ziel zu begrenzen.

Zusammenfassend lässt sich nach Jaspers die abendländische Geschichte in der Großepoche Altertum in zwei Abschnitte gliedern: knapp 3000 Jahre Babylonien und Ägypten bis etwa zur Mitte des letzten Jahrtausends v. Chr.; eintausend Jahre Antike, gegründet auf den „Durchbruch der Achse“, die Geschichte der Juden, Perser, Griechen, Römer, in der sich das Abendland bewusst konstituiert, von der Mitte des letzten vorchristlichen bis zur Mitte des ersten nachchristlichen Jahrtausends (Lit.: Jaspers, S. 83).

Die vier Kulturkreise der primären Achsenzeit (800–200 v. Chr.) Jaspers sagt, dass mit der Reformbewegung des Jainismus und dem Buddhismus in Indien, dem Daoismus und dem Konfuzianismus in China, dem talmudischen Judentum und dem Zoroastrismus im alten Orient und der Philosophie des antiken Griechenland religiöse und philosophische Ansätze geschaffen worden seien, aus denen die Menschen noch immer Kraft und Hoffnung schöpften. Dieser Schritt ins Universale oder in die „Vergeistigung“, wie Jaspers sagt, habe eine Veränderung des gesamten Menschseins bewirkt.

China: In China, wo unter anderem Konfuzius und Laotse wirkten, entstanden alle Richtungen der chinesischen Philosophie (Zeit der Hundert Schulen).

Indien: In Indien, das in der Zeit zwischen 500 und 300 v. Chr. seine Prägung durch die Lehren Buddhas erhielt, waren bereits mit den älteren Upanishaden 800–600 v. Chr. die Anfänge der Natur-Philosophie und des Hinduismus entstanden (siehe: Indische Philosophie). Im diametralen Gegensatz zur griechischen Naturphilosophie stand im Mittelpunkt der indischen der Mensch und die Frage nach dem stofflichen Träger des Lebens.

Orient: Im damaligen Palästina brachten die biblischen Propheten seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. mit ihren Weissagungen ein wesentliches Moment der geistigen Schöpfung der Achsenzeit hervor. 521 bis 516 v. Chr. wurde zudem der zweite Tempel in Jerusalem erbaut und die Gemeinde mit Unterstützung der Propheten Haggai und Sacharja neu begründet. Bedeutend ist nach der Rückkehr aus der Babylonischen Gefangenschaft zumal auch Esra gewesen.

Im Iran lehrte Zarathustra nach einer weit verbreiteten Annahme, die Jaspers sich zu eigen macht, im 7. oder 6. Jahrhundert v. Chr. (zum Beispiel 618–541) als Religionsstifter und Priester-Prophet das Weltbild des Kampfes zwischen Gut und Böse, verkörpert durch den Schöpfergott Ahura Mazda und dessen Gegenspieler Ahriman. In der noch heute verbreiteten iranischen Religion des Zoroastrismus ist dementsprechend der Gegensatz zwischen awestisch Aša / altpersisch Arta (= „Wahrheit“, „Gerechtigkeit“ und „gute Ordnung“) und der (awestisch) Druj / altpersisch Drauga (= „Lüge“, „Ungerechtigkeit“, das „Böse“ und „Chaos“) von zentraler Bedeutung.

Okzident: In Griechenland wurden mit den homerischen Epen Ilias und Odyssee (um und kurz nach 750 v. Chr.), den Naturphilosophen seit der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. (zum Beispiel die Milesier Thales, Anaximander und Anaximenes) sowie im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. Sokrates, Platon und Aristoteles die Grundlagen der heutigen europäisch-abendländischen Weltanschauung gelegt.

Diese Entwicklung wurde in Rom durch Marcus Tullius Cicero und Seneca fortgesetzt, denen nach der Begründung des Neuplatonismus durch Plotin in der Spätantike unter anderem Augustinus von Hippo, Proklos und Boethius folgten (siehe auch Philosophie der Antike).

Im antiken Griechenland entstand, wenn auch nur vorübergehend und weitgehend auf die Polis Athen beschränkt, eine Vorstellung von Freiheit, die offenbar nirgendwo sonst in der damaligen Welt entstanden war. Damit legte die antike Polis laut Jaspers „den Grund allen abendländischen Freiheitsbewusstseins, sowohl in der Wirklichkeit der Freiheit wie des Freiheitsdenkens (vgl. Solon). China und Indien kennen in diesem politischen Sinne keine Freiheit“ (Lit.: Jaspers, S. 88).

So liegt der große Wendepunkt der Achsenzeit für das Abendland in Jaspers’ Augen darin, dass vom 6. Jahrhundert v. Chr. an diese Freiheit griechischen Denkens, griechischer Menschen und griechischer Polis aufgekommen sei, sich dann in den Perserkriegen des 5. Jahrhunderts bewährt und danach zu ihrer höchsten Blüte entfaltet habe. Mit dem Vater der europäischen Geschichtsschreibung Herodot sei um die Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. der Gegensatz zwischen Abendland und Morgenland bewusst geworden.

Die Griechen hätten, so Jaspers, das Abendland als geistige Kategorie gegründet, aber so, dass dieses nur existiert, indem es seinen Blick ständig auf den Orient richtet, sich mit ihm auseinandersetzt und sich von ihm absetzt, das von ihm Übernommene zu Eigenem verarbeitet und schließlich mit dem Sieg Alexanders des Großen über den Perserkönig Dareios III. um 330 v. Chr. die politische Macht vom Osten übernimmt.

Den Griechen verdanke die moderne Menschheit aber nicht nur Begriff und Form der abendländischen Philosophie und Wissenschaft, sondern auch ein vorbildhaftes Bildungssystem. „Die Bildung ist den Glücklichen Schmuck, den Unglücklichen Zuflucht“, befand bereits der Vorsokratiker Demokrit (68 B 180 DK). Für Perikles (bei Thukydides 2,41,1) ist Athen die Bildungsstätte ganz Griechenlands, zeichnet sich der einzelne athenische Bürger dank der ihm anerzogenen Eigenschaften vor allen anderen Griechen aus (Thukydides 2,40–41).

In einer Auseinandersetzung mit den Sophisten entwickelt Platon (428/427–348/347 v. Chr.) „das erste systematisch konstruierte Bildungsprogramm der europäischen Kultur“ (Lit.: Christes 2000, Sp. 151). Den Griechen galt Paideia als „das kostbarste Gut, das den Sterblichen gegeben ist“ (Menander, Monosticha 384 Jaekel bei Plat. Nom. 644b). In ihr sahen sie ihre kulturelle Identität definiert.

Das griechische Ideengut der Paideia lebte fort in der Aneignung durch die Römer. Von Marcus Tullius Cicero und Marcus Terentius Varro wird Paideía im Sinne der Bildung des ganzen Menschen verstanden und mit dem Begriff humanitas ins Lateinische übersetzt (Aulus Gellius, Noctes Atticae 13,16,1). So erhielt Paideia in der Zeit des römischen Weltreichs ihre die ganze weitere abendländische Kultur bis heute prägende humanistische Gestalt.